Predigt von Weihbischof Hans-Jochen Jaschke am 2. Advent 2014 über "Unser tägliches Brot gib uns heute"

 

  1. Der Vater im Himmel! Er ist das mysterium stricte dictum, das bleibend unausforschliche Geheimnis. Gott! Mose durfte erfahren: Mein Angesicht kannst du nicht sehen, ich lasse meine Schönheit vor dir vorüberziehen, du darfst meinen Rücken sehen (Ex 33,18ff.) Elija, der Kämpfer, der Eiferer für Gott, darf Gott im leisen, sanften Säuseln erfahren, nicht im Erdbeben, im Feuer, im Sturm. Gott, der Unausforschliche, ist offenbar in Jesus Christus: dem geliebten Sohn, auf den wir hören wollen.

Was Jesus sagt, wer er ist, wie er uns Gott erschließt das gewinnt Gestalt in dem Gebet, das er uns zu beten gelehrt hat. Es ist das Gebet zu Gott, dem Vater, der uns in Jesus anruft. Der Vater Jesu Christi ist unser Vater. So schauen wir auf zum Himmel. Wir bleiben nicht bei uns selber, sondern geben Ihm die Ehre. Sein Wille, der im Himmel für alle Ewigkeit gilt, soll auch auf Erden wirksam werden.

Unser tägliches Brot gib uns heute. Das die erste grundlegende Bitte im Vaterunser, die unser menschliches Leben auf der Erde im Blick hat. Wir brauchen eine Basis, eine Grundlage zum Leben, zum Existieren: Brot, Nahrung, Lebensbedingungen.

 

  1. Warum sollen wir um Brot bitten? Für die meisten von uns ist das keine Frage. Brot, den Lebensunterhalt muss man sich verdienen. Dafür arbeiten wir, wir kämpfen darum. Das kostet Kraft und Mühe, geht an die Knochen, kostet Nerven. Die moderne Lebenswelt übt enormen Druck auf uns alle aus, eine Welt des Habenwollens, der Konkurrenz, der Leistung. Da müssen wir mithalten. Wir sind stolz auf das, was wir haben. Natürlich geben wir auch ab. Wir wissen, dass wir andere mitziehen, mittragen müssen in einem Netz gemeinsamer Verantwortung.

Bekommen wir das Brot von Gott? Fällt es vom Himmel? Gott setzt uns selber in die Verantwortung für das Leben in unserer und in Gottes Welt. Wir dürfen unsere Fähigkeiten und Begabungen nutzen, und wir sollen und können die Erde gestalten. In unserer modernen westlichen Übergesellschaft geht es uns ja im Ganzen gut. Natürlich wissen wir um Hunger der Anderen, wir lassen uns daran erinnern. Wir sehen Luxus im Höchstmaß auf der einen und Armut, die uns ins Herz stechen muss, auf der anderen Seite. So sind wir herausgefordert: Die Sorge um das Brot, um eine gerechten Verteilung der Güter ist eine uns von Gott aufgetragene Aufgabe. Der gläubige Mensch weiß: Wir sollen nicht die Hände in den Schoß legen. Wir müssen arbeiten, fleißig sein, unsere Gaben und Begabungen nutzen.

Warum wir bitten sollen? Im Land Schleswig-Holstein diskutieren viele Menschen aktuell die Frage, ob in die Landesverfassung ein Bezug auf Gott aufgenommen werden soll. Kluge Befürworter, auch wenn sie sich gar nicht als gläubige Menschen verstehen wollen, haben von einer „Demutsklausel“ gesprochen. Der Verweis auf Gott soll davor bewahren, dass wir uns nicht absolut setzen, nicht alles sein wollen. So tut uns das Beten um das tägliche Brot bei allem, was wir dafür tun und leisten müssen, gut. Es ist nicht selbstverständlich, dass gute Lebensumstände uns begleiten. Ich habe Glück, ich habe Grund zur Dankbarkeit, ich bin nicht der Macher, dem alles gelingt, sondern immer auch der empfangende Mensch.

Gott? Das Beten zu Gott, die Bitte an ihn heißt auch immer: Wir sind nicht alles, sondern ein Teil des Ganzen im Gefüge der Menschheit. Wir leben auf unserer Erde, die uns nicht als Besitzmasse gehört. Wir sind zu Rücksicht und Verantwortung aufgerufen.

 

  1. „Das Vaterunser ist die Zusammenfassung des ganzen Evangeliums“, die Summe von Gott unserem Vater im Himmel und auf Erden. Tertullian, der scharfsinnige und leidenschaftliche Christenmensch hat es ausgesprochen.

Wer um das tägliche Brot bittet, darf darauf trauen, dass Gott Freude daran hat, dass wir auf Erden, in seiner guten Schöpfung leben. Gott neidet uns nicht das Leben. Wir dürfen uns daran freuen, am eigenen Leben, am Leben vieler Menschen, am Leben überhaupt, an so viel Gutem, das uns begegnet.

„Täglich“, das heißt wir beten um das Brot für den Tag, beziehungsweise den kommenden Tag. Täglich, das will natürlich nicht sagen, dass wir in den Tag hineinleben wollen. Wir müssen Vorsorge treffen für uns und für Andere. Wir haben Verantwortung für die jungen und für die Alten, für die Schwachen, für die, die auf dem Weg bleiben. Wir wissen um unterschiedliche Lebenssituationen und Begabungen. In den verschiedenen Berufen gewinnt die jeweilige Verantwortung, die ein Einzelner für die Gesellschaft und die wir gemeinsam tragen, Gestalt. Aber im Blick auf den Vater verlieren wir nicht das Augenmaß bei unsere Sorgen. Wir wollen ein rechtes Vertrauen einüben, das unser Handeln begleiten muss.

Wir beten um unser tägliches Brot. Es ist das Brot, das wir alle zum Leben brauchen. Wir leben nicht allein sondern in der Gemeinschaft der Menschenkinder. So können wir nur recht zu Gott beten, wenn wir zum Teilen bereit sind. So sehen wir noch einmal die Not der Menschen, denen das Notwendige fehlt, Nahrung, Kleidung, Lebensunterhalt. Wir hören die Stimme des Menschensohnes, vor den am Ende jeder, jede Einzelne treten wird und aus seinem Munde hört: „Ich war hungrig und ihr habt mich gespeist…“ Unsere Frage „Wann haben wir dich gesehen“ findet die Antwort: „Was ihr dem Geringsten meiner Brüder und Schwestern getan oder nicht getan habt, das habt ihr mir getan oder verweigert“.

Die Bitte um das tägliche Brot ist in ganz besonderer Weise die Bitte der Hungernden, der Erniedrigten, der zu kurz Gekommenen. Das muss der notwendige Kontext des Vaterunsers sein! Die Bitte um das tägliche Brot wird zum Aufruf an uns, offene Augen zu gewinnen, die sehen, offene Ohren zu bekommen, die hören, Herz und Hände zu bereiten für die Menschenkinder, die Kinder Gottes unsere gemeinsamen Vaters sind.

 

Unser Brot ist die gemeinsame Substanz aller Kreaturen der ganzen Schöpfung. Darum werden wir nur recht beten, so wie der Herr es uns zu beten lehren muss, wenn wir Rücksicht auf seine Schöpfung nehmen, die bewahren und nicht herrisch untertan machen wollen, zum Material unserer Willkür verkommen lassen. So treten wir vor Gott, dem Vater, dem Schöpfer, aller Ding, wir die wir unseren Menschennamen Ehre machen dürfen.

 

  1. Von Jesus gelehrt, um das tägliche Brot zu beten, haben wir ihn vor Augen. Wir sehen den Menschensohn, der allen Menschen ohne Unterschied das Himmelreich erschlossen hat, der mit den Menschen gegessen und getrunken hat, der bei den Sündern eingekehrt ist. Wir sind bewegt durch die wunderbaren Zeichen, die die Verkündigung der frohen Botschaft begleiten. Jesus weiß um den leibhaftigen Hunger der Menschen. Er schickt sie nicht nach Hause. Wir erfahren, wir alle satt werden, wenn ein paar Brote und die Fische ausgeteilt werden. Und wir lassen uns die Aufforderung an die Jünger, an die Kirche bis heute immer neu sagen, dass wir den Menschen zu essen geben sollen.

So gewinnt die Bitte um das tägliche Brot Raum. Sie verbindet uns in der Gemeinschaft mit Jesus. Sie gewinnt Gestalt durch Jesus Beispiel und Vorbild.

Jesus Christus, der Herr, der uns zu essen gibt, er zeigt uns im Evangelium: Er ist selber das Brot, das wahrhaft den Hunger stillt. Er gibt sich zu essen, zur Speise, die nicht vergeht.

Deshalb beten die Beter des Vaterunsers auch um das lebendige Brot, das Christus ist, um seinen Leib, der sich dahingibt, ein für alle mal und immer ganz gegenwärtig, wenn wir im Abendmahl, in der Eucharistie sein Gedächtnis feiern. In einer Welt, deren Leben immer auf Kosten der Anderen gelebt wird – auch wir, keiner von uns kann diesem Kreislauf entrinnen – lässt Gott sich selber verzehren. Er lebt nicht auf Kosten anderer, sondern gibt sich selber.

Gott der Vater richtet Heil auf im Sohn und im Heiligen Geist. Wir sind für immer mit ihm verbunden, als seine Kinder, gespeist, genährt von ihm. So ist er unser Vater im Himmel. Sein Name wird geheiligt im Himmel und auf Erden, das tägliche Brot verbindet uns mit ihm zu dem gemeinsamen Leib, der die große Gemeinschaft der Gläubigen bildet.

 

  1. Das Gebet, das Jesus uns zu beten lehrt, hat Gestalt in ihm, dem Sohn des Vaters. Das Vaterunser nimmt Gestalt an in unserem Christenleben, im Leben der Einzelnen, in der Gemeinschaft der Kinder des Vaters überm Himmelszelt, der im Sohn eins ist mit uns und uns durchwirkt mit seinem Geist.

Thomas von Aquin hat das schöne Wort formuliert:

Das Vaterunser ist das vollkommenste Gebet. Wir beten um alles, wonach wir in richtiger Weise verlangen können. Wir beten in der richtigen Reihenfolge, in der wir danach verlangen sollen. Und das Gebet lehrt uns nicht bloß bitten, sondern formt auch unser ganzes Gemüt (Summa theologica 2-2, 83,9).

Die Bitte der Jünger bleibt für jeden von uns und für uns gemeinsam immer aktuell: Herr, lehre uns beten!