Die Zukunft des Religionsunterrichts

Das traditionelle, historisch bedingte Bild eines konfessionellen Religionsunterrichts, der Schüler*innen nach Konfessionen getrennt im jeweils „eigenen“ Glauben „beheimatet“ und zu einem entsprechenden Bekenntnis motiviert, hat angesichts spätmoderner gesellschaftlicher Transformationsprozesse an Plausibilität verloren. Säkularisierungs-, Individualisierungs- und Pluralisierungsbewegungen lassen eine solche Form des Religionsunterrichts immer mehr als ein Relikt vergangener Zeiten erscheinen und fordern ein Nachdenken, was ein „konfessioneller“ Religionsunterricht heute bedeuten kann.: Welche Aufgaben kann konfessioneller Religionsunterricht (noch) erfüllen und welche Ziele sollte er künftig verfolgen? Wie kann er organisiert werden und was sind seine Alternativen?

Eine sinnvolle Grundlage für derartige Zukunftsüberlegungen ist eine methodisch fundierte Wahrnehmung der gegenwärtigen Realität in den Schulen. Dazu wurde 2013 bis 2017 an dieser Professur gemeinsam mit der Uni Flensburg und der Nordkirche eine Studie zum Umgang mit religiöser Vielfalt im konfessionellen Religionsunterricht (ReVikoR) erarbeitet. In diesem Kontext wurden zahlreiche Lehrer*innen und Schüler*innen in Schleswig-Holstein auf verschiedene Weise dazu befragt, wie sie religiöse Vielfalt im konfessionellen Religionsunterricht erleben. Der große Fundus an Ergebnissen lieferte zahlreiche Impulse für Diskurse und religionspädagogische Lehre.

Ein besonderer Perspektivwechsel im Hinblick auf den Religionsunterricht wird bei uns durch das reli:labor im Rahmen der Kieler Forschungswerkstatt inszeniert: Hier können Schüler*innen der Mittel- und Oberstufe das Fach Religion aus einer wissenschaftlichen Perspektive kennenlernen und die Universität als außerschulischen Lernort erleben. Das reli:labor wird als Lehr-Lern-Labor gemeinsam von Lehrenden und Studierenden angeleitet, die aktuelle und innovative Ansätze aus unterschiedlichen Bereichen der Theologie forschungsbasiert, praxisorientiert und lerngruppenbezogen aufbereiten und anhand von existenziellen Themen mit den Schüler*innen diskutieren: Bin ich frei? Wie sieht eine gerechte Gesellschaft aus? Auf wen kann ich vertrauen? Was bedeutet Verantwortung? Auf diese Weise lassen sich Lehrende, Theologiestudierende und Schüler*innen gemeinsam auf einen Entdeckungsprozess ein, in dem individuelle Meinungen wertgeschätzt und alle Beteiligten als Dialogpartner*innen auf Augenhöhe angesehen werden. Die Jugendlichen werden dabei vor allem in ihrer Diskursfähigkeit und Urteilskompetenz gefördert.

Lehre:

Neben der Thematisierung der Zukunft des Religionsunterrichts in der religionspädagogischen Vorlesung und den fachdidaktischen Lehrveranstaltungen werden immer wieder Proseminare und Übungen zu diesem Thema angeboten. Diese verlassen auch den universitären Raum der Überlegungen, wie z.B. in einer von Silja Leinung angebotenen Übung, in der ein Atlas außerschulischer interreligiöser Lernorte in Schleswig-Holstein erstellt und anschließend digitalisiert wird.

 

Forschung:

Die gerade abgeschlossene Dissertation von Antonia Lüdtke fragt nach einem der heutigen Realität angemessenen Verständnis von „konfessionellem Religionsunterricht“.

 

Publikationen:

  • Uta Pohl-Patalong/Johannes Woyke/Stefanie Boll/Thorsten Dittrich/Antonia Lüdtke): Konfessioneller Religionsunterricht in religiöser Vielfalt. Eine empirische Studie zum evangelischen Religionsunterricht in Schleswig-Holstein, Stuttgart 2016
  • Uta Pohl-Patalong/Stefanie Boll/Thorsten Dittrich/Antonia Lüdtke/Claudia Richter: Konfessioneller Religionsunterricht in religiöser Vielfalt II. Perspektiven von Schülerinnen und Schülern, Stuttgart 2017
  • Antonia Lüdtke/Uta Pohl-Patalong: „Konfessionalität“ des Religionsunterrichts? Wandlungen des Begriffs im Kontext religiöser Heterogenität, PrTh 53, 2018, 84-90
  • Uta Pohl-Patalong: Mehrperspektivischer Religionsunterricht – eine Modellidee aus Schleswig-Holstein, in: Konstantin Lindner u.a. (Hg.): Zukunftsfähiger Religionsunterricht. Konfessionell – kooperativ – kontextuell, Freiburg 2017, 213-237
  • Antonia Lüdtke/Uta Pohl-Patalong: Religiöse Pluralität im konfessionellen Religionsunterricht. Empirische Wahrnehmungen der ReVikoR-Studie in Schleswig-Holstein, PrTh 51, 2016, 166-177