Predigt von OKR Matthias Lenz über "Selig seid Ihr, die Ihr hier weint" am 8.5.2016

 

I.

„Selig, die ihr jetzt weint, denn ihr werdet lachen“ – das erste, was mir bei diesem Bibelvers durch den Kopf geht, ist das UNICEF-Bild des Jahres 2015.

 

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Zwei Kinder sind da im Mittelpunkt.

Ein Junge und ein Mädchen.

Die Münder stehen offen im Jammer.

Die Augen sind geschlossen.

Man sieht das Schluchzen förmlich.

Die Kinder stehen im Mittelpunkt eines verzweifelten Tumultes.

Im August des vergangenen Jahres versuchen Flüchtlinge an der griechisch-mazedonischen Grenze, sich einen Weg zu bahnen ins gelobte Land, nach Europa, zu bahnen.

Ihnen stellen sich schwer gewaffnete Polizisten entgegen. Sie stemmen sich gegen die andrängende Menge.

Und die Menge schiebt die Kinder vor.

Als Vorhut.

Um in der Mauer der Macht einen schmalen Spalt zu schaffen.

Not gegen Abschottung.

Mensch gegen Mensch.               Und zwei Kinder weinen.

Vieltausendfach haben wir ähnlich Bilder seit dem gesehen und sehen sie heute noch, jüngst die Bilder aus Aleppo und aus dem Flüchtlingslager in der nordsyrischen Provinz Idlib.

„Selig, die ihr jetzt weint, denn ihr werdet lachen“ – was ist dieses Bibelwort gegenüber solcher Realität?

Gegenüber einem Schmerz, der die Seele zerreißt?

Gegenüber einer Welt, die in Trümmern liegt?

Gegenüber Tränen, die voller Panik sind und voller Entsetzen?

Ist das vorstellbar – dass einer hingeht und zu diesen beiden Kinder sagt: „Hört mal, ihr beiden, selig seid ihr, die ihr jetzt weint, denn ihr werdet lachen“?

Unvorstellbar!

Oder ist es denkbar, dass einer dieses Foto in Händen hält und sich überlegt: „Naja, selig sind die, die jetzt weinen, denn sie werden lachen – das ist doch wenigstens ein kleiner Trost“?

Undenkbar!

Denn nichts anders wäre das, als dass einer „das alte Entsagungslied“ singt, „das Eiapopeia vom Himmel, womit man einlullt, wenn es greint, das Volk, den großen Lümmel“, wie Heinrich Heine voller bissiger Ironie sagt (Heinrich Heine. Deutschland, ein Wintermärchen,  Caput I).

Da merke ich: Diese Seligpreisung taugt nicht, um mich und andere über unselige Zeiten und Zuständen hinweg zu trösten.

Und ich denke:

Diese Seligpreisung will auch nicht den Blick ablenken und weglenken vom Schlamm und Dreck, in dem Flüchtlinge ihr Dasein fristen;

will nicht den Blick ablenken von Krankenbett und Dekubitus, wenn ein Mensch jahrelang Pflegefall ist;

will nicht den Blick abwenden von der abgetragenen Kleidung und dem beschämten Blick eines Kindes, das sich den Kinobesuch mit Freunden nicht leisten kann, weil es mit dem alleinerziehenden Vater von Harz IV lebt.

„Selig seid ihr, die ihr jetzt weint“ – darauf liegt die Betonung. 

Auf dem hier und jetzt.

Auf dieser Welt und nicht auf dem „Eiapopeia vom Himmel“.

Und der Blick richtet sich auf die, die in Not sind.

Nicht um sie einzulullen mit einem wagen Versprechen.

Sondern um die Not und den Kummer wirklich wahrzunehmen.

Und ernst zu nehmen.

Um die Tragik von Lebensschicksalen zu erkennen und das Spiel der Mächte im Hintergrund offenzulegen.

Um wirklich zu weinen.

Sich erschüttern zu lassen.

Gegen Abstumpfung und Gewöhnung.  

Und vor allem: Um zu erkennen, wo Gott ist.

Nämlich dort.

Bei denen, die jetzt weinen.

Das macht dieser Satz, diese Seligpreisung, die im ersten Moment so wirklichkeitsfremd klingen kann – sie holt Menschen nicht heraus aus der Welt, wie sie ist.

Sondern sie holt Gott hinein in genau diese Welt.

Sie macht das Elend nicht vergessen, aber sie erinnert an Gott im Elend.

Sie redet sich nicht religiös raus, sondern sie redet Gott hinein in schlaflose Nächte und dunkle Tage, in blutende Wunden und blutende Herzen.

Sie macht nicht aus der Not eine Tugend von Entsagung und Standhaftigkeit, sondern sie macht deutlich, dass Gott in der Not nahe ist.

Ohne Gott geht dieser Satz nicht.

Ohne Gott wird diese Seligpreisung zur Floskel, zu Banalität, zum leeren Wort.

 

II.

„Selig, die ihr jetzt weint, denn ihr werdet lachen“ – eine andere Geschichte.

Die Heilung der Tochter des Jairus – wir haben sie vorhin als Evangeliumslesung gehört.

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Sie erinnern vielleicht noch die erschütternde Szene im Haus des Jairus, eines ἀρχισυναγώγου, was Luther mit „Synagogenvorsteher“ übersetzt.

Weinen, Klagen, schieres Entsetzen über den Tod des jungen Mädchens – ich kann mir das Trümmerfeld der Gefühle ausmalen und es macht mich selbst als Hörer der Geschichte noch betroffen.

Dann kommt Jesus, obwohl sie ihm gesagt hatten, dass es sowieso schon zu spät sei.

Hatte tröstende Worte der Hoffnung gesagt und war ausgelacht worden.

Daraufhin schmeißt Jesus die Leute kurzerhand raus, nimmt nur die Eltern mit und seine Vertrauten und richtet dann das Mädchen auf, von der alle meinten, sie wäre tot.

Natürlich ist da ungläubiges Staunen bei Vater und Mutter, aber dann – stelle ich mich vor – dann bricht sich die Freude Bahn.

Dann wird gelacht und in den Arm genommen.

Gedrückt und bestaunt und wieder gelacht.

Dann werden die Freunde und Nachbarn wieder hereingerufen.

Die fröhlichen Stimmen überschlagen sich, wenn wieder und wieder erzählt wird, was geschehen ist.

Wein und Essen kommt auf den Tisch.

Eine ausgelassene Feier, die so schnell kein Ende findet, stelle ich mir vor.

„Selig, die ihr jetzt weint, denn ihr werdet lachen“ – so geht es.

So macht dieser Satz einen Sinn.

Im Munde Jesu.

In seinem Mund, wo er keine Floskel ist und kein leeres Wort, sondern zu Wirklichkeit wird.

Und wirklich aus seinem, aus Jesu Mund sind diese Worte ja auch gekommen, nach allem, was die neutestamentliche Wissenschaft sagen kann.

In Aramäisch natürlich, aber wohl tatsächlich annähernd in der Form, die das Lukasevangelium überliefert.

Einer Form, die ihre Vorbilder hat in weisheitlicher und apokalyptischer Literatur.

Jesus nimmt diese Form auf, aber er wandelt sie ab: Selig seid ihr, die ihr jetzt weint - dieser direkte Zuspruch ist es, der hervorsticht.

Dieses Wagnis, das die konkrete Not unmittelbar in Zusammenhang stellt mit der konkreten Freude.

Dieses Wagnis, das gelingt, weil er selbst, weil Jesus diese Freude in Person ist.

Weil in ihm „das Reich Gottes“, von dem er spricht, genau genommen schon mitten in der Welt und unter den Menschen ist.

Immer, wenn Jesus seine Geschichten erzählt hat, dann haben die, die zugehört haben, dieses Reich Gottes schon erlebt, in dem aus wenigen Saatkörnern reiche Ernte wird und Menschen einander vergeben.

Immer, wenn Jesus mit Menschen zusammengesessen und gegessen hat, dann waren die, die mit am Tisch saßen, mitten drin in diesem Reich.

Immer, wenn Jesus Menschen geheilt hat, böse Geister ausgetrieben und Sünden vergeben hat, dann blitzte auf, was es bedeutet, wenn Gott gegenwärtig ist – nämlich eine heile Welt mit Menschen, die Leben in Fülle haben und sich nicht verbiegen und verkrümmen müssen.

Da hinein gehören die Seligpreisungen, in dieses Geschehen.

In das hereinbrechende Gottesreich.

Und da hinein gehört auch die Seligpreisung derer, die jetzt weinen.

Das Ende ihres Kummers, das Ende ihres Schmerzes steht unmittelbar bevor, weil Gott unmittelbar bevorsteht.

Weil es kein leeres Wort ist, sondern erfüllte Zeit.

Keine dünne Vertröstung, sondern ein starker Trost von dem, der mit auf dem Weg ist wie bei Jairus;

der nicht abwinkt und abdreht, so wie Jesus nicht abgedreht ist, als die Nachricht vom Tod der Tochter sie erreicht;

sondern der hineingeht und sich dem Kummer und Schmerz aussetzt – und dann doch auch das erlösende Wort spricht: Steh auf! Bleib nicht im Tod und nicht im Leid.

Bleib nicht am Boden, sondern steh auf und geh und finde zum Lachen und zur Freude, denn Gott ist bei dir!

 

III.

„Ihr werdet lachen“ – so, liebe Schwestern und Brüder, dürfen wir es hören und sagen, glaube ich.

So dürfen wir es hören, wenn wir mit dem Lachen Kummer und Not nicht verdrängen oder überspielen wollen.

Wenn Gott uns mit seiner Gnade und Hilfe lachend entgegentritt und wir zurücklachen.

Selig seid ihr, die ihr jetzt weint, denn ihr werdet lachen – in der Tat: Ohne Gott geht der Satz nicht.

Aber wenn Gott da ist, wenn Gott nahe ist, dann ist das wirklich und in der Tat zum Lachen, zum Freuen, zum Außersichsein.

Dann können wir nicht nur lachen – dann müssen wir es eigentlich auch.

Denn eines macht diese Seligpreisung Jesu doch auch klar – am Ende will Gott, dass Menschen lachen.

Und fröhlich sind.

Das ist das eigentlich Ziel aller Wege Gottes – dass von der stillen Freude im Herzen bis zum ausgelassenen schallenden Prusten unser Grundgefühl im Glauben vom Lachen, von Freude bestimmt wird.

Ja, Gott nimmt die dunklen Seiten des Lebens ernst, toternst sogar, wie wir am Karfreitag sehen können.

Aber dabei soll es eben nicht bleiben.

Nicht beim Schmerz.

Nicht bei der Verzweiflung.

Nicht bei Tränen.

Sondern Ostern soll es werden.

Und Ostern wird es am dritten Tag, an dem Christus auferstanden ist, damit es ein für allemal klar ist:

Gott will das Leben und nicht den Tod.

Gott will Gerechtigkeit und nicht die Schuld.

Gott will das Lachen und nicht das Leid.

Ganz wunderbar hat Martin Luther das auf den Punkt gebracht, als er 1532 schreibt:Denn wer durch den Glauben sicher ist im Herzen, dass er einen gnädigen Gott habe, der nicht mit ihm zürne, ob er wohl Zorn verdienet hätte, der geht dahin und tut alles fröhlich, und kann auch gegen den Leuten so leben, jedermann lieben und Gutes tun, ob sie gleich auch nicht der Liebe wert sind. Gegen Gott steht er also, dass er sicher ist um Christi, des Mittlers willen, dass er ihn nicht will in die Hölle stoßen, sondern freundlich anlacht, und ihm den Himmel auftut.

Das ist das Grundgeschehen des Glaubens – dass Gott mich anlacht und mein Herz aufgeht.

Dass ich aufatmen und mir das Grinsen kaum verkneifen kann, weil ich merke: Gott macht kein verkniffenes Gesicht, sondern strahlt mich an.

Gott meint es gut mit mir und hat nichts dagegen, wenn ich mir davon eine Scheibe abschneide.

Innerlich aufatmen und durchatmen können – das ist es Gottes Wille.

Den Würgegriff der Angst abschütteln.

Die alten Schuldgefühle abtropfen lassen.

Die unerhörte Leichtigkeit des Seins in vollen Zügen aufnehmen und mit einem Funken Übermut ein Freudenfeuer schlagen – das ist Gottes Gabe, die aus jeder Ritze des Evangeliums hervorbricht.

Euer Herz soll sich freuen und eure Freude soll niemand von euch nehmen“ (Joh 16, 22), sagt Jesus im Johannes­evangelium und damit gehe ich in meinen Alltag.

Freue mich, wenn ich Hand in Hand mit meiner Frau um den Segeberger See gehe, mit Abstand zum pubertären Sohn und drohendem Wäscheberg.

Freue mich, wenn bei der Dienstbesprechung mit meinen Mitarbeitenden im Landeskirchenamt am Montag gelacht wird.

Freue mich, wenn mir der Jesajavers in den Sinn kommt: „Die auf Gott hoffen, kriegen neue Kraft, dass sie laufen und nicht müde werden, dass sie wandeln und nicht matt werden“ und  ich es dann wirklich schaffe, 10 Kilometer unter 50 Minuten zu laufen, ohne völlig zusammen­zubrechen.

Ich freue mich und wenn ich diesen alltäglichen Freuden nachdenke, dann merke ich: All diese Momente sind immer auch ein freundliches Augenzwinkern Gottes.

Und wenn ich dann noch zufällig eine alte Folge von „Frühstück für Stefanie“ bei Youtube erwische, in der Herr Ahlers sich über Falschparker aufregt und Opa Gerke den einen oder anderen Gartenzaum abfackelt, dann kommen mir vor Lachen die Tränen und ich finde:

Weinen und Lachen sind manchmal wirklich zwei Seiten ein und derselben Medaille und Gott ist nicht fern.

Freude ist das Grundgefühl des Glaubens und das Ziel der Wege Gottes mit uns – das sollen wir nicht vergessen.

Und gerade durch diese Freude bin ich auch denen nicht fern, die alles andere als fröhlich sind.

Bin es deshalb nicht, weil die Freude im Glauben mich eben nicht selbstvergnügt und selbstzufrieden macht, sondern mir die Augen öffnet.

Weil sie eine Quelle von Kraft ist, um hinzusehen – hinsehen in meine eigenen Abgründe und Ängste.

Und hinzusehen, wenn andere weinen.

Um sich nicht zu verschließen vor diesem Bild der weinenden Kinder und vor den anderen Bildern, der Bilderflut von Menschen, denen die Tränen über die Wangen ringen, weil ihnen alles genommen wurde, weil sie erniedrigt und ausgebeutet werden.

Dass Gott bei ihnen ist, gerade bei den Menschen, die jetzt weinen, das werde ich nicht vergessen – auch mit dem Grundgefühl der Freude im Herzen.

Oder vielmehr: gerade damit!

Und dass ich, dass wir als Christen auch dafür Verantwortung tragen,

dass solche Tränen trocknen,

dass Menschen in Not die Chance und das Recht auf ein menschenwürdiges Leben haben,

das werden auch nicht vergessen.

 

Liebe Schwestern und Brüder, das kann und soll die große Freude werden, die alle Welt erfahren und erfüllen soll:

Dass Gottes Lachen durch seine Schöpfung klingt.

In Menschen und in Menschlichkeit.

In meinem Leben und in Eurem, heute und morgen und alle Tage.

Hoffentlich.

Bestimmt.

Gott sei Dank.

Amen.

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