Predigt von Erzbischof Hanna Aydin über "Selig, die da Leid tragen"

Sehr geehrte Damen und Herren,

Liebe Schwestern und Brüder im Herrn,

Hochverehrter Prof. Dr. Andreas Müller,

 

Zunächst herzlichen Dank für Ihre Einladung, in dieser Universität der Evangelischen Fakultät über einen Vers von der Bergpredigt zu predigen, unter dem Thema:

„Selig, die da Leid tragen, denn sie sollen getröstet werden“.

 

Ich bin im Orient geboren, bis zum 25. Lebensjahr dort im Lande der Bibel und der Wiege der christlichen Kultur aufgewachsen.

Das Leben meines Volkes, der Syrisch-Orthodoxen Christen, ist biblisch geprägt. Unser Herr und Gott Jesus Christus hat uns eingeladen, ihm nachzufolgen. Dieses Nachfolgen enthält zwei Wege: Einen erfreulichen, und einen anderen, der zum Tode führt.

 

A – Der erfreuliche Weg:

 

Der menschgewordene Gott Jesus Christus, lädt die Menschen zur Liebe und zur Freiheit der Menschen, zusammen zu leben.

Er sagte: Ich bin die Tür das Licht und die Wahrheit. Kein Streit, keine Diskussion unter den Gläubigen und jeder trage die Last der Anderen (Gal 6, 2).

Mt 11, 28 Mein Joch ist leicht und volle Freiheit, Frieden, Sicherheit, Demokratie, Meinungsfreiheit, Emanzipation, u.s.w.

Dieses paradiesische Leben mit unserem Gott Jesus Christus zu sein, beansprucht weltlich Anstrengung.

 

B – Der leidvolle Weg:

 

Mt 10, 16 Seht, ich sende euch wie Schafe, mitten unter die Wölfe…

Lk 10, 3 Geht hin! Siehe ich sende euch wie Lämmer mitten unter die Wölfe. Mein Nachfolger ist wie ein Lamm unter unzählige Wölfe. Sie werden alle Qualen erleben: Schmähungen, Beschimpfungen, Folterungen, Deportationen, Versklavungen, Kreuzigung, Schächtungen mit dem Schwert und scharfem Messer.

 

Verfolgung ist das Schicksal aller, welche Christo die Treue bewahren.

 

 „ Selig sind, die Verfolgung leiden um der Gerechtigkeit willen, denn ihrer ist das Himmelreich. Mt. 5, 10-12

 

Selig seid ihr, wenn euch die Menschen schmähen und verfolgen, und alles Böse mit Unwahrheit wider euch reden um meinetwillen. Freut euch und frohlocket; denn euer Lohn ist groß im Himmel. Denn ebenso haben sie die Propheten verfolgt, die vor euch gewesen“.

 

Die Bergpredigt ist die größte von unserem Herrn und Gott Jesus Christus in den Evangelien aufgeschriebene Botschaft, mit der er die neue Heilsordnung in Seligpreisungen verkündet. (vgl. Mt. 5, 1-12, Lk 6, 20-49) und sie ist wegen ihres prophetischen Inhalts eine Aufforderung zur Gewaltlosigkeit und zum Frieden.   

 

Wir orientalischen Orthodoxen Christen haben durch unsere geschichtlich nachgewiesene Gewaltlosigkeit uns in besonderer Weise dieser Botschaft verpflichtet. So möchte ich, bevor ich zur jetzigen Situation in den Regionen unserer Heimat Stellung nehme, auf den biblischen Text, wie er in den überlieferten Texten aufgeschrieben ist, und näher auf die Botschaft Jesu eingehen. Jedem Christen sind die Texte der Bergpredigt wohl bekannt. Diese möchte ich nun den aus unserer aramäischen Überlieferung vorliegenden Texten gegenüberstellen, weil sie im Vergleich mit unseren wortgetreuen Übertragungen aus dem Aramäischen völlig andere Dimensionen aufdecken, und andere Konsequenzen fordern. In den aramäischen Texten unserer  Hl. Schrift liest sich  diese Botschaft wie folgt:

Lesung aus Mt. 5, 1-12 auf Aramäisch.

Mt. hat acht Seligpreisungen. Lk. vier Seligpreisungen und vier Wehrufe. Die Seligpreisungen bei Mt. entwerfen das Programm eines tugendhaften Lebens mit Verheißung eines himmlischen; bei Lk. kündigen sie die Umkehr der Situation dieses Lebens mit Blick auf das zukünftige an. Bei Mt. spricht Jesus von den Seliggepriesenen in der dritten Person. Bei Lk. redet er die Hörer unmittelbar an.

 

1 -   Selig die Armen im Geiste,, denn ihrer ist das  Himmelreich

2 -  Selig die Trauernden, denn sie werden getröstet werden.

3 -   Selig die Sanftmütigen, denn sie werden das Land besitzen.

4 -   Selig, die hungern und dürsten nach der Gerechtigkeit, denn sie werden gesättigt werden.

5 -   Selig die Barmherzigen, denn sie werden Barmherzigkeit erlangen.

6 -   Selig, die reinen Herzens sind, denn sie werden Gott schauen.

7 -   Selig die Friedensstifter, denn sie werden Söhne Gottes heißen.

8 -   Selig, die verfolgt werden um der Gerechtigkeit willen, denn ihrer ist das Himmelreich.

9 -   Selig seid ihr, wenn sie euch schmähen und verfolgen und euch alles Böse lügnerisch nachsagen um meinetwillen. V. 10. Freut euch und frohlocket, denn euer Lohn ist groß im Himmel. Denn so haben sie auch die Propheten  vor euch verfolgt.

 

       In anderen Bibel-Übersetzungen wird anstatt „selig“„Wohl euch“ geschrieben.

„Wohl euch, ihr Armen! Trauernden! Hungernden! Erbarmenden! Herzensreinen! Heilsstiftenden! Wenn sie euch schmähen! Weh, euch wenn sie euch loben! Wenn sie euch hassen: Freut euch  und frohlockt in jenen Tagen, denn siehe: Groß ist euer Lohn in den Himmeln. Er, Abba, erbarmt sich auch über die Bösen.“[1]

Im Namen dieser Seligpreisungen und im Namen dieses Abba Jesu wurde  die größte Menschenrechtsbewegung der Geschichte ausgelöst. Sie wurde aber, je nach politischer Lage immer umgedeutet und deren Bedeutung verkehrt. Durch ihn erkannten und erkennen zwar Millionen und Milliarden Menschen die universellen Ideale, die Gleichheit aller vor dem einen Gott, in dessen Namen der Weltfriede verwirklicht werden kann an, er wurde aber je nach Interessenlage oft sehr eigennützig umgedeutet.

Diese neue Sicht findet in der Bergpredigt ihren Höhepunkt.

 

Ankündigung der Verfolgung bis zum Martyrium:

 

Mt. 10, 17.18 Nehmt euch in acht vor den Menschen, denn sie werden euch den Gerichten überliefern und euch geißeln in ihren Synagogen. Auch vor Statthalter und Könige werdet ihr geführt werden um meinetwillen, ihnen und den Heiden zum Zeugnis.

Mt. 10, 28        „Fürchtet euch nicht vor denen, die den Leib töten, die Seele aber nicht zu töten vermögen“ Lk 12, 4.

Joh. 16, 2          Ja es kommt die Stunde, wo jeder, der euch tötet, Gott damit einen heiligen Dienst zu erweisen glaubt. Und solches werden sie tun, weil sie weder den Vater noch mich erkannt haben“.

Lk. 10, 3           „ Ich sende euch wie Lämmer mitten unter Wölfe . . .

Lk. 11, 49         „Darum hat auch die Weisheit Gottes gesprochen; ich werde Propheten und Apostel  zu ihnen senden, und sie werden etliche von ihnen töten und verfolgen“..

12, 4                 Furchtlos und offen reden. . . Fürchtet euch nicht vor denen, die den Leib töten und darüber hinaus nichts weiter tun können.

 

Die Schüler und Nachfolger Christi stehen im Stande der Gnade und werden zum Martyrium gefordert.

Die tapferen und ruhmvollen Helden, welche für Gottes Ehre und seine heilige Religion ihr Leben unter grausamen Qualen aufopferten, hatten zwei  Punkte vor Augen.

 

A – Die Bereitwilligkeit für den Glauben zu sterben und zu allen Martern, aus Liebe zu Christo, all das sind: Banden, Kerker, Folter, der schreckliche Tod und Schächtungen, die wir heute im Irak und Syrien per Video und Bilder gesehen haben. Dies alles geschieht freiwillig erduldet, durch Verfolger verhängter Tod um Christi Willen.

         vgl. Apg 16, 23.24; 20,23 Folter Mt10, 17; 2 Mt. 23,34;

 

B – Verachtung der Freuden der Welt, und heilige Freude an Schmach und Leiden. Im AT Moses fürchtete sich nicht vor dem Pharaonischen König. Ebenso eine gleiche Parabel von Herodes und Johannes.

         Vgl. Gal 6, 14 Hebr. 11, 24-27 Mt. 14, 4 Makk. 6, 30

 

Nach unseren aramäischen Texten liest sich diese Predigt zur Feindesliebe in deutscher Übersetzung:

„Aber euch, die ihr hört, sage ich: Erbarmt euch derer, die euch anfeinden! Tut Gutes denen, die euch hassen! Segnet die, die euch verfluchen! Betet für die, die euch böses antun! (Lk  6,27- 28 Mt 5,44).

 

Der Apostel Paulus war von der Liebe Christi verblendet und verweist um Christi willen auf Verfolgung bis zum Martyrium hin.

Röm. 8, 35        Wer wird uns scheiden von der Liebe Christi? Zu dieser Liebe müssen wir Drangsale und Verfolgung in Kauf nehmen.

1 Kor 4, 12       „Man verflucht uns, und wir segnen, man verfolgt uns, und wir dulden“.

2 Kor. 4, 9        „ Wir leiden Verfolgung, werden aber nicht verlassen,…

2 Tim. 3, 12      „ Alle, die gottselig leben wollen in Christo Jesu, werden Verfolgung leiden“.

 

Auch ich weiß, dass diese jesuanischen Ideale im 21. Jahrhundert  weitgehend Visionen sind. Ihre befreiende Wirkung scheint bis heute ohne Reaktion geblieben zu sein. Macht- und Geldgierige verweigern sich der Frieden stiftenden Botschaft. So ist sie auch im noch jungen 21. Jahrhundert eine noch unerfüllte Hoffnung.

Die Wirklichkeit ist von Gewalt geprägt und die politische Lage ist so, als ob die Botschaft vom Berge nie verkündet worden wäre. Trotzdem will ich nicht in die von vielen geführte Klage über die Missstände einstimmen. So sind die Grundstrukturen der menschlichen Verhaltensweisen von Hass, Gier, Gewalt immer noch gegenwärtig. Auch im Alten Testament wird  in  vielen Texten  hiervon berichtet. Sie schildern die  früheren Gottesvorstellungen, dass Gott/Jahwe ein rachsüchtiger und oft grausamer Gott sei. Das beweist allein schon seine Namensgebung, denn Jahwe wurde mit dem Beinamen Zebaoth, „ Herr der Heere“, angerufen.

Dieses Bild vom unnahbaren Gott wurde von Jesus grundlegend geändert. Sein eindeutiges Gottesbild ist nicht das des Strafe- und Rachegottes, sondern das des liebevollen Vaters, der  uns trägt. Dieser Abba ist das Alpha und Omega (A & O), der uns in Liebe begegnet. Von diesem Abba kommen wir alle her und zu ihm kehren wir nach unserem irdischen Leben zurück.

Gerade die Altorientalen Kirchen fühlen sich dem Auftrag Gottes verpflichtet. Das lässt sich aus dem Glaubensleben dieser Kirchen ablesen. Viele historische Belege berichten davon. Als Erzbischof der Syrisch-Orthodoxen Kirche in Deutschland werde ich auch nicht müde und bin ich bemüht, dem Gebot der Bergpredigt Wirkung zu verschaffen. Dabei hilft kein moralisieren, sondern nur das aktive Beispiel. Sicher sind einzelne orientalische Christen nicht davor bewahrt, Gewalt als ein Mittel zur Durchsetzung einzusetzen, das entspricht aber nicht unserer Lehre.

Die gegenwärtige Lage der Christen ist in vielen Regionen der Welt gekennzeichnet von Verfolgung, Nachstellung und Tötung. Wie in einem  Spiegel  der gegenwärtigen Situation konzentriert sich  diese Gewalt gegen Christen im Vorderen Orient. Selbst in den großen Flüchtlingsbewegungen  unserer Tage kommt diese feindliche Haltung zum Ausdruck. So ist bekannt, dass Christen von Mehrheiten der nach Europa Geflüchteten in den Lagern benachteiligt werden und ihnen oft Gewalt angetan wird.

Dieses aber ist auch die tiefere Ursache des aktuellen, religiös motivierten Terrors. Er entspringt einer erstarrten Theologie, die besonders im sunnitischen Islams deutlich wird. Der liberale türkische Islamwissenschaftler Ednan Aslan führt hierzu aus: „Der sunnitische Islam hat vier Rechtsschulen. Drei sagen, wer als Muslim nicht betet, muss getötet werden. Eine sagt: Auspeitschen genüg. Viele... wenden ein: Aber das gilt doch nicht für Muslime in Europa! Doch! Diese Gewalt wird noch in von vielen Moscheen gepredigt und darauf kommt es an. Gewaltverherrlichung vergiftet Religion und macht sie zum Opium für das Volk. So wird Religion schizophren  und fördert gespaltenes Bewusstsein. Es fehlt eine starke, aufklärerische Gegentheologie“ [2]

Es bleibt, Friede und Freiheit wird nur möglich, wenn wir uns der Bergpredigt verpflichtet fühlen und dem Gebot der Gewaltlosigkeit zum Durchbruch verhelfen. Jesus lehrt uns eindeutig: Mt 7, 7 „Wer sucht, der findet,  wer anklopft, dem wird aufgetan, wer bittet, dem wird vergeben werden.

Tuen wir was, machen wir uns auf den Weg.

In diesem Geiste wünsche Ich Ihnen Gottes Segen und die Gnade, die sich in Gewaltlosigkeit zeigt.



[1] Diese Texte sind entnommen aus: Alt, Franz, Was Jesus wirklich gesagt hat Eine Auferweckung, 3. Auflage, Gütersloh, 2015, S.88 ff

[2] Ebd. S. 81