Predigt des Universitätspredigers Prof. Dr. Andreas Müller am Universitätstag in der Klosterkirche Bordesholm (07.07.2013)

Predigt zu Jes 43,1-7

Liebe Festtagsgemeinde,

es ist wohl eine Erfahrung, die wir alle schon einmal gemacht haben: Sich in einer Situation zu befinden, in der man einfach keinen Ausweg mehr sieht. Einer Situation, in der das ganze Leben irgendwie verfahren zu sein scheint. Nicht nur kurz vor Semesterende stellt sich eine solche Situation oft bei allen ein, die an der Universität beschäftigt sind. Immer wieder höre ich es von Studierenden: Man hat sich ein ganzes Semester auf die Prüfungen im Sommer oder im Frühjahr vorbereitet. Der Tag X rückt näher, und dann geht plötzlich gar nichts mehr. Man sitzt in seiner Studierendenbude oder in der Bibliothek, lernt vor sich hin und hat doch das Gefühl, eigentlich gar nichts zu können. Je mehr man darüber nachdenkt, um so schlimmer wird die Situation: Sollte man die Modulabschlussprüfung oder gar das Examen noch einmal verschieben? Wie viele Studierende denken in solchen Situationen trotz Studienreform auch heute noch darüber nach, sogar das Studium zu schmeißen und sich und ihren Weg damit ein Stück weit aufzugeben.

Liebe Festtagsgemeinde, nicht nur Studierende kennen Situationen, in denen sie keine Perspektive mehr sehen. So kenne ich es auch von mir selbst nur zu gut: Man hat sich große Projekte vorgenommen. Ein Buch sollte geschrieben oder ein großer Projektantrag in Angriff genommen werden. Und je mehr eine Sache zum Abschluss kommen muss, um so unerreichbarer erscheint das Ziel. Ein weiteres großes Problem für Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler ist die trotz aller Vernetzung immer deutlicher erfahrbare Vereinzelung. Nicht nur an der theologischen Fakultät versuchen wir energisch, aber nicht unbedingt genauso erfolgreich dagegen anzugehen, dass Wissenschaft in ein Hochleistungssystem ehrgeiziger Wissenschaftsheroen zerfällt. Der Ruf nach Exzellenz fordert geradezu heraus, immer mehr auf den je eigenen Erfolg bedacht zu sein. Und in der Postmoderne erscheint als Profil einer Fakultät letztlich die Pluralität der Ansätze und Positionen geboten. Auf diesem Weg der Konkurrenz, des Kampfes um Mittel und des unverbundenen Nebeneinanders von Fachdisziplinen und Fachwissenschaften habe auch ich oft den Eindruck, keine erreichbare, insbesondere keine gemeinsame Zukunftsperspektive mehr zu haben. Ein Kollege brachte es kürzlich auf den Punkt: Es fehlt der eine Geist in der Fakultät! Da bemüht man sich dann um je eigenes Fortkommen und verliert auch dabei oft sehr schnell Mut und Zuversicht in die universitäre Zukunft.

Liebe Festtagsgemeinde,

Vereinzelung, Zerstreuung, Individualität und auch mangelnde Motivation und Kraft in der immer stärkeren Konzentration auf sich selbst – das sind keineswegs nur Phänomene an der Universität.  Die Einsamkeit prägt unsere postmoderne Gesellschaft immer stärker. Klassische Familienstrukturen sind an vielen Stellen zerbrochen – auch die neue Orientierungshilfe der EKD „Zwischen Autonomie und Angewiesenheit. Familie als verlässliche Gemeinschaft stärken“ macht dies deutlich.

Wie viele von uns wissen darüber hinaus aus eigener Erfahrung: Heimat ist nur noch eine schwer zu definierende Größe. Auch wenn man in Schleswig-Holstein vielleicht noch stärker als in anderen Bundesländern mit seiner Herkunftsregion verbunden sein mag: Oft zwingt einen die berufliche Mobilität auch hier, die festen, identitätsstiftenden Bande von Heimat und Familie zu lösen, in die Ferne und damit verbunden oft auch in die Einsamkeit zu ziehen. Zwar locken Geld und Karriere und vielleicht auch eine kulturell interessante Stadt. Aber wie schnell kann das Gefühl der Vereinzelung lähmen, wie rasch fehlen die Perspektiven, wenn man schmerzlich erfährt, das Geld nicht alles in der Welt ist.

Liebe Festtagsgemeinde,

in unserem Predigttext geht es auch um eine verfahrene Situation, eine Situation der Heimatferne, der Einsamkeit und Isolation, insbesondere der Isolation von dem zentralen Heiligtum in Jerusalem. Eine Situation, in der das Volk Israel keinen Ausweg mehr wahrzunehmen vermochte. Der in der Bibel sogenannte Prophet Jesaja, den die exegetische Wissenschaft in der Regel als „Deuterojesaja“ bezeichnet, schrieb seine Prophetien in einer Zeit auf, in der das Volk Israel sich im babylonischen Exil befand. Entstanden ist der Text wohl um 540 v.Chr. Immer tiefer hatten sich die Israeliten in der Fremde in ihrem Frust verbohrt, vermochten selbst Hoffnungsschimmer nicht wahrzunehmen, die sich am Horizont bereits zeigten. Der Perser Kyros war im Osten zur Macht gekommen und wurde zu einer immer größeren Bedrohung für die Babylonier, die das Volk Israel bedrückten. Während die Chance auf Befreiung allen Israeliten sozusagen bereits vor Augen stand, vermochten sie die hoffnungsvollen Zukunftsperspektiven dennoch nicht zu sehen. Vielmehr igelten sie sich lieber ein in Selbstmitleid über die eigene Situation, anstatt den Aufbruch zumindest  in eine innere Freiheit bereits zu wagen. Selbst seinem eigenen Boten ruft Gott in den Prophetien entgegen: „Du sahst wohl viel, aber du hast’s nicht beachtet; deine Ohren waren offen, aber du hast nicht gehört.“

Mitten in diese Situation hinein vermittelt der Prophet nun aber auch den Ruf Gottes, der Augen und Ohren für neue, zukunftsweisende Wege öffnen hilft. Er spricht Worte, die befreien aus der inneren Gefangenschaft und Mut machen. Hören wir die Prophetie im 43. Kapitel des Jesajabuches:

Lesung Jesaja 43, 1-7

Liebe Festtagsgemeinde, die Prophetien des Deutero-Jesaja ergingen in eine konkrete Zeit mit kontextgebundenen Perspektiven für das israelitische Volk. Sie lassen sich nicht einfach übertragen auf Situationen wie diejenigen in Syrien und insbesondere auch Ägypten, Länder also, die uns allen im Augenblick große Sorgen machen. Und doch sind insbesondere die formelhaften, individuellen Heilszusagen auch für uns heute bewegend. In diesem wundervollen, mutmachenden Text erscheinen jedenfalls Aussagen, die ich gerne noch einmal in unsere oft zu beobachtende Situation der Vereinzelung und der Mutlosigkeit applizieren möchte. Gott kann auch uns heute herausrufen aus verfahrenen, scheinbar ausweglosen Situationen, wenn wir auf Prophetien wie jene des Deuterojesaja hören. Ich möchte dies an einigen Punkten erläutern:

Gott hat auch einen jeden und eine jede von uns bei unserem Namen gerufen. Das ist eine grundlegende jüdisch-christliche Überzeugung, eine zentrale und ermutigende Glaubesaussage: Eine jede und ein jeder von uns sind nicht nur ein Produkt des Zufalls. In unserer Individualität mit allen unseren Eigenarten, mit den Stärken und auch den Schwächen, sind wir von Gott gewollt. Es ist keine naturwissenschaftliche abzusichernde Aussage, sondern eine wichtige Glaubensaussage: So wie wir sind, so sind wir von Gott geschaffen, hineingestellt in diese Welt. Und wir sind keineswegs beliebige, lediglich auf Funktionieren hin angelegte Wesen. Die Benennung mit einem Namen macht uns zu Individuen. Im christlichen Ritus spielt dementsprechend die Namensnennung bei der Taufe eine zentrale Rolle. Gott spricht nicht zu einem austauschbaren Wesen, er spricht zu uns als unverwechselbaren Individuen, er nimmt einen jeden und eine jede von uns wichtig und ernst, indem er uns persönlich anspricht: Fürchte Dich nicht, denn ich habe Dich erlöst, ich habe Dich bei Deinem Namen gerufen, Du bist mein!

Wie wichtig Namen sind, das merke ich in Lehrveranstaltungen immer wieder: Wenn ich die Namen der Studierenden beherrsche und sie damit nicht nur als unpersönliche, ECTS-Punkte schluckende Lernmaschinen, sondern als Individuen behandeln und ernstnehmen kann, dann bekommt das gemeinsame Projekt Studium eine ganz andere Qualität. Steigende Studierendenzahlen und damit verbundene größere Anonymität entsprechen der bei Jesaja beschriebenen Praxis Gottes jedenfalls nicht.

Gott ruft in der Prophetie die Israeliten nicht nur aus der Anonymität heraus beim Namen. Er erinnert sie auch daran, dass sie trotz aller ihrer Zerstreuung und all ihrer Perspektivlosigkeit in einer Beziehung stehen, einer Liebesbeziehung mit ihrem Schöpfer. Auch dies ist eine Glaubenszusage, die sich wissenschaftlich auch mit den besten Methoden nicht beweisen lässt, und dennoch nicht weniger wahr ist. Wir haben es bereits in der Evangeliumslesung gehört: Gott ist bei uns alle Tage bis an der Welt Ende. Diese Aussage findet sich auch beim Propheten Jesaja. In welcher Notsituation sich die Israeliten, die Menschen, die Gott vertrauen, auch befinden: Er ist bei ihnen! Wenn die Prüfungssituation aussichtslos zu sein scheint, wenn die Dissertation kaum noch zu einem guten Ende zu führen ist, wenn Einsamkeit, Beziehungskrisen, Krankheit und Not das Leben im Keim zu ersticken drohen, gilt doch die Zusage Gottes: Ich bin bei Dir! Gib nicht auf, ich habe Dich lieb! Auch wenn Du zu scheitern drohst oder Dir die körperlichen Kräfte fehlen: Ich habe Dich lieb, ich bin bei Dir!

Liebe Festtagsgemeinde: Ich bin der festen Überzeugung, dass in einer Welt sich immer stärker ausprägender Individualität und Einsamkeit diese Zusage Gottes umso bedeutsamer ist. Wir müssen unser Leben nicht alleine meistern! Wir sind nicht allein auf dem Weg, auch wenn wir das manchmal erst im Nachhinein begreifen: Es gibt einen tieferen Grund, der trägt!

Und noch ein letzter Gedanke scheint mir bei Jesaja für uns wichtig zu sein: Gott ruft uns nicht nur bei unserem Namen heraus aus unseren Einsamkeiten und Ausweglosigkeiten, er ruft uns auch nicht nur in die liebevolle Gemeinschaft mit sich selbst, er führt vielmehr auch in die Gemeinschaft mit andern Menschen. Aus allen Himmelsrichtungen ruft er sein Volk zusammen. Es ist nicht gut, allein auf dem Weg zu sein und sein Leben zu meistern. Es ist vielmehr gut und hilfreich, dies gemeinsam mit anderen zu tun. Die Universität, auch die exzellente Universität, kann ein Ort gemeinsamen Lernens sein. Die Kirche kann ein Ort sein, an dem wir Gemeinschaft erfahren, uns gegenseitig Mut machen und aufbrechen aus Lethargie und Hoffnungslosigkeit. Es liegt an uns, was wir aus solchen Orten machen. Es liegt auch an uns, ob wir uns gemeinsam ermuntern zum Aufbruch und zu neuem Leben! Gott ruft auch uns bei unserem Namen, er geht mit uns auf unseren Wegen und er ermutigt uns zu gemeinschaftlichem Handeln in aller Vielfalt. Die Zusage seiner Erlösung gilt auch einem jeden und einer jeden von uns. Amen!