Predigt des Systematischen Theologen Prof. Dr. Hartmut Rosenau über "Selig, die da arm sind" vom 1. Mai 2016

Predigttext: Lk 6,20b: „Selig seid ihr Armen - denn euer ist das Reich Gottes!“

Liebe Gemeinde, 

eigentlich fühle ich mich durch diese Seligpreisung gar nicht angesprochen, denn ich bin nicht arm. Nur, wenn ich diese Zusage des Reiches Gottes als Aufforderung verstehe, nach Kräften die Armut anderer zu lindern, dann hat mir dieses Jesus-Wort etwas zu sagen. Aber das ist einerseits schnell gesagt (wenn auch nicht immer schnell getan), und zum anderen steht das so nicht im Text (kein moralischer Appell, sondern eine eschatische Verheißung). Darum wird meine heutige Predigt sehr kurz ausfallen - zumal ich heute, und das passt dann doch wieder zum Predigtext, wenn auch nur im übertragenen Sinn, „arm“ an Zeit bin …

I.

Arm sein ist nicht schön, es sei denn, Menschen werden oder bleiben freiwillig arm, aus welchen Gründen auch immer. Früher waren es Asketen, Bettelmönche und Beginen, heute sind es Menschen, die so ein politisches Zeichen setzen wollen wie Gandhi, oder die mit „leichtem Gepäck“ angenehmer und auf das Wesentliche konzentriert durch das Leben reisen wollen. Das mag alles für sich gut und richtig sein, aber solche Menschen meint Jesus hier nach der lukanischen „Feldrede“ nicht, wenn er die Armen selig preist. Denn solche Menschen empfinden ihre Armut gar nicht als einen beklagenswerten Mangel und sehnen sich in dieser Hinsicht nicht nach Erlösung im Reich Gottes. Deshalb ist diese Seligpreisung Jesu auch keine moralische Aufforderung zur freiwilligen Armut oder eine Empfehlung des Armseins als ein bekömmliches Lebensziel.

Jesus preist nicht die Armen selig, weil sie arm sind - sondern er preist Menschen selig, die unfreiwillig arm sind (aus welchen Gründen auch immer, danach fragt Jesus hier gar nicht), bzw. obwohl sie (unfreiwillig) arm sind. Er preist diejenigen selig, die ihre Armut als eine große Not empfinden, aus der sie gerne befreit werden wollen, weil für sie Armut gar nicht schön ist.

Deshalb nicht schön, weil sie hungern und frieren müssen und ihre elementaren Bedürfnisse nicht befriedigen können. Deshalb nicht schön, weil sie von anderen, den Reichen, verachtet und verurteilt, missachtet und übersehen werden und als Verlierer in der Gesellschaft nichts zählen. Deshalb nicht schön, weil sie das Gefühl haben, deswegen auch vor Gott als Verlierer dazustehen und von ihm und seinem Segen verlassen zu sein. Darum sehen sie keinen Grund ihres Daseins, der ihnen Halt und Lebenssinn geben könnte. Sie haben ihre Bestimmung aus den Augen verloren und wissen gar nicht (mehr), warum und wozu sie eigentlich (noch) da sind. Das ist nicht nur nicht schön, sondern es ist zum Verzweifeln.

Ein solches Gefühl von Verlorensein und Verzweiflung kann uns natürlich alle befallen - egal ob arm oder reich, aber an der Not materieller Armut wird es vielleicht besonders deutlich, wie zerbrechlich und erlösungsbedürftig wir im Grunde sind. Darum geht es zunächst einmal ganz konkret darum, alles zu tun, um materielle Armut zu lindern, zu beseitigen und durch Verbesserung der gesellschaftlichen Lebensbedingungen Armut gar nicht erst entstehen zu lassen. Gerade der „milde“ Evangelist Lukas - der Legende nach Arzt - zeichnet sich durch diesen sympathischen „Zug nach unten“ (E. Bloch) aus, durch seine aktive Parteinahme im Namen Jesu für alle Randsiedler der Gesellschaft, für die Armen, Kranken, Kinder, Witwen, Ausgestoßenen und Verachteten. Darum stellt gerade Lukas das Teilen, die Diakonie, das Helfen und Heilen als Kennzeichen der Gemeinde heraus.

II.

Jesu Seligpreisung der Armen erfüllt sich nach Lukas aber nun nicht dadurch, dass die Armen reich und die Reichen arm, oder beide auf ein mittleres ausgeglichenes Niveau gebracht werden. „Zug nach unten“ bedeutet nicht gleich „Aufruhr nach oben“, wie E. Bloch die Botschaft Jesu engagiert interpretiert hat. Auch nach Lukas ist Jesus kein Robin Hood, kein Karl Marx und auch kein Ludwig Ehrhardt - so verdienstvoll das alles ist, was diese und andere Menschen gedacht und getan haben.

Die Konsequenz der Seligpreisung der Armen ist vielmehr die damals wie heute gar nicht selbstverständliche Erkenntnis, dass Gott gerade bei den Armen in ihrer Armut ist. Armut trennt nicht von Gott - so, wie Menschen sich gerne und schnell von Armen trennen. Gott verbindet sich vielmehr mit den Armen. Wie immer Armut entstanden sein mag, und wie immer Armut bekämpft werden soll - unabhängig davon ist Gott da - auch und gerade bei den Armen, bei den Marginalisierten, bei den Verlierern unserer Gesellschaft. Deswegen leben die Armen in ihrer Armut nicht ohne Halt und Grund, sie müssen deswegen nicht an ihrer Daseinsberechtigung verzweifeln. Gott ist da - im Leid, in der Not, im Elend. Die Reichen und Mächtigen sollen nicht meinen, dass Gott ausschließlich bei und mit ihnen wäre (Luthers „theologia crucis“ gegen eine „theologia gloriae“). Gott hält die Reichen mit einer seiner Hände fest und die Armen mit der anderen - so entsteht, bildlich gesprochen, ein geschlossenes Dreieck -  und hält sie den Reichen  vor Augen, damit sie nicht übersehen und verachtet werden: Hier, seht, die Armen gehören auch zu euch wie zu mir, sie sind mir wert und wichtig, kümmert euch um sie und vernachlässigt oder vergesst sie nicht, auch und gerade ihnen gehört das Reich Gottes - und euch Reichen nicht, wenn ihr meint, mit eurem Reichtum alles, sogar das Reich Gottes schon zu haben und andere davon auszuschließen oder gar auf ihre Kosten zu leben! Das ist keine romantische Verklärung der Armut, denn nicht diese wird selig gepriesen. Armut soll nicht sein! Es ist vielmehr eine Aufwertung der Menschen, die arm sind, vor den Augen der Reichen, die gegen ihren elitären Dünkel zur Verantwortung und zur Gemeinschaft gerufen werden.

III.

Not lehrt beten (Sonntag „Rogate“). Die Not der Armen treibt ins Gebet, treibt zum Bitten, Flehen und Klagen. Das Beten ist eine Brücke zwischen den Armen und der Nähe Gottes, die ihnen Jesus in seiner Seligpreisung zusagt. Reiche verlernen das Beten oft sehr schnell, obwohl auch sie (also auch wir) Grund genug zum beten hätten. Allerdings nicht, um über persönliche materielle Not vor Gott zu klagen, sondern um Gott für seinen Segen zu danken, oder um tätige Fürbitte für andere zu leisten. Solche Gebete als Ausdruck eines tiefen, ja grenzenlosen Vertrauens auf Gott, dem absoluten Grund und Ziel unseres Lebens, relativieren den Wert des Reichtums wie die Not der Armut. Denn Gebete weiten den Horizont und lenken den Blick auf das Wesentliche. So ist beten eine „Relativierung des Bedingten“ durch Verbindung mit Gott, dem Unbedingten (M. Kauer). Im Fall der Armut heißt „Relativierung“ nun aber nicht Nivellierung, die zu Gleichgültigkeit oder Resignation führt. Das wäre ein schaler, manchmal sogar ein zynischer Trost. Relativierung des Bedingten im Gebet bedeutet vielmehr, den Dingen, den drückenden Lebensumständen durch Bitte, Klage und Flehen vor Gott die uns lähmende absolute Macht zu nehmen, die sie zu haben scheinen. So können wir Kräfte mobilisieren, um schlimme Zustände zu überwinden und das Leben besser zu machen. Im Fall des Reichtums heißt „Relativierung des Bedingten“ im Gebet, den eigenen Wohlstand dankbar als Geschenk und Segen (nicht als Seligkeit!) zu betrachten, der auch und gerade zum Teilen mit den Armen verpflichtet. So wird die dämonische Macht des Reichtums, der sich gerne als das Unbedingte aufspielt, im tätigen Gebet, in Dank und Fürbitte, gebrochen. Wir nehmen dann als Reiche unseren Reichtum relativ in seinem gesellschaftlichen Zusammenhang und seiner Bedingtheit verantwortlich wahr. Reichtum ist Segen und nicht Seligkeit - Armut ist Not, aber nicht Gottverlassenheit. Diese Relativierung schließt uns alle, arm oder reich - wie in der Feier des Abendmahls - im Geben und Nehmen, im Bitten und Danken -  mit Gott und in ihm mit einander zu einer teilenden (nicht geteilten!) Gemeinde zusammen.

Amen