Forschung

Aktuelle Forschungsprojekte von Prof. Dr. Uta Pohl-Patalong

Wegen meines Dekanats sind meine Forschungsaktivitäten derzeit stark eingeschränkt.

 In Planung befindlich ist das empirische Forschungsprojekt „Ars vivendi und ars moriendi in individueller Konstruktion. Annäherungen an spätmoderne Subjektivität“.Eine empirische Vergleichsuntersuchung unter AltenheimbewohnerInnen in Schleswig-Holstein, Hamburg und Mecklenburg-Vorpommern“. Dies plane ich gemeinsam mit Prof. Dr. Thomas Klie und Prof. Dr. Martina Kumlehn, beide Rostock. Das Forschungsvorhaben wird die Veränderungen der Sinnkonstruktionen und Orientierungen im Alter mit Blick auf den eigenen Tod untersuchen. Dabei wird die unterschiedliche religiöse Prägung in Ostdeutschland und Westdeutschland, die sich in dieser Hinsicht als differente kulturelle Räume darstellen, besonders im Blick sein. Die Beantragung einer Förderung durch die DFG ist geplant, ein Anschluss an den Forschungsverbund der CAU „Kulturelle Räume“ ebenfalls. 

  

 

Schwerpunkte in Lehre und Forschung:

 

Praktische Theologie

„Praktisch“ ist die Praktische Theologie, weil sie sich mit der religiösen Praxis von Menschen beschäftigt – individuell, in der Kirche und in der Gesellschaft. Die Praktische Theologie fragt, wie Menschen heute glauben, hoffen, zweifeln, lieben und nach dem Sinn des Lebens fragen. Sie nimmt die gegenwärtigen Formen von Religion und Religiosität aufmerksam wahr und sucht nach Wegen, diese zu begleiten und zu fördern. Dies ist nur möglich in engem Kontakt mit anderen Wissenschaften, insbesondere der Psychologie, der Soziologie, der Kommunikationswissenschaft, der Literaturwissenschaft und der Medienwissenschaft.

Die Praktische Theologie bezieht sich also nicht nur auf das kirchliche Handeln, gleichwohl  reflektiert sie alle kirchlichen Handlungsfelder. Auf diese beziehen sich die praktisch-theologischen Teildisziplinen Liturgik, Homiletik (Predigtlehre), Poimenik (Lehre von der Seelsorge), Religionspädagogik, Diakoniewissenschaft und christliche Publizistik. Ebenso ist der Religionsunterricht ein wichtiges Thema für die Praktische Theologie: In der Religionsdidaktik werden die heutigen Bedingungen, die Konzepte und Inhalte sowie die methodischen Formen des Religionsunterrichts reflektiert und vermittelt.

Die Lehrveranstaltungen der Praktischen Theologie bieten für Pfarramts-, Diplom- und Lehramtsstudierende die Möglichkeit, bereits im Studium die religiöse Praxis von Menschen heute, besonders aber auch die künftigen beruflichen Handlungsfelder in Kirche, Schule und Gesellschaft in den Blick zu nehmen. Sie erwerben fachliche, analytische und methodische Kompetenzen sowie Sprach- und Handlungsfähigkeit für spätere berufliche Praxis.

Praktische Theologie in Kiel wird von zwei Professorinnen, zwei Assistentinnen sowie einigen Lehrbeauftragten unterrichtet. Sie setzen jeweils eigene Akzente und Schwerpunkte.

 

Religionspädagogik

Der Religionsunterricht hat die Aufgabe, die Relevanz der christlichen Religion für die Schülerinnen und Schüler und für die Gesellschaft zu zeigen. Dies kann er, wenn er einerseits die Schülerinnen und Schüler sensibel wahrnimmt und von ihren Fragen und Themen ausgeht und andererseits selbstbewusst und überzeugend die christlichen Traditionen ins Spiel bringt. Diese sind nicht unhinterfragbare Autoritäten, sondern ein offenes Angebot, mit dem die Schülerinnen und Schüler im Religionsunterricht kreativ, spielerisch und kritisch umgehen dürfen und sollen. Die Religionslehrkräfte haben die Aufgabe, den Sinn und die Bedeutung christlicher Religion zu zeigen und didaktische Wege zu eröffnen, auf denen die Schülerinnen und Schüler eigene Entdeckungen machen und Erkenntnisse gewinnen können. Meine religionspädagogischen Veranstaltungen möchten die Studierenden in die Lage versetzen, diese Rolle in ihrer späteren beruflichen Praxis auszufüllen und ihnen das Handwerkszeug dafür zu vermitteln. Eine Möglichkeit dazu bietet das Erlernen des Bibliologs (s.u.)

 

Ausführlicher dazu:

· „... sed vitae discimus“. Religionsunterricht zwischen Religiosität und christlicher Tradition – didaktische Orientierungen, IJPT 11, 2007/2, 173-192

· Räume für Religion. Kirche und Schule im Kontext religiöser Pluralität, PTh 97, 2008, 186-205

 

Homiletik

Die Predigt eröffnet und fördert eine Begegnung zwischen einem biblischen Text und Menschen von heute. Sie zeigt Wege auf, biblische Texte in ihrer Bedeutung für das Leben heute zu erschließen und von ihnen anregende Impulse zu erhalten. Die Predigt gibt den Hörenden nicht vor, was sie zu denken, zu glauben oder zu tun haben, sondern erschließt ihnen die Möglichkeit, ihre eigenen Erfahrungen mit und Entdeckungen in der Bibel zu machen. Dafür sind lebendige und methodisch variantenreiche Formen der Predigt hilfreich. Die homiletischen Seminare regen zur Auseinandersetzung mit der Rolle als Predigerin oder Prediger an, vermitteln handwerkliche Grundlagen des Predigens und laden zur Erprobung lebendiger Verkündigung ein. Besonders wichtig ist mir die Einübung eines kollegialen konstruktiven und wertschätzenden Feedbacks, das die Grundlage gemeinsamen Lernens bildet.

 

Ausführlicher dazu:

· „…doch ja nicht Lesewort…, sondern eitel Lebewort…“ Homiletische Inspirationen Martin Luthers für heutiges Predigen, in: Alexander Deeg (Hg.): Aufbruch zur Reformation, Leipzig 2008, 49-64

 

Bibliolog

Eine Besonderheit der Praktischen Theologie in Kiel ist die Möglichkeit, bereits im Studium die Grundlagen des Bibliologs und seine praktische Durchführung zu erlernen. Bibliolog ist ein aus dem jüdischen Kontext stammender Zugang zu biblischen Texten, der auf die Begegnung zwischen Mensch und biblischem Text zielt. Eine Gruppe, Gemeinde oder Schulklasse identifiziert sich mit biblischen Gestalten und entdeckt auf diesem Wege einen biblischen Text „von innen“.  Bibliolog kann in allen Handlungsfeldern eingesetzt werden, in denen sich Menschen mit der Bibel beschäftigen: Im Gottesdienst, im Religionsunterricht, in gemeindlichen Gruppen, aber auch im säkularen Kontext. Für Studierende bietet dieser Zugang die Chance, exemplarisch die Chancen und die Aktualität biblischer Texte für Kinder, Jugendliche und Erwachsene zu erleben.

 

Ausführlicher dazu: 

· Bibliolog – ein Weg zur lebendigen und spannenden Entdeckung biblischer Texte; Loccumer Pelikan 2010/3, 129-132

· Predigt als Bibliolog. Homiletische Anstöße einer neuen Predigtform, in: Pohl-Patalong, Uta / Muchlinsky, Frank (Hg.): Predigen im Plural. Homiletische Aspekte, Hamburg 2001, 258-268

 

Buchhinweis: 

· Uta Pohl-Patalong: Bibliolog. Impulse für Gottesdienst, Gemeinde und Schule. Band 1: Grundformen, Stuttgart 2009

· Uta Pohl-Patalong / Maria Elisabeth Aigner: Bibliolog. Impulse für Gottesdienst, Gemeinde und Schule. Band 2: Aufbauformen, Stuttgart 2009

 

Kirchentheorie

Die Kirche steht heute vor großen Herausforderungen, die vielfach als „Krise“ erlebt werden. Die Praktische Theologie hat die Aufgabe, die komplexe Situation zu analysieren, in ihren theologischen Grundlagen und gesellschaftlichen Bezügen zu reflektieren und Modelle künftiger kirchlicher Organisation zu entwerfen. An dieser Debatte beteilige ich mich mit dem Modell der „Kirchlichen Orte“, das eine Vision einer inhaltlich profilierten, lebendigen und attraktiven Kirche entwirft,  die von ihrem theologischen Auftrag her denkt und von vielen gemeinsam gestaltet wird. Meine kirchentheoretischen Lehrveranstaltungen möchten Studierende anregen, konstruktiv und kritisch die Situation der Kirche zu reflektieren und mutig neue Wege kirchlichen Handelns zu durchdenken und zu entwerfen.

 

Ausführlicher dazu: 

· Gegenwelt oder Teil der Gesellschaft? Zur Orientierung der Kirche in der Gegenwart, Lernort Gemeinde 22 (2004/3), 25-29 

· „Kirchliche Orte“. Jenseits von Ortsgemeinde und übergemeindlichen Arbeitsformen, in: Uta Pohl-Patalong (Hg.): Kirchliche Strukturen im Plural. Visionen und Modelle, Hamburg 2004, 133-146

 

Buchhinweis:

· Von der Ortskirche zu kirchlichen Orten. Ein Zukunftsmodell, Göttingen (2004) 22005

 

Pastoraltheologie

Der Pfarrberuf steht im Spannungsfeld der gesellschaftlichen und kirchlichen Veränderungen. Nicht selten müssen Pfarrerinnen und Pfarrer die Widersprüche und Probleme, die der Beruf strukturell mit sich bringt, individuelle austarieren und lösen. Pastoraltheologie verstehe ich als wissenschaftliches Nachdenken über den Charakter, die Aufgaben und diversen Einzelfragen des Pfarrberufs im Kontext des Nachdenkens über die Gegenwart und Zukunft der Kirche. Sinnvollerweise werden dabei die anderen kirchlichen Berufsgruppen und die Rolle Ehrenamtlicher mitbedacht, so dass der umfassender Blick auf die Akteurinnen und Akteure kirchlichen Handelns möglich wird. 

In der aktuellen Debatte schlage ich vor, den Pfarrberuf konsequent von der Kommunikation des Evangeliums als seiner zentralen Aufgabe her zu denken, von dem aus sich das Tun, vor allem aber auch das Lassen in der Vielfalt der kirchlichen Anforderungen erschließen kann. Anstelle einer generalistischen Aufgabenbestimmung schlage ich eine Schwerpunktbidung und Differenzierung im Pfarrberuf vor.

 

Ausführlicher dazu:

· Zwischen Unendlichkeit und klarer Entscheidung. Die Kommunikation des Evangeliums als Ausgangspunkt des Nachdenkens über den Pfarrberuf, DtPfrBl 111 (2011), 460-465

 

Genderforschung

Trotz rechtlicher Gleichstellung und Veränderung der Geschlechterrollen bildet die Genderkategorie nach wie vor ein wichtiges Thema in Gesellschaft, Theologie und Kirche. Eine Wahrnehmung der geschlechtsspezifischen Sozialisation, der unterschiedlichen Erwartungen an Frauen und Männer und der nach wie vor bestehenden Ungleichheiten (Frauen verdienen durchschnittlich 27 % weniger als Männer) schärft den Blick für die Realitäten und den theologischen und religionspädagogischen Handlungsbedarf. Ich folge dabei dem dekonstruktiven Gender-Ansatz, der die Kategorie „Geschlecht“ als gleichzeitig prägende wie aktiv hergestellte Konstruktion versteht. Ziel ist ein gendersensibles Denken und Handeln in Kirche und Schule, was den Menschen auf der Grundlage ihrer Gottebenbildlichkeit in ihrer Individualität gerecht wird.