Predigt in der Universitätskirche Kiel von Prof. Dr. Siegfried Oechsle vom 6. Mai 2012

 

„Gnade sei mit Euch und Friede von dem, der da ist, der da war und der da kommt, Amen.“

 

Wie gut würde sich doch der Text der heutigen Epistel für eine Predigt zum Sonntag Kantate eignen: „Lasst das Wort Christi reichlich unter euch wohnen; lehrt und ermahnt einander in aller Weisheit; mit Psalmen, Lobgesängen und geistlichen Liedern singt Gott dankbar in euren Herzen.“ (Kol 3). Da wären wir schnell beim Gottesdienst und anderen gemeindlichen Veranstaltungen – sozusagen ein exegetisches Heimspiel mit Musik. Herauszuarbeiten wäre in jedem Fall, dass der Gesang eine tief im menschlichen Wesen verwurzelte Weise der Artikulation darstellt. Sie ist anthropologisch fundamental und darin unersetzlich. Im Blick auf die Gemeinschaft hingegen wäre das Singen als eine kostbare Tugend zu rühmen, mit der sich andere Tugenden wie Freundlichkeit, Demut, Geduld und Friedfertigkeit aufs Angenehmste verbinden.

 

Da es hierbei kaum um musikalische Qualitäten geht, sondern vielmehr um sangliche Herzensergießungen der Gemeinde, hätte der Musikwissenschaftler, der sich an einer Laienpredigt in einer Universitätskirche versucht, zunächst einmal etwas Mühe, die passende thematische Tür zu finden. Um nicht Gefahr zu laufen, den Theologen Konkurrenz machen zu wollen, könnte er sich in fachlicher Hinsicht immerhin auf seine geschichtliche Warte begeben. Von da aus wäre mindestens beim Gregorianischen Choral ansetzen, um dann – quasi als reformatorischer Kontrapunkt – an Luther und sein Verständnis der Musik als „Donum Dei“, als Gottesgabe, zu erinnern und auf den reichen Schatz der Kirchenlieder seit der Reformation zu verweisen. Sakrale und religiöse Kunstmusik wäre über konfessionelle Grenzen hinweg mit einzubeziehen, und beim Namen Bach müssten unbedingt Worte wie „Größe“ und „Offenbarung“ fallen. Am Ende des Exkurses könnte man dann noch einen volkstümlichen Abgang mit dem Motto „böse Menschen haben keine Lieder“ hinlegen.

 

Weil aber die Perikopenordnung für den heutigen Sonntag einen längeren Abschnitt aus der Apostelgeschichte vorsieht, bietet die Sache sich aktuell ein wenig anders dar. Denn erstens äußert sich in unserem Predigttext der Gesang zum Lobe Gottes in einer musikalisch-spirituellen Potenz, die weit ab von aller Erbaulichkeit liegt. Und zweitens ist die Geschichte reichlich kompliziert, auch wenn sie sich erst einmal erzählerisch anschaulich präsentiert.

           

Lesung Predigttext Apg 16, 16-34 (Fassung Luther 1984)

 

16            Es geschah aber, als wir zum Gebet gingen, da begegnete uns eine Magd, die hatte einen Wahrsagegeist und brachte ihren Herren viel Gewinn ein mit ihrem Wahrsagen.

17            Die folgte Paulus und uns überall hin und schrie: Diese Menschen sind Knechte des allerhöchsten Gottes, die euch den Weg des Heils verkündigen.

18            Das tat sie viele Tage lang. Paulus war darüber so aufgebracht, dass er sich umwandte und zu dem Geist sprach: Ich gebiete dir im Namen Jesu Christi, dass du von ihr ausfährst. Und er fuhr aus zu derselben Stunde.

19            Als aber ihre Herren sahen, dass damit ihre Hoffnung auf Gewinn ausgefahren war, ergriffen sie Paulus und Silas, schleppten sie auf den Markt vor die Oberen

20            und führten sie den Stadtrichtern vor und sprachen: Diese Menschen bringen unsre Stadt in Aufruhr; sie sind Juden

21            und verkünden Ordnungen, die wir weder annehmen noch einhalten dürfen, weil wir Römer sind.

22            Und das Volk wandte sich gegen sie; und die Stadtrichter ließen ihnen die Kleider herunterreißen und befahlen, sie mit Stöcken zu schlagen.

23            Nachdem man sie hart geschlagen hatte, warf man sie ins Gefängnis und befahl dem Aufseher, sie gut zu bewachen.

24            Als er diesen Befehl empfangen hatte, warf er sie in das innerste Gefängnis und legte ihre Füße in den Block.

25            Um Mitternacht aber beteten Paulus und Silas und lobten Gott. Und die Gefangenen hörten sie.

26            Plötzlich aber geschah ein großes Erdbeben, sodass die Grundmauern des Gefängnisses wankten. Und sogleich öffneten sich alle Türen und von allen fielen die Fesseln ab.

27            Als aber der Aufseher aus dem Schlaf auffuhr und sah die Türen des Gefängnisses offen stehen, zog er das Schwert und wollte sich selbst töten; denn er meinte, die Gefangenen wären entflohen.

28            Paulus aber rief laut: Tu dir nichts an; denn wir sind alle hier!

29            Da forderte der Aufseher ein Licht und stürzte hinein und fiel zitternd Paulus und Silas zu Füßen.

30            Und er führte sie heraus und sprach: Liebe Herren, was muss ich tun, dass ich gerettet werde?

31            Sie sprachen: Glaube an den Herrn Jesus, so wirst du und dein Haus selig!

32            Und sie sagten ihm das Wort des Herrn und allen, die in seinem Hause waren.

33            Und er nahm sie zu sich in derselben Stunde der Nacht und wusch ihnen die Striemen. Und er ließ sich und alle die Seinen sogleich taufen

34            und führte sie in sein Haus und deckte ihnen den Tisch und freute sich mit seinem ganzen Hause, dass er zum Glauben an Gott gekommen war.

 

 

Den Mittelpunkt der Geschichte bildet ein wundersamer Befreiungsakt. Darin kommt dem Gesang der Apostel eine zentrale Bedeutung zu. Er markiert klar die absolute Wende in der Handlung. Statt aber nur an diesem Punkt anzusetzen und sogleich mit der Musik an der Hand über alle Berge des Textes zu gehen, möchte ich lieber noch ein wenig bei den Geschehnissen bleiben. Denn es ereignet sich nicht nur um eine Befreiung, sondern genau genommen derer drei.

 

Befreiung Nr. 1 betrifft die wahrsagende Sklavin. Dass die Befreiung von einem offenbar zwanghaften Wahrsagetalent als Austreibung eines Dämons verstanden wird, soll hier nicht interessieren. Irritierender ist vielmehr, dass die Wahrsagerin doch eigentlich die Wahrheit sagt: „Diese Menschen sind Knechte des allerhöchsten Gottes, die euch den Weg des Heils verkündigen!“ Der Kerkermeister wird ja später genau nach dem Weg zum Heil fragen. Und Paulus und Silas bleiben ihm die Antwort auch nicht schuldig. Aber die Wahrheit der Wahrsagerin scheint trotz inhaltlicher Deckungsgleichheit nicht die Wahrheit des Evangeliums zu sein. Die Begründung dafür liefert Befreiung Nr. 3.

 

Doch zunächst zur Zweiten. Das gesungene Gotteslob im tiefsten Inneren des Gefängnisses bringt dessen Grundmauern so zur Erschütterung, dass die Schlösser der Fesseln und Türen zerbrechen. Man könnte also sagen, es handele sich um einen Befreiungsakt mit musikalischen Anteilen – aber nicht im Format einer Rettungsoper (Beethovens „Fidelio“!), auch nicht im Format einer kleinbesetzten Chorkantate, sondern als laienhaftes Kerkerzellenduett, mit gleichwohl recht gewaltigen Folgen. Was genau gesungen wird, ist für die Geschichte offenbar nicht von Bedeutung. Auch nicht das Wie interessiert. Es geht um den Gesang als Gesang, also um jene Schicht des Gotteslobs, die mit dem augustinischen Gedanken des iubilare sine verbis, des Lobsingens ohne Worte, angesprochen wird. Bevor wir uns diesem zentralen Gehalt der Geschichte zuwenden, muss noch die dritte Befreiung gewürdigt werden.

 

Sie gilt dem Kerkermeister, der sich beim Anblick der Befreiten in sein Schwert zu stürzen droht. Ich will von ihm nicht das Bild des subalternen Beamten zeichnen, auch nicht den Gedanken ausschmücken, dass die Absicht der Selbsttötung einen Ernst der Pflichterfüllung zeige, der dem modernen und damit auch dem universitären Beamtentum abgehe. Nach Überwindung der ersten Panik beweist der Kerkermeister für mich Scharfsinn und Mut. Ja, liebe Gemeinde, auch der Kerkermeister wird befreit; und zwar von der Auffassung, die politische Obrigkeit sei Herrin über Leben und Tod ihrer Untertanen. Man kann auch sagen, dass er eine neue Freiheit für sich in Besitz nimmt. Paulus und Silas erlangen die äußere Freiheit, wie der Kerkermeister sie kennt. In deren Logik ist ihm sofort klar, dass ihre Freiheit ihn die seine kostet. Doch die seltsamen Mitternachtssänger machen von diesem Begriff von Freiheit erst einmal keinerlei Gebrauch. Sie nehmen diese Freiheit nicht in Besitz. Genau der Sachverhalt bringt den Kerkermeister zum radikalen Umdenken, zur Frage: „Was muss ich tun, um gerettet zu werden"?“ – „Was muss ich tun, um Eure Freiheit zu erlangen?“ Nicht: „Was muss ich tun, um meiner Strafe, meinem Schicksal zu entgehen?“ Erst nachdem sich der Kerkermeister in Gestalt dieser persönlichen Frage öffnet, erfolgt die Verkündigung des Evangeliums. Erst daraufhin hin fällt im Gefängnis der Name Jesu Christi!

 

Die Wahrheit, um die es hier geht, bedurfte dieser persönlichen Legitimation. Von hieraus gesehen wird die Funktion der Episode mit der Sklavin deutlicher. Die Neue Botschaft ist nicht okkulter Herkunft und tritt nicht anonym auf. Absender und Empfänger sind individuell ausgewiesen. Und auch der Inhalt der Botschaft, der Bürge ihres Wahrheitsanspruches, trägt einen Namen: Jesus Christus. Das Evangelium, dessen erste Ausbreitung nach Europa in der Geschichte erzählt wird, besteht nicht aus fraglosen Wahrheiten, und von ihnen wird nicht ungefragt gesprochen. Persönlichkeit, Freiheit, Dialog – das sind zentrale Merkmale des neuen Glaubens.

 

Doch wir wollen uns, liebe Gemeinde, noch einmal zurück ins Gefängnis begeben. Heute einmal direkt und nicht über Los. Der Gewinn winkt aber gerade auf diesem Weg!

 

Was genau ist denn nun der religiöse Mehrwert des Gesangs in dieser Geschichte?

 

Der Gesang, um den es hier geht, lässt sich jedenfalls nicht symbolisch verstehen, wie dies etwa für die Fesseln oder die Kerkermauern gilt. Die haben einen erzählerischen Doppelstatus: einen physisch-realen und einen bildlichen. Nicht so der Gesang. Er verweist auf nichts, seine Zeit ist die reine Gegenwart. Er geschieht. Und er lässt sich überhaupt nicht auf die Ebene der Erbauung reduzieren. Im Gegenteil: Das Singen der Apostel ist für den Gefängnisbau von geradezu unerbaulicher Wirkung!

 

Das heißt aber wiederum nicht, dass der Gesang der Apostel unter dem Aspekt der Wirkung aufgefasst werden dürfte, als eine Art musikalischen Sprengstoff – je lauter, desto besser.

 

Woher stammt dann aber seine Macht?

 

Mit dem menschlichen Gesang ist seit alters her die Vorstellung verbunden, dass der musikalisch geschaffene Klangraum die ihn erzeugende Person mit einer Art Aura zu umhüllen vermag. Als entstünde ein durch Töne aufgespannter ‚Umgebungsraum’, der den Sänger zugleich über den realen Raum hinauszuheben scheint. Ernst Barlach hat dieser Vorstellung mit seiner berühmten Plastik „Der singende Mann“ Gestalt verliehen. Der Sänger ist mit geschlossenen Augen und geöffnetem Mund dargestellt, das Haupt leicht in den Nacken gelegt. Das Gleichgewicht behält der Sitzende dadurch, dass die Hände um ein angewinkeltes Knie geschlungen sind. Die in sich ruhende Figur scheint sich trotz ihrer körperlichen Präsenz in einer anderen Welt zu befinden oder zumindest von einer anderweltlichen Sphäre umhüllt zu sein. An diesem Ort wären dann auch die Töne des Sängers zu vernehmen.

 

Das Überschreiten des realen, für Fesselung und Endlichkeit stehenden Raumes hin zu einem imaginären, spirituellen Raum der Freiheit ist auch in der Geschichte der Kunstmusik vielfach thematisiert worden. Insbesondere symphonische Musik hat sich seit Beethoven immer mehr damit auseinandergesetzt. Musikalische Steigerungsverläufe scheinen an Punkten höchster Kulmination sogar die eigene Form aufsprengen zu können, als sei Musik um der Idee der Freiheit und der Erlösung willen dazu bereit, die Konventionen von Form als ein Gefängnis erscheinen zu lassen, aus dem sie machtvoll ausbrechen könne, ohne selbst zu zerbrechen. In letzter Instanz wird hier in nicht religiöser Kunst die zutiefst humane Sehnsucht nach Transzendenz offenbar.

 

Gustav Mahler hat einen nahezu gewaltsam eintretenden D-Dur-Akkord am Ende des Finales seiner 1. Symphonie  mit der Forderung kommentiert: „Mein D-Akkord […]  musste klingen, als wäre er vom Himmel gefallen, als käme er aus einer anderen Welt“. Genau nach diesem Durchbruchs-Akkord ertönt ein triumphaler, hymnenartiger Choral (sine verbis – selbstverständlich!). Der Philosoph und Musiksoziologe Theodor W. Adorno hat eine frühere Stelle im Werk, die diesen finalen Akt bereits andeutet, so charakterisiert, als widerführe der musikalischen Form eine gewaltsame Öffnung: „Der Riß erfolgt von drüben, jenseits der eigenen Bewegung der Musik. In sie wird eingegriffen.“

 

Die Geschichte vom Wunder im Kerker von Philippi enthält bereits all diese inhaltlichen Momente. Der Gesang, der die Worte nicht nur einkleidet, sondern sie erhebt und übersteigt, schafft eine auratische Sphäre. Sie bildet für die Sänger einen spirituellen Schutzraum, der sie gegen den realen Raum der Zelle abzuschirmen scheint. Zugleich bedeutet dieser geistig-musikalische Akt eine Öffnung, eine innere Aufschließung des Kerkerraumes und ermöglicht so den Durchbruch zur Freiheit. Auch er erfolgt nicht durch die physische Sprengkraft der Musik, sondern die bildlichen Risse in den Gefängnismauern treten „von drüben“ ein, als Eingriff göttlicher Macht. Dieser Eingriff wird in der biblischen Geschichte als ein Erdbeben sichtbar gemacht.

 

***

 

Wenn Sie, liebe Gemeinde, zum Schluss eine Art rhetorischen Durchbruch mit Apotheose auf die Wundermacht der Musik erwartet haben, dann muss ich Sie ein wenig enttäuschen. Aus professionellem Munde würde dies ohnehin wie auf Bestellung wirken. Wichtig war bei aller Rede der Gedanke, dass zahllose Menschen zu Unrecht hinter Gefängnismauern leben müssen, von denen viele nicht einmal laut zu beten, geschweige denn laut zu singen wagen. Die hätten es sicher nicht verdient, wenn ihre Situation zur sonntäglichen Erbauung missbraucht würde, noch dazu vor einer Gemeindeversammlung, die sich unendlich weitab von derlei Gefahren weiß. Nichts gegen die erbauliche Kraft von ästhetischem Wohlklang und gemeinschaftlichem Musizieren. Im Gegenteil! Dieser Aspekt darf nicht verkümmern. Aber die biblische Geschichte führt etwas vor Augen, das Musik vielleicht schon von ihrem ersten Ton an verheißt: dass einmal die Schleier zerreißen, die Mauern bersten und die Fesseln abfallen. Hoffnung und Kraft erwachsen hier nicht aus der Anklage des Unrechts, sondern aus dem Lob Gottes. Dazu ein Wort des Kardinals Joseph Ratzinger von 1985: „Wo der Mensch Gott lobt, reicht das bloße Wort nicht aus. [Die] Rede mit Gott überschreitet die Grenzen des menschlichen Sprechens. Sie hat daher von ihrem Wesen her allerorten die Musik zu Hilfe gerufen, das Singen und die Stimmen der Schöpfung im Klang der Instrumente.“

           

Sprachlosigkeit verbinden wir gerne mit dem Satz: „Da fiel mir aber auch rein gar nichts mehr ein!“ Darauf kann man z. B. mit einem Schrei reagieren: „Ich hätte schreien können!“, pflegt man zu sagen (wir haben ja auch als Eingangschoral Luthers „Aus tiefer Not schrei ich zu dir“ angestimmt!). Nehmen Sie heute, wenn Sie mögen, den Satz „Ich hätte singen können!“ mit nach Hause. So schlicht er ist, denken Sie an das Wunder von Philippi und unterschätzen Sie ihn bitte nicht! Wer weiß, was geschieht! Auch das „Singen im Herzen“ zählt! Gottlob weist unsere persönliche, uns oftmals als zugemauert erscheinende Welt doch mehr „Risse von drüben“ auf, als wir zunächst bemerken!

 

„Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Eure Vernunft, bewahre Eure Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserem Herrn. Amen.“