Predigt des Universitätspredigers Prof. Dr. Andreas Müller am Universitätstag 2014 in der Klosterkirche Bordesholm

Predigt zu Röm 12, 17-21am Universitätstag in Bordesholm (13. Juli 2014)

Gnade sei mit Euch und Friede von dem, der da ist und der da war und der da kommt.

Liebe Festtagsgemeinde, der Frieden ist ein gefährdetes Gut. Wo man auch hinschaut, bestimmen im Augenblick Konflikte und Unfrieden die Szene. Beunruhigend sind die Nachrichten, die aus dem Nahen Osten kommen. ISIS im Irak, die Hamas und die Israelische Regierung in Israel und Palästina, die Situation nach den Wahlen in Afghanistan, und auch die nach wie vor ungelöste Problematik der russischen Minderheit in der Ukraine. All das beunruhigt und macht mir auch persönlich ein wenig Angst. Frieden ist ein gefährdetes Gut – durch die Zeiten hindurch. Die Erinnerung an den Beginn des ersten Weltkrieges vor 100 Jahren macht das noch einmal besonders deutlich. Wie rasch kann durch ein Attentat am Rande des politischen Geschehens ein Pulverfass zur Explosion gebracht werden. Und wie wenig hatte die Welt, ja selbst die Religionsgemeinschaften und Kirchen, dem damals entgegenzusetzen.

Liebe Festtagsgemeinde, Frieden ist nicht nur ein gefährdetes Gut in der weiten Welt. Wie bedroht ist er auch ständig neu in unserem ganz persönlichen Umfeld, unserem Beruf, unseren Familien, unseren Gemeinden und Vereinen. In der Universität habe ich manchmal den Eindruck, dass er sogar besonders gefährdet ist. Dort arbeiten ja viele intelligente und oft auch empfindsame Menschen auf engem Raum miteinander. Wichtige  Entscheidungen selbst über die Bildungszukunft unseres Landes müssen hier gefällt werden. Viele verschiedene, kluge und leider nur allzu oft auch bis aufs Schärfste konkurrierende Konzepte stehen dabei einander entgegen. Ein Blick in die Presse Kiels und wahrscheinlich auch Bordesholms in den letzten Wochen machte es immer wieder deutlich: Der Frieden in unserem Land ist auch angesichts unterschiedlicher Optionen für die Bildung ein durchaus sehr gefährdetes Gut. Wer die Demonstration unserer Studierenden vor dem Landtag vor einigen Wochen mitbekommen hat, der konnte die Spannungen gleichsam in der Luft spüren.

Liebe Festtagsgemeinde, der heutige Predigttext wirkt wie gemacht für eine Situation, in der wir den Frieden als ein an unterschiedlichsten Stellen gefährdetes Gut wahrnehmen können. Der Text findet sich im Brief des Paulus an die römische Gemeinde. Vor seinem Besuch dieser Gemeinde stellte sich Paulus dieser gleichsam programmatisch vor. Dabei legte er nicht nur seine Theologie in einer so großen Geschlossenheit dar, wie sie bei ihm sonst nur selten zu beobachten ist. Vielmehr thematisierte er auch Fragen des Zusammenlebens in beeindruckender Weise. Hören wir auf die Worte im Römerbrief im 12. Kapitel:

Vergeltet niemandem Böses mit Bösem. Seid auf Gutes bedacht gegenüber jedermann. Ist's möglich, soviel an euch liegt, so habt mit allen Menschen Frieden. Rächt euch nicht selbst, meine Lieben, sondern gebt Raum dem Zorn Gottes; denn es steht geschrieben: »Die Rache ist mein; ich will vergelten, spricht der Herr. Vielmehr, »wenn deinen Feind hungert, gib ihm zu essen; dürstet ihn, gib ihm zu trinken. Wenn du das tust, so wirst du feurige Kohlen auf sein Haupt sammeln«. Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem.

Liebe Festtagsgemeinde, die Ausführungen des Paulus sind eine wirkliche Herausforderung. Wer sich in den letzten Wochen um Konfliktbewältigung in seinem oder ihrem je eigenen Umfeld bemüht hat, wird wissen: So leicht, wie Paulus es hier einfordert, geht vieles überhaupt nicht. Vieles lässt sich kaum realisieren. Und doch sind seine Anregungen für ein friedvolles Miteinander Anregungen, die zum Leben führen, die zerstörendem Handeln, menschengemachten Katastrophen und scheinbar unüberwindbaren Gräben oder Zäunen entgegenarbeiten können. Einige Punkte möchte ich daher aus dem paulinischen Text besonders hervorheben.

In beeindruckender Weise fordert Paulus seine Adressaten auf, dem Gegenüber Gutes zuzuwenden. Sowohl am Anfang als auch am Ende des heutigen Predigttextes betont er: Sogar Bösem ist Gutes entgegen zu halten.

In der Aufforderung des Paulus liegt eine Weisheit, die auch dem modernen Menschen naheliegt: Wer die Welt verändern will, der fange bei sich selber an. Es ist ja eine urmenschliche Erfahrung: Wenn etwas schief läuft, gerade auch im Miteinander: Schuld daran sind immer die anderen. Ich selber habe nur das Beste gewollt, aber die anderen haben das nicht wertgeschätzt, ja mein gutes Handeln mit Bösem vergolten. Paulus setzt grundsätzlich anders an: Verantwortlich ist nicht Dein Gegenüber, verantwortlich bist Du! An Dir liegt es, wie friedvoll Du mit Menschen zusammenlebst. Die Welt wird nicht besser dadurch, dass Du darauf wartest, dass andere Menschen sich ändern. Die Welt und auch Dein Leben wird besser, wenn Du selber Dich änderst, Gutes in die Welt bringst.

Diese Weisheit des Paulus hat in der christlichen Tradition immer wieder ihren Niederschlag gefunden. Einen schönen Text fanden wir kürzlich in einer Seminarsitzung. Der Mönchsvater Johannes Cassian betonte zu Beginn des 5. Jahrhunderts auf beeindruckende Weise, dass eine Besserung unserer Situation gerade mit unserem eigenen Handeln beginnt:

„Unsere ganze Besserung und innere Ruhe dürfen wir nicht auf den Willen eines Anderen bauen, der nicht unserer Macht unterworfen ist. Sie müssen vielmehr aus unserer eigenen Verfassung heraus entstehen. Genauso wie es nicht das Verdienst fremder Vollkommenheit sein kann, wenn wir nicht zürnen. Vielmehr ist es die Folge eigener Tugend. Nicht durch fremde Geduld, sondern durch eigene Langmut wird sie errungen.“

Paulus bringt diesen Gedanken, dass eine Veränderung der Welt letztlich damit anfängt, dass ein jeder von uns Gutes tut, auf den Punkt: „Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem.“ Das Böse ist bei ihm geradezu eine Macht, die uns zu beherrschen droht. Es liegt im Wesen des Menschen, dieser Macht kontrafaktisch etwas entgegensetzen zu können. Hartmut Rosenau hat in seiner schönen Predigt vergangenen Sonntag in der Unikirche festgehalten: Es macht dem Menschen in besonderer Weise aus, umdenken zu können. Ich würde diese Aussage gerne noch zuspitzen: Die Besonderheit des Menschen besteht darin, sich bewusst gegen vermeintlich unabwendbare Gesetzmäßigkeiten stemmen zu können, auszubrechen aus Spiralen der Gewalt, der Bosheit und des Misstrauens. Letztlich kann man so nicht nur Konfliktlösungen finden. Vielmehr geht es einem auch mit sich selber besser, wenn man das Böse durch Gutes überwindet. Es ist ein Weg dahin, sich nicht von außen fremdbestimmt, sondern sich ganz und gar selbstbestimmt zu fühlen. Paulus spricht in diesem Zusammenhang davon, dem Gegner feurige Kohlen aufs Haupt zu sammeln. In der Auslegung des Textes ist viel darüber diskutiert worden, was damit gemeint sein mag. Wahrscheinlich geht es vor allem um Bereitschaft zur Selbstkritik ganz gemäß dem Motto: Asche auf mein Haupt! In den Zeiten des Paulus hat man die Kohlen auf dem Haupt wohl noch als eine gesteigerte Form der Bußpraxis verstanden. Wer von sich aus dem anderen Gutes tut, auch wo das eigentlich nicht angesagt wäre, der mag solche Formen von Buße auslösen.

Liebe Festtagsgemeinde, in dem Predigttext überliest man gerne einige Randbemerkungen. So heißt es z.B. nicht einfach, dass wir mit allem und jedem Frieden machen sollen: Oder noch zugespitzt: Wir sollen nicht unbedacht und naiv selbst dem aggressivsten Feind Gutes tun. Paulus verlangt keineswegs eine masochistisch-passive Grundhaltung. Er fordert ja vielmehr auf, aktiv Gutes zu tun. Und er stellt darüber hinaus einschränkend fest: Ist's möglich, soviel an euch liegt, so habt mit allen Menschen Frieden.

Es gibt also auch Grenzen des Friedenschaffens bei Paulus. Es geht nicht um Frieden um jeden Preis. Ein solcher Frieden ist nicht nur selbstzerstörerisch. Er schadet auch dem Gegenüber. Zumindest nimmt er den Feind nicht wirklich ernst.

Modern gesprochen würde die paulinische Maxime heißen: Haltet Frieden mit jedermann, aber zieht auch die Grenzen, die zu Eurem Schutz notwendig sind. Ein wirklicher Frieden setzt immer auch gleiche Bedingungen für alle voraus. Er setzt voraus, dass der eine sich nicht über den Tisch gezogen fühlt, während die andere allein von dem Frieden profitiert. Meiner bescheidenen Lebenserfahrung nach dient es dem Frieden, Grenzen des Entgegenkommens klar zu benennen. Die Kieler Universität kann z.B. nicht jeden Schritt zugunsten des Ausbaus anderer Unis am Rande unseres Bundeslandes mitmachen. Eine klare und unbeirrbare Position kann im Konfliktfall etwas Gutes darstellen. Ich habe es selbst in den letzten Wochen häufiger erleben können: Wenn ich Grenzen aufgewiesen habe, wenn ich deutlich und unbeirrbar klar gemacht habe: Hier stehe ich, ich kann nicht anders! Dann hat das dem Frieden und der Verständigung oft mehr gedient als Nachgeben und Kompromißbereitschaft.

Ein dritter Punkt ist mir in unserem Predigttext wichtig, den man ebenfalls gerne überliest. Die Rache für Unrecht, das man erlitten hat, sollen nach Paulus die Gemeindeglieder nicht selber anstreben. Sie sollen sie vielmehr Gott überlassen. Gerade darin besteht eine Möglichkeit, Kreisläufe von Hass und Gewalt zu durchbrechen. Dies gilt nicht nur angesichts der Tatsache, dass es selbst in Regionen Europas bis heute noch Blutrache gibt. Es gilt auch im Blick auf eskalierendes Kriegsverhalten, wie wir es im Augenblick in Israel und Palästina wieder beobachten können. Gewaltanschläge mit Gewalt, mit gewaltsamer Rache aufzuwiegen, führt zu keinem konstruktiven Ergebnis. Auge um Auge, Zahn um Zahn ist jedenfalls keine Parole, die zur Deeskalation beitragen kann. Das Drohen mit Gegengewalt mag Schlimmeres verhindern, der Einsatz derselben fördert es aber nur.

Mich hat vor Jahren die Lektüre von Dietrich Bonhoeffers kleinem Büchlein über die Psalmen sehr beeindruckt. Bonhoeffer setzte sich mit der anstößigen Beobachtung auseinander, dass die Psalmen eine massiv gewaltsame Sprache pflegen. Da wird nicht nur wiederholt hymnisch besungen, dass Tausende zu meiner Seite fallen, da wird direkt um Niederlage oder gar Vernichtung der Feinde gebetet. In vielen gottesdienstlichen Formularen werden heute solche Texte ausgelassen bzw. gewaltfrei gemacht. Bonhoeffer kann der Sprache der Psalmen hingegen sehr viel abgewinnen. Er sieht in solchen Formulierungen ein geradezu notwendiges Ventil, um dem eigenen Zorn und die eigenen Gewaltbereitschaft zu überwinden. Wut und Zorn gibt es und muss es geben. Ich bin sauer, wenn mich jemand instrumentalisiert hat, mich zu übervorteilen versucht oder gar verbal angegriffen hat. Ich bin zornig, wenn ich als Person nicht ernstgenommen oder übel behandelt worden bin. Ich bin erst recht zornig, wenn im Arbeitsumfeld Universität Koalitionen und Komplotte hinter meinem Rücken geschmiedet werden, die auf Machtausbau und Ausschaltung anderer zielen. Und diesem Zorn muss ich Ausdruck verleihen dürfen. Zorn und Wut einfach nur runter zu schlucken, führt allenfalls zu Magengeschwüren, aber zu keiner Lösung. Bei Gott sind – so die Überzeugung von Paulus wie Bonhoeffer - unser Zorn und unsere Wut nicht einfach verloren, sie sind vielmehr gut und konstruktiv aufgehoben im doppelten Sinne des Wortes. Wer seine Rache Gott überlässt, der weiß sie in guten Händen.

Liebe Festtagsgemeinde, wir leben in einer Zeit, in der der Frieden ein gefährdetes Gut ist. Es brennt an vielen Stellen in unserer Welt. Paulus ermutigte seine Leserinnen und Leser, den Feinden kontrafaktisch Gutes zu tun. Das bedeutet keineswegs immer, klein beizugeben und sich selber zurückzunehmen. Es bedeutet auch nicht, seinen Zorn runterzuschlucken oder zu verdrängen. Es bedeutet aber, Kreisläufe von Aggression, Gewalt und Konflikten zu durchbrechen. Wenn uns das gelingt, dient es nicht nur dem lieben Frieden, sondern auch unserer Universität, unserer Gemeinde und letztlich uns selbst.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus, Amen!