Predigt des Astrophysikers Wolfgang Duschl am 1. Advent 2014

Dein Wille geschehe wie im Himmel so auf Erden

30. November 2014 – 1. Adventsonntag

Prof. Dr. Wolfgang J. Duschl

 

Vater unser im Himmel, geheiligt werde Dein Name, Dein Reich komme, Dein Wille geschehe, wie im Himmel so auf Erden.

Liebe Kieler Universitätskirchen-Gemeinde:

Dein Wille geschehe, wie im Himmel so auf Erde: Man ist fast, ohne dass es nur um das Wortspiel ginge, versucht zu sagen: Was um Himmels Willen soll ein Astrophysiker am 1. Adventssonntag dazu in der Universitätskirche sinnvoll beitragen?

Aber vielleicht geht das doch: Aus religiöser Sicht ist sicher der kompletteste und komplexeste Ausdruck des Willens Gottes das Universum an sich – eben, wie im Himmel so auf Erden. Haben wir es, wenn wir von der Natur unserer Welt, von unserem Kosmos, sprechen, nicht sowieso mit einer Frage zu tun, die den gläubigen Menschen, die den Philosophen, die aber eben auch den Astrophysiker in gleicher Weise berührt und interessiert. Natürlich ist, auch wenn es sich um die gleiche Frage handelt, das Herangehen in vielerlei Hinsicht verschieden. Lassen Sie mich von der astrophysikalischen Sichtweise ausgehen und nämliche in diesen größeren, allgemeineren Rahmen einordnen. Und wir werden sehen, dass wir heute in einer Zeit leben, in der die verschiedenen Sichtweisen gar nicht so weit auseinander liegen, wie man vielleicht denken mag.

So hat etwa unter Astrophysikern ein argentinischer Jesuit, und ich meine nicht den, an den Sie jetzt unmittelbar denken, einen international hervorragenden Ruf als einer der führenden Erforscher der Entwicklung von Galaxien, von Sternsystemen wie unserer Milchstraße. Die Rede ist von Professor Jose Funes, dem Direktor der Specola Vaticana, der Vatikanischen Sternwarte, der auch gelegentlich Gast der Astrophysik an der CAU ist. Und ich hatte schon zahlreiche Gelegenheiten, mit ihm, aber auch seinen Kollegen von der Specola, über das Thema Naturwissenschaft und Religion zu diskutieren.

Wenn es um das Weltall als Ganzes geht, denkt ein Astrophysiker  vor allem an zwei grundlegende Tatsachen, die für das naturwissenschaftliche Verständnis des Universums essentiell sind. Und diese beiden Fakten sind:

1.     Die Gesetze, die die Abläufe im Universum beschreiben, sind im gesamten Kosmos die gleichen. Man nennt dies die Universalität der Naturgesetze.

2.     Das Weltall verändert sich im Laufe der Zeit. Je älter es wird, umso größer werden die Abstände zwischen den Objekten. Wir sprechen von der Ausdehnung des Universums.

Im Folgenden will ich mit der Bedeutung dieser beiden Erkenntnisse auseinandersetzen.

Da ist eben zum einen die Beobachtung, dass die Naturgesetze im gesamten Universum identisch zu sein scheinen. Lakonisch festzustellen, dass dies ja so sein müsse, da man sonst das Weltall nicht erforschen könne, mag stimmen, hilft aber nicht weiter. Ob man es anderenfalls überhaupt nicht erforschen könnte, sei jetzt einmal dahingestellt, es wäre aber auf jeden Fall außerordentlich viel schwieriger. Aber das wäre unser Problem und gäbe keine Begründung her, dass es nicht doch so sein könnte, dass an verschiedenen Orten im Universum die Natur anders funktioniert. Die Tatsache, dass wir es noch viel schwerer hätten, das Universum zu verstehen, als es sowieso schon ist, wäre – flapsig gesagt – unser Problem, unser Pech, aber müsste das Universum nicht stören.

Die Naturgesetze – wie gesagt – sind jedoch nach allem, was wir wissen, überall gleich. Die, die wir z.B. nur zwei Kilometer von hier in den Labors der Physik in der Leibnizstraße feststellen, sind die gleichen, die auch auf dem Mond, auf anderen Planeten oder in entfernten Ecken des Universums gelten. Mögliche kleine Änderungen in den Naturkonstanten, die wir heute noch nicht mit letzter Sicherheit ausschließen können, stehen dem nicht entgegen.

Mich – und viele meiner Kollegen – überraschen dabei zwei Aspekte: Zum einen ist es die Tatsache, dass wir Menschen mit unseren höchst begrenzten Mitteln überhaupt ein tragfähiges System hinter dem entdecken können, was wir staunend beobachten. Zum anderen ist es eben die Feststellung, dass es allem Anschein nach tatsächlich so etwas wie einen universell gültigen Mechanismus zu geben scheint, der die Phänomene des Weltalls im Großen wie im Kleinen zu beschreiben erlaubt.

Um Missverständnissen vorzubeugen, ich bilde mir nicht ein, dass wir heute auch nur annähernd alle Vorgänge der Natur korrekt zu beschreiben und zu interpretieren vermögen. Ja, ich gehe einen Schritt weiter, ich bin mir nicht einmal sicher, ob wir Menschen überhaupt eine Chance haben, das Weltall eines – vielleicht auch noch so fernen – Tages komplett zu verstehen. Nein, ich bin mir sogar sicher, dass wir das nicht erreichen werden. Aber dies ist kein unnötiger Kultur-Pessimismus und genau so wenig eine Schande, wenn dem tatsächlich so sein sollte. Im Gegenteil, das macht sogar einen wichtigen Teil des Faszinosums Wissenschaft aus. Wir leben in einer Welt, die von einem unerschöpflichen Vorrat an Erforschbarem gekennzeichnet ist.

Gerade wenn wir zugeben, dass wir das Universum naturwissenschaftlich vielleicht nie in seiner Vollkommenheit bis ins Letzte verstehen werden können, ist es doch unglaublich, dass wir trotzdem mit ziemlicher Sicherheit sagen können, dass es überall und zu jeder Zeit in gleicher Weise „funktioniert“.

Wir werden auf diesen Punkt gleich noch einmal zurückkommen.

Ich hatte am Anfang meiner Predigt von zwei grundlegenden Fakten gesprochen. Und das zweite Faktum ist die Entwicklung des Universums. Die Kosmologie, eine Teilwissenschaft der Astrophysik, die sich mit dieser Frage beschäftigt, sagt uns, dass sich unser Universum kontinuierlich ausdehnt. Die Details, soweit wir sie heute kennen, seien jetzt einmal dahingestellt, weil sie für die folgenden Überlegungen, aber auch nur für diese, unwichtig sind.

Wenn sich unser Universum ausdehnt, den muss es früher kleiner gewesen sein. Und ich schenke Ihnen und mir hier einige Feinheiten aus der Relativitätstheorie, die den Ausdruck „Ausdehnung“ in der Art, wie wir Menschen ihn im Alltag gebrauchen, für das Universum etwas zweifelhaft machen. Für unsere momentanen Überlegungen bleibt es eine akzeptable Beschreibung.

Wenn sich die Abstände also kontinuierlich vergrößern und sie dies schon seit langer Zeit machen, dann müssen sie in früheren Zeiten kleiner, viel kleiner, ja extrem viel kleiner gewesen sein. Man kann diese Überlegung so weit treiben, dass sie vor etwa 14 Milliarden Jahren so klein gewesen sein müssen, dass das Weltall eine einzige, undurchsichtige Ursuppe gewesen sein muss – es kann keine individuellen Galaxien, Sterne oder gar Planeten gegeben haben, weil die Abstände zwischen ihnen so klein gewesen wären, dass schlichtweg der Platz nicht ausgereicht hätte.

Wenn man also den heutigen Zustand einfach zurückextrapoliert, denn muss das Weltall vor etwa 14 Milliarden Jahren – formal gesprochen – unendlich dicht gewesen sein. In diesem Sinn muss dies der Anfang der heutigen Entwicklung gewesen sein. Und dieser Zustand wird dann oft als der Anfang des Universums, als der Urknall bezeichnet.

Als Menschen lieben wir es, uns Bilder von Vorgängen zu machen, um sie besser verstehen zu können – und das geht mir als Astrophysiker nicht anders als Ihnen, auch wenn mir mit der Mathematik eine Art von Sprache zur Verfügung steht, die es erlaubt, auch im wahrsten Sinne des Wortes Unvorstellbares handhabbar zu machen. Man hört oft die Formulierung, dass das Universum damals aus einem einzigen Punkt eben durch diesen Urknall entstanden wäre. Und dann ist in der Phantasie nur noch ein kurzer, zugegebenermaßen naheliegender Weg dahin, sich den Anfang des Weltalls von außen gesehen als eine phänomenale Explosion vorzustellen. Und gleichzeitig stellt sich damit dann natürlich die Frage, wohin sich denn das Weltall überhaupt ausdehnen solle.

So naheliegend diese Vorstellung ist, so falsch ist sie. Sich das Ganze als Explosion von außen anzusehen, muss zum Widerspruch in sich führen, denn das Universum, das gerade in einem solchen punktförmigen Urknall entstanden wäre, müsste ja alles umfassen, sonst wäre es nur ein Teil des Ganzen. Dann kann es aber kein Außen geben, und noch weniger einen Beobachter, der sich dort aufhält, um das Ereignis zu betrachten.

In den Naturwissenschaften ist man sich allerdings auch dessen bewusst, dass dieses Konzept des Urknalls zwar ein unmittelbar einleuchtendes und deshalb überaus populäres Konzept ist, das die Phantasie der Menschen anregt und zu vielen – sinnvollen und unsinnigen – Spekulationen Anlass bietet, dass dieses Konzept aber einen ganz entscheidenden Faktor außer Acht lässt, nämlich den, dass wir auch heute die Natur unter solchen extremen Bedingungen noch nicht wirklich umfassend verstehen.

Das heißt aber nicht, dass dies zu einem Widerspruch mit der vorhin beschworenen Allgemeingültigkeit der Naturgesetze führt. Es sagt nur, dass wir eben noch nicht alles wissen, auch noch nicht alles, was sicher eines Tages den Naturwissenschaften zugänglich sein wird.

Aber zurück zum Universum, und ich verwende diesen Ausdruck „Universum“ jetzt in seiner umfassenden Bedeutung, und nicht nur als Universum des Naturwissenschaftlers: Das Ganze dann aber apodiktisch als Anfang zu bezeichnen ist riskant, wenn wir nur wissen, dass das Universum damals ganz anders war als heute. Ob wir hier dann wirklich an einem Anfangspunkt des Universums stehen, oder ob es noch frühere, ganz andere Zustände des Universums gibt, von denen wir noch gar nichts ahnen, kann ich als Naturwissenschaftler nicht sagen.

Wir wissen nicht, was uns die Entwicklung unseres Wissens in der Zukunft bringen wird. Wir müssen uns vorerst damit bescheiden und akzeptieren, dass wir heute das, was wir Schöpfung oder Urknall nennen, nicht naturwissenschaftlich bis ins Letzte beschreiben können.

 

Sie werden sich nun vielleicht schon ein paar Minuten lang fragen, wie ich denn nun eigentlich die Kurve zurück zum Thema meiner Predigt hinbekommen will.

Dein Wille geschehe, wie im Himmel so auf Erden.

Die beiden grundlegenden Fakten, die ich anfangs ansprach, die Universalität der Naturgesetze und die Expansion des gesamten Universums, sind beide eigentlich naheliegend und überraschend gleichzeitig, und zwar in ganz verschiedener Art. Ganz gleich, ob man beide Aspekte als gläubiger Mensch, als Philosoph oder als Naturwissenschaftler betrachtet, stellt man fest, dass sie auf das Engste zusammenhängen, ja zusammenhängen müssen.

Die Universalität der Naturgesetze ist zwar praktisch für den Wissenschaftler, aber zuerst einmal nicht zwingend; der Anfang dagegen ist keineswegs so selbstverständlich, wie wir ihn oft nehmen. Ein seit Ewigkeit existierendes Universum würde den Naturwissenschaftler des Problems der Entstehung entheben, ist allerdings eben mit dem, was wir sehen, nicht vereinbar. Wenn es dagegen eine solche Phase gibt, die ich vorher beschrieben habe, und die wir heute gerne mit der Entstehung des Universums  identifizieren, dann bleibt den Naturgesetzen eigentlich gar nichts anderes übrig, als überall die gleichen zu sein.

Betrachtet man den Anfang aus religiöser Sicht als einen Schöpfungsakt, und akzeptiert man, dass es ein Schöpfer nicht nötig hat, anschließend dauernd steuernd und korrigierend in diese Schöpfung einzugreifen, dann haben wir hier nicht nur eben die Schöpfung vor uns, bzw. um uns, sondern in der Art, wie dieses Universum sich ausprägt, die Manifestation des Willens des Schöpfers. Und diese äußert sich für den Naturwissenschaftler eben in der Form der Naturgesetze.

Eines dürfen wir aber bei allem nicht vergessen: Ganz gleich aus welcher Blick- und Geistesrichtung wir kommen, all unsere Vorstellungen sind durch unsere Fähigkeiten limitiert. Und damit meine ich nicht nur die individuellen Fähigkeiten jedes einzelnen Menschen, sondern die kollektiven Fähigkeiten der Menschheit insgesamt. Kurz: Wir haben allen Grund, stolz zu sein auf unsere Erkenntnisse, wir dürfen uns aber auch nicht überschätzen. All‘ unsere Bilder, all‘ unsere Beschreibungen, all‘ unser Verständnis ist durch UNSERE Grenzen limitiert. Und ganz gleich, ob wir tief religiös sind, oder Agnostiker, wir müssen anerkennen, dass das Universum großartiger, umfassender ist als das, was wir erkennen.

Insofern wohnt dem Anfang und der Universalität aus religiöser wie aus naturwissenschaftlicher Sicht ein Zauber, wie es Hesse gesagt hat, ja ein Mysterium inne.

Aber vielleicht ist ein Zitat von Max Planck noch treffender. Der gebürtige Kieler Max Planck begann seine Professorenkarriere in der zweiten Hälfte der 1880er Jahren als Professor für Theoretische Physik an der Christian-Albrechts-Universität. Er wurde später zum Vater der Quantenmechanik und damit zu einem der Väter der modernen Physik. Und eben dieser Max Planck formulierte es so:

Für den gläubigen Menschen steht Gott am Anfang, für den Wissenschaftler am Ende aller seiner Überlegungen.

Amen.