Predigt von Universitätsprediger Prof. Dr. Traugott Roser, Münster, über "Selig sind die Barmherzigen" am 12.6.2016

Mit Barmherzigkeit beginnt Ostern

 

Gnade sei mit Euch von unserem Richter und Bruder Jesus Christus!

I   Einleitung

Selig sind die Barmherzigen, sagt Jesus.

Von Barmherzigkeit erzählt seine Beispielgeschichte, die wir gerade als Evangelium gehört haben.

Worte, die zum Kernbestand dessen gehören, was der historische Jesus von Nazareth verkündet hat und was er selbst tat. Die Exegeten und Ausleger sind sich einig: es ging Jesus um die konkrete Liebestat und nur sekundär um die innere Einstellung. Selig sind, die barmherzig handeln, denn ihnen wird Barmherzigkeit widerfahren.

Aber was meint eigentlich Barmherzigkeit, was bedeutet das heute?

Wie steht es um die Möglichkeit, barmherzig handeln zu können? Wie steht es um die Rahmenbedingungen der Barmherzigkeit?

II  Die Barmherzigkeit des Wirts

Wir sind gewohnt, uns bei der Beispielerzählung vom barmherzigen Samariter auf das helfende Handeln des Fremden zu konzentrieren. Der den Ausgeraubten am Wegrand sieht, sich zu ihm beugt, ihn aufhebt und seine Wunden versorgt. Der Zeit und Geld aufwendet, damit der Verletzte genesen kann, obwohl er nicht zu seiner Familie, zu seinem Volk oder seiner Glaubensgemeinschaft gehört. Er wurde zum Leitbild christlicher Liebestätigkeit, weil er seinem inneren Impuls zu helfen durch sein tatkräftiges Handeln entspricht. Aber das kann er nur, weil er unter Bedingungen lebt, die ihm sein Handeln möglich machen.

Er findet eine Herberge, die von einem Wirt betrieben wird, der seine Gäste nicht nur verpflegt, sondern bei Bedarf auch pflegen kann. Der dies nicht aus Altruismus tut, sondern dafür bezahlt wird, in etwa mit dem doppelten Lohn eines Arbeiters. Das steht ihm nach Meinung des Samariters zu als geldwerte Dienstleistung. Und es scheint ein Gewohnheitsrecht zu geben, das sicherstellt, dass der Wirt das Geld des Fremden nicht nur annimmt, sondern dessen Auftrag auch ausführt. Nur so hat der Hilfsbedürftige die Chance, dass die Barmherzigkeit des Einzelnen nachhaltig wirkt und er tatsächlich überleben und genesen kann.

In der Beispielerzählung gehen individuelles barmherziges Handeln und ein gerechtes und verlässliches Wirtschaftssystem eine heilsame Verbindung ein. Selig ist eine Gesellschaft, die Rahmenbedingungen schafft, in denen Barmherzige ihr Liebeswerk verrichten können. In ihr ereignet sich Barmherzigkeit. Barmherzigkeit und Gerechtigkeit müssen aufeinander bezogen werden. Der Sozialethiker Traugott Jähnichen sagt: „In biblischer Perspektive zielt Barmherzigkeit als ungeschuldete, freie und spontane Handlung auf die Herstellung von Gerechtigkeit. […] Barmherzigkeit ist […] die motivierende Kraft und das bleibende Korrektiv eines rechtlich geordneten Sozialwesens.“[1] Nicht umsonst wird die Seligpreisung der Barmherzigen gerahmt von der Seligpresiung der um der Gerechtigkeit willen Verfolgten und der Seligpreisung derjenigen, die reinen Herzens sind. In gerechten Verhältnissen kann aus innerer Gesinnung Barmherzigkeit zur Realität des Handelns werden. Wo die Verhältnisse ungerecht sind, hat es die innere Gesinnung schwer.

III Ein Barmherziger unter Erbarmungslosen

Viel wird diskutiert, wie die Seligpreisungen gemeint sind, ob sie beispielweise so etwas wie ein ethisches Programm sind, das er anderen vorlegt.

Aber vielleicht sind sie Aussagen Jesu über sich selbst. Vielleicht konstruierte er sich in den Seligpreisungen gleichsam selbst, seine eigene Identität? Er lebte Barmherzigkeit, er verkörperte Barmherzigkeit in seiner Person. Doch ihm selbst widerfuhr keine Barmherzigkeit. Zwei Behörden, Besatzermacht und Religionsführer machten ihm den Prozess, folterten ihn und bezichtigten ihn gesetzeswidrigen Verhaltens. Eine undurchsichtige Rechtsprechung brachte ihn ans Kreuz. Ungerechte Gesetze machten Erbarmungslosigkeit möglich. Unselig sind die Erbarmungslosen. Das ahnend und wissend sagt Jesus dennoch: Selig sind die Barmherzigen. Ihnen wird Barmherzigkeit widerfahren. Auch unter unseligen Umständen. Was meint er bloß? Diese Seligpreisung ist kein ethisches Programm mehr, sie ist ein Satz verzweifelter Hoffnung!
Aber er stimmt doch. Im Moment seines Todes, als er selbst nicht mehr für Barmherzigkeit sorgen kann, widerfährt ihm selbst Barmherzigkeit, wird er selbst selig-gesprochen. Mitten im Moment des scheinbaren Sieges der Unbarmherzigen.

Wie sonst ist zu verstehen, was der Evangelist Markus erzählt am Ende der Marter und Qualen Jesu. Ein römischer Hauptmann, Vertreter des unbarmherzigen Staatsapparats, steht dabei. Dem Gekreuzigten gegenüber. Als er sieht, dass er so – Markus sagt ausdrücklich „so“ – dass Jesus so erbärmlich sein Leben aushaucht, da sagt der Hauptmann: Wahrhaftig, dieser Mensch ist Gottes Sohn gewesen. Sicher kein dogmatischer Lehrsatz. Sondern ein Satz, der Gerechtigkeit schafft, der dem Geschundenen Recht verschafft und darin Barmherzigkeit wirkt. Selig ist der Barmherzige am Kreuz! Und selig der Barmherzige unter dem Kreuz!

Selig alle die Barmherzigen. Selig sind die, die auch in Unrechtsstaaten nicht selbst zu Unmenschen werden. Selig, die im Antlitz des Gequälten, des Erniedrigten das Ebenbild Gottes erkennen, das, was den Menschen erst Mensch sein lässt. Barmherzigkeit ist der Anfang von Ostern.

Selig sind die Barmherzigen.

IV  Wie Liddy Bacroff Barmherzigkeit widerfuhr

Unselig die Gesellschaft, in der Unbarmherzigkeit ihr Unwesen treibt.

Unbarmherzig war die Welt zu Liddy Bacroff. Ein Name, den Sie wahrscheinlich noch nie gehört haben, denn ein erbarmungsloses Regime tötete sie nicht nur, sondern wollte jede Erinnerung an Menschen wie sie auslöschen. Denn Liddy Bacroff war anders, und das seit ihrer Kindheit. Geboren als Heinrich Habitz am 19. August 1908 in Ludwigshafen, galt sie als schwieriges Kind, dem man nur in einem Erziehungsheim beikommen konnte. Liddy spielte mit Puppen und konnte nicht vom Lippenstift der Mutter lassen. Man steckte sie ins  Erziehungsheim, aber die konnten Heinrich nicht ändern, sie war Liddy, sie wollte, sie musste als Frau leben. Es begann eine Karriere zwangsweiser Einweisungen in Zuchthäuser und Gefängnisse. Für eine wie sie gab es keinen Platz in der Gesellschaft; ihr blieb lediglich die Prostitution. Zwei bis drei Reichsmark zahlten die Freier; davon musste sie leben. In den Augen der staatlichen Behörden und besonders nach Verschärfung des §175 Reichsstrafgesetzbuch durch die Nationalsozialisten eine Straftat, die mehrjährige Haftstrafen nach sich zog. Wegen „widernatürlicher Unzucht“ wurde sie an 1930 mal zwei Jahre, dann sechs und zehn Monate inhaftiert, 1936 erneut zu zwei Jahren Zuchthaus und Aberkennung der bürgerlichen Ehrenrechte verurteilt. Anfangs hatte sie ihr Erleben noch in Texte und Gedichte gefasst, später kämpfte sie nur mehr um ihr Überleben, willigte sogar in eine sog. „freiwillige Kastration“ ein, um, wie sie in ihrem Antrag an das NS-Gesundheitsamt schreibt, „von meiner krankhaften Leidenschaft geheilt zu werden“. Doch nicht einmal damit fand sie Gehör. Der Gerichtsmediziner des Gesundheitsamts Hamburg stellte kalt fest, dass Heinrich „seiner Grundeinstellung ein Transvestit“ sei, dem höhere Gefühlskräfte fehlten, der unter einer Dauerfixierung leide, einer „gewohnheitsmäßigen sexuell-kriminellen Habitualform“. Er bleibe „zweifellos ein Sittenverderber schlimmster Art und muß deshalb aus der Volksgemeinschaft ausgeschaltet werden.“ Die Kastration wurde abgelehnt. Liddy wurde nach Verbüßen einer neuerlichen dreijährigen Zuchthausstrafe mit anschließender Sicherungsverwahrung in Rendsburg schließlich in das Konzentrationslager Mauthausen in Österreich verbracht. Dort wurde sie am 6. Januar 1943 ermordet.[2]

Vergessen wollte man die, die man höherer Gefühlsregungen und moralischen Empfindens für unfähig hielt, für eine Schande für das gesunde Volksempfinden. Erbarmungslos nicht nur im Morden und im Vergessen, sondern auch vorher, indem einer wie ihr die Teilhabe am Leben der Gemeinschaft, ein eigenes gesellschaftliches Leben und ein Privatleben verwehrt wurde. Bordelle waren die einzigen Schutzräume. Das muss man sich vorstellen – der einzige Schutzraum ist ein Bordell.[3]

Erbarmungslos waren aber nicht nur ihre Peiniger. Diese konnten ihre Unbarmherzigkeit nur ausleben, weil ein Staat dazu die Gesetze schuf und Lager zum Zweck von Zwangsarbeit, Sklaverei, Mord und Massenvernichtung errichten ließ.

Unselig ist eine Gesellschaft, in der Unbarmherzigkeit Gesetz wird. Und unselig ist eine Gesellschaft, die wegschaut, noch Jahrzehnte nach Ende des NS-Diktatur. Unselig auch eine Kirche, die schweigt und verdrängt und Diskriminierung jahrzehntelang verstärkt.

Es grenzt an ein Wunder, dass sich jemand an Liddy Bacroff erinnert hat, dass jemand in ihre Gerichtsakten geblickt hat und sagte: Wahrhaftig, diese ist ein Mensch, der Respekt verdient. Wahrhaftig, dieser Mensch ist ein Kind Gottes gewesen. Es grenzt an ein Wunder, dass ihr Gerechtigkeit widerfährt. Barmherzigkeit drängt auf Rehabilitierung. Das ist Gerechtigkeit.

V   Eine kleine Schule der Barmherzigkeit

Zehn Jahre nach Kriegsende veröffentlichte Karl Barth eine Schrift unter dem Titel „Mensch und Mitmensch“. Bewusst bezog er sich auf die Erfahrungen des Nationalsozialismus: „Uns ist durch den letzten Krieg […] das Problem der Humanität ganz neu unter dem besonderen Gesichtswinkel der Frage nach dem Recht, der Würde, der Heiligkeit des Mitmenschen gestellt worden.“[4] Karl Barth setzt auf Humanität, die aus der Begegnung mit dem Mitmenschen erwächst – ein Ansatz, den wir von Martin Buber her kennen oder von Emanuel Levinas. Menschlichkeit entsteht in der Begegnung mit dem Andern, und zwar durchaus einem Andern, der fremd ist, ja vielleicht sogar abstoßend. Karl Barth beschreibt in vier Schritten, was er mit mitmenschlicher Begegnung meint – und hinterlässt uns damit eine Schule der Barmherzigkeit.

·       Es beginnt mit den Augen. Es ist der humane Sinn des Auges, dass wir in der Lage sind, dem andern in die Augen zu sehen und uns selbst ansehen zu lassen. Hinsehen und sich selbst zu erkennen geben.

·       Begegnung heißt zweitens, dass man einander zuhört und aufeinander hört. Es ist der humane Sinn der Sprache, den anderen zu Wort kommen zu lassen, seiner Geschichte zu lauschen und selbst nicht zu schweigen.

·       Sein in der Begegnung heißt drittens, dass man einander in der Tat gegenseitig Beistand leistet, egal was die Not ist.

·       Die vierte und höchste Stufe der Mitmenschlichkeit, ja, das „Geheimnis der Humanität“[5] ist eine Begegnung, in der wir gerne sind. Eine Begegnung, aus der sich Sympathie, ja Liebe entwickelt.

Selig sind die Menschen, die Augen haben und die sich den Blicken der anderen stellen, die aufeinander hören und Aussprache wagen und die einander tatkräftig beistehen. Für diese drei Dinge kann, ja muss nach den Erfahrungen des Dritten Reiches, eine humane Gesellschaft einen Rahmen von Grundrechten und Sozialgesetzen schaffen. Für diese Dinge sorgt eine Gesellschaft, wenn sie für die Rehabilitierung von Menschen sorgt, denen Unrecht widerfahren ist. Für die vierte Stufe, für das Geheimnis der Humanität, kann kein Gesetz sorgen. Es ereignet sich in echter Begegnung. Mitmenschlichkeit aus Liebe, aus Zuneigung, ist ein Gottesgeschenk, ein Charisma, eine Geistesgabe.

Ich wünschte, Liddy Bacroff hätte das erfahren. Ihr ist niemand mit Liebe begegnet. Es ist zu spät. Aber für die Menschen heute, ist es nicht zu spät. Es gibt so viele Länder, in denen Unrecht herrscht, und in denen Menschen, weil sie anders sind, verfolgt werden. Sie hoffen auf Asyl. Selig sind die Barmherzigen. Glücklich schätzen dar sich eine Gesellschaft, die Barmherzigkeit befördert.

Amen

Und der Friede Gottes, der höher ist als unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne.



[1] Traugott Jähnichen / Klaus-Diter Kottnik, Gerechtigkeit in Theologie und Diakonie, in: M. Schibilsky, R. Zitt (Hg.), Theologie und Diakonie, Gütersloh 2004, 112-128, 114.

[2] Alle Angaben aus der Biografie Heinrich Habitz (gen. Liddy Bacroff) von Bernhard Rosenkranz und Ulf Bollmann in: Andreas Kranebitter (koordinierender Herausgeber), Gedenkbuch für die Toten des KZ Mauthausen und seiner Außenlager, Bd. 1: Kommentare und Biografien, Wien 2016, S. 217-219.

[3] Es wäre allerdings anzumerken, dass einige der Freier im Bordell Liddy bei den Behörden denunzierten, weil sie angeblich davon ausgingen, es habe sich wirklich um eine Frau gehandelt. Der Schutzraum wurde auch der Ort des Verrats.

[4] Karl Barth, Mensch und Mitmensch: Die Grundform der Menschlichkeit, Göttingen 1955, hier zitiert aus der Auflage 14.-18. Tausend 1958, 13.

[5] Ebd., 71.