Predigt von Staatssekretär Rolf Fischer zur Bergpredigt am 17.04.2016

I.

"Nehmet auf mein Joch und lernt von mir. (...)

Denn mein Joch ist sanft und meine Last ist leicht"

 

 

Welchen Namen wir auch immer unserer Zeit geben wollen,

ob Zeitalter der Umweltzerstörung, der neuen Völkerwanderung

oder nennen wir es "digitales Zeitalter".

 

In Wahrheit suchen wir nach unserem Platz in dieser Welt,

nach Orientierung, nach dem Sinn unseres Lebens.

 

Und immer fragen wir damit auch nach Gott.

 

Und Gott antwortet uns.

Mit der Bergpredigt setzt er seine Möglichkeiten

unserer Wirklichkeit entgegen. 

 

Die Bergrede aus der Sicht eines Politikers -

das wird heute Ihre Erwartungshaltung sein.

 

Wir wären schnell bei den bekannten Zitaten:

Mit ihr sei kein Staat zu machen,

sie sei nur "Gesinnungsethik", mit ihr könne man nicht regieren;

ja, sie "überfordere" uns Menschen.  

 

Dieses Buch habe ich geerbt:

eine Originalausgabe aus dem Jahr 1937,

das Vorblatt nennt den Namen unseres Verwandten: Heinz Doebert.

 

Doebert gehörte zu den mutigen Theologen der Bekennenden Kirche,

die bei Dietrich Bonhoeffer in den verbotenen "Sammelvikariaten"

zwischen 1937 und 39 ihre Ausbildung absolvierten. 

 

Das Buch, Sie werden es ahnen, trägt den Titel "Nachfolge"

und ist Bonhoeffers Auslegung der Bergpredigt.

 

Ich weiß, Bonhoeffers Buch wird durchaus kontrovers diskutiert.

Für mich aber ist es der persönliche und politische Zugang

zum Thema.

 

 

 

 

II.

„Ihr seid das Salz der Erde, das Licht der Welt“

 

 

Die "Predigt auf dem Berge" ist eine Zumutung.

 

Bonhoeffer sieht das Problem: "Sollen hier (...) unmögliche, quälerische, exzentrische Forderungen aufgestellt werden,

deren Befolgung wohl ein frommer Luxus einiger weniger sein mögen,

die aber von (...den anderen) verworfen werden müssen?"

 

1937 - als die deutschen Christen die Kirche beherrschen,

die Herrenrasse den Takt schlägt

und der Tod längst ein Meister aus Deutschland ist;

 

stellt Bonhoeffer Anforderungen, deren Befolgung kaum möglich sein soll?

 

Nein; es geht ihm nicht ums Befolgen;

Es geht ums "nachfolgen", um die Befreiung, unsere Befreiung in der Nachfolge Christi!

 

Wir können "nachfolgen",

weil Bonhoeffer weiß, dass Jesus von uns nichts fordert,

"ohne uns die Kraft zu geben,

es auch zu tun".

 

"Nachfolge" ist nicht Rettung der eigenen Seele aus dieser Welt heraus,

sondern wesentlich auch Widerspruch gegen den Zustand dieser Welt.

 

"Nachfolge" wird zu einer kirchlichen und politischen Kraft

zur Umgestaltung des Hier und Jetzt.

 

"Weil Gott selbst nicht im Jenseits geblieben, sondern ins Diesseits gekommen ist,

darum soll der Mensch ihm nicht an den Grenzen des Diesseits zum Jenseits,

sondern in der Mitte des Diesseits begegnen" -

 

so Heinz Zahrnt über Bonhoeffers Weltlichkeit und Menschennähe.

 

Gott in der Mitte des Diesseits begegnen!

 

Wir sind gemeint - immer, auch heute!

Denn wir sind das Salz der Erde, das Licht der Welt.

 

 

III.

„Wer glaubt, wird selig.“

 

Ja, ich kann mit der Bergpredigt Politik machen,

weil sie die Liebe in und zur Gemeinschaft fordert!

 

Selig sind die Armen, die Trauernden, die Gewaltlosen,

die Hungrigen, die Barmherzigen, die reinen Herzens sind

und Frieden wollen,

die um der Gerechtigkeit willen Verfolgten.

 

 

·      Jedoch: Soziales Elend und Armut bleiben unsere Begleiter.

 

Ja, das ist die Realität! Die Bergpredigt ruft uns aber dazu auf,

unsere Verantwortung anzunehmen, sie nicht weg zu delegieren.

 

"Wir können doch nichts ändern!" - das ist keine Haltung!

 

Der Hinweis auf unsere begrenzten Möglichkeiten taugt nicht dazu,

sich dem zu entziehen, was wir tun könnten.

 

·      Jedoch: Gewalt und Konflikte sind Teil unserer Wirklichkeit.

 

Ja, wir erleben sie jeden Tag!

Es geht in der Bergpredigt aber nicht darum,

Gewalt und Unrecht passiv hinzunehmen,

 

beides zu überwinden, das ist ihr Ziel.

 

Strengen wir uns an!

Der eigene Verzicht auf Gewalt mag noch leicht erscheinen,

doch es geht auch um den Gewaltverzicht der anderen.

 

 

·      Jedoch: Es gibt wenig Frieden auf der Welt, weder im Kleinen noch im Großen.

 

Ja, wir sehen die Bilder!

Deshalb fordert die Bergpredigt Formen intelligenter Feindesliebe,

fordert von uns Ideen, Wege, Mut, Frieden zu stiften.  

 

Freundschaftlich die begrüßen, die mit Frieden

in der Seele kommen,

freundschaftlich die berühren, die Haß

in ihrer Seele tragen;

das ist die Botschaft.

 

 

·      Jedoch: Verfolgung und Flucht prägen unsere Zeit.                        

 

ja, das ist so!

Deshalb verlangt die Bergpredigt von uns Barmherzigkeit und Gerechtigkeit;

 

nicht im stillen Kämmerlein, sondern vor Ort bei den Menschen

bei den verfolgten Christen ebenso wie bei den flüchtenden Muslimen.

 

Und das soll funktionieren?

 

„Wer`s glaubt, wird selig“, das sagt man leicht spöttisch,

wenn eine ganz und gar unglaubliche Geschichte erzählt wird;

 

Wer glaubt, wird selig! –

halten wir Christen dagegen und meinen die befreiende Wirkung

von Gottes Wort, unseres Glaubens und unserer Taten.

 

 

 

IV.

„Von der Gewissen-haftigkeit“

 

Ja, ich kann als Christ und Politiker mit der Bergpredigt Politik machen.

 

Ich kann es, weil ich weiß, dass ich fehlbar bin und

die Bergpredigt deutet mir - wie uns allen - unsere Schwächen:

 

Wir können töten, auch ohne zu morden!

Spielen wir nicht heimlich mit so mancher Versuchung?

 

Wie oft weichen wir der Wahrheit aus, weil uns der Mut fehlt!

Denken wir nicht durchaus mal an Rache und kultivieren so manche Feindschaft!

 

Die "Rede auf dem Berg" erscheint wie ein Spiegel

unseres alltäglichen, widersprüchlichen Verhaltens.

 

Unser größter Feind sind unsere schlechten Eigenschaften,

die Gleichgültigkeit gegenüber der Gesellschaft,

Eitelkeiten, Egoismus und

persönliche Ambitionen und Rivalitäten.

 

Wir gefährden uns selbst:

 

durch den demonstrativ gezeigten Mangel

an politischer Kultur,

die den Tabubruch zum Wert erhebt;

 

durch den Mangel an demokratischem Bewusstsein,

das den Kompromiss als "faul" verachtet;

 

durch Arroganz und  Hochmut, die uns verführen,

zuerst die "besseren" Politiker",

dann die "besseren" Demokraten und

schließlich sogar die "besseren" Menschen zu sein!

 

Und existiert nicht ohnehin zweierlei Maß?

 

"Wo bin ich im wirklichen Leben nur Privatperson,

wo nur Amtsträger?", fragt Bonhoeffer

 

und verweist darauf, dass es in der Nachfolge Jesu

letztlich keine Trennung in der Entscheidung geben könne,

denn man sei doch immer beides und eins zugleich!

 

Als Politiker kann ich diesen Zwiespalt auflösen,

denn ich bin nur meinem Gewissen verpflichtet,

so bestimmt es weise und ernst unsere Verfassung.

 

Das ist der Schlüssel:

Meine immer anzustrebende "Gewissen-haftigkeit"

erlaubt mir Privatperson und Amtsträger zu sein,

glaubwürdig und ehrlich zu entscheiden

 

und gleichzeitig den Verführungen, den eigenen Schwächen

und schlechten Eigenschaften zu widerstehen.

 

Das habe ich mit mir auszumachen;

da entstehen oft Fragen und Zweifel!

 

 

Aber sind es nicht gerade die Augenblicke des Zweifels,

in denen Gewissheiten geboren werden?

 

Deshalb ist für mich die Bergpredigt

immer Prüfstein und Mahnung zugleich:

 

Prüfstein, weil in jeder Entscheidung

die Probe meiner Aufrichtigkeit und Standfestigkeit erfolgt;

 

Mahnung, in meinem Tun und Glauben nicht nachzulassen.

 

Mahnung, mich zu vergewissern,

dass mein Haus nicht auf Sand

sondern nach wie vor fest auf dem Felsen steht.

 

 

V.

„Mit dem Tun anfangen!“

 

 

Ja, ich kann mit der Bergpredigt Politik machen,

 

weil Politik für mich nicht nur die "Kunst des Möglichen" ist,

sondern auch die Kunst des scheinbar Unmöglichen sein muss,

 

nämlich die Kunst sich selbst und die Welt besser machen zu wollen.

 

"In meinem politischen Leben traf ich immer wieder

auf vernünftige Menschen,

die mir sehr vernünftig erklärten - oft im Namen der Vernunft,

dass diese oder jene Meinung oder Auffassung

unvernünftig sei“,

 

denn so sei die Welt nun mal,

Gut und Böse werde es immer geben,

Ost und West werde es immer geben,

man könne nur wenig verändern,

man dürfe kein Träumer sein,

so schreibt Vaclav Havel in "Angst vor der Freiheit".

 

Er hat sich davon befreit!

Sein Leben beweist das Gegenteil;

sein Traum wurde Realität!

 

Unser Ziel bleibt deshalb eine humane Gesellschaft,

die dem Menschen dient

und deshalb haben wir die Hoffnung,

dass auch der Mensch ihr dienen wird.

 

Gemahnen uns nicht diese gewaltvollen Tage,

gemahnt uns nicht unsere Zeit, wie immer wir sie nennen,

an unsere zentrale Aufgabe als Demokraten,

als Kirche, als Gesellschaft?

 

Überall, wo gehetzt wird, müssen wir widersprechen;

Überall, wo sich Rassismus zeigt, müssen wir widersprechen;

Überall, wo Menschen gedemütigt werden, müssen wir widersprechen!

 

Nicht vom "Tun als einer idealen Möglichkeit reden", so Bonhoeffer,

sondern "wirklich mit dem Tun anfangen" - das ist "Nachfolge".

 

Anfangen, Tun, Trösten, Verstehen, Vergeben, Heilen, Hoffen -

 

das sind die Möglichkeiten,

die Gott mit der Bergpredigt unserer Wirklichkeit entgegensetzt.

 

Ist es also wirklich so unvorstellbar,

mit diesen "Zumutungen" Politik zu machen?

"Überfordert" uns die Bergpredigt mit ihren Ansprüchen tatsächlich?

 

Oder sind wir heute nur zu zaghaft und zögerlich

statt mutig und mündig zu sein?!

 

Ja, sie fordert uns heraus, sie fordert uns auf;

aber sie überfordert uns nicht.

 

Ohne wagemutige Menschen sind keine

wagemutigen Veränderungen denkbar!

 

Der Vikar Heinz Doebert gab ein Beispiel:

 

Jahrzehnte wirkte er als Pastor in der DDR,

blieb der Theologie Luthers und Bonhoeffers,

der Nachfolge, verpflichtet.

 

Für ihn eine Prüfung, eine schwere Aufgabe,

die er mutig angenommen hat.

 

VI.

„Am Fuße des Berges“

 

 

Wir stehen mit den anderen am Fuße des Berges!

 

Deshalb dürfen wir uns nicht scheuen,

das scheinbar Unmögliche zu träumen,

wenn wir wollen,

dass das scheinbar Unmögliche Wirklichkeit wird.

 

Das ist schwer und kompliziert und durchaus anstrengend,

aber:

 

"Nehmet mein Joch auf und lernt von mir.

Denn mein Joch ist sanft und meine Last ist leicht." 

 

Amen.