Predigt von Altuniversitätsprediger Reiner Preul zu Pfingsten 2016 am 15.05.2016

Liebe Gemeinde!

 

Wir haben den für heute vorgeschlagenen Predigttext (Apg 2, 1-18) schon gehört. Aber damit ist ja die Pfingstgeschichte noch nicht zuende. Wir müssen noch einige Verse hinzu nehmen. Petrus tritt also vor das Volk und hält eine Predigt. Er beruft sich zunächst auf prophetische Verheißung und wendet sich dann speziell an die jüdischen Zuhörer mit folgenden Worten:

 

„Ihr Männer von Israel, hört diese Worte: Jesus von Nazareth, von Gott unter euch ausgewiesen durch Taten und Wunder und Zeichen, die Gott durch ihn in eurer Mitte getan hat, wie ihr selbst wisst – diesen Mann, der durch Gottes Ratschluss und Vorsehung dahingegeben wurde, habt ihr durch die Hand der Heiden ans Kreuz geschlagen und umgebracht. Den hat Gott auferweckt und hat aufgelöst die Schmerzen des Todes, wie es denn unmöglich war, dass er vom Tode festgehalten werden konnte.“ Das untermauert er wieder mit einem Schriftzitat, und er schließt seine Predigt mit dem Satz: „So wisse nun das ganze Haus Israel gewiss, dass Gott diesen Jesus, den ihr gekreuzigt habt, zum Herrn und Christus gemacht hat.“ Ob der Vorwurf an die Juden zu Recht erhoben wird, muss uns jetzt nicht beschäftigen. Wichtig ist, dass ihnen die Predigt „durchs Herz ging“ und sich eine große Menge taufen ließ. Von der so entstandenen Gemeinde heißt es dann am Schluss: „Sie blieben aber beständig in der Lehre der Apostel und in der Gemeinschaft und im Brotbrechen und im Gebet.“ Worauf dann noch ihre Gütergemeinschaft zur Versorgung der Bedürftigen erwähnt wird.

 

Ihr seht: Die Pfingstgeschichte ist eine außerordentlich reichhaltige Erzählung, so dass man sie in einer Predigt kaum ausschöpfen kann. Um trotzdem möglichst viel aus ihr herauszuheben, so dass wir uns an ihr erfreuen und in ihr einrichten können, will ich die Geschichte, jeweils als ganze, unter drei Aspekten in den Blick nehmen: als eine Erfolgsgeschichte, als eine Wundergeschichte und in alldem als eine Geistgeschichte, eine Geschichte über den Heiligen Geist.

 

 

(I) Die Pfingstgeschichte ist eine phantastische und grandiose Erfolgsgeschichte. Sie ist gewissermaßen das Gegenstück zum Verhalten der Jünger am Karfreitag. Während sie dort flohen, sich verkrochen und Petrus den Herrn verleugnete bis der Hahn dreimal krähte – nur einige Frauen getrauten sich unter das Kreuz –, während dort für die Jünger alles zuende schien, ein großer Irrtum und Fehlschlag, so treten sie nun zu Pfingsten vor das versammelte Volk, reden von den großen Taten Gottes, und besonders Petrus läuft zu großer Form auf als Bekenner seines Meisters. Und er hat überwältigenden Erfolg. An die 3000 Seelen kommen nach dem Text auf einen Schlag hinzu; sie werden Christen indem sie sich taufen lassen und empfangen die Gabe des Heiligen Geistes. Und das geht ja dann nach Pfingsten und jenseits unseres Textes noch weiter. Lukas, der Autor der Apostelgeschichte, beschreibt, wie sich vor allem durch den Apostel Paulus und seine Gefährten der Glaube an Jesus Christus über den ganzen östlichen Mittelmeerraum ausbreitet, wie überall sich Gemeinden bilden, auch in der Hauptstadt Rom, obwohl hier ohne Paulus. Aber es geht immer noch weiter, nun jenseits der biblischen Berichterstattung. Das Evangelium überquert die Alpen und kommt noch im ersten Jahrhundert bis nach Trier. Von da brauchte es allerdings noch fast ein Jahrtausend, bis es hier oben bei uns richtig ankam. Jedenfalls, dass wir hier heute beisammen sind im Gottesdienst, ist immer noch ein Ausläufer der Pfingstgeschichte.

 

Dabei darf man auch feststellen, dass die Ausbreitung des christlichen Glaubens, jedenfalls in den ersten Jahrhunderten, ohne Zwang und Gewalt, „nicht durch Heer oder Kraft“ erfolgte – im Unterschied zum Islam. Erst als das Christentum in die Hände von Herrschern und Eroberern geriet, bis hin zu den Conquistadoren, da lief die Sache aus dem Ruder, da war es nicht mehr nur das Wort und das Abendmahl und das persönliche Beispiel, was die Leute unter der Wirkung von Gottes Geist zum christlichen Glauben brachte. Obwohl man auch hier sagen muss: wo die Menschen unter jenen Gewaltbedingungen tatsächlich zum Glauben kamen und nicht nur zu äußerlicher Observanz, da waren es auch hier die genannten sachgemäßen Mittel und der Heilige Geist, die das  bewirkten.

 

Also: eine Erfolgsgeschichte. Und ich denke, das tut uns gut, wo wir doch beständig mit Nachrichten überschwemmt werden, wie die Kirche schrumpft, wieviele Leute jährlich aus ihr austreten, dass die Kirche an Einfluss verliert, dass sie ihre Botschaft nicht mehr an den Mann oder die Frau bringt und dergleichen mehr. Nein, liebe Freunde, wir befinden uns immer noch innerhalb der Pfingstgeschichte, die eine Erfolgsgeschichte ist, die damals in Jerusalem begann und immer noch andauert und weiter andauern wird. Es kommen ja auch immer noch neue Christen hinzu, mag auch dieser Zuwachs hierzulande – hierzulande! – schwächer sein. Aber die Gesamtzahl der an Christus und an den dreieinigen Gott Glaubenden nimmt beständig zu; denn wir dürfen ja die früheren, die schon verstorbenen Schwestern und Brüder nicht vergessen, die ja auch zum Reiche Gottes gehören. Aber  das tun die Leute dauernd, indem sie nur die Gegenwart in Betracht ziehen. Sie glauben lieber an die Statistik als an den Heiligen Geist, der die Kirche erhält und wachsen lässt in aller Zeit.

 

 

(II) Die Pfingstgeschichte ist zweitens eine Wundergeschichte. Das Wunderhafte in ihr zieht ja auch die ganze Aufmersamkeit auf sich: das gewaltige Brausen, die Feuerzungen und dann vor allem das Sprachenwunder. Jeder hört die Jünger in seiner eigenen Sprache reden, und hier wird alles an Völkern aufgezählt, was es überhaupt gab im Horizont des Erzählers. Und man fragt sich, wie das zu erklären oder zu verstehen sein soll. Nun, zu erklären ist es nicht, wenn es so geschehen wäre. Wohl aber zu verstehen, auch wenn es so nicht geschehen wäre.

 

Was das Erklären betrifft, so sind mir nur ganz abwegige und alberne Einfälle gekommen, der Papst ist mir eingefallen, wie er, jedenfalls in früheren Jahren, man denke besonders an Johannes Paul II, vom Balkon der Peterskirche aus die Osterbotschaft in über hundert Sprachen in die Welt hineinruft, ohne diese Sprachen selber zu verstehen. Aber hier wandelt der Papst in den Spuren unseres Textes, nimmt dessen Impuls auf, die Botschaft in allen Sprachen zu Gehör zu bringen. Und dann gibt es ja Leute, Komiker wie Hape Kerkeling und Matthias Richling, die in der Lage sind, das Klangbild von allen möglichen Sprachen zu erzeugen ohne deren Worte zu benutzen. Ich selbst kann auf diese Weise Arabisch reden; man braucht nur den Vokal A, dazu das L und ein kehliges Ch, und dann muss man ganz schnell und aufgeregt sprechen, dann klingt's arabisch. Ich werde mich hüten, das hier vorzuführen. Das Phänomen erklärt auch nichts. Ich bin darauf  gekommen, weil im Text ja Spötter erwähnt werden, die die Sache in etwa so vernommen haben müssten und sich entsprechend amüsierten.

 

Will man aber verstehen, weshalb die Pfingstgeschichte gerade so erzählt wird, wie sie erzählt wird, egal was da im Einzelnen passiert sein mag, so kann man doch Folgendes sagen: Wenn das Pfingstgeschehen selbst, also die Sendung des Geistes, ein Wunder ist, das Gott vollbringt, dann darf man es auch mit den typischen Mitteln von Wundergeschichten erzählen, und zwar ziemlich genau mit den hier gewählten Mitteln: Brausen vom Himmel, Feuerflammen und Sprachereignis besonderer Art.

 

Ich muss hier eine kurze Katechese zum Thema „Wunder“ folgen lassen. Das ist ja auch von Intewresse. Das Wunder ist des Glaubens liebstes Kind, fragt sich, ob es auch sein Erzeuger ist. – Es gibt neben den vielen biblischen Wundergeschichten jedenfalls drei ganz große Wunder, an die jeder Christ glaubt, so wahr er Christ ist. „Wunder“ heißt dabei, dass es nicht selbstverständlich ist und dass es Anlass zum Staunen und zur Dankbarkeit gegen Gott gibt.

 

Da ist als Erstes das große Wunder der Schöpfung, also dass es das Universum gibt, mit allem, was darin ist, samt uns selbst, die wir das alles wahrnehmen. Das ist sozusagen das Wunder des Vaters. Man nimmt dieses Wunder wahr, indem man nicht nur die einzelnen endlichen Gegenstände, wie sie uns im Alltag begegnen, in den Blick nimmt, sondern das Ganze der Schöpfung bedenkt und betrachtet, indem man nämlich das aktiviert, was Schleiermacher den „Sinn und Geschmack für das Unendliche“ bzw. für das „Universum“ genannt hat. Wer diesen Sinn nicht aufbringt, wird mit dem Wort „Gott“ nichts Gescheites anzufangen wissen. Dieses große Gesamtwunder der Schöpfung ist seinerseits voll von kleineren Wundern, die unser Staunen und Entzücken erregen: die Pracht der Blüten etwa, wie wir sie besonders in dieser Jahreszeit erleben, überhaupt alles Schöne und Anmutige und Erhabene; für mich gehören vor allem meine beiden Enkelkinder zu diesen innergeschöpflichen Wundern.

 

Dann haben wir zweitens das große Wunder des Sohnes, die Menschwerdung Gottes und die durch Jesus Christus vollbrachte Erlösung der Menschen aus ihrer Sünde und Gottferne. Auch dieses große Wunder ist wieder mit einer Vielzahl von kleineren, weil auf einzelne Menschen bezogenen, Wundern verbunden. Ich meine die in den Evangelien berichteten vielen Wunder Jesu. Ob sie historisch so geschehen sind, ob Jesus z.B. den Lazarus tatsächlich aus dem Tode auferweckt hat oder ob er das Brot vermehrt hat und so weiter, darf dem frommen und kritischen Urteil des einzelnen Gläubigen überlassen bleiben. Ihm den Glauben daran zur Pflicht zu machen, würde ihm das Christsein unnötig erschweren. Dass Jesus jedenfalls Kranke geheilt hat, ist aber unbestritten. Das große Wunder des Christusgeschehens zu glauben, ist für jeden Christenmenschen zentral, kann gar nicht von seinem Glauben abgelöst werden.

 

Und dann natürlich drittens das Wunder des Heiligen Geistes. Es ist ebenso unselbsverständlich wie die beiden anderen großen Wunder. Es ist ganz und gar nicht selbstverständlich, dass jemand zum Glauben an Gott und Jesus Christus kommt, dass er oder sie im Tun und im Geschick Jesu den ewigen Liebes- und Gemeinschaftswillen Gottes erkennt, selbst wenn er oder sie aus einem christlichen Elternhaus kommt. Dazu kann man sich nicht einfach entschließen, sondern das muss einem durch den Geist Gottes, der vom Vater und dem Sohne ausgeht, erschlossen werden. Dass man das Vaterunser mit Hingabe des Herzens beten kann, ist auch nicht selbstverständlich. Ein Christ, jedenfalls ein zu gewisser Reife gelangter Christ, glaubt immer dennoch, dennoch gegen den Schrecken, den die Welt mit all ihrem Elend uns einjagt, und gegen den daraus entstehenden Zweifel. Dieses     Dennoch stammt letzlich nicht aus eigener Kraft, sondern es ist die Kraft des Geistes Gottes, die uns sagen lässt mit dem Psalmisten: „Dennoch bleibe ich stets an dir; denn du hältst mich bei meiner rechten Hand, du leitest mich nach deinem Rat und nimmst mich am Ende mit Ehren an.“

 

Das Wunder des Heiligen Geistes, das Pfingstwunder: Will man das nun auch noch bildlich und szenisch darstellen, dann kann man schon einen Sturm vom Himmel herab brausen lassen. Denn der Geist kommt über die Jünger, von oben, unvermutet und mit Macht. Und wie die Feuerzungen sich auf jeden Einzelnen setzen, so kommt der Geist zu jeder einzelnen Person und nimmt innerlich Besitz von ihr, löst ihr die Zunge, so dass sie von den großen Taten Gottes redet. Und dass diese Rede in allen Sprachen erklingt und von einer Menge aus allen Völkern verstanden wird, das bedeutet nichts anderes, als dass die Wahrheit des Evangeliums an keine sprachlichen und kulturellen Grenzen gebunden ist, wie denn ja auch die Bibel später in alle Sprachen übersetzt worden ist. Das Evangelium ist für die Welt, ist für alle da als die für alle und jeden Einzelnen heilsame Wahrheit. Zu ihrem Verständnis ist auf Seiten des Menschen nicht mehr erforderlich, als dass man ein Mensch ist mit den Grundfragen, die zur conditio humana gehören.

 

So viel also zur Pfingstgeschichte als Wundergeschichte. Eine Frage ist hier noch offen: ob es auch im Gefolge oder Sog dieses dritten großen Wunders wieder viele kleinere Wunder gibt. Die gibt es, aber das nehmen wir in den letzten Teil der Predigt hinein.

 

 

(III) Die Pfingstgeschichte ist drittens und alles in allem eine Geschichte über den Heiligen Geist, oder sagen wir, weil sich das besser zur Erfolgs- und Wundergeschichte fügt, eine Geistgeschichte. Vom Heiligen Geist war ja schon die ganze Zeit die Rede, so, dass er nicht aus dem Menschen kommt wie alle möglichen anderen Geister und Ungeister, sondern von Gott gesandt wird, von außen kommt und in den Menschen eindringt, sein Denken und sein Herz ausrichtet und nun in und durch Menschen wirksam wird. Ich erinnere auch noch einmal an die dem Geist zu verdankende Erfolgsgeschichte, von der wir selber ein Teil sind. Das ist nun nur noch zu vervollständigen und zwar im Blick auf Wirkungen des Geistes im Einzelnen, wobei es wiederum etliches zu bewundern gibt, weil es wunderbar ist. Sehen wir in den Text!

 

Da ist zunächst das, was Luther, der zu Pfingsten 1534 über Apostelgeschichte 2 predigte, besonders wichtig an diesem Text war: nämlich dass aus den Jüngern, diesen nach Karfreitag völlig verstörten und verzagten Figuren plötzlich „eitel kühne Helden“ werden, wie Luther sagt. Plötzlich sind sie ihrer Sache gewiss, und sie treten in die Öffentlichkeit und wagen etwas. Dabei bringt Petrus die zu verkündigende Christusbotschaft auf den Punkt: Gott hat den durch Taten, Zeichen und Wunder ausgewiesenen Jesus von Nazareth, den Männer von Israel durch die Römer ans Kreuz gebracht haben, nicht im Tode gelassen und hat ihn zum Herrn und Christus gemacht. Damit bringt er sich und seine Mitstreiter natürlich in Gefahr. Die Herren Kaiphas, Hannas und Pilatus lassen mit ihrer Reaktion auch nicht lange warten, wie der Fortgang der Apostelgeschichte zeigt. Auch riskiert er, sich lächerlich zu machen, Spötter sind immer gleich zur Stelle. Aber andererseits hat er großen Erfolg; denn den Hörern geht es „durchs Herz“. Für Luther ist diese radikale Verwandlung der Jünger und dann natürlich auch der Zuhörer das eigentliche Pfingstwunder. Man könnte sagen: nicht das Feuer über den Köpfen ist das Wesentliche, sondern das Feuer in den Köpfen und Herzen. Und dieses Feuer, will sagen: der individuell empfangene und Denken und Fühlen und Wollen bestimmende Geist, lässt den Christen auch die richtigen Worte finden.

 

Fündig werden wir dann noch einmal am Ende der Erzählung, wo es über die neue Gemeinde heißt: „Sie blieben aber beständig in der Lehre der Apostel und in der Gemeinschaft und im Brotbrechen und im Gebet.“ Was dann noch durch eine kurze Schilderung der sogenannten urchristlichen Gütergemeinschaft ergänzt wird. Hier haben wir gewissermaßen nachhaltige Wirkungen des Geistes, während das Erkennen, Reden und Bezeugen augenblickliche, unmittelbare Impulse des Geistes sind.

 

„Sie blieben beständig in der Lehre der Apostel“ heißt: sie hielten sich an die Überlieferung von Jesus, die sie durch die Apostel empfingen, und sie glaubten wie sie an ihn. Und das taten sie „beständig“. Aber wie geht das? Wie ist das möglich, beständig im rechten apostolischen Glauben zu bleiben? Denn der Glaube, das wissen wir moderne Menschen besonders gut, aber auch Luther wusste es, der Glaube ist beständig der Anfechtung ausgesetzt und wird vom Zweifel attackiert. Natürlich wollen wir ihn loswerden, den Zweifel, aber er kommt von selbst immer wieder, um dann vom Glauben, von der Glaubensgewissheit überwunden zu werden. Das gibt der Christlichen Existenz eine besondere Erlebnistiefe und Spannweite und Ernsthaftigkeit, wovon rein säkulare Zeitgenossen in unserer Konsum- und Spaßgesellschaft keine Ahnung haben. Das Bleiben ist also eine beständige Überwindung des Zweifels durch den Glauben, besser: durch den den Glauben erweckenden Geist Gottes, der uns das mutige „dennoch“ sagen lässt. Man meint ja in der Regel, Glaube und Zweifel schlössen sich aus. In gewisser Weise stimmt das auch, weil sie Opponenten sind. Aber man muss auch sagen: es ist das Privileg des glaubenden Menschen, überhaupt richtig zweifeln zu können, so dass es dramatisch wird und weh tut. Wenn dagegen ein religiös gleichgültiger Zeitgenosse uns Christenmenschen aus der Ferne betrachtet und sagt: wer weiß, ob die auf dem richtigen Dampfer sind, ob das stimmt, was die so glauben, dann ist das kein richtiger Zweifel, kein Zweifel mit Leidenschaft, kein Zweifel, der weh tut – so wenig wie der methodische Zweifel des Wissenschaflers weh tut, der alles auf den Prüfstand stellt, was ja eine Tugend ist. Ganz anders der Zweifel, der den Glauben anfällt. Deshalb: wenn dir das passiert, ein Zweifel, der die Leidenschaft und alle Sinnfragen aufwühlt und schmerzt, ein Zweifel, der auf Verzweiflung hinauszulaufen droht, dann darfst du wissen: du bist ja eben damit dran an der Sache des Glaubens, ganz nah, und deshalb darfst du auch hoffen, dass Gottes Geist dir beoisteht und deiner Schwachheit aufhilft.

 

Sie blieben „in der Gemeinschaft“, hieß es weiter. Zu dieser Gemeinschaft, an der wir auch immer noch teilhaben, eine kurze persönliche Erinnerung. Im vorletzten Sommer waren meine Frau und ich auf der Insel Jersey im Ärmelkanal. Wir waren in einem christlichen Hotel untergebracht, das von Methodisten geführt wurde. Das bedeutete: keine alkoholischen Getränke, dafür aber jeden Morgen vor dem Frühstück eine Andacht, die von einem Reverend gehalten wurde. Wir sind da hingegangen und waren, obwohl das Hotel fast zur Hälfte mit deutschen Urlaubern belegt war, die einzigen Nicht-Briten bei der Andacht. Ich hatte spontan das Gefühl, dass mir diese Engländer, die uns freundlich zunickten, sich freuten über zwei Christenmenschen vom Festland samt ihrem Reverend, der sich erkundigte, ob wir alles verstehen, näher standen als die eigenen Landsleute, obwohl die im übrigen ganz nett waren. Der Glaube stiftet Gemeinschaft über alle Grenzen hinweg, auch die konfessionellen, und er rückt alle anderen Gemeinsamkeiten ins zweite Glied.

 

Der solche Gemeinschaft schaffende Geist ist dann auch ein Geist des Teilens, daher auch die urchristliche Gütergemeinschaft (das war ja das einzige, was den 68ern in der Bibel gefiel). Der Geist, der vom Vater und vom Sohne ausgeht, wie es im Nizänischen Bekenntnis heißt, stiftet ein universales Nächstenschaftsgefühl, das dazu bereit macht, das einer des anderen Last trägt, auch dafür, dass wir uns überall für gerechte Verhältnisse und für den Frieden einsetzen.

 

Schließlich, weil sie den Geist empfangen hatten, hielten sie fest „am Brotbrechen und am Gebet“. „Brotbrechen“ meint das Abendmahl. Diese Feier, in der die Gemeinschaft mit Jesus Christus als dem gekreuzigten und erhöhten Herrn praktisch vollzogen und erlebt wird, und die Jesus selbst uns hinterlassen hat, sie gibt der christlichen Gemeinde ihre dauerhafte Identität in der Welt. Und das Gebet ist aus christlicher Sicht die höchste und wichtigste Weise, die menschliche Sprache zu gebrauchen. Betet ein Mensch im Sinne Jesu, also vor allem das Vaterunser, und tut er das aus dem Antrieb des Geistes und mit seinem ganzen Herzen, dann ergreift er in dieser Sprachhandlung seine zeitliche und ewige Bestimmung, nämlich die Gemeinschaft mit seinem Schöpfer und dem Schöpfer der ganzen Welt. Gott ließ das sprachfähige Wesen Mensch im Laufe der Evolution entstehen, damit die Schöpfung eine Stimme bekommt, mit der sie sich auf den Schöpfer beziehen kann, damit die Schöpfung im Gebet insgesamt ins Lot kommt, in den Einklang mit ihrem Schöpfer, der am Ende alle Dinge zum Besten führen will und wird. –

 

So, liebe Freunde, ich habe nun genug über den Heiligen Geist gesagt, der ja zu Pfingsten unser Thema ist. Vielleicht war es etwas zu viel, aber der Text ist nun einmal so reichhaltig. Wir haben die Pfingstgeschichte in drei Durchgängen vor uns ausgebreitet: als Erfolgsgeschichte bis heute, als Wundergeschichte und als Geschichte über die Wirkungen des Heiligen Geistes. Fragen wir zum Schluss noch einmal, was wir heute eigentlich feiern, so kann ich auch antworten: wir feiern die Präsenz Gottes in der Welt, genauer: seine die manifeste Präsenz.  Die Präsenz Gottes ist natürlich in verborgener Weise überall gegeben, aber sie wird für uns dort eindeutig fassbar und erlebbar, wo das geschieht, was wir im letzten Teil der Predigt beschrieben haben: wo man bleibt in der Lehre und im Glauben der Apostel, wo man die Gemeinschaft der Christenmenschen pflegt im Geist der Liebe und des Teilens und wo man das Abendmahl feiert und betet im Sinne Jesu. Das wollen wir dann nach den Abkündigungen auch tun. Uns allen ein gesegnetes Pfingstfest! Amen.