Predigt des Kieler Oberbürgermeisters Dr. Ulf Kämpfer am Sonntag Estomihi 2016

Ulf Kämpfer
Predigt über Kor. 1.13
Universitätskirche der CAU, 7.2.2016

 

Liebe Gemeinde,

eine Predigt zu halten gehört zu den Dingen, die ich noch nie gemacht. habe. Sie, sehr geehrter Professor Müller, schrieben  im Vorfeld zunächst, die heute auszulegende Bibelstelle stehe im 1. Kapitel des ersten Petrus-Briefes, die Stelle sei nicht ganz einfach.
In der nächsten Mail hieß es dann mit einer gewissen Erleichterung:
Es gehe doch um den ersten Korintherbrief, ein super Text, zu dem wohl auch der Oberbürgermeister ohne Schwierigkeiten etwas sagen könne!

I.

Nun - das Hohelied der Liebe ist ja tatsächlich so etwas wie der Gassenhauer der Bibel: „Nun aber bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; aber die Liebe ist die Größte unter ihnen.“

Wer sonst nichts kennt aus der Bibel, diesen Satz kennt jeder. Es ist ein wenig wie dem Song „Last Christmas“ im Dezember, der ja eigentlich auch ganz schön ist, den man aber einfach ein paar mal zu oft gehört hat – und deshalb oft gar nicht mehr richtig hinhört.

Und doch geht immer noch irgendetwas Besonderes von diesem Text aus. Was ist sein Geheimnis?

Paulus erzählt uns keine Geschichte oder Gleichnis, er stellt auch keine Gebote auf. Es ist eher Poesie. Kratzt man etwas an der Oberfläche, liest das ganze Kapitel, eröffnet sich hinter dem Plakativ-poetischen ein philosophisch-verrätselter Text.

Paulus kommt sehr schnell auf den Punkt: Ohne die Liebe ist alles nichts.

All unser Tun und Lassen, all unser Wissen und Können sind vergeblich ohne die Liebe. Ohne die Liebe klingen unsere Reden wie ein tönendes Erz oder eine klingende Schelle – kein Wohllaut, ohne Harmonie, blechern, dünn, kalt.

Aber was ist das für eine Liebe, von der Paulus schreibt? Sicher keine erotische Liebe, nicht mal eine leidenschaftliche, sich verzehrende Liebe. Diese Liebe ist bedingungslos und langmütig, sie erträgt, glaubt, hofft und duldet alles. Sie ist perfekt, göttlich – und damit in gewisser Weise unheimlich, ja un-menschlich.

Und doch ist diese Liebe von dieser Welt, eine Kraft, ein Prinzip oder eine Haltung. Wir sollen unsere Liebe nicht aufsparen für später, wenn wir von Angesicht zu Angesicht mit Gott stehen. Die Liebe soll schon heute wirken, jetzt, im Diesseits, praktisch und real.

II.

Bei aller Poesie geht es Paulus in den Korintherbriefen um Handfestes: Um die Substanz und Praxis des Glaubens einer gerade erst im Entstehen begriffenen Religion.

In Korinth, dieser multikulturellen und multireligiösen griechischen Hafenstadt lebten seinerzeit die ersten frühchristlichen Gemeinden; alte und neue Glaubensströmungen und Rituale konkurrierten miteinander. Es war eine unruhige, aufgewühlte Zeit. Woran sollte man sich halten?

Paulus gibt konkrete Ratschläge und Anweisungen: Die Frau soll in der Gemeinde schweigen, die Männer nicht mehr zu den Prostituierten gehen. Sehr konkrete Regeln sowohl für die religiöse Praxis, aber auch das tägliche Leben eines Christen gibt Paulus den Korinthern mit auf den Weg. Heute würden wir vielleicht sagen: Paulus beschreibt eine Art Leitkultur, mit einem einerseits verbindlichen Rahmen, der aber doch auch Freiraum lässt. In seinen Briefen schimmert immer wieder ein Pragmatismus durch, in Glaubenssachen auch mal Fünfe gerade sein zu lassen.

III.

Es wird ziemlich was los gewesen sein damals in Korinth. Aber das ist lange her. Das junge Christentum ist seitdem ganz schön in die Jahre gekommen.

Vielleicht lassen sich trotzdem Parallelen ziehen zu uns Heutigen. Vielleicht ist die norddeutsche Hafenstadt Kiel heute ein wenig wie damals Korinth.

Unruhe und Verunsicherung sind mit den Händen greifbar. Alte Gewissheiten und Autoritäten sind in Frage gestellt, der Konsens ist brüchig geworden. Wie wollen wir miteinander leben? Was halten wir aus an Freiheit und Fremdheit, was muss für alle gelten? Und wer ist gemeint, wenn von „wir“ die Rede ist?

Kann uns Paulus helfen, wenn wir heute Antworten auf diese Fragen suchen?

Paulus lehrt uns Demut wenn er schreibt: „Unser Wissen und unser Reden ist Stückwerk. Jetzt, als Mensch, erkenne ich stückweise, dann aber werde ich erkennen, wie ich erkannt bin.“

Jetzt und dann – das ist der entscheidende Spannungsbogen bei Paulus wie im ganz christlichen Glauben, wir stecken immer mittendrin im Noch-Nicht. Dann, später, hoffentlich bald,  wird alles gut, dann wird das Stückwerk aufhören und das Vollkommene greift Raum. Aber eben erst dann.

Bis dahin müssen wir uns im Hier und Heute arrangieren. Und leiten sollen uns laut Paulus „diese drei“: Glaube, Hoffnung, Liebe.

IV.

Tun sie das? Wie steht es um dieses Dreigestirn in unserer Gesellschaft?

Um den Glauben scheint es nicht gut bestellt zu sein. Wir nordelbischen evangelischen Christen geben uns ja oft eher wohltemperiert; das meine ich nicht zynisch: Klare, besonnene Stimmen der Vernunft gibt es gerade viel zu wenige. Viele Christinnen und Christen engagieren sich in unserer Stadt mit Hand und Herz für Flüchtlinge. Die offene Kirche St. Nikolai zeigte, als sie im Herbst ihre Türen weit öffnete für Transitflüchtlinge, was Kirche heute sein kein. Doch insgesamt ist da ein Leidenschaftsvakuum. Andere füllen es mit weltabgewandter Frömmigkeit oder mit religiösem Fundamentalismus bis hin zum religiös verbrämten Terror.

Der Glaube an die Institutionen: an Kirche, Staat, Medien und ihre Akteure hat über viele Jahre lange schleichend abgenommen. Und nicht erst seit der Flüchtlingskrise erodiert das Vertrauen fast schon erdrutschartig.

Auch mit der Hoffnung steht es nicht zum Besten. Der Fortschrittsoptimismus ist uns gründlich abhanden gekommen, die Krise ist der neue Normalzustand geworden. Finanz-, Klima-, Griechenland-, Ukraine- und Flüchtlingskrise erschüttern unsere Zuversicht, dass 70 Jahre militärischer und gesellschaftlicher Frieden eine Konstante bleiben. Die Zeit der großen, Hoffnung spendenden Erzählungen scheint vorbei zu sein.

Und die Liebe als Kitt unseres Zusammenlebens? Wenn wie gestern in Dresden für das Abendland und gegen vermeintlich Islamisierung demonstriert wird, könnte es liebloser nicht zugehen.

Und der öffentliche Diskurs hat in den letzten Monaten eine Verrohung erfahren, die ich noch vor kurzem nicht für möglich gehalten habe. Das Ressentiment, das schnelle und harte Urteil, der Hass dominieren.

V.

Paulus würde sich mit dieser Misere sicher nicht abfinden. Er, vom Saulus zum Paulus geworden, wusste um die Irrwege und Fehlbarkeit unseres Strebens. Aber auch um unsere Fähigkeit, ganz neue Wege zu gehen.

Das Wissen um das Stückwerk unserer Glaubens-Erkenntnisse verpflichtet uns zwar nicht zur Beliebigkeit, aber ganz sicher zu Toleranz, Respekt und dem Zulassen von Vielfalt, im Zusammenleben der Religionen wie auch im politischen Kontext.

Liebe im Sinne von Paulus heißt dann doch wohl, sich nicht allein von Furcht leiten zu lassen, das Gemeinsame zu betonen statt das Trennende, sich in die Schuhe des Anderen zu stellen und versuchen, ihn zu verstehen; Kompromisse zu suchen. Offen zu sein. Menschen eine zweite Chance zu geben.

Bei diesem Unterfangen die Balance zu halten und darauf zu bestehen, dass es dennoch Festes, Unverhandelbares gibt und geben muss, dass nicht alle Meinungen gleich-gültig sind, dass ist eine hohe Kunst und, wie ich glaube, die große Aufgabe für Kirche und Politik in diesen Wochen und in den nächsten Jahren und Jahrzehnten.

Denn wir haben es mit einer großen Ernüchterung zu tun. Ernüchterung darüber, wie wenig unsere postmoderne Gesellschaft heute noch Sinn und Halt vermitteln kann, zwischen Leere und fanatischem Dogmatismus der einfachen Wahrheiten hält immer weniger Common Sense unsere Gesellschaften zusammen.

Eine aufgeklärte evangelische Kirche hat es hier offenbar ebenso schwer wie die demokratischen und politischen Institutionen. Wir stehen doch alle mehr oder weniger ratlos vor dem Befund, dass unsere Sinnangebote immer mehr Menschen nicht nur kalt lassen, sondern sich sogar kalte Verachtung breit macht.

Geht das gut aus? Ich weiß es nicht. Sollen wir alle Hoffnung fahren lassen? Ganz sicher nicht. Denn Hoffnung ist, wie Vaclav Havel es formuliert hat, „eben nicht Optimismus. Hoffnung ist nicht die Überzeugung, dass etwas gut ausgeht, sondern die Gewissheit, dass etwas Sinn hat, egal wie es ausgeht.“

 

VI.

Glaube, Hoffnung, Liebe – politisch übersetzt als Idealismus, Zuversicht und Menschenfreundlichkeit: Als Oberbürgermeister versuche ich, mich von diesen Werten leiten zu lassen.

Wie schwierig das ist, hat niemand so gut beschrieben wie der engagierte Christ und Politiker Erhard Eppler. In seinen Memoiren, die er - vielleicht ja in Anlehnung an Paulus - „Komplettes Stückwerk“ genannt hat, schreibt er: „Politik als Beruf ist nicht nur etwas vom Gefährlichsten, Abgründigsten, worauf Menschen sich einlassen können, sondern auch etwas vom Faszinierendsten, Spannendesten, darf ich sagen: vom Schönsten? Vielleicht ist Politik an der Grenze dessen angesiedelt, was Menschen leisten können, ohne, um es biblisch zu sagen, Schaden zu nehmen an ihrer Seele.“

Auch meine Arbeit als Oberbürgermeister wird immer Stückwerk bleiben. Ich habe mal gesagt, diese Aufgabe sei eine strukturelle Überforderung, 100 % gut könne man diesen Job nicht machen. Ich muss mich am Unfertigen ausrichten – das ist in einer sympathisch unfertigen Stadt wie Kiel vielleicht nicht die schlechteste Strategie.

Wenn mein politisches Wirken Stückwerk bleiben muss, wenn gar nicht alles gelingen kann, dann ist das auch eine Entlastung, die gelassen machen kann. Oder wie Samuel Beckett es ausgedrückt hat: „Ever tried. Ever failed. No matter. Try again. Fail again. Fail better.“

Stückwerk heißt dann: Nur das mir Mögliche, das Menschenmögliche nehme ich mir vor, nicht mehr und nicht weniger.

Allerdings: In der letzten Woche, in denen zwei schreckliche Fälle sexuellen Missbrauchs in Kiel öffentlich wurden, hat das Wissen um das Stückwerkhafte all unser Bemühungen gar nichts Tröstendes, sondern etwas sehr Trauriges und Ernüchterndes.

Und in solchen Momenten bin ich froh über die Bibel und Worte wie im Hohelied der Liebe, die uns erinnern nicht nur an unsere Grenzen erinnern, sondern auch an das, was wirklich zählt.

VII.

Liebe Gemeinde, wir begehen heute das Semesterende, für viele von Ihnen sicher eine Gelegenheit, inne zu halten, Zwischenbilanz zu ziehen. „Fail better“ – beim nächsten Mal besser scheitern – dass taugt ja vielleicht auch als Ermunterung für Studierende am Ende des Semesters. – Try again. Fail better. Auf ein Neues!

VIII.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus.

Amen.