Forschungsprojekte Dipl-Theol. Christiane Böhm

Die Rezeption der Psalmen im frühen Judentum und bei Paulus

Die Psalmenrolle 11QPsa enthält den umfangreichsten erhaltenen Psalmentext unter den in Qumran gefundenen Texten. Ihre Besonderheit liegt darin, dass sie vom protomasoretischen Psalter sowohl in Inhalt als auch Anordnung der Psalmen abweicht. So enthält sie etwa bis zum Fund der Rolle noch nicht bezeugte Kompositionen. Die divergierende Psalmenanordnung lässt deutlich den Identitäts- und Ausdifferenzierungsprozess erkennen, in dem sich die Gemeinschaft der Qumranfrommen befand. Die Gruppe lebte in Abgrenzung zum Jerusalemer Tempelkult, den sie als nicht rechtmäßig und somit als frevelhaft empfand. Diese Distanzierung vom Tempel und die damit einhergehende Umdeutung des Kultes fanden ihren Ausdruck in der Psalmenrolle 11QPsa. Aus der Komposition wird ersichtlich, wie die Gemeinschaft der Qumranfrommen selbst zum Ersatz für den Tempel und die Psalmen als „Lobopfer“ zum Ersatz für den Opferkult wurden. Somit ist 11QPsa ein Zeugnis dafür, wie eine Gemeinschaft ihre Gruppenidentität neu konstituierte.

Auch der Apostel Paulus greift in seinen Briefen an die christlichen Gemeinden auf die Schriften des Alten Testaments zurück, wobei er neben dem Buch Jesaja besonders den Psalter als Quelle seiner Schriftbezüge präferiert. Dabei ist die hermeneutische Prämisse der paulinischen Schriftauslegung entscheidend, da sie Paulus’ Schriftlektüre wesentlich bestimmt: Paulus liest die alttestamentlichen Schriften vom Evangelium von Jesus als dem Christus her. In die Verkündigung dieses Evangeliums an seine Gemeinden integriert er gezielt Psalmenzitate.

Das Dissertationsprojekt untersucht neben der Rezeption und Interpretation der Psalmen in Qumran und bei Paulus auch ihre Verwendung in den Schriften des Philo von Alexandrien. Durch Herausarbeiten der Konvergenzen und Differenzen in der Psalmenauslegung soll der Beitrag des jeweiligen Autors zu einem innerjüdischen Diskurs über den Psalter aufgezeigt und die Identitätsstiftende und wirklichkeitserschließende Funktion dieser alttestamentlichen Texte dargelegt werden.