Predigt Tietze 16.6.2013

Dr. Andreas Tietze MdL, Predigt zu Luk. 19, 1-10

 

Liebe Gemeinde,

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater, und dem HERRN Jesus Christus!

 

Der Predigttext für den heutigen Sonntag steht im Lukasevangelium im 19. Kapitel, die Verse 1-10.

 

-        Lesung –

 

Da hockt er auf dem Baum der Zachhäus und will Jesus sehen.

 

Dies Interesse zeugt zunächst vom Interesse eines Zuschauers, Gaffers, der beobachten, sich etwas Wichtiges nicht entgehen lassen will, aber selbst auf Distanz bleiben kann. Doch ist die Distanz von Zachäus nicht nur selbst gesucht, sie ist auch faktisch gegeben; Zöllner sind nicht sehr beliebt – sie waren so eine Art Mafiabosse der Antike, Kollaborateure des verhassten römischen Besatzungsregimes  - da sitzt einer auf dem Baum der sich die Hände schmutzig gemacht hat.

 

Dennoch wird Szene  mit Humor erzählt: Zachäus – furchterregend in seinem Verhalten und zugleich klein von Gestalt – setzt sich der Gefahr öffentlicher Blamage und Anklage aus.

Sein Interesse an Jesu scheint größer zu sein als die Furcht vor solcher Blamage. Grossmächtig, wie er sonst daherkommt, verhält er sich hier wie ein Kind, geradezu unvorsichtig.

 

Jesus entdeckt Zachäus in seinem Versteck, ruft ihn aus der Distanz heraus und spricht in unmittelbar an. Er, zu dem Zachäus von sich aus auf Distanz bleiben wollte und musste, erweist sich ihm überraschend als Gast und Freund.

 

Und da bleibt für Furcht vor der Blamage und für grossmächtiges Verhalten kein Platz mehr – ebensowenig wie für Distanz und Versteckspiel: Zachäus nimmt den Gast mit Freuden auf.

 

In der Zachäusgeschichte tritt am greifbarsten die berufliche und gesellschaftliche Situation der Zöller hervor.

Fünf Gedanken dazu:

(1) Politisch gesehen arbeiten Zöllner mit der Besatzungsmacht zusammen und stellen sich damit in Widerspruch zu den politischen Optionen und Hoffnungen der jüdischen Bevölkerung, die die Befreiung von der Fremdherrschaft erwartet und auf die Errichtung der Gottesherrschaft hofft.

 

(2) Religiös galten die Zöllner durch den Umgang mit den Heiden als unrein, nicht mehr zum Volk gehörig. Zudem standen sie im Widerspruch zu den sozialethischen Geboten des jüdischen Volkes.

 

(3) Wirtschaftlich gesehen erfüllten sie für die Römer eine unabdingbare Aufgabe und handelten im Rahmen des römischen Zollsystems durchaus vernünftig und sachgemäss. In den Augen der anderen Mitbürger aber und der Zollpflichtigen gilt das wirtschaftliche Verhalten der Zöllner als ungerecht. Vernünftig – erfolgreich – ungerecht: widersprüchliche Kennzeichnen ein- und desselben wirtschaftlichen Verhaltens.

 

(4) Gesellschaftlich nehmen Zöllner eine widersprüchliche Stellung ein. Je geschickter und erfolgreicher sie sind, umso mehr werden sie von den einen geschätzt, von den anderen gefürchtet und verachtet.

 

(5) Persönlich haben Zöllner einen Weg gewählt, bei dem sie ihren Besitz und die mit dem Vermögen gegebene Freiheit auf Kosten anderer gewinnen und ausdehnen. Beruflich leben sie in einem Bezugssystem, das ihnen viele gute Gründe für ihr Verhalten liefert. Zugleich werden sie beziehungslos –beziehungslos im Blick auf das Leben, die Normen und das Verhalten der meisten ihrer Mitmenschen und disqualifizieren sich selbst.

 

Die Zachäusse heute sind m.E. die Investmentbanker und Zocker an den Börsenhauptstädten der Welt heute. Würde man die Geschichte heute erzählen wurde Zachäus nicht Zachäus sondern Gordon Gekko heissen.

 

"Gier ist gut." Dieser Satz macht Michael Douglas zur Ikone der Wall-Street-Banker und Oliver Stones Film "Wall Street" 1987 zum Kinohit.

 

Letztes Jahr kam Gekko zurück auf die Kinoleinwand -  gierig, rachsüchtig - und sympathisch wie eh und je.

 

Was ist in den vergangenen Jahren über die Gier an der Wall Street nicht alles geschrieben worden. Es ging um Milliarden-Boni, Bankenpleiten, geprellte Anleger, moralisches Risiko, die Kapitalisierung von Gewinnen und die Sozialisierung von Verlusten.

 

Gordon Gekko hat uns Ende der 1980er Jahre das Mantra in den Kopf gehämmert: „Die Gier nach mehr und immer mehr ist gut."

 

Gordon Gekko, das Vorbild einer ganzen Generation von Wall-Street-Bankern. Gordon Gekko, ein Bösewicht, so charmant, dass ihm die Sympathien nur so zuflogen.

 

Kernpunkt der beiden Wallstreet Filme ist die Finanzkrisen-Analyse des Regisseurs Oliver Stone: Gekko spricht über gelangweilte Banker, die Hebelzertifikate von 40:1 oder gar 50:1 entwickeln, kaufen und verkaufen, aber doch keine Ahnung davon haben. Und wieso das Ganze? Weil sie es ganz einfach können. Auf gut deutsch: "Brechstangen-Banking", wie Gekko es süffisant lächelnd nennt. Er spricht von der "Ninja-Generation" (no income, no job, no assets), von erfundenen Namen für Billionen von Kreditleistungen, allesamt "Massenvernichtungswaffen". "Hey, sind da draußen denn alle verrückt?" Es scheint so.

 

Die Wurzel allen Übels für Gekko ist die Spekulation: "Fremdfinanzierung. Unterm Strich heißt das: Überschuldung ohne Ende. Systemisch bösartig und global, die Karawane zieht wie Heuschrecken über das Land und dann weiter.

 

Ein wenig flau ist es mir, wenn ich daran denke, dass ich heute über das weltweite Versagen der Finanzmärkte predige und nächste Woche im Landtag der Garantieerhöhung der HSH Nordbank zustimmen muss. Destabilisierung, Zusammenbruch oder System erhalten und stützen.

 

Gibt es eine Umkehr – gibt eine Wende wie sie Zachäus unter dem Eindruck der Begegnung mit dem Lebendigen – vollzieht?

 

Und am Ende der Geschichte erfüllt Zachhäus sogar die Forderung Jesu, die Hälfte seines Einkommens an die Armen abzugeben, freiwillig. Nicht an irgendetwas sondern an die Armen – sozusagen eine Spende mit Zweckbindung.

 

Heute würde man dazu Umverteilung sagen – fast wie auf einem grünen Parteitag vor vier Wochen als politisches Konzept beschlossen – Spitzensteuersatz bei 49% – nicht für irgendetwas - sondern auch mit Zweckbindung für Bildung und Soziales, für Schuldenabbau der öffentlichen Haushalte. Jesus – ein Grüner? Nein natürlich nicht – Jesus mutet dem Zöllner nur das zu, was er leisten kann bzw. zu leisten bereit ist! Alles abgeben wäre tatsächlich zu radikal – hier ist Jesus im Übrigen erfrischend pragmatisch – gerade zu Realo.

 

Trotzdem stelle ich mir die simple Frage - können  Kotzbrocken aussteigen und plötzlich nett sein?

 

In Wallstreet heisst es: Jeder hat einen Preis vor Augen, bei dem er aussteigt, um nur noch zu leben. Was ist unser Preis?

 

Das Murren der Leute damals ist verständlich – und heute, ist auch verständlich wenn wir darüber den Kopf schütteln: Wie kann man sich diesem Halunken, der sich so gründlich selbst disqualifiziert hat, zuwenden, als wäre nichts geschehen? Werden damit nicht zugleich die, die unter Zachäus leiden, ihn fürchten und verachten ins Unrecht gesetzt? Werden hier nicht die Wertmassstäbe auf den Kopf gestellt? Eine Schwäche oder simple Laune des Messiases?

 

Nein, das menschliche Versagen und Fehlverhalten äußert sich nun mal in handgreiflichen Verhaltensweisen und Handlungen. Davon sieht auch Jesus in dieser Geschichte keineswegs ab. Strittig bleibt freilich zwischen Jesus und der murrenden Menge, ob dem Sünder recht begegnet worden ist, ob die Sünde in ihrem Kern angesprochen und ans Licht gebracht wird - mit moralischen Vorwürfen oder allenfalls mit moralischen Appellen – der investigative Journalismus war ja damals noch nicht erfunden. Fazit: Ein bisschen suspekt für uns Gutmenschen bleibt das Ganze dann doch und ich habe für ein gewisses Murren darüber durchaus Verständnis.

 

Doch Sünde betrifft nicht nur das Verhalten und Handeln, sondern zugleich vor allem das Sein eines Menschen: dass Zachäus zwiespältig lebt, als sein eigener Gefangener, verhältnislos, anderen Menschen und Gott gegenüber, dass er sich an vielerlei klammert und darauf verlässt, nur nicht auf den tragenden und befreienden Grund des Lebens.

 

Dass dem Zwiespältigen einer nicht taktisch und doppelbödig, sondern offen und eindeutig begegnet; dass dem Gefangenen und Bedrohlichen einer unbefangen und frei begegnet; dass sich dem Verhältnislosen einer zum Gast und Freund macht; dass damit ein Mensch ansprechbar wird auf seine Schuld und zugleich auf die Quelle wahren Lebens – darin liegt das Geheimnis dieser befreienden Begegnung zwischen Jesus und Zachäus.

 

Die Zachäusgeschichte erzählt diese befreiende Zuwendung Jesu zu einem Menschen, bei dem Lebenszerstörung an anderen und an ihm selbst ineinandergreift, der ausgestossen wird, sich selbst aber zugleich selbst ausschliesst und in sich gefangen ist.

 

Das was für die Einzelperson Zachäus gilt – gilt doch auch für unsere Zivilgesellschaft. Die christliche Botschaft und Ethik muss uns anstoßen und anregen zu neuen Diskursen über den Umgang mit dem Destruktiven und Zerstörerischem in dieser Welt.

 

Das Geheimnis Jesu – das Geheimnis des Evangeliums liegt für mich darin, dass Jesus uns etwas zutraut, was andere nach allem uns nicht mehr zutrauen können und was wir selbst verloren haben.

 

Aus dem Bedrohlichen wird Brüderlichkeit, dem in sich Gefangenen Freiheit zutrauen.

 

Die Zumutung der Befreiung trifft uns in unserem Lebensnerv. Sie bringt Befreiung und unsere Lebenseinstellung und Lebensgestaltung in Bewegung – das funktioniert bei Zachäus aber auch bei Gordon Gekko – denn Gekko macht nicht dort weiter, wo er 1987 in Wall Street aufhörte, nein, er wird zum Guten. Er schreibt ein Buch und sagt das nahende Ende des Wirtschaftssystems voraus. Hat Gekko 1987 noch "Gier ist gut" gerufen und danach gelebt, so sieht er es jetzt anders.

 

Geläutert von den Jahren hinter Gittern bekommt er eine andere Sicht auf die Dinge. Nun, ganz gut wird er nicht, er war wohl vorher zu schlecht.

 

Zachäus und Gordon Gekko haben hier einen wichtigen Schritt getan: Sie sind umgekehrt, haben also Buße getan, haben ihr sündiges und destruktives Verhalten abgelegt.

 

Kann unsere Gesellschaft dies im Verhältnis zur globalisierten Welt auch tun. Können wir kollektiv umkehren? JA! Wir müssen es unbedingt tun, wenn wir an die destabilisierenden Kräfte denken, die derzeit auch gerade in unseren europäischen Finanzmärkten wirken. JA! Wir brauchen ein kollektives Bewusstein eines neuen intelligenten Wirtschaftens, eine gerechtere Umverteilung der Mittel und auch eine Umkehr unserer Finanzwelt. JA! Ich bin tief überzeugt, dass wir Christen da einen gehörigen Beitrag zu diesen Themen leisten können. Der Deutsche evangelische Kirchentag, den wir als Gastgeber der Nordkirche in Hamburg willkommen geheissen haben, hat mich mit seinem Leitgedanken: „Soviel du brauchst“ – zuversichtlich gemacht und die Richtung gewiesen.

 

Wenn wir umkehren, können wir uns der Gnade Gottes sicher sein, auch wenn wir vorher wie ein Kotzbrocken oder noch schlimmer handelten.

 

Wenn unser Leben oder unser gesellschaftliches Verhalten verhältnislos wird – antwortet uns Jesus als Gast und Freund und lädt uns zur Umkehr ein. Wir geraten immer tiefer in einen Zwiespalt hinein und dennoch bleiben wir ansprechbar auf die Frage nach Wahrheit und Ganzheit des Lebens. Wir unterliegen dem Zwang nach uns selbst – gleichwohl ist uns Jesus näher, als wir es selbst zu sein vermögen. Eine gute Roadmap für eine andere Art zu Leben und zu Wirtschaften.

 

Im überraschenden Zutrauen eines anderen wird das Leben (mit allen Unwiderruflichkeiten und Zerstörerischen) neu und verheissungsvoll – grossartig!

 

Für mich ist das Versöhnung!

 

Dort am Ambo vorn hängt übrigens ein Nagelkreuz von Coventry. Es war wohl 1947 dem damaligen Rektor der Universität Rendtorff überreicht worden, blieb danach aber viele Jahre verschollen und, wie sich später herausstellte, in Privatbesitz der Familie Rendtorff. Durch gute Fügung wurde es wieder entdeckt und in einem feierlichen Gottesdienst vor 10 Jahren wieder an die Universitätsgemeinde „rücküberreicht“.

 

 

 

 

In Gedenken möchte ich meine Predigt schließen mit dem Versöhnungsgebet von Coventry:

 

Alle haben gesündigt und ermangeln des Ruhmes, den sie bei Gott haben sollten.  Den Hass, der Rasse von Rasse trennt, Volk von Volk, Klasse von Klasse: Vater vergib!

Das Streben der Menschen und Völker zu besitzen, was nicht ihr Eigen ist: Vater vergib!

Die Besitzgier, die die Arbeit der Menschen ausnutzt und die Erde verwüstet: Vater vergib!

Unseren Neid auf das Wohlergehen und Glück der Anderen:

Vater vergib!

Unsere mangelnde Teilnahme an der Not der Gefangenen, Heimatlosen und Flüchtlinge: Vater vergib!

Die Entwürdigung von Frauen, Männern, und Kindern durch sexuellen Missbrauch: Vater vergib!

Den Hochmut, der uns verleitet, auf uns selbst zu vertrauen und nicht auf Gott: Vater vergib! Seid untereinander freundlich, herzlich

und vergebt einer dem anderen, wie Gott euch vergeben hat in Christus! AMEN!