Predigt des Universitätspredigers Andreas Müller zu Weihnachten 2014

Liebe Gemeinde,

alle Jahre wieder gibt es einen Grund zur Freude: Wir feiern Weihnachten. Alle Jahre wieder eine einmalige, feierliche Stimmung, alle Jahre wieder die vertrauten Lieder und Texte, die langsame – und manchmal auch sehr langwierige - Vorbereitung auf das Fest, dieselben Rituale. Vertraut ist die Freude, vertraut ist oft sogar selbst der Streit.

Eine Kollegin erzählte mir unlängst über ihre Weihnachtsrituale: Am Heiligenabend morgens Diskussion darüber, welche Gottesdienste besucht werden. Man einigt sich auf einen Spätnachmittagsgottesdienst und die Christmette in der Nacht. Dann kommt das Vorbereiten des Wohnzimmers. Und nun auch alle Jahre wieder der vorprogrammierte Streit: Sollen an den Baum Glaskugeln oder Strohsterne. Es folgt eine ritualisiert bittere Auseinandersetzung. Schließlich setzt sich einer von beiden durch. Dann gibt es die Christvesper, Weihnachtsessen, Bescherung – und dann die Anmerkung des Gatten: Du, ich bin jetzt so müde, ich muss schlafen. Und so geht man alle Jahre wieder vor der Christmette zu Bett. Alle Jahre wieder: Ist Weihnachten allein ein wiederkehrendes Ritual von Familienstreit und Familienglück?

Sicher ist es das, und das ist auch gar nicht schlimm so. Rituale gehören zu unserem Leben dazu, wir brauchen sie, um Halt und ein Stück weit auch Geborgenheit in unserer Welt zu finden. Gerade in unserer fragmentierten Wirklichkeit, in einer Zeit, die von Individualismus und ganz subjektiven Wahrheiten geprägt ist, brauchen wir Rituale, die verbinden, die uns noch ein Stück weit das Gefühl von Gemeinschaft und Verankerung in einer langen Tradition vermitteln. Weihnachten ist selbst über die religiösen Grenzen in unserem Land hinweg ein Fest, das verbindet, das unser Jahr strukturiert und das daher auch einen wichtigen Stellenwert in unseren Familien und unserer Gesellschaft beibehalten sollte. Ich bin sehr froh darüber, dass wir auch in unserer Universität dieses Fest immer wieder feiern können.

Alle Jahre wieder hören wir die vertrauten Texte. Auch das bietet ein Stück weit das Gefühl von geistlicher Heimat. Auch das ist gut so. Und dennoch lohnt es sich, auf diese Texte gelegentlich genauer zu schauen, danach zu suchen, was sie uns möglicherweise eigentlich sagen wollen. Der Predigttext für heute Abend ist die Weihnachtsgeschichte, wie sie sich beim Evangelisten Lukas findet. Frau Herholz hat sie uns gerade vorgelesen, und viele von uns haben innerlich vielleicht sogar das eine oder andere Stück mit rezitiert: „Es begab sich aber zu der Zeit, dass ein Gesetz vom Kaiser Augustus ausginge ...“ Vertraute Worte, wohlklingende Worte, aber sind sie auch noch mehr? Ist es nur die Geschichte von einem angefochtenen und doch zugleich romantischen Familienglück? Oder steckt in diesen Zeilen vielleicht noch anderes, vielleicht sogar ein wenig Revolutionäres? Lassen Sie uns die einzelnen Teile der Weihnachtsgeschichte durchgehen sie daraufhin befragen.

Auffällig stark betont der Evangelist den historischen Rahmen des Weihnachtsereignisses. Augustus und Cyrenius werden hier erwähnt, eine Volkszählung und eine dadurch ausgelöste Familienreise von Nazareth nach Bethlehem. Wir wissen heute, dass historisch in dem Bericht des Lukas so einiges nicht zusammenpasst. Selbst die Vorstellung, dass man zur Volkszählung am Ort seiner Familienherkunft, nicht an seinem Wohnort sein solle, trifft historisch wohl nicht zu. Besonders bereitet die Kombination der einzelnen genannten Persönlichkeiten dem modernen Historiker große Schwierigkeiten. Lukas ging es in seiner Weihnachtsgeschichte aber nicht darum, ein historisch korrektes Geschichtswerk zu schreiben. Es ging ihm um eine Predigt, nicht um eine wissenschaftliche Abhandlung. Und in dieser Predigt ist ihm wichtig: Das Heil der Welt kam in einem ganz konkreten Moment zur Welt. Nicht alle Jahre wieder, nicht irgendwo zwischen Paradies und Schlaraffenland, nein, ganz konkret unter konkreten Herrschern, die wirklich einmal regiert haben, an Orten, die wirklich existieren und mit Personen, die auch hier und jetzt leben könnten. Für die Weihnacht, für die Begegnung mit dem Heil der Welt, brauchen wir keine Sonderwelten. Wir müssen weder in Ekstase verfallen noch in die Wüste gehen, um Gottes Nähe zu erfahren. Gott ist mitten in unserer Welt Mensch geworden. Das „es begab sich“ ist in der Weihnachtsgeschichte keine Eröffnung einer Märchenerzählung. Es ist vielmehr der Hinweis auf die Tatsächlichkeit dieses einmaligen Ereignisses, auch wenn die historischen Daten im Einzelnen nicht stimmen. Einige von ihnen sind vielleicht sogar aus der damaligen Kultur und den damaligen Traditionen bewusst in die Geschichte hineingetragen worden: Dem selbstbewussten Kaiser Augustus wird nun ein Messias, ein Heiland gegenübergestellt, der die Welt wirklich im Innersten zusammenhält. Bethlehem musste als die Stadt Davids in irgendeiner Weise in die Geschichte eingebaut werden, auch wenn Jesus historisch in Nazareth das Licht der Welt erblickte. Das ist alles Nebensache – was zählt ist: Das Wort wurde historisch greifbar in einer ganz konkreten Situation Fleisch. Wie schön ist das illustriert auf dem Fresko, dass auf unserem Gottesdienstprogramm abgedruckt ist. Es stammt aus einem Kloster im äthiopischen Tana-See. Und es zeigt den Gottessohn, wie er von seiner Mutter auf der Flucht nach Ägypten gesäugt wird, ganz menschlich und ganz konkret!

Ein zweiter Aspekt ist mir in der Weihnachtsgeschichte sehr wichtig geworden: Gott wird nicht nur zu einem ganz konkreten Zeitpunkt Mensch. Himmel und Erde berühren sich vielmehr auch an einem Ort, an dem man es wohl am wenigsten vermutet: In einem ärmlichen Stall fernab der Heimat, unter einfachsten Umständen, ja sogar in Not. Auch die romantischsten Lieder vom holden Knaben im lockigen Haar können über dieses Faktum nicht hinwegtäuschen: Gott kam hinein in diese Welt an einem ihrer dunkelsten Plätze. Dem Himmel begegnet man hier nicht in den Palästen und dem Tempel in Jerusalem, nicht in einem Bethaus, nicht in einer gutsituierten Wohnung. Nicht einmal in einem Hotel oder einer Herberge. Das griechische Wort müsste korrekter mit Notunterkunft übersetzt werden: Es gab nicht einmal mehr Platz in der Notunterkunft! Der Ort der Menschwerdung Gottes liegt vielmehr ganz am Rande der Gesellschaft. Heute würde man vielleicht sagen: Gott kam auf einem Flüchtlingsboot vor Lampedousa zur Welt, in einer Hütte irgendwo im Evros-Tal zwischen der Türkei, Griechenland und Bulgarien, in einem Asylantencontainer in einer modernen westlichen Großstadt. Wie kann man da in unserer Zeit mit Weihnachtsliedern gegen Flüchtlinge ansingen? Und erst recht gegen solche, die wie Jesus aus dem Orient kamen? Wenn Lukas von der Geburt des Heils dieser Welt in einer Krippe in einem Stall berichtet, so steckt darin tatsächlich Revolutionäres: Ein in damaligen Zeiten vollkommen neues Gottesbild, das auch noch heute provoziert. Der allmächtige Gott wird Mensch in einem hilflosen Kind in einem erbärmlichen Stall! In diesem Evangelium steckt nicht nur eine ungeheuerlicher Trost für alle diejenigen, die sich selber am Rand der Gesellschaft befinden: Allen Gescheiterten, allen die arm sind und bedrückt, allen die auf der Flucht sind, ist Gott unglaublich nahe. Für diejenigen, die es geschafft haben in unserer Welt, die ihren festen Platz gefunden haben, steckt in diesem Evangelium zugleich eine Ermahnung: Gott begegnet uns keineswegs nur in den erfolgreichen und zielstrebigen Menschen in dieser Welt, nicht in großen Gelehrten und auch nicht in Pastorinnen und Pastoren, sondern an ganz unerwarteten Stellen. Die Weihnachtsgeschichte ermutigt zur Achtung gegenüber jedem Menschen, denn in einem jeden Menschen kann uns Gott selber begegnen, sei er auch arm, hungrig, verzweifelt oder auf der Flucht. Diese Ermutigung umzusetzen fällt keineswegs immer leicht. Immer öfter hört man in Kirchengemeinden von Diskussionen über Kirchenasyl für von Abschiebung bedrohte Asylbewerber. Das ist in Zeiten von Dublin III eine Hilfe für Menschen, in denen uns – vielleicht – Gott selber begegnen will. Die Weihnachtsgeschichte ermutigt jedenfalls dazu, in jedem Mitmenschen Gott selbst zu suchen.

Noch ein weiterer Aspekt in der Weihnachtsgeschichte ist mir wichtig geworden. Gott kommt im Verborgenen in diese Welt. Er entzieht sich schon in der damaligen Welt dem Medienspektakel und der großen Aufmerksamkeit. Er kommt genau dorthin, wohin sich keine Kameralinse richtet. Haben Sie sich schon einmal gefragt, warum in der Weihnachtsgeschichte eigentlich Hirten vorkommen? In der neutestamentlichen Forschung ist darüber viel spekuliert worden. Religionshistorische Parallelen wurden bemüht, u.a. aus Ägypten. Die Hirten wurden als die unterste Gesellschaftsschicht verstanden, eine Schicht, die eben mit der Geburt Gottes besonders konfrontiert worden sei. Da in der jüdischen Gesellschaft aber der Hirte selbst ein Bild für gute Könige und sogar Gott sein kann, ist diese Deutung eher unwahrscheinlich. Warum taucht der Gottessohn ausgerechnet zum ersten Mal bei Hirten auf? Diese stehen im Mittelmeerraum für eine Menschengruppe, die von der Geburt einer besonderen Persönlichkeit ganz am Rande des gesellschaftlichen Geschehens hört. Sie sind Menschen, denen öfter in der hellenistischen Welt Königskinder begegnen, lange bevor die ganze Gesellschaft von deren Existenz erfährt. Ein bekanntes Beispiel ist Ödipus. Seine königlichen Eltern ließen ihn von Hirten aussetzen, die Mitleid mit dem Jungen hatten und ihn wiederum dem korinthischen König zur Adaption brachten. Auch der Trojaner Paris oder der römische legendäre Stadtgründer Romulus lebten zunächst im Umfeld von Hirten bzw. wurden sogar von diesen großgezogen. Bedeutende Menschen werden also in der Antike bei Hirten groß. Wahrscheinlich sind es daher auch Hirten in der Weihnachtsgeschichte, die Christus als erste begegnen. Am Rande der Gesellschaft, außerhalb unserer Städte und Kulturzentren ereignen sich oft Dinge, die von weltgeschichtlicher Bedeutung sind. Auch in Kiel. Lukas ermutigt uns mit seiner Weihnachtsgeschichte durch den Verweis auf die Hirten dazu, Antworten auf das Geheimnis des Lebens an vollkommen ungewohnten Orten zu erwarten: Auf den Feldern vor Bethlehem, in den sozialen Brennpunkten unserer Welt, in der Einsamkeit genauso wie in der absoluten Geschäftigkeit. Gott will im Dunkel wohnen – und erhellt es doch überall. Wenn man für ihn aufmerksam ist, leuchtet der Stern von Bethlehem an unendlich vielen Orten unserer Welt.

Und noch ein letztes – der heutige Predigttext endet mit dem Hymnus der Engel: Ehre sei Gott in der Höhe, und Friede auf Erden, unter den Menschen des Wohlgefallens. Martin Luther hat einmal in einer Predigt zur Weihnachtsgeschichte dazu gesagt: „Auf eine gute Predigt gehört ein guter Gesang!“ Es ist einer der besten Gesänge, die wir in unserer Zeit hören können. Friede auf Erden kommt mit dem Kind in der Krippe zu Bethlehem in diese Welt. Es erinnert uns daran, auf das Leben zu schauen, das mit jedem kleinen Säugling in hoffnungsvoller Weise Gestalt gewinnt. Wer das Leben so im Blick hat, der kann es seinem Mitmenschen nicht verwehren. Im vergangenen Jahr ist der Friede in unserer Welt so bedroht wie schon lange nicht mehr. Auch unter dem Vorzeichen von Religionen werden wieder Kriege geführt, Menschen in die Luft gesprengt und Leben zerstört – welch barbarischer Missbrauch von Religion! Der Lobgesang der Weihnacht ermutigt dazu, die Stimme – und, falls es gar nicht anders geht – auch die Hand zu erheben für Menschen, deren Leben durch andere bedroht ist. Wer das göttliche Wohlgefallen erfährt, wer seinen inneren Frieden gefunden hat, der kann anderen nichts Böses wollen. Vielleicht fehlt es den IS-Kriegern, aber auch den christlichen Kämpfern in der Ukraine und an anderen Orten unserer Welt gerade an diesem inneren Frieden! Vielleicht spüren sie nicht, dass auch sie Kinder des göttlichen Wohlgefallens sein und dementsprechend zufriedene und glückliche Menschen sein könnten. Die gute Botschaft zu Weihnachten macht uns deutlich: Wir sind als Menschen geliebte Kinder Gottes, weil Gott sich ganz auf uns eingelassen hat. Mit der Geburt Jesu in der Krippe ist der garstige Graben zwischen Himmel und Erde überwunden. Unser Leben hat einen Sinn, wir sind gewollt! Daher brauchen wir unsere Existenzberechtigung nicht erst mit Waffengewalt und Aggression zu erkämpfen. Wir müssen uns nicht um Anerkennung und Pracht bemühen. Wir können vielmehr getrost – wie alle Jahre wieder auch in dieser Weihnacht heute – Gott besingen und loben und ihm alle Ehre überlassen: Großer Gott, starker König, liebster Heiland! Amen!