Predigt von Ministerpräsident Torsten Albig am 2. Advent 2013

Es kommt ein Schiff geladen
bis an sein‘ höchsten Bord.
Trägt Gottes Sohn voll Gnaden,
des Vaters ewig‘s Wort.

 

Das Schiff geht still im Triebe,
es trägt ein‘ teure Last:
Das Segel ist die Liebe,
der Heilig‘ Geist der Mast.

 

Der Anker haft‘ auf Erden,
da ist das Schiff an Land.
Das Wort tut Fleisch uns werden,
der Sohn ist uns gesandt.

 

Liebe Gemeinde,

Advent ist die Zeit des Wartens. Alle Jahre wieder warten wir auf den Erlöser.

Viel zu oft wird dieses Besinnen auf uns selbst, auf unsere Mitmenschen, auf die Ankunft des Herrn überlagert. Wir kennen sie alle: diese Hektik vor dem Fest.

 

Umso dankbarer dürfen wir sein für jeden Moment des Innehaltens. Für einen Advents-Gottesdienst. Für ein Weihnachtskonzert.

Musik gehört für mich seit jeher zu Advent und Weihnachten dazu. Deshalb habe ich mich sehr über die Einladung von Professor Müller gefreut, heute über ein Adventslied zu sprechen.

Entschieden habe ich mich für Es kommt ein Schiff geladen.

 

Das Lied geht mit seinen ersten drei Strophen, auf die ich eingehen möchte, auf den Mystiker Johannes Tauler zurück, der im 14. Jahrhundert in Straßburg lebte und auf Deutsch predigte. Der also nicht nur gehört, sondern auch verstanden werden wollte. Gut 800 Jahre begleitet uns dieses Lied nun schon.

 

Für uns hier im Norden, für uns in Kiel ist ein ankommendes Schiff ein bekanntes Bild. Ein Bild, das wir alle füllen können mit eigenen Eindrücken, mit persönlichen Erlebnissen. Wer von uns hätte wohl noch nie am Ufer gestanden und nach einem Schiff geschaut? Und sich gefragt: Wo kommt es her? Wo will es hin? Was hat es wohl geladen?

 

Warten auf ein Schiff, wie in unserem Lied, hat viel mit Hoffnung zu tun. Seit jeher. Hoffnung, dass der Liebste heil und gesund zurückkehrt. Hoffnung, dass die Fahrt Erfolg hatte, die Männer reichen Fang mitbringen. Die Hoffnung darauf, dass die Kinder in den nächsten Tagen und Wochen keinen Hunger leiden müssen.

 

Auch heute noch steht bei der Ankunft eines Schiffes die Hoffnung mit am Kai.

Haben Sie schon einmal gesehen, wenn die Gorch Fock nach langer Reise in den Hafen zurückkehrt? Die vielen Angehörigen, die da stehen und warten? Warten auf den Mann? Die Freundin? Den Papa? Die Tochter? Und wenn sich die Familie dann am Kai in den Armen liegt... Freude, Erleichterung, Dankbarkeit.

 

Wie ist es nun mit unserem Schiff? Wo kommt es her? Wohin führt seine Reise? Was hat es uns mitgebracht?

Das Schiff, das wir im Advent erwarten, ist schwer beladen.

Bis an sein höchsten Bord.

Wir kennen das, wenn wir zum Beispiel mal am Nord-Ostsee-Kanal sind. Da sieht man sofort, wenn ein Schiff beladen ist bis an sein höchsten Bord. Es liegt tief im Wasser.

Bei unserem Schiff kann es nicht anders sein. Es hat wahrlich Tiefgang. Denn:

Es trägt ein‘ teure Last. Trägt Gottes Sohn voll Gnaden.

Das Wertvollste, das wir haben, kommt mit diesem Schiff. Er, durch den Gott zu uns Kontakt aufnimmt. Er, durch den Gott mit uns spricht. Er, durch den wir erlöst werden. Er ist an Bord.

Das macht unser Schiff aber nicht nur schwer. Es macht es auch sicher. Selbst bei wilden Winden liegt es gerade im Kurs. Wahrlich keine Nussschale, die hin und her geworfen wird.

Kein Mensch kann ein solch schweres, solch sicheres Schiff steuern. Dieses Schiff kommt von Gott. Es trägt seine Attribute:

Das Segel ist die Liebe, der Heilig‘ Geist der Mast.

 

Schiffe sind aber nicht einfach so unterwegs. Sie haben ein Ziel. Einen Hafen, den sie anstreben. So auch unser Schiff. In Strophe 3 hat das Schiff seinen Zielhafen erreicht.

Der Anker haft‘ auf Erden, da geht das Schiff an Land.

Es geht vor Anker. Gott berührt die Erde. Gott hält, was er verspricht. Gott schickt uns seinen Sohn:

Das Wort will Fleisch uns werden, der Sohn ist uns gesandt.

 

Ja, und erst dann, als das Schiff am Ziel ist, erst, als die Ladung gelöscht ist, erst dann entfaltet sie ihre gesamte Herrlichkeit: Gottes Liebe, sein Heiliger Geist werden Mensch. Bekommen Hände und Füße, einen Leib, ein Gesicht. Werden zu einem von uns. Gott schließt einen Bund mit uns. Uns ist der Heiland geboren, der Mensch gewordene Gott. Den unser Denken kaum fassen kann. Und der uns aufträgt, es ihm gleichzutun. Zu leben, was er uns vorgelebt hat. Zu beherzigen, was er uns kundgetan.

 

Jesus sagt:

Das ist mein Gebot, dass ihr euch untereinander liebt, gleichwie ich euch liebe.

So schreibt es Johannes.[1]

Jesus macht keinen Unterschied zwischen den Menschen. Jesus nimmt jeden Menschen gleich an. Jesus nimmt jeden Menschen gleich.

Er weiß, dass wir alle in unserer Unterschiedlichkeit berufen sind, mit unseren Fähigkeiten im Hafen zu arbeiten und die Ladung unseres Schiffes weiterzutragen. Es gibt Menschen, die predigen Gottes Wort. Es gibt Menschen, die unsere Kinder lehren. Menschen, die Kranken helfen. Menschen, die mein Dach reparieren oder meine Heizung. Menschen, di uns aus Gefahr retten. Sie alle kennen Menschen, für die ihr Beruf eine Berufung ist. Diese Menschen leuchten besonders hell, stecken uns an mit ihrer Begeisterung. Andere blühen nach Feierabend auf. Wenn sie sich für ihre Mitmenschen engagieren. Wenn sie da sein können für andere.

 

Gott hat jedem von uns eine Gabe gegeben. Jeder Mensch kann etwas. Jeder Mensch kann seinem Mitmenschen etwas geben. Jeder Mensch kann etwas zu seiner Gemeinde beitragen. Zu unserer Gesellschaft. Gott gibt uns eine Gabe, damit wir sie benutzen. Damit wir sie einsetzen für andere und mit anderen.

 

Jesus hat den Menschen Vertrauen gegeben in die eigenen Kräfte. Lassen Sie es uns als Gesellschaft ebenso machen!

Die Menschen müssen wissen: Gott hat mir eine Gabe gegeben. Ich kann etwas.

Und die Menschen müssen wissen: Es ist auch gewollt, dass sie diese Gabe einbringen. Mehr als das: Es ist unerlässlich, dass sie sie einbringen.

 

Jesus nimmt die Menschen ganz ernst. Und lässt sie doch nicht, wo sie sind. Er fordert uns oftmals heraus. Weil er uns aufträgt, uns unbeirrt für unsere Mitmenschen einzusetzen.

Jesus‘ Auftrag ist, dass wir unsere Kräfte bündeln. Dass wir untereinander sagen: Hier ist deine Verantwortung gefragt. Hier kannst du dich einbringen mit deiner Gabe. Und hier musst du dich einbringen!

 

In den vergangenen Tagen hatten wir alle wieder das große Privileg zu erleben, wie viele Menschen sich einbringen. Wie viele Menschen da sind, wenn der Sturm uns zu sehr peitscht und wir Hilfe brauchen. In der Nacht. Auf dem Deich. Im Rettungswagen. In der Leitstelle. Viele davon freiwillig. Sturm Xaver hat uns gezeigt, dass die Ladung unseres Schiffes mitten unter uns ist. Dass der Anker unser Schiff hält.

 

Liebe Gemeinde,

Jesus‘ Menschenbild prägt unser Denken. Prägt unser Handeln. Indem die Starken den Schwachen helfen. Wo wir den Schwachen helfen, ebenfalls stark zu werden. Wo einer für den anderen da ist. Wo sich niemand über den anderen stellt.

 

Jesus hat keinen Unterschied gemacht. Ihm war jeder Mensch gleich lieb. Gleich wertvoll. Gott liebt die Vielfalt. Er hat uns nicht in dieser Vielfalt erschaffen, damit wir uns voneinander abgrenzen. Uns ablehnen. Oder gar bekämpfen. Gott hat uns in dieser Vielfalt erschaffen, damit wir uns ergänzen. Das Zusammenwirken der Menschen zu unterstützen, heißt deshalb für mich, Gott zu dienen. Gott zu lieben, heißt die Vielfalt zu lieben.

 

Liebe Gemeinde,

dies sind nur einige Gedanken zu der unendlich kostbaren Ladung der Liebe, die das Schiff trägt, auf das wir im Advent warten. Vielleicht schweift unser Blick zum Horizont einmal ab. Weil Geschehnisse am Ufer uns ablenken. Weil Verpflichtungen uns wegholen von unserem Beobachtungsposten. Einen Moment denken wir vielleicht gar nicht mehr an das Schiff. Dann packt uns vielleicht plötzliche Furcht, es könnte vom Horizont verschwunden sein. Doch es ist da! Es ist sogar größer geworden. Es kommt unbeirrt näher.

 

Liebe Gemeinde,

behalten wir es fest im Auge!

Advent heißt Warten. Und dieses Warten lohnt sich. Mehr als alles andere. Denn Gott hält Wort. Gott schickt uns seinen Sohn. Er wirft seinen Anker.

Wir können darauf vertrauen: Es kommt ein Schiff geladen.

Gott wird nicht beidrehen!

 

Ich wünsche Ihnen eine gesegnete Weihnachtszeit.

Amen.



[1] Joh. 15, 12