Predigt des Universitätspredigers Prof. Dr. Andreas Müller am Universitätstag in der Klosterkirche Bordesholm (08.07.2012)

Predigt über Gen. 12,1-4

Liebe Festtagsgemeinde,

eine Aufbrauchstimmung ging durch Amerika, als am 8. Januar 2008 der Senator und Präsidentschaftskandidat Barack Obama einen Satz formulierte, der auch uns heute noch unvergessen ist: „Yes, we can!“ Mehrmals wiederholte er bei seiner Wahlkampfrede in New Hampshire diese Parole. „Yes, we can!“ – mit diesen drei Worten fasste Obama nicht nur die Hoffnung der amerikanischen Nation zusammen, mit ihnen mobilisierte er auch seine Anhänger zum Aufbruch in eine neue Welt. „Ja, wir schaffen es, zu Chance[engleichheit] und zu Wohlstand zu kommen. Ja, wir schaffen es, diese Nation zu heilen. Ja, wir schaffen es, diese Welt in Ordnung zu bringen. Yes, we can!“ Die Zukunft, so suggerierte Obama, liegt in den Händen von seinen Wählern und ihm: „Ja, wir können es tun!“ Und: „Da gibt es kein Problem, das wir nicht lösen könnten!“ Aus der amerikanischen Geschichte ließe sich – so Obama – ablesen, dass Veränderungen immer dann möglich wurden, wenn Menschen an sich glaubten.

Liebe Gemeinde, Aufbruch in eine neue Zeit oder gar eine neue Welt, der ist immer mit mobilisierenden Worten verbunden. Von solch einem Aufbruch ist auch in dem für heute vorgesehenen Predigttext die Rede. Er findet sich im ersten Buch der Bibel, im Buch Genesis im 12. Kapitel. Die mobilisierende Worte am Anfang der Geschichte Abrahams stammen von niemand geringerem als von Gott selber.

Lesung Gen. 12, 1-5: „Und der Herr sprach zu Abraham: Geh aus Deinem Vaterland und von Deiner Verwandschaft und aus Deines Vaters Haus in ein Land, das ich Dir zeigen will. Und ich will dich zu einem großen Volk machen und will dich segnen und dir einen großen Namen machen, und du sollst ein Segen sein. Ich will segnen, die dich segnen und verfluchen, die dich verfluchen; und in dir sollen gesegnet werden alle Geschlechter auf Erden. Da zog Abraham aus, wie der Herr zu ihm gesagt hatte, und Lot zog mit ihm. Abraham aber war fünfundsiebzig Jahre alt, als er aus Haran zog.“

Liebe Gemeinde, drei Aspekte möchte ich aus der Geschichte Abrahams besonders hervorheben. Drei Aspekte, die nicht nur in der historischen Komposition einer Erfolgsgeschichte eine Rolle gespielt haben. Vielmehr können sie auch heute von Bedeutung sein, wenn wir uns nach Neuerungen und Reformen in unserer Universität, unseren Kommunen und Gemeinden sehnen: 1. Aufbruch nötigt dazu, das Gewohnte radikal zurück zu lassen. 2. Erfolg und Segen sind nie exklusiv mein jeweils eigener Erfolg und Segen. Und schließlich 3. „Wir vermögen es nicht aus uns allein!“

1. Die Geschichte von Abrahams Auszug ist zugleich die Geschichte einer radikalen Veränderung. Abraham verließ nicht nur seine Heimat. Für Nomaden seiner Zeit war das gar nicht außergewöhnlich. Er brach vielmehr auch mit seiner Verwandtschaft und verließ das Haus seines Vaters. Auch sein Ziel war für ihn vollkommen neu. Es war ein Land, das er noch nicht kannte, von dem er vielleicht nicht einmal Genaueres gehört hatte. Durch ein Wort Gottes – so will es die Geschichte – bewegt, ließ er alles Vertraute zurück, um ein neues Leben zu beginnen, um aus einer Situation der Not heraus zu neuem Heil und Segen zu gelangen. Abraham ähnelt in vielem den modernen Migranten, die alles aufzugeben bereit sind, um in einer „neuen Welt“ ihr Glück zu versuchen. Ist Abraham also nur ein – in aller Not doch noch hoffnungstiftendes Vorbild – für die vielen Flüchtlinge, die z.B. auf desaströse Weise ihr Dasein in Griechenland fristen? Oder ist er nicht auch ein Vorbild für uns?

Unsere Christian-Albrechts-Universität sucht nach neuen Wegen in die Zukunft. Zwar wurde jüngst die Zukunft für immerhin zwei Exzellenzinitiativen und eine Graduiertenschule in Kiel gesichert. Zwar generieren wir viel gute Forschung hier im Norden. Und doch gibt es auch immer wieder Sorgen und Nöte nicht nur finanzieller Art, die unsere Universität bedrücken. Vergangenen Donnerstag besuchte Vizepräsident Bosch unsere Fakultät und berichtete von der noch wesentlich zu optimierenden Internationalisierung unserer Hochschule. Aufbruch in andere Welten ist – ähnlich wie zu Abrahams Zeiten – auch hier nötig. Und vielleicht sollten wir an einigen Stellen vollkommen die gewohnten Muster der Internationalisierungs-Arbeit verlassen. Warum nicht einmal nach Georgien, Iran oder gar Korea schauen, anstatt in die üblichen Richtungen des Wissenschaftstransfers. Es muss nicht immer Harvard sein! Der Blick nach China hat sich für unsere Universität ja schon sehr bewährt.

Die gewohnten Bahnen zu verlassen und in andere mentale Landschaften aufzubrechen lohnt sich allerdings auch generell. Wirkliche Innovation setzt den Ausbruch aus allem Gewohnten voraus. Wer sich wirklich traut, vollkommen neue Wege zu gehen, der macht die spannendsten Entdeckungen. Abraham ist ein leuchtendes Vorbild für den Mut aufzubrechen. Er startete noch mit 75 Jahren in ein unbekanntes Land. Nun ist zwar unsere Universität bald schon 350 Jahre alt – aber auch sie dürfte noch aufbrechen können. Kreative Wege sind bereits in der Vergangenheit oft gegangen worden. Wagen wir also auch heute jenseits aller von langer Hand geplanten Projekte Spontaneität und auch ein bisschen Verrücktheit. Dass es sich lohnt, das können wir an der Erfolgsgeschichte Abrahams ablesen.

Auch außerhalb der Universität gilt: Es schadet nie, sich dem Anderen, dem Fremden auszusetzen. Wer sich in die Fremde wagt, lernt sich selbst umso besser kennen. Ich möchte Ihnen damit nicht nur als nebenberuflicher Reiseleiter Lust zum Reisen machen. Das Andere, das Neue und das Fremde begegnet uns ja keineswegs nur in fremde Ländern. Es begegnet uns so oft schon vor der eigenen Tür, im Migranten vor Ort, in den oft so fremden Gedanken der jeweils anderen Generationen, in der Kunst oder der Literatur. Menschen wie Abraham ermutigen dazu, sich dem Anderen auszusetzen, es nicht als Bedrohung zu verstehen, sondern als Chance, ja selbst als Element auf dem Weg zu Segen und Heil.

2. Wahrer Segen ist nicht exklusiv mein Segen und mein Heil. Wenn in der Abrahamsgeschichte von Segen die Rede ist, so ist dieser ganz konkret gemeint: Es geht hier um Fruchtbarkeit, um Wachstum, aber auch um Gelingen. Ich will Dich segnen, und Du sollst ein Segen sein. Und ich will segnen, die Dich segnen, sagt Gott in der Erzählung dem Abraham zu. Abraham steht in einer engen Segensgemeinschaft mit anderen. Ihm wird nicht Gelingen zugesagt, damit er es für sich, allein für sich, verbuchen kann. Vielmehr geht ein solches Gelingen auch auf andere über. In der weiteren Geschichte Abrahams haben an seinem Segen sogar die Anteil, die nach der Erzählung eher Fluch verdient hätten, so sein Neffe Lot.

Die Rede Gottes an Abraham, wie sie zu Beginn der biblischen Väter- und auch Müttergeschichten berichtet  wird, richtet sich konsequent gegen alle Formen von Heilsegoismus. Ein solcher Text steht Entwicklungen entgegen, die ich mit Sorge und auch ein wenig Traurigkeit an unseren zeitgenössischen Universitäten beobachte, aber auch in unserer Gesellschaft überhaupt. Egozentrismus und Selbstbezogenheit sind meiner Wahrnehmung nach so stark, wie sie vielleicht noch nie gewesen sind. Es mag ja sein, dass Interdisziplinarität, Vernetzung und auch Kollegialität als wichtiges Kriterium von Exzellenz stilisiert werden. Und doch bricht an vielen Stellen das Ideal einer Lehr- und Lerngemeinschaft immer mehr ein. Die kriterienbezogenen Leistungszulagen der Professoren mögen dafür ein Indiz sein. Sie fördern in jedem Fall die Tendenz, stärker auf sich zu schauen als auf die Interessen der Fakultät oder gar der Universität. Freizeit für Kolleginnen, Kollegen oder sogar Studierende zu investieren, ist nahezu ausgeschlossen aus dem modernen universitären Leistungskatalog. Ähnliches gilt für Studierende, die in vielen Fächern in ein immer engeres Pflichtenkorsett ihres Bachelor- oder Mastercurriculums eingezwängt sind. Wo bleibt da überhaupt noch Zeit, ein Segen für die Kommilitoninnen und Kommilitonen zu sein?

Nun ist unser Bibeltext ursprünglich in einer nomadischen Stammesgesellschaft formuliert worden – eine moderne Universität oder eine postmoderne Gesellschaft waren dabei nicht im Blick. Und doch stellt uns ein Text wie dieser radikal vor die Frage: Wo sind wir als Gesegnete auch Vermittler von Segen? Wo geben wir weiter, was wir Gutes empfangen haben? Wo denken wir nicht nur an unseren Erfolg, an unser Heil und an unseren Segen, sondern an unsere Universität oder gar Gesellschaft als Ganzes. Wo dienen wir der Wissenschaft und nicht nur der Maximierung unseres Egos? Das heißt nicht, dass Ehrgeiz und überdurchschnittlicher Einsatz für eine Sache auszuschließen sind. Ich freue mich mit den Trägern der Fakultätspreise und auch des Bordesholmer Preises, die im Anschluss an den Gottesdienst verliehen werden. Promotionsaskese, Auszug zwar nicht ins Land Kanaan, aber doch in ein wissenschaftliches Paradies, muss durchaus seinen Segen bzw. seine Anerkennung finden. Aber es gilt hier wie an vielen anderen Stellen unserer Gesellschaft: Der größte Segen liegt im Miteinander. Der größte Segen liegt darin, diesen auch für die anderen einzusetzen.

3. Der Weg in das gelobte Land ist ein Weg, den Gott gewiesen hat. Die biblischen Autoren sind sich der Tatsache bewusst, dass der Weg zum Segen kein solcher ist, den wir uns selbst bereiten könnten. Wir vermögen sicher sehr viel, wenn wir an uns glauben – darin ist Barack Obama zuzustimmen. Aber über eine flammende Wahlrede hinaus ist doch auch zu betonen, dass der Weg in eine gelingende Zukunft, der Weg zum Segen, nicht allein in unseren Händen liegt. Yes, we can, wir können ihn gehen. Aber gerade die Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen unter uns müssen so ehrlich zu sich und zu ihrer Umwelt sein, dass sie sich ihre Grenzen eingestehen. Mir haben im vergangenen Semester in der Universitätskirche gerade die Predigten von Nichttheologen Eindruck gemacht, in denen sie bescheiden und fast ehrfurchtsvoll ihre eigenen Grenzen thematisierten – so z.B. unser Neuropädiater Ulrich Stephani oder auch noch am vergangenen Sonntag der Bundestagsvizepräsident Wolfgang Thierse. Von Theologinnen und Theologen würde man eine solche Bescheidenheit wohl ohnehin erwarten, insbesondere auf Seiten der Naturwissenschaften nach gängigen Klischees hingegen weniger. Und doch betonten auch sie: Es gibt viele Stellen, an denen wir eben nichts vermögen, selbst nicht mit den besten wissenschaftlichen Methoden. Wie oft setzen wir all unser Wissen und Vermögen zum vermeintlich besten ein, und erreichen doch nichts. Menschliche Aktionen führen keineswegs immer zum Ziel: Ob es um die Behandlung schwerer Krankheiten geht, die ökonomischen Therapien für unsere Weltwirtschaft oder auch einfach nur das Erstellen neuer Erklärungsmuster für unsere Welt. Unsere Vorväter und Vormütter im Glauben wussten darum, dass Erfolg – ob in der Wissenschaft oder anderswo – immer auch ein Geschenk ist. Eine solche tief religiöse Einsicht hilft nicht nur mit dem Scheitern eigener Aktivitäten leichter umzugehen. Sie hilft uns auch, bei unseren Erfolgen das Gegenüber nicht aus dem Blick zu verlieren. Ganz praktisch führt sie dazu, immer wieder auch mal innezuhalten, allen Aktivismus zu unterbrechen und sich zu besinnen auf die Wege, die mir und Dir wie einst Abraham vorgegeben sind, die Wege zum Segen, zu Erfolg und Glück.

Yes, we can? Können wir? Ja, wir können radikal neue Wege beschreiten, und wir gewinnen dadurch innovativ Wissen und Identität. Ein richtiger Gewinn ist er, wenn wir ihn auch mit anderen teilen können. Yes we can, wenn wir uns nicht im reinen Aktivismus verlieren, sondern unsere Kraft immer wieder sammeln in der Rückbesinnung, in der Rückbesinnung auch auf den, der uns die Wege in ein Land des Segens bereitet hat. Amen.