Predigt des Landtagspräsidenten Klaus Schlie zum 3. Advent über "Und vergib uns unsere Schuld!"

Liebe Gemeinde,

das Vater unser ist ein ganz wundervolles Gebet. Durch den Aufbau mit seinen kurzen Sätzen lässt es sich meditativ beten. Die einzelnen Bitten schwingen gleichsam in einer Melodie. Doch beim stillen Beten habe ich immer wieder das Gefühl: Je länger und häufiger ich das Vater unser bete, desto mehr erkenne ich, wie wenig ich es eigentlich verstehe und wie wert es ist, verstanden und bedacht zu werden.

 

Der fromme Wunsch der Jünger an Jesus ist eine Provokation. „Herr, lehre uns beten“ - Diese Worte aus dem 11. Kapitel des Lukasevangeliums müssen Jesus eigentlich stutzig machen. Er selbst und die Jünger kennen als fromme Juden die Thora in und auswendig. Soll er das Beten neu erfinden? Wohl kaum. Und doch verspüren die Jünger offenbar einen inneren Drang, das Sprechen zu Gott neu zu erlernen. Jesus selbst gibt diesem Wunsch nur in Teilen nach. Alle Bitten des „Vater unser“ haben ihren Ursprung in der Thora. Er zeigt Ihnen: Das Beten der Juden und das Beten der Jünger Jesu soll sich nicht unterscheiden. Es hat denselben Ursprung.

 

So verhält es sich auch mit einer ganz besonderen Bitte des „Vater unser“, die ich heute mit Ihnen etwas genauer betrachten möchte: „Und vergib uns unsere Schuld“. Es ist eine Bitte, die ohne die vorangehende und ohne die nachfolgende Bitte eigentlich nicht gedacht werden kann. „Unser tägliches Brot gibt uns heute und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern“.

 

Es zeigt sich ein tiefer innerer Zusammenhang: Sowohl die Brotbitte als auch die Bitte um Vergebung der Schuld haben als biblischen Hintergrund die Wüstenerzählungen Israels. So wie das Gottesvolk einst von Gott in eine Wüstensituation geführt wurde, ergeht es jetzt den Jüngern Jesu. Sie haben alles verlassen. Sie sind auf einer Wanderung in eine unsichere Zukunft. Sie bekommen jeden Tag das Brot das sie brauchen. Gott verzeiht ihnen ihre Schuld.

 

Und so finden wir den Ursprung dieser Bitte auch im 2. Buch Mose in Kapitel 34,9. Hier heißt es: „Er sagte: Wenn ich deine Gnade gefunden habe, mein Herr, dann ziehe doch mein Herr mit uns. Es ist zwar ein störrisches Volk, doch vergib uns unsere Schuld und Sünde, und lass uns dein Eigentum sein!“

 

Wir wissen nun um den Hintergrund dieser Bitte. Doch was bedeutet es in heutiger Zeit, was bedeutet es für jeden von uns, was bedeutet es für mich ganz persönlich, in Gottes Schuld zu sein? Das Bedürfnis nach Vergebung ist in unserer Umgebung schwächer geworden. Die Voraussetzung für Vergebung, das Wissen um Schuld und Sünde wird - so scheint es - heute zunehmend weniger bedacht. Dabei meine ich, dass das mangelnde Schuld- und Sündenbewusstsein verursacht ist durch mangelndes Gottesbewusstsein. Wo kein Gott, da keine Schuld vor Gott, da keine Notwendigkeit für Vergebung durch Gott. Wir mögen da schnell sagen: typisch neuzeitlich, typisch modern, typisch postmodern. Doch das wäre aus meiner Sicht zu kurz gesprungen. Die bisherige Menschheitsgeschichte war und ist wesentlich auch Religionsgeschichte. Und diese Religionsgeschichte dreht sich auch ganz wesentlich um die Frage von Schuld und Schuldvergebung.

 

Und gerade in der besinnlichen Zeit des Adventes, der uns zum Weihnachtsfest  hinführt, können wir uns all das noch mehr bewusst machen. Die Menschwerdung Gottes, die Anbetung des Christkindes durch die Hirten im Stall zu Bethlehem führt uns eindrucksvoll vor Augen: Wir benötigen die Erlösung und die Vergebung durch Gott, ob wir es wollen oder nicht. Wir können uns nicht von Gott, von der Sünde oder der Schuld abwenden, nur weil wir es nicht mehr für zeitgemäß oder angemessen halten. Wir sind uns selbst nicht genug, wir können uns auch nicht selbst genug sein und vor allem: wir sind uns nicht nur selbst verantwortlich. Gerade auch politisches Handeln basiert auf der Verantwortung vor Gott und den Menschen.

 

Für viele Menschen hat das „Schlimme“ um uns herum, in unserer Welt, nichts, aber auch gar nichts mit persönlicher Schuld zu tun. Schuld am Verbrechen, so wird gesagt, ist nicht der Täter. Schuld ist die Gesellschaft. Schuld ist die Erziehung. Der einzelne Mensch kann gar nicht schuldig werden, weil er nicht frei ist, sondern durch seine Umwelt geprägt, durch seine Umgebung unfrei ist. Ein Irrglaube - wie ich meine. Eine Flucht aus der persönlichen Verantwortung, eine Flucht aus der eigenen Schuld - der Mitschuld.

 

Für wen Gott und die menschliche Freiheit und Entscheidungsfähigkeit bloße Phantasie und Utopie sind, dem fehlt die Voraussetzung, um beten zu können: „Mein Vater, vergib uns unsere Schuld“.  Gerade diese Bitte setzt ein bestimmtes Menschenverständnis und die Anerkenntnis der Existenz Gottes voraus.

 

Mit derselben Gewissheit, mit der ich weiß, dass ich bin, weiß ich auch: Ich bin frei und verantwortlich für alles, was ich tue und für alles, was ich nicht tue. Ich bin verantwortlich für mich, für meine Mitmenschen, für meine Umwelt. Ich bin gegenüber Gott verantwortlich.

 

Zum Bewusstsein meiner selbst, gehört auch das Bewusstsein meiner Freiheit, meiner moralischen Verantwortung und das Bewusstsein meiner Abhängigkeit von Gott, ja, das Bewusstsein des Angerufenseins durch Gott.

 

Selbstbewusstsein, Freiheitsbewusstsein, Verantwortungsbewusstsein und Gottesbewusstsein gehören im Menschen zusammen. Natürlich kann ich meine Freiheit, meine Verantwortung, kann ich sogar Gott verdrängen, wegdiskutieren, leugnen, für unwissenschaftlich erklären, aber ich kann all dem nicht entlaufen, weil ich mir selbst nicht entlaufen kann.

 

Die Psalmen enthalten viel Lobpreis auf Gott. Sie enthalten aber auch Schuldeingeständnis und Vergebungsbitte. Mir fällt hier besonders Psalm 19 ein, in dem es heißt: „Wer bemerkt seine eigenen Fehler? Sprich mich frei von Schuld, die mir nicht bewusst ist!“ Es wird deutlich: Schuld wird vielfach gar nicht wahrgenommen, weil wir nicht sensibilisiert sind. Schuld ruft nach Vergebung.

 

Wenn wir von Gott die Vergebung unserer Schuld erbitten, dann gibt uns Jesus auch die Gewissheit, dass unsere Bitte nicht ins Leere geht. Denn sie richtet sich an einen Gott, von dem Jesus lehrt, dass er ein verzeihender Gott ist, ein Gott der Vergebung, weil er sich selbst zum Gott der Vergebung gemacht hat: grundsätzlich, für jede und jeden von uns, für jede Schuld.

 

Doch die Vergebung Gottes wird nur dann wirksam, sie kann nur dann wirksam werden, wenn sie angenommen wird. Und: Wenn wir die von Gott vergebene Schuld aufarbeiten, unser Tun, uns selbst und unser Verhältnis zu uns selbst, zu anderen, zu Gott zum Besseren ändern. Wenn wir immer neu, froh und frei die umfassende Verantwortung als Mensch, als christlicher Mensch wahrnehmen.

 

Liebe Gemeinde,
„Vergib uns unsere Schuld“. Für diese Bitte gilt wie für alle insgesamt sieben Vater-unser-Bitten: Eigentlich ist sie einfach, doch bei genauerem Hinhören in das eigene Herz offenbart sich ein großer Schatz, den es zu heben gilt.

 

Für mich sind der Advent, die Weihnachtsfeiertage ganz besondere Momente dieses Hinhörens. Nutzen wir diese Zeit der Besinnung, der Familie und der Gottesdienste, um unser Verhältnis zu Gott und zu unseren Mitmenschen zu überprüfen. Es lohnt sich. Jedes Jahr und jeden Tag aufs Neue.