Predigt Prof. Dr. Olaf Moerke 1.12.2013

Liebe Gemeinde,

am Beginn des Liedes, dessen erste Strophen wir eben gesungen haben, wird eine Frage gestellt: „Wie soll ich dich empfangen / Und wie begegn’ ich Dir?“

Sie zeugt von Unsicherheit angesichts dessen, was da kommen wird. Der Liedtext weiß es bald besser, es ist nicht „etwas“, das kommen wird, sondern es ist „er“, Jesus Christus, den es angemessen zu empfangen gilt. Im Mittelpunkt steht die Suche nach der rechten Art der Begegnung mit ihm. Die Lösung aus dieser suchenden Unsicherheit erbittet Paul Gerhardt gerade von dem, um dessen willen die Frage ja erst gestellt wurde: „O Jesu, Jesu, setze mir selbst die Fackel bei“, modern: Lasse mir ein Licht aufgehen, zeige mir, womit ich Dich erfreuen kann. Das Vertrauen darauf, dass Jesus ihm die Fackel setze, ihm ein Licht aufgehen lasse, trägt bei dem Fragenden bald Früchte. Heißt es doch in der 2. Strophe: „Ich will Dir in Psalmen ermuntern meinen Sinn“. Indem man dem Herren singt, empfängt man ihn angemessen. Wir haben in der Evangeliumslesung die Verse aus Matthäus 21 gehört, die vom Einzug Jesu in Jerusalem berichten, wo ihn die Menge mit dem Psalmenversen empfängt „Hosianna dem Sohn Davids! Gelobt sei der, der da kommt im Namen des Herren“.

 

Die Frage „Wie soll ich Dich empfangen?“ ist scheinbar bald geklärt. Aber heißt das Empfangen Jesu Christi auch schon, ihm zu begegnen? Sich einander begegnen ist doch etwas Wechselseitiges, ein Akt der Kommunikation. Das Singen ist mehr als bloßer Empfang, in ihm findet auch die Begegnung statt. Und mehr noch, es ist für den Fragenden damit eine Ermunterung seines Sinnes verbunden, eine Kraft zur Liebe des Lebens und damit wiederum eine Steigerung der Fähigkeit, den Herrn angemessen zu empfangen. Der Liedtext zeigt, dass eine kommunikative Verschränkung zwischen den sich Begegnenden stattfindet. Eine kommunikative Verschränkung zwischen den Gläubigen und Jesus Christus.

Die Suche nach der rechten Begegnung scheint schon bald an ihr Ziel gekommen zu sein.

Mit dem Ende der 2. Strophe „Mein Herze soll dir grünen / In stetem Lob und Preis / Und deinem Namen dienen, So gut es kann und weiß“ könnte man es gut sein lassen, wären da nicht Welterfahrungen, Leiderfahrungen, die einen zweifeln und verzweifeln lassen können. Wäre da nicht auch die Doppelbedeutung des Hosianna bei der Begrüßung Jesu in Jerusalem. Es ist Jubel- und Heilsruf auf der einen Seite, zugleich aber auch dringender Hilferuf. Hosianna heißt eben ursprünglich: „Hilf doch!

 

Die 3. Strophe zeugt von diesem existentiellen Verzweifeln. Sie stellt die bedrängende Theodizeefrage: „Was hast Du unterlassen / zu meinem Trost und Freud, als Leib und Seele saßen, in ihrem größten Leid“. Individuelle und kollektive, psychische und psychische Leiderfahrung prägen die Eingangszeilen der Strophen 3 bis 5. Leid und Leidbewältigung ist letztlich das Thema. Die Antwort auf die Frage nach der Begegnung mit Jesus Christus wird ja ganz offensichtlich nicht aus Selbstzweck gesucht. Sie ist mit Erwartung verbunden. Es ist eben ein Adventslied, ein Erwartungslied. Nicht nur der Gottessohn wird erwartet, mit ihm auch die Erlösung vom Leid.

 

1647 hat Paul Gerhardt diesen Liedtext geschrieben. Als Historiker kann ich mir nicht den Hinweis verkneifen, dass 1647 das letzte Jahr des Dreißigjährigen Krieges gewesen ist. Große Teile Mitteleuropas waren erschöpft und im Wortsinn ausgeblutet von fast drei Jahrzehnten des Ringens um die „teutsche Freiheit“ zwischen Kaiser und Reichsständen unter tatkräftiger Mithilfe der europäischen Nachbarn. Desillusioniert auch über die Frage des rechten Bekenntnisses, die ebenso wie jene „teutsche Freiheit“ zum Auslöser und Treibmittel des Krieges geworden war. In den letzten Kriegsjahren ließ die konfessionell argumentierende Propaganda auf Seiten der Protestanten wie der Katholiken merklich nach. In den damals allfälligen Flugschriften hatte seit Beginn der 1640er Jahre die überkonfessionelle Friedenssehnsucht die konfessionsgebundene Rechtfertigung des Krieges abgelöst. Dass sich 1665 unsere alma mater das Motto „pax optima rerum“ gegeben hat, kommt nicht von ungefähr. Fünfzig Jahre vorher hätte es vielleicht noch „confessio optima rerum“ geheißen.

 

Der 1607 geborene Paul Gerhardt stand als Student in Wittenberg, als Lehrer in  Berlin in einer vom Kriegsgeschehen und seinen Begleiterscheinungen wie der Pest besonders hart getroffenen Region. Kollektive und individuelle Leiderfahrung prägten auch den lutherischen Geistlichen.

Paul Gerhardt war dabei ganz und gar nicht überkonfessionell. An seiner Bindung an die Confessio Augustana hat er nie Zweifel gelassen und dafür auch die Gefährdung seiner materiellen Existenz in Kauf genommen, als er gegen die gegenüber den Calvinisten offene Konfessionspolitik seines Dienstherrn Kurfürst Friedrich Wilhelm von Brandenburg protestierte und die geforderte Unterschrift unter dessen Duldungsedikt verweigerte. Gerhardt wurde entlassen! Und trotzdem, der Gehalt dieses Liedes ist für mich nicht konfessionell fixierbar. Leid ist nicht konfessionell fixierbar!

 

Wir brauchen nicht in die Zeit des Dreißigjährigen Krieges zurückzugehen, um vom Leid des Krieges, von Hunger und Massensterben zu erfahren. Wie sehen es in der Welt um uns herum. Wir brauchen auch nicht auf die Eltern- und Großelterngeneration mit ihren Leiderfahrungen zu schauen. Leid ist nicht nur nicht konfessionell fixierbar. Es ist auch nicht quantifizierbar in großes und weniger großes. Wer würde sich als Außenstehender ein Urteil darüber anmaßen. Großes Leid ist das, was der Betroffene als großes Leid empfindet. Andere können es eben vielfach nicht ermessen. Und das meine ich im Wortsinn! Wenn man genau hinschaut und hinhört, nimmt man auch das vermeintlich kleine Leid in der eigenen Umgebung wahr. Hier an unserer Universität, wo Lehrende wie Lernende gleichermaßen von Versagens- und Überforderungsängsten so geplagt werden können, dass sie alleine keinen Ausweg aus dieser Lage sehen. Hier, wo das Gefühl von Verletzung entsteht durch ein falsches Wort, das im Raum stehen bleibt, oder von Bloßstellung in Situationen, die in diesem Soziotop Universität nun einmal möglich sind. Hier, in unserem Haus, kann eben auch Leid geschehen, das manchmal so völlig unspektakulär ist und für die Betroffenen gleichwohl von existentieller Tragweite sein kann.

 

Strophe drei spricht die unterschiedlichen Formen des Leides an: „Als Leib und Seele saßen / in ihrem größten Leid, Als mir das Reich genommen“. Hier wird nun gleich die Leiderfahrung mit der Erlösungserfahrung aufs Engste verkoppelt. Im Moment dieses größten Leides „da bist Du, mein Heil, kommen / und hast mich froh gemacht.“ Aus diesen Zeilen spricht für mich ein bewundernswertes Vertrauen auf die Fähigkeit zur Überwindung von Leid, die ihren Urgrund letztlich in dem zu empfangenden Jesus Christus findet. Eine unerschütterliche Glaubensgewissheit. Vor der mögen wir vielleicht kapitulieren wollen, weil sie eben so unerschütterlich erscheint. Aber so einfach macht es sich Paul Gerhardt auch nicht. Immer wieder spielt er auf die eigene Unzulänglichkeit in der Furcht an, dem Herrn nicht zu genügen. Und zentral immer wieder diese Stelle in Strophe drei, mit der fundamentalen Verzweiflung an Gott: „Was hast Du unterlassen / Zu meinem Trost und Freud? Als Leib und Seele saßen / in ihrem größten Leid“. Die Assoziation mit dem Ruf des Menschen Jesus am Kreuz: „Mein Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlassen“ liegt nah.

 

Wie eng liegen das Leid, der Moment der verzweifelten Klage und die Erfahrung der Erlösung beieinander. Ob die meisten von uns die absolute Gewissheit dieser Erlösung, die das Lied letztendlich ausstrahlt, so nachvollziehen können, sei dahingestellt. Für mich persönlich steht doch das Suchen im Vordergrund. Das befindet sich auch gar nicht im Widerspruch zu der Erlösungshoffnung, zu der Hoffnung, dass diese Gewissheit wird. Wie heißt es in der letzten Strophe: Er kommt „mit Gnad und süßem Lichte / Dem, der ihn liebt und sucht.“ Er kommt, wenn man ihn sucht!

 

Auf die Suche gehen kann jeder. Deswegen ist für mich auch so wichtig, dass das Lied mit Fragesätzen beginnt, die ja schließlich Ausdruck von Suche sind. Das Fragezeichen ist das vielleicht wichtigste Satzzeichen unserer und anderer Sprachen! In ihm liegt die ganze Spannbreite von kindlicher Neugier  („Du, was ist eigentlich ...“) bis zu schierer Verzweiflung („Was soll nur werden?“) , aber eben auch die gespannte Erwartung : Wie soll ich Dir begegnen, von dem ich weiß, dass Du kommst?

 

In meiner Studienzeit habe ich einen Satz gehört, der mich seitdem über vier Jahrzehnte hinweg nicht mehr losgelassen hat. Er ist einem älteren Zeitgenossen Paul Gerhardts zugeschrieben worden, dem mährisch-böhmischen Philosophen, Pädagogen und Geistlichen der Böhmischen Brüderunität, Jan Amos Komenský, bekannter in latinisierter Form: Johann Amos Comenius. Nach einem durch die Zeitläufte erzwungenen, fast 5 Jahrzehnte währenden Wanderleben durch Europa soll er als alter Mann 1670 auf seinem Sterbebett in Amsterdam geäußert haben: „Herr, ich danke Dir, dass Du mich zeitlebens hast ein Suchender sein lassen.“

Zusammen mit dem: Er kommt „mit Gnad und süßem Lichte / Dem, der ihn liebt und sucht“ ergibt diese Dialektik von – vielleicht lebenslanger - Suche und der Gewissheit, dass Jesus Christus zu dem kommt, der ihn sucht, eine wunderbare Perspektive auf die vor uns liegende Zeit der Erwartung.