Ausführliche Projektskizze (Deutsch)

Beschreibung des Vorhabens

  

1 Stand der Forschung und eigene Vorhaben

 

Vorsatz: Die Projektskizze steht bis heute in Geltung. Das Forschungsvorhaben wurde ergänzt um die Anregungen seitens der DFG zur Vertiefung amerikageschichtlicher Hintergründe. – Zugleich ist ein verstärktes öffentliches Interesse am Thema wahr zu nehmen. Um „der Geschichte ein Gesicht zu geben“ erfolgen auch für die interessierte kirchliche Öffentlichkeit begleitende Publikationen zu den Inhalten der Forschungsarbeit. 

  

„TraumA-merika“

( Einflüsse lutherischer Theologie durch deutsche Auswandererpastoren aus Breklum, Kropp und Hamburg und deren geistliche Begleitung der Emigranten im 19. und 20. Jahrhundert und ihre Auswirkungen auf gegenwärtige deutsch-amerikanische Beziehungen in Kirche und Gesellschaft.)

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1. Zur Relevanz der Thematik – Eine konzeptionelle Zusammenschau:

Der Mythos von einer freien, wohlhabenden und weiten Welt ist bis heute ungebrochen. Die Sehnsucht nach dem gelobten Land, dem Himmel auf Erden, lässt Migrationsbewegungen unaufhaltbar erscheinen. Für viele ist es – immer noch – der „Traum Amerika“. Nicht nur die frühere Außenministerin Rice beschwört den ungebrochenen ‚Messianismus‘ und die besondere Rolle ‚Amerikas‘ in der heutigen Weltgeschichte. Auch bei uns in Mitteleuropa folgen bis heute Akademiker, Abenteurer und ‚Träumer’ dem Ruf ‚Go West!’. Es ist ein vielseitig schillernder und durchaus ambivalenter Slogan für eine solche Traumreise in ein vermeintlich irdisches Paradies. Ist es den Kennedys und den Kings und nun auch den Obamas gelungen, „das irdische Leben so reich und vielseitig zu machen, dass…(wir, Verf.) der Ewigkeit nicht mehr bedürfen“ (F.D.E. Schleiermacher, Reden)? Wir haben auch als Deutsche einen Traum von Amerika, von „God’s own country“. – Auf populärer Ebene zeigen die Feiern und die veröffentlichte Meinung zu Karl Mays 100sten Todestag 2012 ähnliche Tendenzen auf.

Die Aufbruchsstimmung reicht weit zurück bis in die Anfänge des Booms der (Massen-)
Auswanderungsbewegungen im 19ten Jahrhundert. Bei den Abermillionen deutschsprachiger Menschen nimmt die Studie ihren Ausgang: Seit der Entdeckung der „Neuen Welt“ erleben wir in der jüngeren Geschichte eine Sogwirkung eines Auswanderungsgefälles, insbesondere in die Vereinigten Staaten von Amerika und nach Canada. Im vorletzten und Anfang des letzten Jahrhunderts verließen große Emigrantenströme den deutschsprachigen Raum. Einschlägige Quellen schätzen deren Zahl auf über sieben Millionen. So zählt der amerikanische Zensus heute 60 Millionen, ein Viertel seiner Bevölkerung, nach deutscher Abstammung. (Diese Zahl ist freilich im Forschungsgefüge zu hinterfragen.) – Merkwürdig, dass unsere Schul- und Geschichtsbücher über diesen Aderlass und die Migrationsdramatik kaum berichten und diese kaum problematisieren. Sind die Zeichen richtig gedeutet, scheint im Bildungsbereich erst allmählich ein historischer Horizont auf, der die Weggegangenen in eigener Betroffenheit thematisiert. Diese Studie will einen Beitrag dazu leisten und das Thema nachhaltig in das öffentliche Bewusstsein bringen. (Kolloquien, Geschichtswerkstätten, gezielte Öffentlichkeitsarbeit, Veröffentlichungen, gymnasiale Auswanderer-Musicals, Neugründungen Deutsch-Amerikanischer Gesellschaften tragen im Gefolge der Kieler Amerikaforschungen dazu bei. Vgl.DFG  Modul 4.6/4.7)

Bei den Vielen handelt es sich um eine „lost generation“, eine verlorene Generation eigener Prägung. Dank gebührt den Verantwortlichen für die nunmehr vorhandenen Auswanderungsmuseen in Hamburg und in Bremerhaven. Besuche sind sehr zu empfehlen und ein Zugewinn für den ‚Sitz im Leben‘.  Für unseren Nordbereich besonders hervorzuheben ist das Auswandererarchiv des Nordfriisk Instituuts in Bredstedt mit seiner wissenschaftlichen Begleitung durch die Universität in Flensburg. Die Zusammenarbeit ist problemlos und fruchtbar.

Weder Staat noch Kirche haben damals verantwortlich reagiert und vermittelt. Es waren mehr oder weniger - in heutiger Sprache – „NGOs“, Einzelinitiativen von Dorfpastoren, die sich der Emigranten angenommen haben. Dazu zählen die kirchlichen Missionseinrichtungen in Breklum und in Kropp und auch in Hamburg (Rauhes Haus) als eigene eingetragene Vereine der jetzigen Nordelbischen Evangelisch-Lutherischen Kirche. (Seit Pfingsten 2012 Teil der Nordkirche.)

Zwei Zäsurdaten verlangen förmlich nach der Beantwortung vieler offener Fragen: Zum einen gedenken wir 2014 des Ersten Weltkrieges und v.a. auch begehen die Vereinigten Staaten 2017 die einhundert jährige Wiederkehr des Kriegseintrittes – mit den verheerenden Folgen für alle Deutschamerikaner in Nordamerika und den damit einhergehenden Brüchen in der transatlantischen Familien-Geschichte. Hierzu gibt es einschlägige Fachliteratur zum Thema. Zum andern begehen wir 2017 „500 Jahre Reformation“. Hier stellt sich schon geistesgeschichtlich die Frage nach der Prägekraft der Deutschamerikaner in neuer Lebenssituation; – in konfessioneller Zuspitzung „Hat Martin Luther uns erreicht – in den gesellschaftlichen Veränderungsprozessen Nordamerikas?“ Und wie sieht es aus mit der Anschlussfähigkeit des Luthertums im Kontext einer cross cultural theology im Konzert der Religionen? Hierbei handelt es sich um eine echte Zukunftsfrage für die Wirkmächtigkeit des Christentums angesichts der These vom clash of cultures bzw. civilizations.

Das hier reformulierte Forschungsprojekt, das vom Institut für Systematische Theologie und dem Zentrum für Ethik der Christian-Albrechts-Universität Kiel (Prof. Dr. Hartmut Rosenau) wissenschaftlich betreut wird, nimmt sich über einen biographischen Ansatz [Vgl. Modul 2.3] der komplexen Materie an, führt den Diskurs im Kollegenkreis und hat einen Dialog eröffnet zur vertieften geschichtlichen und gegenwartsrelevanten Bewusstseinsbildung (Symposien, Austauschtagungen, Begegnungseinladungen).

Eine mittlerweile eingetretene nüchterne Erfahrung zu den Quellen der Forschungen ist zu nennen:  Das Amerikaprojekt an der CAU stützt sich v. a. auf die Archive der Nordamerikanischen Kirchen, die bisher weitgehend vor sich hin schlummern. Diese field studies gehören weiterhin zur conditio sine qua non. Eine gründlicher Archivarbeit in den einschlägigen Archiven in den Predigerseminaren und Instituten Deutschlands, insbesondere Schleswig-Holsteins, erweist sich als nur begrenzt tragfähig. Zuviel Material und Dokumentationen sind abhanden gekommen und eben für die Forschung nicht mehr vorhanden. Große Anstrengungen unternimmt die Forschungsstelle in Verbindung mit der unentbehrlichen wissenschaftlichen Hilfskraft ‚indirekte‘ Quellenmaterialien auf Zugewinn hin zu untersuchen (z.B. siebzig Jahrgänge des deutschsprachigen „Kirchlichen Monatsblatt“ in Nordamerika).

Die Nordelbische Evangelisch-Lutherische Landeskirche begrüßt weiterhin in all ihren Entscheidungsorganen (Bischofskollegium, Kirchenleitung, NEK-Kirchenamt) das Forschungsvorhaben – und trägt dafür die Personalkosten für Dr. Helmut Edelmann.

Dass es sich bei dem Forschungsprojekt gleichwohl nicht nur um eine ausschließlich historische Arbeit handelt, sondern ausgehend von den historischen Fakten die Interpretationshoheit bei den Deutemustern ‚Lutherischer Theologie‘ in der Gegenwart anstrebt, dürfte durch die Zugangsbeschreibung deutlich geworden sein. – Es geht um eine historische und um eine systematisch-theologische Perspektive.

Umso sorgfältiger ist auf eine angemessene Begrenztheit der ‚manpower‘ zu achten. Jährliche Kolloquien an der Theologischen Fakultät helfen dabei,  realisierbare Zielorientierungen zu implementieren.- Weitere drei Jahre sind für das Forschungsprojekt in den Blick zu nehmen.

 

2.  Historische Perspektiven

An den Personen und Biographien der entsandten pastoralen Kulturträger aus den drei norddeutschen Predigerseminaren setzte die Forschungsarbeit dieser Studie an.

1. Die Eingangsaufgabe besteht weiterhin darin, die Fakten der Migrationsbewegungen nach Amerika im 19ten und 20sten Jh. mit den räumlichen Schwerpunkten Schleswig-Holstein und Hamburg zu erheben und darzustellen. Hierzu kann teilweise auf Vorarbeiten zurückgegriffen werden. Die Zusammenarbeit mit dem Leiter des Auswandererarchivs am Nordfriisk Instituut in Bredstedt, Dr. Pauseback, verläuft problemlos. Prof. Dr. Steensen von der Universität Flensburg, der Leiter der nordfriesischen Einrichtung, hat weiterhin seine Unterstützung zugesagt.

Eine erste Bewertung erfolgt sonach unter der Fragestellung: „Was fehlt in unseren Geschichtsbüchern?“ Die Mobilisierungs- und Ausreisefaktoren sind vertieft zu beschreiben. Dazu gehören die Aspekte der ‚Druckfaktoren’ wie wirtschaftliche Not, Flucht und Abenteuer ebenso wie die ‚Anziehungsfaktoren’ Existenzsicherung, Traumrealisierung/Goldrausch und Freiheitsstreben. Diese Push- und Pull-Faktoren sind einzuzeichnen in die Sozialgeschichte während der industriellen Revolution und in die politischen Erhebungen unter preußischer Habhaftmachung der nördlichen Provinzen.

Zu beschreiben sind die Bewegungsströme der Emigranten bzw. der Immigranten in den Vereinigten Staaten und in Canada, näher fokussiert in den Siedlungsgebieten, den Ansiedlungen, Dörfern und Städten. Hierzu wird nachwievor von kirchlicher Seite in den USA und Canada besondere Unterstützung erhofft und gewährt. Aufgrund der bereits erfolgten Forschungsarbeit kommt Brasilien als ein kleiner Ableger der (Latein-)Amerikaarbeit dazu. Das Gesamtunternehmen führt zu der Zielgruppe „Pastoren für Amerika“ und den damit verbundenen deutschen und nord- und südamerikanischen  Ausbildungsinstituten und Archiven.

2. Umfassende Erforschung der Ausbildung, der Entsendung und des Einsatzes der in den Breklumer und Kropper Predigerseminaren beheimateten „Sendlinge“: Nicht nur von 500, sondern von bis zu 600 ausgebildeten Sendlingen ist die Rede – im Kontext von ca. 5000 für das gesamte deutschsprachige Reich. Einzelne Gruppen sind bekannt. Hierzu bedarf es eines Namensregisters in der Darstellung von Kurzbiographien, Entsendungs- und Einsatzorten, der Wirkungsgeschichte und der Zu- und Einordnung aus heutiger Sicht. Die Digitalisierung ist bereits erfolgt. Hinzu kommt die Beschreibung der staatsbeamtlichen und der staatsmännischen Aufgaben und Funktionen, die von den Pastoren wahrgenommen worden sind.

So eröffnet die Darstellung der Geschichte der „Breklumer Mission“ und der Kropper Ausbildungsstätte in Fürsorge für die Migrationströme im 19ten und 20sten Jahrhundert zugleich den Austausch mit den Lutherischen Kirchen in Amerika und damit den Diskurs zur Beurteilung des damaligen und darauf aufbauend zum gegenwärtigen. nordamerikanischen Protestantismus. Mit dem Leitungsgremium der ELCA in Chicago und der Kirchenleitungsebene der NEK sind bereits entsprechende Schritte verabredet. Manches kann über das US-amerikanische Wittenberg Center in der deutschen Lutherstadt ortsnahe bearbeitet werden. Erstkontakte gibt es zur LC-MS, dem eher konservativere Luthertum der Missourianern mit der Zentrale in St. Louis/Missouri.

3. Vom wissenschaftlichen Verfahren her arbeitet die Studie, wie bereits erwähnt, mit einem biographischen Ansatz. Sie geht von der Lebensgeschichte einzelner aus, beschreibt das Geschehene nahe an den Lebensläufen entlang und bestimmt Situationsmerkmale, die erst im Nachgang zu Verallgemeinerungen führen können: In welche vorfindlichen Situationen sind die Auswanderer gekommen? Was hat sie erwartet? Wie wurden sie aufgenommen?

Diese Fragen führen zur Geschichte der USA und Canadas. In deren Eckdaten in Berührung mit den Einwanderern sind vor allem die kirchlichen Befindlichkeiten und gegebenen Fakten einzuzeichnen. Dazu ist eine kurze Darstellung der kirchlichen und der lutherisch-protestantischen Tradition sinnvoll, in die die Auswanderer hineinkamen. Von großem Interesse ist in diesem Zusammenhang die Frage nach der Prägekraft der mitgebrachten „deutschen“ Kirchlichkeit und der Glaubenstraditionen sowie ihrer Theologie. Teilrevisionen der amerikanischen Geschichtsschreibung sind angezeigt.

4. In diesem Kontext ist ein Blick auf das amerikanische Verhältnis von Kirche und Staat, Politik und Glaube in ihrer Geschichte nötig. Angesichts einer Fülle von Literatur, die zwar angezeigt werden kann, aber  hier nicht wiederholt zu werden braucht, geht es um eine Zuordnung zur lutherischen Zwei-Reiche/Regimenten-Lehre, einer Verhältnisbestimmung in der Zusammenschau und Differenz von gesellschaftlicher Politik und kirchlichem Auftrag. – Zur Diskussion gestellt werden muss auch die Deutung der reformatorischen Rechtfertigungsbotschaft im Kontext eines sog. Mainstreamglaubens. Denn anders als expressis verbis in Europa und in Deutschland ist Religion in den USA abweichend von der Verfassung erklärtermaßen für Politik eine Stütze. Hierzu war und ist der Kontakt zur Society for German-American Studies, einer amerikanischen Einrichtung, und die bereits erfolgte Teilnahme an Studientagungen nützlich.

Dies führt bereits zu einem weiteren Hauptanliegen der Studie. Es geht um die Gegenwartsperspektive der transatlantischen Beziehungen nach Jahrhunderten einer durch massive Brüche gekennzeichneten Inkulturationverwerfungen, um die Wiederbegegnung in einer fremd gewordenen Beziehung, um die Wiederbelebung einer vernachlässigten transatlantischen Partnerschaft.

 

3. Zur Gegenwartsperspektive einer gemeinsamen Geschichtsschreibung und einer lebendigen Wertegemeinschaft

Das Forschungsprojekt fokussiert die Themenstellung im christlich-kirchlichen Horizont als einen Brückenpfeiler für gut nachbarschaftliche Beziehungen und für eine solide sozialethische Verantwortungsgemeinschaft.

1. Zur Wiederbelebung transatlantischer (kirchlicher) Partnerschaften nach dem II. Weltkrieg: Hier sind zunächst die zeitnahen Reaktionen insbesondere aus Nordamerika zu vergegenwärtigen. Bereits 1946 gab es eine Art Flensburger Kongress mit einer bedeutenden Rede eines amerikanischen Abgesandten. Darin wird bereits auf eine künftige gemeinsame Verantwortungsgemeinschaft abgehoben, ohne Schuldzuweisung und Reserven.

2. Kirchenpolitisch kam es auf amerikanische Initiative hin zur Stärkung der internationalen – und damit auch der bilateralen, freilich zeitlich begrenzten – ökumenischen Beziehungen. So erfolgte bereits 1947 die Gründung des Lutherischen Weltbundes (LWB) in Lund/Schweden mit dem Ziel der Versöhnungsarbeit unter den auf dem Augsburger Bekenntnis ruhenden geistlichen Geschwisterschaften. Ein Jahr später, 1948, kam es zur Gründung des Ökumenischen Rates der Kirchen (ÖRK) in Amsterdam mit der Absicht einer weltweiten Vernetzung der christlichen Kirchen zur Vermeidung von Kriegen („Krieg soll um Gottes willen nicht sein.“)

Parallel zum Marshall-Plan gab es innerkirchlich die materielle Fürsorgearbeit unter Leitung des Deutschamerikaners Carl Mau.

3. Nach einer längeren Phase von Kontaktarmut und einem bloßen Nebeneinander gibt es seit der Jahrtausendwende neue verstärkte Annäherungen seitens der Amerikaner an ‚Old Europe’ und an die von Deutschland ausgehende Reformationsgeschichte. So wurde im Mai 1999 unter Mithilfe der deutschen Lutheraner in der Lutherstadt Wittenberg ein „Wittenbergcenter“ der Amerikaner eingerichtet mit dem Ziel einer an Inhalten orientierten Wiederbegegnung gemeinsamer Wurzeln. – Der Leitenden Bischof der Nordkirche hat konkret ein Kontaktinteresse bekundet.

Das einsetzende Streben nach Annäherung wird verstärkt durch eine Fülle von Einzelanfragen nach den eigenen geschichtlichen und verwandtschaftlichen Wurzeln in Kirchenkreisarchiven. Gleichwohl fehlt bis heute eine notierbare, lebendige zwischenkirchliche Relation auf der Ebene von Kirchenleitungen, unter Bischöfen und Kirchenkörpern. Vereinzelte Kontakte gibt es im Rahmen universitärer und kirchlicher Ausbildung, auch im Bereich von Städtepartnerschaften. Es fehlt allerdings noch weitgehend ein geordnetes Regelwerk von Einladungen und Besuchen, von Gesprächen über kirchen- und staatspolitische Themen, die Gesamtverantwortlichkeiten und -repräsentationen zum Ausdruck bringen können. Also zu neuen, wiederentdeckten und gelebten Beziehungen zu kommen ist ein erklärtes Ziel der theoretischen Arbeit des skizzierten Forschungsprojekts.

 

4. Der Studie ist eine Vernetzung mit dem Ökumenischen Forschungsinstitut des LWB in Straßburg wichtig, nicht zuletzt im Hinblick auf die Auswirkungen der Reformation auch auf den nordamerikanischen Kontinent. Denn die „Pastoren für Amerika“ waren sehr deutlich bekenntnisgebunden und in der überwiegenden Zahl Lutheraner. Insofern ist auch die Bedeutung einer Verhältnisbestimmung zwischen Luthertum und Calvinismus in Nordarmerika zu beachten.

In Ergänzung zur Verkündigungsbotschaft und zur Theologie der „Pastoren für Amerika“ sind auch die Spuren aufzusuchen, die deutsche Theologen und Theologinnen im 20sten Jahrhundert in Nordamerika hinterlassen haben und nun nach der Jahrtausendwende hinterlassen. Welche Prägung ist in den Kirchen, den mainstream churches und bei universitären Schülern und Personen der Kirchenleitungen festzustellen? Dieser Arbeitsgang dient der Vorbereitung einer notwendigen interkontinentalen Verständigung mit repräsentativen Intellektuellen vor dem Hintergrund vorhandener geistesgeschichtlicher Gemeinsamkeiten.

 

5. Zu zeitgenössischen Einflüssen deutscher Theologen und Theologinnen in Nordamerikas wissenschaftlichen Einrichtungen und Kirchen sowie in der Gesellschaft.

Die zeitgenössischen Einflüsse deutscher Theologen und Theologinnen in Nordamerika sind zunächst abzulesen am wissenschaftlichen Personaltransfer innerhalb der theologisch-lutherischen Seminare und Universitäten und darüber hinaus. Interessant dabei ist die Begegnung von europäischer und (genuin) amerikanischer Theologie und dem entsprechenden gebildeten christlichen Kulturbetrieb vor Ort. Wiederum soll der Frage nachgegangen werden nach den Einflüssen amerikanischer Wissenschaft und Theologie/Philosophie auf europäisches und auf deutsches Denken (und Handeln): hier sind zunächst Prof. Martin Marty und Richard Bliese in Chicago, Prof. Michael Root in Columbus/Ohio zu nennen. Damit stehen wir im Umfeld der Brückenfunktion deutscher Theologen in Nordarmerika in den dreißiger Jahren des 20sten Jh. und nach dem zweiten Weltkrieg bis in die Gegenwart. Einige wichtige Theologen seien hier genannt: Reinhold Niebuhr, Paul Tillich, Dietrich Bonhoeffer, Wolfhart Pannenberg ferner Dorothee Sölle und Jürgen Moltmann.

Besonders zu beleuchten ist die unterschiedliche  Hermeneutik des Verstehens: Hier auch stehen schlagwortartig Eurozentrismus versus amerikanisches Überlegenheitsgefühl. Es geht um interkulturelle Differenzierung in unterschiedlichen Verstehenszusammenhängen in der Spannung zwischen angelsächsischem Realismus und mitteleuropäischem Idealismus.

 

Erste Schritte zur Umsetzung – Stand der Forschung

 

Das skizzierte und nunmehr über zwei Jahre bearbeitete Forschungsprojekt schlägt einen weiten Bogen. Doch da die Themenstellungen auf weitere drei Jahre angelegt sind, dürften sich die einzelnen Schritte weiterhin realistisch und bearbeitbar darstellen.

Der historische Zugang erhält in der Frage nach der Gegenwartsrelevanz gewinnbringende Dynamik. Wiederum lässt sich ein zeitgenössischer Umgang nur auf dem Umweg über die eigene Geschichte transparent darstellen.

Bisheriger Sachstand in Anpunkten:

  • Sichtung der Quellen vor Ort  in Deutschland. Digitalisierung der Seminaristenlisten – aufgeteilt in erfolgreiche  Abschlusskandidaten und sog. Abbrechern ohne erfolgreichen Abgang mit Nachforschungen über deren Verbleib und Bewährung der These, dass von letzteren durchaus Personen die Pastorenlaufbahn auf anderen Wegen fortgesetzt haben.

Die bisherigen Forschungen lassen den Schluss zu, dass nicht 500 Pfarramtskandidaten aus den drei Seminaren nach Amerika übergesiedelt sind, sondern dass es ca. 600 Personen waren.

  • Teilweise Erstellung eines Kataloges mit Kurzbiographien und dem geschichtlichen Nachweise der Tätigkeitsfelder der ‚Zöglinge‘ als wichtiger Pfeiler des angestrebten Brüderportraitbuches.
  • Eingehende Würdigung und geschichtliche Verortung der für diese ‚Missionsarbeit‘ einstehenden Pastoren Christian Jensen, Johannes Paulsen und Hinrich Wichern. Der Anfang ist mit dem spiritus rector von Breklum, Christian Jensen, gemacht. Hier galt es, lutherische Theologie und Erweckungsfrömmigkeit zusammenzuschauen.
  • Dies setzt die Sichtung und Aufbereitung der einschlägigen Primär-Literatur und die Kenntnisnahme und Bearbeitung einer Fülle von Sekundärliteratur voraus (vgl. Modul 3).
  • Die Vertiefung in die Geschichte Amerikas stellt eine eigene, teilweise bereits bewerkstelligte Aufgabe dar.
  • Bisher vier Forschungsreisen nach Nordamerika, nebst einer nach Brasilien, haben wichtige Aufschlüsse über besonders die Breklumer Sendlinge erbracht. Dabei wurden die recherchierten einschlägigen Archive besucht (Chicago, Dubuque, Gettisburg, Philadelphia, Sequin, Berkeley, New York, - Blumenau, Sao Leopoldo, Sao Paulo), Interview gemacht und Begegnungssituationen wahrgenommen. Teil der Studienreisen war die Teilnahme an wissenschaftlichen Veranstaltungen und das Aufsuchen von Professorinnen und Professoren.
  • Mehrere universitäre Veranstaltungen und Veröffentlichung von bisher zwei Amerikabüchern als erlebnisorientierte Sachbücher (s. nachfolgende Darstellung).

 

  • Summa: Die historische Forschung ist planmäßig auf einem guten Weg, periodisch ausgedrückt ist Halbzeit. Sodann, und dies geschieht bereits parallel, ist die Frage nach der Gegenwartsrelevanz der deutsch-amerikanischen bzw. der amerikanisch-deutschen Beziehungen zu klären. Hierzu sind bereits einschlägige Sichtungen themenrelevanter Literatur gemacht und die Biographien aktiver Professoren und Professorinnen erstellt.

 

  •  Zu klären ist die These von der Wiederentdeckung einer verloren geglaubten gemeinsamen Geschichte als Impuls einer neu zu belebenden und nachhaltigen Partnerschaft.

 

 

NB: Eine englisch-sprachiges Summary des bisher Dargestellten findet sich im Anhang nach Modul 6. („Pastors for America“. The almost lost generation of more than 500 persons from Germany. A Study Guide to Breklum theological Seminary, followed by the neighboring seminaries in Kropp and Hamburg.”)

 

1.1 Projektbezogene Publikationen

1.1.1  Veröffentlichungen

 

  • Buchveröffentlichungen: Erschienen sind die ersten beiden Bände der Buchreihe „Der Geschichte ein Gesicht geben“ – Amerikabuch 2009/Husum Druck 2010 und Amerikabuch 2010/Husum Druck 2012; im Typoscript liegt vor Amerikabuch 2012/Erscheinungsjahr 2013, in konkreter Vorbereitung befindet sich das Amerikabuch 2011.
  • Rezension zu Amerikabuch 2009 im Nordfriesischen Jahrbuch des Nordfriiskinstituuts 2012, 181f.
  • Festvortrag zu den Kropper Diakonischen Anstalten vom Juli 2010 (veröffentlicht) im Hausverlag Kropp.
  • Typoscript zum Kolloquium CAU-Kiel vom November 2011.
  • Typoscript für die Geschichtswerkstatt im Ökumenekolleg Breklum vom Januar

2012.-

2.3. Abeitsprogramm inkl. vorgesehener Untersuchungsmethoden

Unser Forschungsansatz bei der Typisierung der individuellen Forschungsbiographien in ihrer Singularität geht aus von der je einzelnen Person. Vergleichbarkeit kann nur indirekt erlangt werden. Unser Ansatz der Einzelfallbeschreibung findet erst in jüngster Zeit Eingang  in die wissenschaftlichen Einlassungen der Biografieforschung. Die noch sehr junge Biografieforschung gehört in der Soziologie zum Forschungsansatz und Verfahren der ‚qualitativen Sozialforschung‘. Diese bringt den intuitive  angewandten Zugang unserer Amerikaforschung ‚auf den Begriff‘ und  auf den Weg der Anwendung einer wissenschaftlichen Methode. So lässt sich formulieren, dass sich die nachvollziehbare transparente soziologische Forschungsmethode mit der Rekonstruktion zugrundeliegender ausgewählter Lebensläufe befasst zur Bestimmung und Erhebung individuell vermittelter ‚gesellschaftlicher Sinnkonstruktion‘. Die materiale Basis für diese Einzelfallanalyse(n) sind biographische Erzählungen und persönliche Dokumente wie Lebensläufe (obituaries), Briefe und Exzerpte bereits verschriftlichter Zeitungsartikel und Geschichtswerke. Der Idealfall von Textmaterialien in Form von Verbatims, von verschriftlichten Interviewprotokollen trifft auf unsere ‚Klientel‘ nur noch über Familien-, Verwandtschafts- und Sippenbeschreibung zu, mit all den einhergehenden Unschärfen.