I. Das Projekt

Eine historisch-kritische Gesamtausgabe der Werke und Briefe Friedrich Daniel Ernst Schleiermachers (1768–1834) war lange ein Desiderat. Die alte Ausgabe „Sämmtliche Werke“, die seine Schüler bald nach seinem Tod in Zusammenarbeit mit dem Berliner Verlag G. Reimer veranstalteten, stammt aus den Jahren 1834–1864. Diese Ausgabe bot in drei Abteilungen (Theologie, Predigten, Philosophie) mit insgesamt 31 Bänden seine Schriften, Vorlesungen und Predigten schon gegenüber ihrer eigenen Planung nur lückenhaft dar. Sie war in mehrfacher Hinsicht unzulänglich. So berücksichtigte sie bei den Druckschriften jeweils nur die letzte von Schleiermacher besorgte Auflage. Sein literarischer Nachlass ist in ihr nur teilweise und zumeist in völlig ungenügender Weise ediert worden. Umfängliche Nachlassbestände (Manuskripte, Nachschriften, Briefe und biographische Materialien) sind durch sie und die nachfolgende Forschung noch nicht erschlossen. Auch Schleiermachers Briefwechsel, der in der Ausgabe „Sämmtliche Werke“ nicht enthalten ist und nur in verstreuten kleineren und größeren Sammlungen auswahlweise vorliegt, ist der Ergänzung und der Revision in höchstem Maße bedürftig. Zudem blieben Schleiermachers Übersetzungen, prominent die Übersetzung der Werke Platons, unberücksichtigt.

Das Bedürfnis nach einer historisch-kritischen Schleiermacher-Gesamtausgabe hat im 20. Jahrhundert drei Vorstöße ausgelöst. Die ersten beiden blieben erfolglos. Eine von zahlreichen Gelehrten unterstützte Initiative Hermann Mulerts im Jahr 1927, mit Blick auf das Gedenkjahr 1934 die Preußische Akademie der Wissenschaften zu einer Edition zu bewegen, scheiterte ebenso wie eine Sondierung der Heidelberger Akademie der Wissenschaften im Jahr 1961, wohl auf das Jubiläumsjahr 1968 abzielend. Erst die jetzige dritte Initiative war erfolgreich.

Die Kritische Gesamtausgabe (KGA) ist seit 1972 durch Hans-Joachim Birkner (Kiel) in Zusammenarbeit mit Gerhard Ebeling (Zürich), Hermann Fischer (Hamburg) und Heinz Kimmerle (Rotterdam) vorbereitet und im September 1975 an der Schleiermacher-Forschungsstelle in der Theologischen Fakultät der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel begonnen worden, dank der Förderung durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft und durch den Verlag Walter de Gruyter, den Nachfolger des Verlags Georg Reimer, in dem die meisten von Schleiermachers Schriften erschienen sind. Seit September 1979 wurde das Editionsvorhaben auch über die Schleiermachersche Stiftung durch das Land Berlin, die Evangelischen Kirche der Union und die Evangelische Kirche in Berlin-Brandenburg gefördert; dazu wurde an der Kirchlichen Hochschule Berlin eine zweite Forschungsstelle unter der Leitung von Kurt-Victor Selge gegründet. Die Berliner Forschungsstelle ist nach wechselnder Trägerschaft seit 1994 in der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften beheimatet. Beide Forschungsstellen nehmen am Akademienprogramm teil: Der Kieler KGA-Anteil wird seit 1984 von der Akademie der Wissenschaften zu Göttingen, der Berliner KGA-Anteil seit 1999 von der Berlin-Brandenburgischen Akademie betreut.

Der Herausgeberkreis erfuhr in den 1990er Jahren größere personelle Veränderungen: Hans-Joachim Birkner verstarb 1991, Gerhard Ebeling und Heinz Kimmerle beendeten 1995 bzw. 1996 ihre Herausgeberschaft; im Gegenzug wurden 1994 Günter Meckenstock (Kiel) sowie 1997 Ulrich Barth (Halle) und Konrad Cramer (Göttingen) in den Herausgeberkreis gewählt. Einen erneuten größeren Wechsel, um die langfristige Kontinuität der Editionsarbeit zu sichern, gab es, als 2009 Kurt-Victor Selge sowie 2011 Konrad Cramer und Hermann Fischer ihre Herausgeberschaft aufgaben; dafür traten 2011 Andreas Arndt (Berlin), Lutz Käppel (Kiel) und Notger Slenczka (Berlin) in den Herausgeberkreis ein. Ulrich Barth schied 2013 aus; Jörg Dierken (Halle) wurde 2014 sein Nachfolger.

 

Handschrift