Predigt von OKRin Annette Rieck zum 7. Mai über Joh 16,16-23

Liebe Universitätskirchengemeinde,

 

wenn an eine Juristin im Landeskirchenamt die Bitte herangetragen wird, in einem Gottesdienst zu predigen, mag sie sich zunächst fragen, woraus sich für sie eine Zuständigkeit für ein solches Vorhaben ergeben könnte. Wie man es von  einer Juristin und noch dazu Kirchenbeamtin erwarten mag. Ein Blick in die Verfassung der Nordkirche klärt, dass eine „Zuständigkeit“ für`s Predigen im behördlichen Sinne sich aus Amt und Dienst einer Kirchenbeamtin nicht ableiten lässt; wohl aber eine Berechtigung zur Verkündigung,  aus der Kirchenmitgliedschaft: Denn in Artikel 10 heißt es unter der Überschrift „Rechte und Pflichten der Kirchenmitglieder“: „Grundlage der Rechte und Pflichten der Kirchenmitglieder ist das Allgemeine Priestertum. ... Alle Kirchenmitglieder sind gehalten, das Evangelium in Wort und Tat zu bezeugen.“ Und wie wird man Kirchenmitglied? „Die Zugehörigkeit zu der einen Kirche Jesu Christi gründet in der Taufe.“, sagt Artikel 9 der Verfassung. Kurz zusammengefasst:

„Denn was aus der Taufe gekrochen ist, das kann sich rühmen, dass es schon zum Priester, Bischof und Papst geweiht ist, obwohl es nicht jedem ziemt, ein solches Amt auszuüben.“,  So sagt es Martin Luther in seiner Schrift „An den christlichen Adel deutscher Nation – Von des christlichen Standes Besserung“ aus dem Jahr 1520.

 

 

Wir stehen heute im Kirchenjahr tief zwischen Ostern und Pfingsten, in der „österlichen Freudenzeit“; heute ist der Sonntag „Jubilate“, der 3. Sonntag nach Ostern, dessen Psalm wir eingangs zusammen gebetet haben; drei weitere Sonntage liegen bis Pfingsten noch vor uns.

 

Der heutige Predigttext aus dem Johannesevangelium versetzt uns in eine andere Situation und zunächst in eine andere Stimmung als österliche Freude: Jesus nimmt Abschied von seinen Jüngern, es ist vor Ostern, der Abend seiner Gefangennahme im Garten Gethsemane. Die Jünger und Jesus haben das letzte gemeinsame Mahl eingenommen, Judas hat die Gesellschaft bereits verlassen, begleitet von Jesu Worten: „Was du tust, das tue bald!“. Nun spricht Jesus über seinen Weggang und die Zeit ohne ihn, über das, was stattdessen kommt, und über das Wiedersehen.

Am vergangenen Sonntag haben wir über die Begegnung mit Gott in seiner Schöpfung gehört; im Predigttext für den heutigen Sonntag findet das Wiedersehen anderswo statt. Wir hören

 

Johannes 16, Verse 16 (17-19), 20-23 a

[Jesus sprach zu seinen Jüngern:]

16Noch eine kleine Weile, dann werdet ihr mich nicht mehr sehen; und abermals eine kleine Weile, dann werdet ihr mich sehen.

[17Da sprachen einige seiner Jünger untereinander: Was bedeutet das, was er zu uns sagt: Noch eine kleine Weile, dann werdet ihr mich nicht sehen; und abermals eine kleine Weile, dann werdet ihr mich sehen; und: ich gehe zum Vater?

18Da sprachen sie: Was bedeutet das, was er sagt: Noch eine kleine Weile? Wir wissen nicht, was er redet.

19Da merkte Jesus, dass sie ihn fragen wollten, und sprach zu ihnen: Danach fragt ihr euch untereinander, dass ich gesagt habe: noch eine kleine Weile, dann werdet ihr mich nicht sehen; und abermals eine kleine Weile, dann werdet ihr mich sehen?]

20Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Ihr werdet weinen und klagen, aber die Welt wird sich freuen; ihr werdet traurig sein, doch eure Traurigkeit soll in Freude verwandelt werden.

21Eine Frau, wenn sie gebiert, so hat sie Schmerzen, denn ihre Stunde ist gekommen. Wenn sie aber das Kind geboren hat, denkt sie nicht mehr an die Angst um der Freude willen, dass ein Mensch zur Welt gekommen ist.

22Und auch ihr habt nun Traurigkeit; aber ich will euch wiedersehen, und euer Herz soll sich freuen, und eure Freude soll niemand von euch nehmen.

23An dem Tag werde ihr mich nichts mehr fragen.“

 

Der Text beginnt holprig. Er retardiert lange und kreist um wenige Leitmotive, die den Hörer schließlich verwirren, wie die Jünger damals auch:

 

„eine kleine Weile“ – „und ihr werdet mich nicht mehr sehen“ – abermals eine kleine Weile –

 „und ihr werdet mich sehen“

 

Die Jünger wiederholen in ihrer Ratlosigkeit die Worte Jesu ganz genau, Wort für Wort. Und sie haben noch im Ohr, was ihr Meister kurz zuvor, bei Johannes nur wenige Verse vorher in diesem Kapitel, gesagt hatte;  und sie stellen die Verbindung her, zu dem Satz: „Ich gehe zum Vater, und ihr werdet mich nicht mehr sehen“.

 

Was soll ihnen das alles nur sagen?

 

Jesus nimmt wahr, dass die Jünger mit seiner Rede nichts anzufangen wissen. In seiner Replik wiederholt er erneut seine eigenen Worte. Jetzt stehen sie zum dritten Mal im Raum und erhalten dadurch ein Gewicht und eine Schwere, die die Situation zum Stillstand bringen, sie erstarren lassen:

 

„noch eine kleine Weile, dann werdet ihr mich nicht sehen; und abermals eine kleine Weile, dann werdet ihr mich sehen“ – versteht ihr Jünger nicht?

 

Aber es geht nicht weiter; Jesus erkennt, dass er mit solchen Formulierungen kein Verständnis bei den Jüngern erreichen kann. Er versucht es anders, wie ein Lehrer wechselt er die Methode: „Wahrlich, wahrlich, ich sage euch“ - und dann bricht ein Feuerwerk an Gefühlen los:

„ihr werdet weinen und klagen, ihr werdet traurig sein, doch eure Traurigkeit soll in Freude verwandelt werden.“

 

Um die Intensität dieser Gefühle fassbar zu machen, wählt Jesus ein Gleichnis aus dem alltäglichen menschlichen Lebenskreis, daraus ein elementares Erlebnis: Eine Situation, in der eine Frau größten Schmerz und größte Freude empfindet: die Geburt eines Kindes.

 

Für die Traurigkeit der Jünger und die Wehen der Geburt steht bei Johannes im Original dasselbe griechische Wort: lýpe; ebenso für die Freude der Jünger und die Freude der Mutter über ihr neugeborenes Kind: das Wort cháre.

 

„Und auch ihr seid nun traurig“, fährt Jesus nach der Beschreibung der gebärenden Frau fort, „aber ihr werdet euch freuen, und eure Freude soll niemand von euch nehmen.“ Wann? – Dann: „ich werde euch wiedersehen.“ Wenn ich euch wiedersehe – dann werdet ihr euch freuen.

 

Da ist es wieder: das „Sehen“ Jesu, das „Wiedersehen“, nachdem Jesus weg war, nicht mehr zu sehen war.

 

Viel höheren Erkenntniswert bringt das Gleichnis, bringen die geschilderten Emotionen nicht. Jesus muss das selber einsehen und sagt zum Schluss leicht resigniert: „An dem Tag werdet ihr mich nichts mehr fragen.“ Gemeint ist der Tag des Wiedersehens – erst dann werden alle Fragen beantwortet sein.

 

So liegt in dem Begriff des „Sehens“, des „Nicht-mehr-Sehens“ und des „WiederSehens“ ein  Schlüssel zu diesem Text. Was ist damit gemeint?

 

Die deutsche Bibelübersetzung hilft hier nicht weiter. Sie arbeitet durchgängig mit demselben Verb: „sehen“. Im griechischen Original aber benutzt Johannes in den Abschiedsreden Jesu konsequent zwei unterschiedliche Wörter für „sehen“, wenn es um die Zeit bis zu Jesu Weggang einerseits und die Zeit des „(Wieder)Sehens“ mit Jesus nach seinem Tod geht: einmal „theoreîn“, das zweite Mal: „ópsesthai“. „theoreîn“ nimmt er für das Sehen, das Anschauen des leiblichen Jesus, das bald vorbei sein wird; „ópsesthai“ für das spätere „(wieder)sehen“.

 

Das griechische „theoreîn“ hat die Bedeutung: „zuschauen, sich etwas ansehen“; es sagt uns vor allem in seiner übertragenen, philosophischen Bedeutung etwas (die „Theorie“ bezeichnet ein „geistiges Anschauen“, eine „Erwägung“ oder „Untersuchung“). Mit „theoreîn“ bezeichneten die Dichter der griechischen Tragödie das Zuschauen bei religiösen Festen und Feierlichkeiten. Der auf den ersten Blick nahe liegende etymologische Zusammenhang mit dem griechischen Wort „theós“/ Gott ist fragwürdig.

 

„ópsesthai“ dagegen ist eine vom Wortstamm her besondere Futurform. Sie transportiert eine Art des „Sehens“, die jetzt noch nicht der Fall ist. Dieses „Sehen“ ist eine Verheißung. „ópsesthai“ ist in diesem Sinne ein Terminus technicus der johanneischen Sprache, dessen Bedeutung es herauszuarbeiten gilt.

 

Die Wendungen „ópsesthé me“/ „ihr werdet mich wiedersehen“ und „ópsomai hymâs“/ “ich werde euch wiedersehen“ schillern in ihrer Bedeutung: In der Situation der Abschiedsreden Jesu liegt es nahe, das „Wiedersehen“ auf die österliche leibliche Auferstehung zu beziehen. Das wäre der zeitlich frühestmögliche Zeitpunkt eines Wiedersehens – gewesen; dann hätten die Worte Jesu nur Bedeutung für die wenigen Personen, die Jesu nach seiner Auferstehung tatsächlich mit Augen gesehen haben, zum Beispiel Thomas.

 

Doch sagt Jesus bei Johannes zu Thomas: „Weil du mich gesehen, hast, Thomas, so glaubst du. Selig sind, die nicht sehen und doch glauben!“ (Joh 20,29). Das „Wiedersehen“ mit Jesus muss also ein anderes Sehen meinen als die leibliche Anschauung des Auferstandenen.

 

Das andere zeitliche Extrem wäre die endzeitliche Wiederkunft Jesu, die so genannte Parusie. Diese kann – zumindest aus unserer Perspektive – aber zumindest nicht ausschließlich gemeint sein, denn sie lässt schon mehr als „eine kleine Weile“, wie Jesus es in Aussicht stellt, auf sich warten.

 

Zur Entschlüsselung braucht es noch einen weiteren Baustein: Jesus verschwindet nach seinem Kreuzestod, ist „nicht mehr (leiblich) zu anzuschauen (theoreîn)“, er “geht zum Vater“. Wenn Jesus weg und „unsichtbar“ ist, dann, so sagt er an anderer Stelle in den Abschiedsreden: werde er den „Tröster“ an seiner Stelle senden.

 

„Wenn der Tröster kommt, welchen ich euch senden werde, vom Vater, der Geist der Wahrheit, der vom Vater ausgeht, der wird zeugen von mir.“ (Joh 15, 26).

 

Der „Tröster“, der „Geist der Wahrheit“, das ist der Heilige Geist, der zu Pfingsten in die Welt kommt. Der Heilige Geist birgt die Gabe, das Wort Gottes und des Glaubens, dass Christus Gott ist, zu verkündigen. Und Pfingsten – das ist tatsächlich „eine kleine Weile“ aus der Perspektive unmittelbar vor Jesu Kreuzigung.

 

Und wie „sehen“ wir nun Jesus seit dem ersten Pfingstfest im Sinne von „ópsesthai“? Wir „sehen“ ihn nicht mit unseren Augen; wir „sehen“ auf andere Weise, wir sehen ihn, indem wir – mit dem „Tröster“ an unserer Seite, unter dem Einfluss des Geistes der Wahrheit – das Wort Gottes hören. Das Hören des Wortes Gottes ist das neue(Wieder)Sehen Jesu.

 

„ópsesthai“ ist also eine Chiffre, mit der bei Johannes die Bedeutung des Wortes für die künftige Begegnung des glaubenden Menschen mit Jesus verschlüsselt ist. „ópsesthai“ reicht über die österliche leibliche Auferstehung hinaus; das „(Wieder)Sehen“ mit Jesus braucht die Ausschüttung des Heiligen Geistes zu Pfingsten. Wir müssen aber nicht bis zu Jesus endzeitlicher Wiederkehr warten. Der „Tröster“ hat mit seinem Erscheinen die Zeit beendet, in der wir Jesus „nicht (mehr) sehen“, in der er „unsichtbar“ ist. Unter seiner Wirkung öffnet das „Wort“ uns die Augen, und wir können Jesus durch die „Brille“ des Wortes wieder sehen. 

 

Schon auf der rein sprachlich-lautlichen Ebene lässt sich im Griechischen eine Verbindung zwischen dem „(Wieder)Sehen“ mit Jesus im Wort und dem Verb ópsesthai herstellen: „ópsesthai“ enthält den Wortstamm „op-“. Dieser bedeutet natürlich im Griechischen zuallererst das Sehen mit den Augen, das Antlitz, Gesicht (ops, opós); aber das gleiche Wort, der gleiche Stamm „op-“ existiert auch in der Bedeutung: „Stimme, Laut, Wort“. Wir kennen diesen Wortstamm in leicht veränderter Gestalt als „Ep-os“. Etymologisch-wissenschaftlich mag diese Verbindung kühn erscheinen; für den griechisch sprechenden Menschen aber klingt „op“ – „das Wort“ aber rein lautlich mit und wird verstanden, wenn es heißt: „ópsesthé me“: „ihr werdet mich (wieder) sehen – aber (eben) anders, als ihr mich zuvor gesehen habt“. Deshalb mag Johannes gerade dieses griechische Verb für diese Art des Sehens gewählt haben.

 

Wenn wir erkennen, dass die Begegnung mit Jesus sich seit Pfingsten durch das Wort vollzieht, sind wir bei Martin Luther. Luther spricht niemals vom Übersinnlichen, sondern vom Unsichtbaren, welches aber hörbar ist. Durch das Wort und das Gehör gesellt sich der sichtbaren Welt die unsichtbare Welt: die Welt des Geistes oder das Reich Gottes.

 

„Gott verdichtete sich zuerst als Form, und wir nennen ihn dann Kraft; dann als Tat, und wir nennen ihn dann Liebe; und dann als Wort, und wir nennen ihn Geist. Der Geist also ist im Wort.“ So entwickelt es Ricarda Huch in ihrem Büchlein „Luthers Glaube“, das 1916 im Ersten Weltkrieg, ein Jahr vor dem 400jährigen Jubiläum der Reformation  erschien. Auf der ersten Seite trägt das Buch wie eine Widmung nur die Worte: „visibilia et invisibilia“  - „Sichtbares und Unsichtbares“.

 

Luther selbst hat es noch wortgewaltiger ausgedrückt: „Die Sprache ist die Scheide, in der das Messer des Geistes steckt.“

 

Sein Lied „Ein feste Burg ist unser Gott“ haben wir gerade gesungen; das „Wort“ spielt auch darin eine unaufdringliche, aber tragende Rolle:

 

„Und wenn die Welt voll Teufel wär und wollt uns gar verschlingen,

so fürchten wir uns nicht so sehr, es soll uns doch gelingen.

Der Fürst dieser Welt, wie sau’r er sich stellt, tut er uns doch nicht;

Das macht, er ist gericht‘: ein Wörtlein kann ihn fällen.

 

Jede Glaubenserkenntnis, jede Verkündigung, jede religiöse Lehre, so Martin Luther, muss sich immer und ausschließlich am Buchstaben und am Geist des Wortes Gottes, niedergelegt in der Bibel, messen lassen. Allein das verkündigte Wort Gottes ist Richtschnur für den Glauben und ermöglicht die Begegnung mit Jesus Christus –„allein durch das Wort“/ solo verbo.

 

Sie haben in Kopie ein Bild von Lucas Cranach dem Älteren in Händen, gemalt auf dem Sockel des Haupt-Altars der Stadtkirche St. Marien in Wittenberg, des so genannten „Reformationsaltars“. Entstanden ist es im Jahr 1547.

Links sitzen und stehen die Gemeindeglieder. Am rechten Bildrand steht Martin Luther mit ausgestreckten Armen im Talar auf der Kanzel. Seine ausgebreiteten Hände zeigen auf Christus am Kreuz, das in der Mitte zwischen der Gemeinde und ihm im leeren Kirchenraum aufgerichtet ist.

 

Im Bild beschrieben wird hier der Vorgang, wie Martin Luther der Gemeinde durch das mündliche, das gepredigte Gotteswort den Gekreuzigten vor Augen entstehen lässt und Jesus durch die Verkündigung des Evangeliums zur sichtbaren Gestalt wird.

 

Das „WiederSehen“ mit Jesus durch das Wort ist hier Bild geworden. Die Verheißung aus Johannes’ ópsesthé me!, und die lutherische Überzeugung des solo verbo/ allein durch das Wort werden im Bild verknüpft zur Gewissheit, dass uns seit dem ersten Pfingstfest die Begegnung mit Gott im Hören seines Wortes nicht mehr zu nehmen ist. 

 

 

Amen