Predigt der wiss. Ang. Antonia Lüdtke über "Selig sind die Sanftmütigen" am 29.5.2016

„Selig sind die Sanftmütigen?!“ (Im Dialog mit Mt 5,5)

 

„Du musst ein Schwein sein in dieser Welt

Schwein sein

Du musst gemein sein in dieser Welt

Gemein sein

Denn willst du ehrlich durchs Leben gehen

Ehrlich

Kriegst 'nen Arschtritt als Dankeschön

Gefährlich

 

So tönt es 1995 aus deutschen Radios. Drehen wir die Zeit noch weiter zurück – ca. 2000 Jahre:

 

„Es ist heiß. Die Sonne steht hoch am Himmel und scheint unerbittlich auf die Menschen herab. Schatten sucht man auf dem Berg vergeblich. Sie hat Durst. Durst nach Wasser. Aber ebenso Durst nach Worten. Deswegen ist sie schließlich hier her gekommen. Um ihn zu hören – Jesus. Dafür hat sie einiges auf sich genommen. Aber jetzt ist sie angekommen, oben auf dem Berg. Sie blickt noch einmal um sich: Es hat sich gelohnt. So viele Menschen sind hier. Sie kann sie nicht mehr zählen. Immerhin hat sie einen guten Platz ergattert. Zwar kann sie Jesus nicht direkt sehen – dafür aber seine Jünger. Diese sitzen um ihn herum in einem Kreis, welcher sie entfernt an eine Mauer erinnert. Vor allem aber, kann sie Jesu Worte gut hören: Er scheint über das gute und gelingende Leben zu reden. Aber etwas ist seltsam.  Jesus preist gerade die Menschen glückselig, deren Leben bisher nicht erfolgreich verlief und scheinbar nicht von Gott gesegnet war: Die Armen im Geist, die Trauernden. Und jetzt spricht er: ‚Selig sind die Sanftmütigen, denn sie werden das Erdreich besitzen.‘ Und sie fragt sich erneut:

,Bin ich so?‘“

 

Paradox. Skurril. Burlesk – in Anbetracht des eingangs zitierten Liedtextes „Schwein sein“, aus der Feder einer der erfolgreichsten deutschen Bands „Die Prinzen“, klingen die Worte Jesu in der Form, wie sie uns der Evangelist Matthäus überliefert, wie eine Utopie: ‚Selig sind die Sanftmütigen, denn sie werden das Erdreich besitzen.‘ Zu schön, um wahr zu sein. Vielleicht ganz nett, aber eben nicht der Realität entsprechend. Dort gilt doch schon seit Ewigkeiten das Recht des Stärkeren: Nicht den sanftmütigen Schwächlingen gehört die Welt, sondern den Starken. „Schwein sein und gemein sein“ lässt den Menschen das Spiel des Lebens gewinnen. „Ehrlich ist gefährlich“. Zwischen den überlieferten Worten Jesu und dem referierten Liedtext scheinen nicht nur 2000 Jahre zu liegen, sondern offenbar Welten. Zumindest dem ersten Anschein nach, denn es lassen sich doch auch Gemeinsamkeiten feststellen:

Beide Texte knüpfen an eine menschliche Grunderfahrung an: Ungerechtigkeit. Die gerechte Ordnung der Welt erscheint zutiefst gestört. Das glückliche und erfolgreiche Leben führt anscheinend derjenige Mensch, der rücksichtslos und skrupellos durchs Leben geht. Dagegen erfahren die Menschen, die sich an die gerechte Ordnung der Dinge halten und „ehrlich durchs Leben gehen“, Leid. Sie werden zu Armen, Hungernden und Trauernden – obwohl sie es nicht verdient haben. Dieses Gefühl lässt sich – durchaus provokativ - mit dem Bild des „Arschtritts als Dankeschön“ treffend charakterisieren. Dem Gottlosen geht es gut und dem Gerechten geht es schlecht – diese Erfahrung ist nahezu so alt wie die Menschheit selbst und wird in vielen Texten der Bibel klagend Gott vorgehalten. Vor allem in den Psalmen klingt es:

„Herr, schaffe mir Recht, denn ich bin unschuldig!“ (Ps 26,1)

„Herr, gib dem Gottlosen nicht, was er begehrt!“ (Ps 140, 9)

Die Ausgangssituation beider Texte ist demnach dieselbe: Menschen erfahren Unrecht. Der menschliche Glaube an irgendeine Form der Gerechtigkeit wird dadurch erschüttert oder gar zerstört. Und so bietet sich die Welt dem Menschen in einem nahezu chaotischen Zustand dar, voller „Irrsal und Wirrsal“.

Wie gehen Menschen mit dieser Erfahrung um?

 

„Daraus ziehst du Konsequenzen

und du schaltest um auf schlecht,

die Welt ist ein Gerichtssaal

und die Bösen kriegen Recht.“

 

Die von den Prinzen beschriebene Variante ist eine mögliche Bewältigungsstrategie, welche sich den Gegebenheiten scheinbar optimal anpasst. Es ist allerdings ein Erfolgsrezept mit Nebenwirkung: Einsamkeit. Freunde gewinnt man auf diese Weise nicht. Der Erfolg wird nur einen bestimmten Teil des persönlichen Lebens tangieren – nicht das Ganze. Glückselig kann man diese Menschen nicht preisen.

Eine weitere Möglichkeit besteht darin, sich der Verzweiflung resignierend hinzugeben. Die Welt, in der man lebt, wird für vollkommen verloren erklärt und ihr baldiger Untergang wird erwartet. Immerhin bietet diese apokalyptische Perspektive eine Hoffnung auf Gerechtigkeit – allerdings wird sich diese erst nach dem Leben offenbaren, nicht im Hier und Jetzt. Die Chance auf ein glückseliges Leben in der Gegenwart ist damit genommen.

In der Bergpredigt hingegen, spricht Jesus von einer neuen Welt mit einer besseren Gerechtigkeit, die bereits in der Gegenwart anbricht und mit dem Verhalten der Menschen fest verbunden ist.  Dass Jesus zu Beginn seiner Predigt, gerade die Menschen glückselig preist, denen es trotz eines gottgefälligen Lebenswandels schlecht geht, sorgt zunächst einmal dafür, dass schon in der Gegenwart die gerechte Ordnung wieder aufgebaut wird. Darüber hinaus weisen Jesu Seligpreisungen den Weg des Lebens in der anbrechenden neuen Welt. Denn wer Worte hört, wie: „Selig sind die Sanftmütigen, denn sie werden das Erdreich besitzen.“ – fragt sich nicht nur „Bin ich so?“, sondern im Zweifelsfall auch „Wie werde ich so?“.

Sanftmut“ – ein Spezifikum in vielerlei Hinsicht. Zunächst einmal begegnet uns diese Vokabel im Kontext der Bergpredigt nur im Evangelium des Matthäus. Es sind die Sanftmütigen, die selig gepriesen werden, und darüber hinaus kennzeichnet das Adjektiv im Matthäusevangelium Jesus Christus selbst:

„Nehmt auf euch mein Joch und lernt von mir; denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig; so werdet ihr Ruhe finden für eure Seelen.“ (Mt 11,29)

Sanftmut und Demut sind offenbar eng miteinander verbunden. Allerdings gelten diese beiden Begriffe im gegenwärtigen deutschen Sprachgebrauch als obsolet. Kaum jemand verwendet sie und wenn doch, kann man sich nicht sicher sein, ob sie als Kompliment oder eher als Beleidigung verstanden werden. So ruft doch die Beschreibung eines sanftmütigen Menschen in vielen Fällen das Bild eines schwachen, zarten Wesens hervor. Ein Mensch, der freiwillig immer „einsteckt“ und nie „austeilt“. So auch in dem Lied der Prinzen:

„und ist einer sanft und schwach

hör' mal wie ich drüber lach“

Doch Sanftmut meint so viel mehr, dass die deutsche Sprache an ihre Grenzen stößt. Das im Griechischen dafür verwendete Substantiv „πρᾳύτης“ liefert ein wesentlich breiteres Bedeutungsspektrum. In gewisser Weise wird in diesem einen Wort ein ganzer Katalog an tugendhaften Eigenschaften vereint. So werden sanftmütige Menschen unter anderem charakterisiert als:

·      Freundlich

·      Beruhigend

·      Geduldig

·      Einfühlsam

·      Verständnisvoll

·      Bescheiden

·      Friedlich

·      Selbstbeherrscht

Auf besonders beeindruckende Wiese erläutert Aristoteles „πραΰτης“ in der nikomachischen Ethik. Demnach ist „πραΰτης“ wie jede Tugend der Mittelweg zwischen zwei Extremen, in diesem Fall zwischen hemmungslosem Zorn und übertriebener Gleichgültigkeit. Ein sanftmütiger Mensch ist zornig „am rechten Ort, gegen die richtige Person, in der richtigen Art, im richtigen Augenblick und in der richtigen Dauer“. Die Kraft der Leidenschaft wird mit Milde vereint.

So gibt es in der Tat kein besseres Beispiel für einen sanftmütigen Menschen als Jesus selbst – er findet zu jedem Zeitpunkt das richtige Maß. Freundlich und verständnisvoll verhält er sich gegenüber den Menschen, doch er wirft auch zornig die Tische und Stühle der Verkäufer und Wechsler im Tempel um. Trotz seiner göttlichen Natur, wählt er den menschlichen Tod – eine vollkommenere Selbstbeherrschung kann ich mir nicht vorstellen. Dies macht die Sache jedoch nicht unbedingt leichter. Denn es führt mich zu der Frage zurück: „Wie werde ich so?“. Schließlich möchte ich auch Teil haben an der „schönen neuen Welt“, dem Himmelreich auf Erden. Ist Sanftmut meine Eintrittskarte und wo bekomme ich sie her?

Die Antwort auf diese Frage ist leider nicht so eindeutig und leicht verständlich, wie ich persönlich es gern hätte. Ich kann nur einer Spur folgen: In der weisheitlichen Literatur werden Menschen als „glückselig“ gepriesen, weil ihnen etwas von Gott zuteil geworden ist oder geschenkt wird. Gott ist die Quelle des Geschenks. Somit ist Gott auch die Quelle der Sanftmut. Durch Gottes Gnade werde ich Teil der neuen Welt. Sanftmut ist die Frucht seines Geistes, der auch in mir wohnt. In der Seligpreisung der Sanftmütigen steckt also Bestätigung und Aufruf zugleich: Die Sanftmut in uns kommt von Gott, doch müssen wir ihr auch in unserem Leben Ausdruck verleihen. Kein „Schwein sein“. Aber auch nicht schwach, sondern vielmehr so stark wie eine „Kriegerin des Lichts“. So möchte ich Ihnen nun zum Schluss folgende Liedzeilen der deutschen Band Silbermond zum Geleit geben:

„Und wenn Dein Wille schläft, dann weck ihn wieder. Denn in jedem von uns steckt dieser Krieger. Dessen Mut ist, wie ein Schwert. Doch die größte Waffe ist mein Herz.“

Der Versuch zur Sanftmut lohnt sich, denn der Gewinn ist ein glückseliges Leben. Im Vertrauen auf Jesu Worte gehe ich davon aus: „Bin ich sanftmütig und von Herzen demütig, so werde ich Ruhe finden für meine Seele.“

Amen