Predigt von Prof. em. Dr. Rainer Preul zum Heiligabend 2017

Christvesper 2017 in der Universitätskirche

Predigt über 1 Joh 4,9

 

 

Darin ist erschienen die Liebe Gottes unter uns, dass Gott seinen eingeborenen Sohn gesandt hat in die Welt, damit wir durch ihn leben sollen.

 

Zu Weihnachten, liebe Gemeinde, muss man jedesmal versuchen, irgendwie das ganze Christentum zu erklären, den ganzen christlichen Glauben. Denn die entscheidende Frage zu Weihnachten ist ja doch, was denn durch die Geburt Jesu eigentlich in die Welt gekommen ist. Und die Antwort darauf kann nicht sein, jedenfalls nicht in erster Linie, die Weihnachtsbäume, die Weihnachtsmärkte und was sonst noch alles zur äußeren Erscheinung des Weihnachtsfestes gehört. Die Antwort kann nur lauten: das Christentum, der christliche Glaube als eine neue Art der Gottesbeziehung und eine neue Epoche in der Weltgeschichte, weshalb wir auch unsere Zeitrechnung an dieser Geburt und nicht mehr an der Gründung der Stadt Rom ausrichten. Das ist nun also zu erklären, und zwar so, dass man nach Möglichkeit zustimmen kann, dass wir sehen: der christliche Glaube als Folge dieser Geburt ist ein Segen, ein Segen für jeden Einzelnen und für die Welt.

 

Dazu dient uns der ausgewählte Spruch aus dem 1. Johannesbrief. Ich habe ja auch in meiner früheren Zeit als Universitätsprediger für die Christvesper immer wieder einen einzelnen Spruch ausgesucht, der den Blick auf das Wesentliche des christlichen Glaubens lenkt, jeweils unter einem bestimmten Gesichtspunkt. Unser heutiger Spruch tut das, indem er von der Liebe spricht: von der Liebe Gottes zunächst und dann auch von der Liebe, die unser durch Christus gwonnenes Leben bestimmen soll.

 

Nun können wir aber nicht sofort mit der Liebe Gottes beginnen. Denn das ist doch klar: Wir könnten nichts, rein gar nichts von der christlichen Botschaft von der Liebe Gottes – seiner Liebe zum Menschen, zur Welt und zu allen Kreaturen – verstehen, wenn wir nicht schon die menschliche Liebe kennen würden, wenn wir mit ihr nicht schon bestimmte Erfahrungen gemacht hätten. Von diesen Erfahrungen aus machen wir uns auch eine Vorstellung von der Liebe Gottes zu seinen Geschöpfen. Denn diese Liebe kann ja nicht etwas gänzlich anderes sein als unsere Liebe, die wir schon kennen. Ein wesentlicher Unterschied ist nur, dass uns die Liebe Gottes oft ungewiss ist, während wir die menschliche Liebe – dass es sie gibt, wenn auch zu wenig – nicht bezweifeln können. Aber die Liebe Gottes, gibt es die überhaupt? So fragen wir gerade als Christen immer wieder, während dezidierte Atheisten sich diese Frage abgewöhnt haben, weil Gott für sie eine Illusion ist.

 

Reden wir also in einem ersten Schritt von der menschlichen Liebe, die wir alle schon kennen, um dann im zweiten Schritt die Frage nach der Liebe Gottes zu stellen, die mit der Erscheinung Christi in der Welt eine präzise Antwort erhalten hat. Und ganz zum Schluss kehren wir noch einmal zur menschlichen Liebe, wie sie nun besonders das Leben von Christenmenschen bestimmen soll, zurück.

 

 

Also – Punkt 1 – die menschliche Liebe, die wir schon kennen. Wie kennen wir sie denn? Wir kennen sie wohl schon aus allerfrühesten Erlebnissen, noch bevor wir sprechen konnten, als die Eltern, besonders wohl die Mutter, sich uns leiblich zu erleben gaben. Da spürten wir bereits die Liebe, ihre Wärme und Wohltat. Und von daher entwickelt sich auch das lebenslange Bedürfnis nach Liebe, gerade indem auch immer wieder ihr Mangel erlitten wird. Wenn wir dann über die Liebe reden wollen, dann helfen Begriffe und Definitionen nur wenig. Die Liebe ist so vielfältig in ihren Erscheinungsformen, dass sie sich kaum definieren lässt. Versuchen wir es mal kurz, dann können wir etwa sagen: Liebe ist Hilfeleistung, die nicht einfach aus Pflicht, sondern aus Neigung geschieht. Oder: Liebe ist das Gegenteil von Hass und mehr als Gleichgültigkeit. Wir sehen, das ist zwar richtig, auch nicht ganz nutzlos, aber es führt nicht sehr weit. Paulus definiert die Liebe gar nicht in seinem berühmten Hohenlied der Liebe in 1 Kor 13, sondern er zählt auf, was sie tut bzw. nicht tut: „Die Liebe ist langmütig und freundlich, sie eifert nicht, sie treibt keinen Mutwillen, sie bläht sich nicht auf, sie verhält sich nicht ungehörig, sie sucht nicht das Ihre, sie lässt sich nicht erbittern, sie rechnet das Böse nicht zu sondern freut sich an der Wahrheit“ und noch einiges mehr.

 

Wir orientieren uns entsprechend an konkreten Beispielen, Vorstellungen, Szenen oder Schicksalen. Wir sagen bezeichnenderweise: Liebe ist, wenn ... Oder, sprachlich besser: Es ist Liebe, wenn ... Wenn was?  Es ist Liebe, wenn zum Beispiel zwei Menschen in Zuneigung und Vertrauen ein Leben lang verbunden bleiben und vielleicht am Ende einer den anderen in Geduld und Hingabe pflegt. Oder es ist Liebe, wenn Eltern ihre Kinder so erziehen, dass sie zwar immer für sie da sind und die Kinder das auch spüren, aber sie nicht an sich binden, sondern ihnen zu einem selbständigen Leben verhelfen. Es ist auch Liebe, wenn man wirklich und tief trauert, denn ohne Liebe könnten wir gar nicht trauern, sondern allenfalls bedauern. Ich könnte mehr Beispiele nennen. Liebe ist ein unerschöpfliches Thema. Ich füge nur noch hinzu, dass, wo Liebe ist, nicht immer Eintracht herrschen muss. Auch Don Camillo und Peppone lieben sich eigentlich, obwohl sie sich permanent beharken.

 

Natürlich wäre auch von der Pathologie der Liebe zu reden. Liebe kann misslingen, sie kann erkalten zur Gleichgültigkeit oder sogar in Hass umschlagen. Sie kann auch als Zwangsmittel eingesetzt werden, indem man – etwa die Eltern den Kindern – mit Liebesentzug droht. Und da wir uns Liebe immer an konkreten Beispielen vergegenwärtigen, kann man daraus auch Bedingungen ableiten, durch deren Erfüllung jemand seine Liebe beweisen soll. Nun sei mal auch so ein Held! Wenn du mich liebst, musst du das und das tun. Das können große Forderungen sein. Du musst dich von deinen Freunden trennen, wenn du mich liebst. Oder – nicht ganz so schlimm, aber doch ziemlich happig –: du musst das Rauchen aufgeben. Es kann auch ganz albern werden. Wenn du mich liebst, musst du Knoblauch mögen; ich las dieses skurrile Beispiel für die Tücken der Liebe in einem einschlägigen psychologischen Buch.

 

Dennoch: Trotz aller Tücken ist die Liebe, behaupte ich, wenn sie gelingt – was viel mit Vergebung und Vertrauen zu tun hat – das mit Abstand Beste in der Welt. Kant meinte, nur ein guter Wille könne uneingeschränkt als gut gelten. Ich denke, die Liebe ist besser. Sie ist auch ein höheres Gut als der Frieden; pax optima rerum, so heißt es ja im Wappen unserer Universität. Aber Frieden ist nur Waffenstillstand, äußere Sicherheit. Und das mag wohl das Höchste sein, was der Staat zustande bringen kann. Aber im Sinne von Humanität und der Bestimmung des Menschen ist die Liebe das höchste Gut, weil sie Inbegriff alles Guten ist. Sie ist Motiv und Kraft zur Verwirklichung all dessen, was gut für die Menschen und für die Gesellschaft und für die Schöpfung ist. Sie ist die Substanz, von der wir leben.

 

 

Soviel erst einmal zur menschlichen Liebe, die wir immer schon kennen. Die Frage ist nun: Wo kommt sie eigentlich her? Und dazu nun gleich meine zweite Behauptung, mit der wir zum zweiten Punkt, der Liebe Gottes übergehen. Die erste Behauptung war ja, dass sie, die Liebe, überhaupt das Beste ist, was in der Welt anzutreffen ist. Die zweite Behauptung lautet: Die Liebe kommt aus dem Ursprung aller Dinge, den wir Gott nennen, sie kommt direkt von Gott. Das würde bedeuten, dass Gott, der Schöpfer, immer schon mit dabei ist, wenn und wo und in welcher Form und Beziehung Liebe von Menschen empfunden und gelebt wird.

 

Darüber kann man natürlich streiten, während die erste Behauptung, dass die Liebe das Beste in der Welt ist, eigentlich unstrittig sein sollte. Denn was den Ursprung der Liebe und alles Guten, dessen Inbegriff sie ist, betrifft, so könnte man auch eine Erklärung ganz ohne Gott versuchen. Das Gute wie die Liebe entstünde dann einfach dadurch, dass die Menschen sich gegen das Böse und das Leiden, das sie beständig bedroht, zur Wehr setzen, Mittel dagegen erfinden, und die Summe all dieser Mittel wäre dann das Gute. Daran ist sicher einiges richtig, aber dennoch kann ich diese Lösung, die dem Bösen in der Welt gleichsam den absoluten Primat gibt, nicht als die Lösung gelten lassen. Denn wir erleben und erkennen ja sehr viel Böses überhaupt nur, weil wir das Gute und insbesondere die Liebe schon kennen und dann erleben, dass uns das genommen, vereitelt oder zerstört werden kann. Das Böse ist Raub am Guten, privatio boni, so der Fachausdruck. Nein, die Liebe ist etwas Ursprüngliches, und sie wird ja auch in jedem Leben, beginnend schon im Mutterleib, zuerst erfahren.

 

Damit ist aber noch nicht erwiesen, dass die Liebe aus Gott und Gott in aller Liebe präsent ist, so wie es wenige Verse nach unserem Text heißt: „Gott ist Liebe, und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm.“ Denn wir fragen natürlich: Wie und wo ist denn diese Liebe, in der Gott anwesend ist, zu erkennen? In der Geschichte mit all ihren Verbrechen doch wohl nicht! Dann vielleicht in der Natur? Das meinten etliche Philosophen, Theologen und Poeten in der Zeit der Aufklärung und Empfindsamkeit, denn in der Natur wie im ganzen Kosmos sei doch alles so sinnvoll und wunderbar ineinander gefügt. Nun, vielleicht ist die natürliche Welt ein Spiegel oder Abglanz der Größe, der Majestät, der unerschöpflichen Kraft und Erfindung ihres Schöpfers, vielleicht auch seiner Weisheit. Als Theologe kann ich auch nicht anders, als das zu bejahen. Auch die Intelligenz des Schöpfers, der alle Wissenschaften hinterherforschen, ohne sie jemals ganz einzuholen, scheint in der physischen Schöpfung auf. Aber auch seine Liebe? Nein, jedenfalls nicht eindeutig. Denn dazu sind neben allem, was uns in der Natur entzückt, doch zuviele zerstörerische Kräfte in ihr: tödliche Strahlen und Gifte, Tsunamis, Vulkanismus, Erdbeben, Tornados, Überflutungen und so weiter – und nicht zuletzt unendlich viel Grausamkeit, ich meine dieses pausenlose Fressen und Gefressenwerden, das mir aufs Gemüt geht. Diese Grausamkeit wird uns ja auch in entsprechenden Naturfilmen beständig vor Augen geführt. Sie kennen wohl alle die Bilder von den Krokodilen, die den Gnus auflauern, die einen Fluss überqueren müssen. Das Tollste, was ich mal gesehen habe, war eine etwa drei Meter lange Schlange, die eine andere, etwas kürzere Schlange in sich hineinzog. Wenn man – mir gehen ja immer wieder schräge Gedanken durch den Kopf – das senkrecht zerschneiden würde, erhielte man, etwas unappetitlich zu Weihnachten, einen perfekten Rollbraten. Abgesehen von solchem Unsinn, wüsste ich weder theologisch noch sonstwie weltanschaulich irgendetwas damit anzufangen. Auch Luther hat übrigens diese Art des Stoffwechsels irritiert. Die armen Tiere, bemerkt er, hätten nicht eine Stunde Ruhe voreinander. Wissen Sie z.B., wie die Kraniche schlafen? Sie schlafen im Stehen, und zwar stehen sie im flachen Wasser, damit der Fuchs nicht dran kann. Sei also froh, dass du kein Kranich bist, sondern dich heute Abend nach der Beschwerung vergleichsweise sicher in deinem Bett ausstrecken kannst! Ich habe mir mal übermütigerweise vorgestellt, ich dürfte Gott beraten, falls er die Welt noch einmal erschüfe. Lass alle Karnivoren, alle fleischfressenden Arten zu Lande, im Wasser und in der Luft weg, würde ich ihm empfehlen, das wäre doch schon etwas! Aber dann stellt sich gleich die Frage, ob er dann nicht auch den Menschen weglassen müsste; denn wir sind ja biologische Allesfresser wie die Bären und Wildschweine, damit auch Karnivoren – gerade zu Weihnachten. Das gilt auch für mich, der obligate Vogel für morgen und übermorgen taut gerade auf. Rousseau meinte ja, der Mensch sei von Natur aus kein Fleischfresser; wer anders denke, der könne ja mal versuchen, mit seinen bloßen Händen und Zähnen so ein Tier auf der Weide anzufallen. Die Belastungsfähigkeit eines solchen Experiments erscheint mir allerdings zweifelhaft.

 

Aber wie dem auch sei: Ohne das permanente Fressen und Gefressenwerden, ohne die schauerliche Seite der Natur, die ich hier so ausführlich geschildert habe, weil sie von allen Naturschwärmern, den poetischen wie den prosaischen, in aller Regel augeblendet wird – ohne das bliebe immer noch ungeheuer viel Leid, Unglück, Brutalität und Elend in der Welt, insbesondere das vom Menschen selbst angerichtete, so dass, trotz allem, wofür wir dankbar sein können, die Liebe Gottes bzw. dass Gott Liebe ist, wie es die Bibel bezeugt und wie ich es auch behauptet habe, aus der Welt und aus dem Kosmos nicht evident zu machen ist.   

 

Und daher musste sie – die Liebe Gottes – eigens unter uns erscheinen und uns durch Gottes Geist selbst gewiss gemacht werden. Das ist, in unserem Zusammenhang, die Pointe unseres Textes. „Unter uns“ das heißt in der Menschenwelt und in Menschengestalt. Gott schickte einen Abgesandten seiner Liebe in die Welt, der das Wesen und Wollen des Schöpfers als Liebe klar macht, indem er sie selber in  persona und rein verkörpert. Auf ihn allein müssen wir also schauen, wenn uns die ansonsten verborgene Liebe Gottes aufgehen und ergreifen soll. Denn er ist gesandt und kommt direkt aus dem liebenden Herzen des barmherzigen Vaters. Deshalb kann man ihn auch den eingeborenen Sohn nennen.

 

In ihm kommt die Liebe Gottes vorwiegend in der Form von Gnade und Barmherzigkeit zum Ausdruck und zur Wirkung. Denn er, der Sohn, ist allen Mühseligen und Beladenen zugewandt: den Kranken, die er heilt; den Geächteten und Ausgegrenzten, die er an seinen Tisch holt; den Armen, Hungernden, Leidtragenden, den in ihrer Sanftmut, Friedfertigkeit und Demut von den Starken Unterdrückten, die er selig preist; den an ihrer Schuld Tragenden und sich vor Gott Fürchtenden, denen er einen Zugang zu Gottes Gnade und Reich eröffnet. Allen, die nicht wussten, wie man richtig zu und von Gott redet, gab er die rechte Sprache: das Vaterunser und die Gleichnisse vom Gottesreich. Zugleich entlarvte er in Streitgesprächen mit seinen Gegnern deren lieblose und verderbliche Einstellungen und die Lebenslügen seiner Zeitgenossen; denn Liebe geht nur zusammen mit Wahrheit und Aufrichtigkeit.

 

Ja, der Sohn, dieser Jesus von Nazareth, dessen Geburt wir zu Weihnachten feiern, er tut Werke der Liebe in großer Zahl und Vielfalt. Und er bezeugt, dass diese Werke der Liebe zugleich und eigentlich Werke seines Vaters sind. Liebe Freunde, ich kann hier nicht alles aufzählen, was die vier Evangelisten über diese Werke berichten. Ich kann euch nur empfehlen: Lest die Evangelien unter dieser Leitidee: Er tut, handelnd und redend, Werke der Liebe als Werke seines Vaters. Dabei kann man offen lassen, ob das eine oder andere historisch zutreffend ist; es kommt auf das Gesamtbild, den Gesamteindruck an, und da darf man der Überlieferung trauen. Blickt also auf diesen Jesus von Nazareth, wie er euch in den Evangelien entgegentritt. Und wenn jemand da gar nichts sieht und spürt von der Liebe Gottes, dann ist ihm vorerst nicht zu helfen – wohlgemerkt: vorerst, denn die Wege Gottes zum Menschen sind so vielfältig und unvermutet, dass es uns nicht ansteht, irgendjemand ein für allemal aufzugeben.

 

Jesus Christus als Präsenz und Personifikation der Liebe Gottes, dazu gehört freilich auch sein Geschick, sein Leiden und Sterben für uns. Indem er sich über rabbinische Vorschriften hinwegsetzte – der Sabbat ist für den Menschen da und nicht umgekehrt – und indem er sich mit den Autoritäten seines Volkes anlegte, riskierte er sein Leben. Und er gab es schließlich hin, wenn auch nach Zittern und Zagen in Gethsemane, im Gehorsam gegen den Willen des Vaters. Und die Osterbotschaft besagt dann, dass das Geschick Jesu mit seinem Kreuzestod nicht beendet ist: Gott, der Vater identifiziert sich definitiv mit Jesus und nimmt ihn zurück in sein ewiges Leben und seine ewige Liebe, den Ursprung, aus dem er gekommen war.

 

Am Ende des zweiten Teils, bei dem wir jetzt angelangt sind, halte ich kurz inne, um noch einmal den Überblick herzustellen. Wir hatten uns im ersten Teil klar gemacht, dass die Liebe, wie wir sie schon kennen, das Höchste und Beste in der Welt und in unserem gemeinsamen Leben ist. Die anschließende Behauptung, dass diese Liebe aus Gott stammt, weil Gott selbst Liebe ist, konnte aus Natur und Menschenwelt nicht eindeutig bestätigt werden, sondern musste vorerst eine Frage bleiben, wenn auch eine sinnvolle Frage. Erst wenn uns die Liebe Gottes an der Person Jesu evident wird und Macht über unsere Herzen und Sinne gewinnt, verschwindet das Fragezeichen und wird zum Ausrufezeichen. Unsere Liebe ist damit zwar noch unsere, an unsere begrenzten Möglichkeiten gebundene Liebe, aber sie ist zugleich mehr als ein rein menschliches Phänomen, weil sie mit Gottes unbegrenzter und bedingungsloser Liebe ursprunghaft und dauerhaft verbunden ist. Diese Verbindung spitzt die Liebe zu zur christlichen Liebe.

 

 

Über diese christliche Liebe, also die Liebe in unserem Leben als Christenmenschen, zum Schluss noch zweierlei in Kürze. Sie will bedacht werden und sie will getan werden. Für beides ist die Weihnachtszeit besonders geeignet.

 

Denkt man nach über die Liebe, vielleicht auf dem Hintergrund dessen, was darüber in der letzten Viertelstunde schon gesagt wurde, dann kommt man zu weiteren Einsichten, die außerordentlich hilfreich und tröstlich sind. Denn die Liebe macht nicht blind, wie der Volksmund sagt, richtige Liebe macht sehend, bedachte Liebe macht einsichtig. Ich kann diese Einsichten hier nur andeuten. Es ist die Liebe, die unsere Gottesvorstellung über rein philosophische Gottesbegriffe hinausführt: Gott als das Absolute, die Einheit von Denken und Sein, der verborgene Grund von allem, was ist und geschieht ... Das sind Grenzbegriffe des Denkens, die auch in der Theologie eine Rolle spielen müssen, also keineswegs zu verachten sind, aber für Glaube und Frömmigkeit allein nicht hinreichen, weil dieser Gott gleichsam noch ohne Herz ist. Erst die Liebe gibt ihm ein Personsein, wozu man sich verhalten kann. Die Liebe erweist und bewährt sich dann als ein Schlüssel zum Geheimnis der Welt, ein Schlüssel zum Ganzen der Schöpfung und ihres Procedere in der Zeit. Eine Gesamtvision scheint uns auf: Denn kommt die Welt aus einem guten Grund, von einem Schöpfer, der seine Schöpfung liebt und ihr treu bleibt, sie erhält, dazu in aller Liebe präsent ist, dann führt er sie auch zu einem guten Ende, und zwar trotz aller Katastrophen zwischendurch. Das meint auch der Apostel Paulus, wenn er sagt: „Die Liebe hört niemals auf.“ (1 Kor 13,8) Diese Vision lässt uns aufatmen. Diesem Walten Gottes kann man sich überlassen und sich hingeben. Und man kann ihm dienen, daran aktiv mitwirken, indem man selbst Liebe übt.

 

Wunderbarerweise beginnt unser eigenes Leben nicht nur mit der Erfahrung von Liebe, man kann auch, wenn man Glück hat, in der Geborgenheit der Liebe sterben; denn die Fähigkeit, Liebe zu empfangen, zu spüren und in Zeichen auszutauschen, bleibt bis zum letzten Atemzug erhalten, auch wenn die körperlichen und geistigen Fähigkeiten dahinschwinden. Ja, die Liebe hört niemals auf. Das gilt schon anthropologisch; und wo die menschliche Liebe nichts mehr vermag, nämlich im Tode, da wirkt noch die göttliche Liebe, die schon in der menschlichen präsent war, aber darüber hinausreicht mit ihren unbegrenzten und ewigen Möglichkeiten. Und sofern man das weiß, weil einem die menschliche Liebe transparent geworden ist für die göttliche, ist sogar ein seliges Sterben möglich.

 

Die christliche Liebe als Verbindung von menschlicher und göttlicher Liebe will getan werden in guten Werken, die nach Luther allesamt aus dem Glauben und der Liebe fließen. Dann sollte unser von der Liebe motiviertes und geleitetes helfendes Handeln aber auch einen Verweis auf diesen Zusammenhang mit Glaube, Liebe Gottes und mit der christlichen Botschaft enthalten.

 

Ich erzähle dazu nur ein einziges Beispiel. Es ist nicht aus der Diakonie genommen, wo man reichlich fündig würde (bei den Mönchen der Alten Kirche, die die ersten Hospitäler einrichteten, über die Sozial- und Armenordnungen der Reformation bis zu Wichern und Bodelschwingh und zu Aktionen wie Brot für die Welt und Adveniat), auch nicht aus dem privaten Leben, sondern ausgerechnet aus der politischen Geschichte und zwar Preußens. Friedrich Wilhelm I, der Vater Friedrichs des Großen, ist bekannt geworden als der „Soldatenkönig“, weil er das preußische Heer aufbaute, wobei man aber wissen muss, dass er keinen einzigen Krieg führte, sondern nur gierige Nachbarn wie August den Starken abschrecken wollte. Bekannt ist hier auch seine Mustergarde der „langen Kerls“; er selbst war eher klein und dazu ziemlich korpulent. Bekannt ist ebenso, dass er seinen Sohn, den Kronprinzen, äußerst streng erzog, um nicht zu sagen drangsalierte, um ihn nach seinen rigorosen Vorstellungen, wie ein Thronfolger zu sein hätte, zu formen. Er war aber auch ein zutiefst frommer Mann, und als solcher hatte er noch andere Seiten. Im Jahr 1731 wurden zwanzigtausend Protestanten aus dem Fürstbistum Salzburg ihres Glaubens wegen vertrieben. Die rief Friedrich Wilhelm nach Preußen, gab ihnen Arbeit, Land aus den königlichen Domänen und integrierte sie auf vielfältige Weise. Bei einer Fahrt über Land begegnet ihm zufällig ein Trupp dieser Flüchtlinge. Der König lässt anhalten, steigt aus seiner Kutsche, begrüßt die Ankömmlinge, sagt ihnen verbindlich seine Hilfe zu und meint dann, man solle doch nun noch zusammen einen Choral singen, um gemeinsam Gott zu danken, dem hier alle Ehre gebürt. Könnt ihr „Auf meinen lieben Gott trau ich in Angst und Not. Er kann mich allzeit retten aus Trübsal, Angst und Nöten. Mein Unglück kann er wenden, steht alls in seinen Händen“? Natürlich kennen die Salzburger dieses aus Lübeck stammende Lied nicht. Da bringt der König es ihnen an Ort und Stelle bei und singt es ihnen höchstpersönlich vor. Hier ist alles zusammen: die tatkräftige Hilfe und der Verweis auf Gottes Liebe, und dazu kommt noch die Gemeinschaft, die so entsteht, eine Gemeinschaft zwischen oben und unten, fremd und einheimisch. Besser kann man es nicht machen als dieser kleine dicke König.

 

Ja, doch: Was durch die Geburt Jesu in die Welt gekommen ist, das hat sich immer wieder als wahrer Segen erwiesen und wird es weiter tun. Freue dich o Christenheit!

Amen.