Predigt von PD Dr. Susanne Rudnig Zelt über "Und erlöse uns von dem Bösen"

Liebe Gemeinde!


 

Das Vaterunser will ein Gebet für jeden und für jeden Tag sein, ein Gebet, mit dem man Gott in den Ohren liegen kann. Es ist ein Gebet, das die täglichen Bedürfnisse von Menschen aller Zeiten zusammenfassen will, die Jesus nahe stehen. Das beginnt mit den Hörerinnen und Hörern der Bergpredigt im Galiläa der Zeitenwende, aber schließt auch Studentinnen und Studenten, Lehrende, Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter an der CAU 2015 ein. Für eine ganze Reihe von Bitten leuchtet das sofort ein: „Dein Wille geschehe“ Wie das im einzelnen zu verstehen ist, mag theologisch kompliziert sein. Aber es ist doch zu wünschen, das Gottes Wille sich durchsetzt. „Unser tägliches Brot gib uns heute“ Das entsprechende griechische Wort e)piou/sioj ist zwar nicht leicht zu übersetzen, aber der Satz ist klar: Es geht um das, was wir jeden Tag zum Leben brauchen.

Doch ganz am Ende dieses Gebetes findet sich eine Bitte, die uns scheinbar in längst überwundene, abergläubische Zeiten zurückführt.       

           

Sondern erlöse uns von dem Bösen.

 

Was könnte mit „dem Bösen“ gemeint sein? Die Auslegungsgeschichte zeigt, dass es zwei Möglichkeiten gibt, dieses Wort zu verstehen. Man kann es maskulin auffassen. Dann geht es um den Bösen, also den Teufel. Oder es handelt sich um ein Neutrum, das Böse. Sprachlich lässt sich weder im Griechischen noch im Deutschen eine Möglichkeit ausschließen.

            Die erste Möglichkeit, also der Böse, scheint auf den ersten Blick vollkommen indiskutabel für heutige Beter. Hier droht der Rückfall in finstere Zeiten vor der Aufklärung, den Teufelsglauben und alle seine schrecklichen Folgen. Wer an den Teufel glaubt, könnte statt eines Therapeuten oder Psych­iaters einen Exorzisten aufsuchen oder seine Mitmenschen einem Exorzisten anvertrauen. Mindestens ist ein Mensch, der sich solche Vorstellungen zu eigen macht, von heftigen Ängsten bedroht. Wird er nicht wieder zu einem Kind, das sich im dunklen Schlaf­zimmer fürch­tet? Oder er gibt sich lächerlichen Praktiken hin, behängt sich mit Amuletten und geht am Freitag, den 13., nicht über die Straße. Ein solcher Mensch ist nicht ernst zu nehmen. Niemand, der auf sich hält, möchte so sein.

            Wie gut also, dass es auch die zweite Möglichkeit gibt, den Satz zu verstehen! Dann geht es um das Böse allgemein.

            Das Böse hat zwei Dimensionen. Krankheiten können böse sein. Wenn ein Tumor festgestellt wird, fragt man sich bang: ist er gut- oder bösartig? Und ist die Ebola-Epidemie, die immer noch Opfer fordert, nicht etwas Böses?

            Auch Naturkatastrophen können eine gigantische Gewalt entfalten. Wir alle erinnern uns jedes Jahr an den Tsunami von 2004, der in kurzer Zeit Hunderttausende von Unschuldigen tötete. Und in Deutschland haben wir im Sommer oft gegen Überschwemmungen zu kämpfen, die drohen, Menschen ihr Leben, ihre Existenz und ihr Zuhause zu nehmen.


            Ist aber eine Überschwemmung böse? Eine solche Wahr­nehmung ist außer Gebrauch gekommen. Die Ursachen von Naturkatastrophen sind menschengemacht, würden wir heute sagen. Und vor allem kommt es darauf an, gegen die Folgen zu kämpfen und so viele Menschen wie möglich zu retten. Gegen Über­schwemmungen helfen Sandsäcke und bessere Deiche. Und schon können wir uns wieder sicher fühlen. Anstelle das Ohr ans Radio zu pressen und ängstlich auf die Meldungen über die Pegelstände zu warten, helfen wir lieber, Sandsäcke zu füllen.

            Sind Krankheiten böse? Der Patient, bei dem ein bösartiger Tumor festgestellt wurde, kann auf eine gute Therapie hof­fen. „Sondern erlöse uns von dem Bösen“? Den Satz können wir kaum noch hören, während wir Deich­bauprojekte planen und neue Medikamente erfinden. Die gewisse Hektik, die dabei aufkommt, lohnt sich allemal.

            Aber das Böse hat eine zweite Dimension. Zum anderen geht es um das Böse, das Menschen denken, reden und tun. Böses Tun kann extrem und offensichtlich sein wie die Bluttaten von Paris. Es ist ganz klar, dass die Sodomiten, die Lots Gäste vergewaltigen wollen, keine Grenzen mehr kennen. Gewalt in Familien erschreckt uns, wann immer wir davon erfahren müssen. Manche Frauen und auch Männer ertragen jahrelang Beschimpfungen und Schläge ihrer Ehepartner. Kinder können durch die Prügel und Misshandlungen ihrer Eltern sogar sterben.

            Aber ist nicht auch dieses Böse menschengemacht? Das würden wir entschieden bejahen. Wer andere physisch und psychisch misshandelt, hat selbst oft eine Geschichte von Misshandlung hinter sich. Ist die drogensüchtige Mutter, die ihr Kind verhungern lässt, nicht selbst ein Opfer? Hat man nicht zuerst ihr Böses getan, bevor sie aus Hilflosigkeit ihr Kind sterben lässt?

            Und auch gegen das Böse, das Menschen einander antun, kann man kämp­fen. Lebte Lot in Kiel, und nicht in Sodom, er könnte die Polizei rufen. Für Gewalttäter und ihre Opfer werden immer neue Therapien ent­wickelt. Vereine kümmern sich darum, dass sie in ein besseres Leben finden. Für misshandelte Kinder ist das Jugendamt zuständig. Der Kampf gegen das Böse ist eine staatliche, eine gesellschaftliche Aufgabe. Und wenn der Staat das für uns übernimmt, können wir beruhigt sein.

            Kann man aber alles böse Tun, Denken und Handeln verbieten? Kann man es abschaffen? Ohne Zweifel ist das eine der Verheißungen der Moderne. Und diese Verheißung hat viel bewirkt. Westliche Gesellschaften sind heute sehr viel humaner als vor 100 Jahren. Kein Mann muss sich mehr beschimpfen lassen, weil er nicht Soldat werden will. In Europa muss sich niemand mehr vor der Todesstrafe oder gar Folter fürchten. „Sondern erlöse uns von dem Bösen“? Ist es nicht eine Frage der Zeit, bis das eine Floskel wird, die wir nur aus Pietät nicht aus dem Vaterunser streichen? Brauchen wir diesen Satz wirklich in unserem täglichen Gebet?

            Aber dennoch: Regelmäßig stoßen wir auf Schlagzeilen, die uns aufstören und aus der Bahn werfen. Hilfe kommt oft zu spät. Fast jedes Jahr sterben Kinder an den Misshandlungen ihrer Eltern, weil das Jugendamt nicht rechtzeitig eingeschritten ist. Auch die Ebola-Epidemie hat wieder gezeigt, dass wir oft zu spät auf das Böse reagieren. Zwar wurden Maßnahmen organisiert, aber da waren viele tausend Menschen schon an der Seuche gestorben. Auch nach den Bluttaten von Paris wird sich nach großer Trauer die bohrende Frage stellen: Hätte man sie verhindern können? Die Attentäter waren schließlich als Islamisten bekannt.

Die Toten können sich nicht mehr damit beruhigen, dass etwas unternommen wurde. Für sie bleibt das Böse eine schreckliche, endgültige Tatsache.

            Nun kann und muss man etwas dagegen unternehmen, wenn Hilfeleistungen versäumt werden. Man kann den oder die Schul­digen suchen. Man kann fragen, warum die zuständigen Mitarbeiter des Jugendamts nicht rechtzeitig gemerkt haben, dass die Lage eines Kindes gefährlich wird. Haben sie weggesehen? Waren sie überlastet? Genauso kann man die Ursachen suchen, warum so spät auf die Ebola-Epidemie reagiert wurde. Ist die WHO verantwortlich? Wollte niemand das nötige Geld ausgeben? Wenn man die Ursachen gefunden hat, stellt man sie ab, und alles ist wieder gut.

            Es sollte uns aber zu denken geben, dass Hilfe immer wieder zu spät kommt. Man konnte die Folter abschaffen. Dafür brauchte man ein Gesetz und intensive Überzeu­gungsarbeit in Medien und Schulen. Aber das Versäumen von Hilfeleistungen wiederholt sich penetrant. Wird es an der einen Stelle abgeschafft, taucht es an der anderen wieder auf. Man sollte ja meinen, dass die Jugendämter mittlerweile gründlich reformiert sind. Und dennoch sterben immer wieder Kinder, deren Notlage nicht rechtzeitig erkannt wurde. Die versäumte Hilfe zieht sich wie eine dreckige Fußspur durch die Moderne. Sowohl der Völkermord an den christlichen Armeniern als auch der an den Juden wurden zu lange übersehen. Vielleicht steckt mehr hinter dieser Blind­heit als Reformbedarf in irgendwelchen Ämtern und Institutionen. Vielleicht macht das Böse uns auf einer tieferen Ebene schwach trotz allen Eifers, es zu bekämpfen. Macht es uns blind?

            Die Blindheit hat zwei Seiten: Auf der einen Seite fällt es schwer zu erkennen, wann Menschen oder ihre Taten böse werden. Vielleicht hat ja die Mutter des toten Kindes unter Tränen um eine zweite Chan­ce gefleht, und der Mitarbeiter im Jugendamt brachte es nicht übers Herz, ihr und sich selbst zu sagen, dass sie zur Gefahr für ihr Kind geworden war. Wer will so sicher wissen, dass sie es nicht doch schafft, ihre Sucht unter Kontrolle zu bekommen? Und Attentäter können trotz sorgfältiger Beobachtung ihre Pläne geheim halten.

            Auf der anderen Seite leugnen wir das Böse allzu gerne. Wir handeln so lange wie möglich so, als ginge jede Ge­schichte gut aus. Unsere Hoffnung, eigentlich eine große Kraft, kann uns betrügen. Wieder und wieder verspricht die Mutter, sich zu bessern. Und so lange es nicht wirklich schief gegangen ist, glauben wir ihr gerne, zu gerne. Viele gutwillige Menschen hätten Hitler nicht zugetraut, dass er seine mörderischen Pläne umsetzt. Wir lassen uns bereden. Wir bereden uns selbst. Wir schau­en nicht so genau hin. Und so arbeiten wir, ohne es zu wollen, mit dem Bösen zusammen. Gegen unseren Willen setzt sich das Böse durch. Es gewinnt an Macht, während wir uns sicher sind, dass alles gut ausgeht.

            Und diese ungewollte Zusammenarbeit mit dem Bösen prägt unser Leben. Zwar müssen nur wenige von uns Entscheidungen treffen wie der Mitarbeiter im Jugendamt, auf dessen Schreibtisch die Akte der drogensüchtigen Mutter gelandet ist. Wohl niemand von uns observiert Islamisten. Aber wir alle können uns scheinbar unerwartet in Böses verwickeln.

            Wir alle lieben böses Gerede. Das sieht zunächst ganz harm­los aus. Man fühlt sich im Leben nicht wohl, und sucht einen oder eine Schuldige. Der oder die hat einem alles vermasselt. Das erzählt man seinen Freun­den, und die hören gebannt zu. Was ist schon dabei? Man wird sich doch mal aussprechen dürfen!

            Aus dem Spaß wird ganz plötzlich Ernst. Wie verändert es die eigene Perspektive, wenn man für alles Unangenehme anderen die Schuld gibt? Man denkt, man kann jederzeit damit aufhören. Das denken Süchtige auch. So eine Sichtweise frisst sich aber  schneller fest, als man erwartet. Und dann ist man gelähmt. Man kann sein eigenes Leben nicht mehr verbessern, weil man nicht sieht, was man selbst zu seinen Problemen beigetragen hat. Außerdem fragt man sich: Ist Handeln nicht zu riskant? Woher weiß ich, dass es mir wirklich besser geht, wenn ich etwas ändere? Und nicht zuletzt ist Handeln furchtbar anstrengend. Wenn man aber nichts tut, bleibt das eigene Leben un­befriedigend und man schimpft weiter. Und viel zu schnell wird aus dem amüsanten Lästern penetrantes Motzen. Man wird vom Entertainer zum Jammerlappen - ohne es zu merken. Und man erkennt nicht, wann die Freun­de das Lamentieren nicht mehr ertragen können. Man übersieht die mühsam gewahrte Contenance und die verdrehten Augen. Irgendwann halten es die Freun­de nicht mehr aus und ziehen sich zurück. Dann wollen die wieder nur Schlech­tes, und das muss man unbedingt erzählen, usw. usw. Eine Spirale kommt in Gang und dreht sich immer schneller. Die Spirale nimmt uns den Atem und erstickt uns.

            Das Böse kann uns verschlingen, so dass wir selbst böse werden. Es lauert überall. Es verbirgt sich im Alltagstrott. Es wird übersehen und verleugnet, bis es zu spät ist. Plötzlich türmt es sich auf wie der Tsunami, der auch als kleiner weißer Streifen am Horizont angefangen hat. So können wir wie der gepeinigte Mensch in der Epistellesung nur noch klagen: „Denn das Gute, das ich will, das tue ich nicht: sondern das Böse, das ich nicht will, das tue ich.“ Das Böse ist ganz offensichtlich eine Macht. Und es ist trotz aller Maßnahmen noch längst nicht geglückt, es zu entmachten.

            Erinnert das nicht an den Teufel? Luther ist sich da ganz sicher. Dem Teufel ist seiner Meinung nach zuzuschreiben, dass es uns nicht gelingt, so zu leben, wie es gut und richtig wäre. Ist das wirklich nur Aber­glauben? Oder trifft Luthers Rede vom Teufel genau das am Bösen, was uns so unangenehm ist: seine Macht über uns?

            Sollen wir nun in der Weise reformatorische Theologie betreiben, dass wir wie Luther an den Teufel glauben? Es geht um Wich­tigeres - und Unangenehmeres: Es geht um ein Eingeständnis unserer Schwäche. Wir müssen uns dem stellen, dass wir dem Bösen immer schon unterlegen sind und dass alle modernen Reformmaßnahmen uns nicht helfen werden. Dämonenabwehr wie in Qumran oder bei den alten Babyloniern ist von dieser Warte aus nicht mehr ganz so lächerlich. Denn das Böse bedroht uns immer und überall, so wie bei Luther der Teufel und nach den Texten aus Qumran oder dem alten Babylon die Dämonen. Wir können wirklich wie der Beter von Ps 91 nur auf Gottes Schutz hoffen. Das Böse ist so allgegenwärtig wie die Pfeile, die des Tages fliegen, die Pest, die im Finstern schleicht, und die Seuche, die am Mittag Verderben bringt.

            Wir können nur beten: “Sondern erlöse uns von dem Bösen.“ Damit können wir die Bitte in Worte fassen, dass Gott uns die Augen öffnet für das Böse. Nur so können wir es rechtzeitig erkennen. Wir können nur um einen nüchternen Sinn bitten, damit wir einschreiten können, bevor es zu spät ist. Wenn Gott uns von dem Bösen erlöst oder vor ihm behütet, heißt das vielleicht, dass er uns einen nüchternen Sinn und einen klaren Blick schenkt. Und hier sind wir ganz auf Gottes Hilfe angewiesen. Wir selbst können uns von unserem Selbstbetrug nicht befreien.

            Im Evangelium haben wir gehört, wie Jesus Dämonen austreibt. Nicht nur einen, sondern eine Legion von Dämonen. Unsere Dämonen sind unsere scheinbar harmlosen Angewohnheiten, die uns in einen Strudel des Bösen ziehen und uns zu zerstören drohen. Und wir können nur beten, dass Jesus uns von ihnen befreit, so wie er die Dämonen ohne Federlesen austreibt. Wir können nur beten, dass unser Blick wieder frei wird, bevor es zu spät ist, dass wir aussteigen können, bevor das Böse - oder der Böse - uns ver­schlingt.

            Und um diesen Beistand gegen das Böse müssen wir täglich bitten. Denn wenn Gott uns nicht hilft, haben wir gegen das Böse keine Chance. Es spricht also viel dafür, das Vaterunser jeden Tag zu beten- und nichts aus diesem Gebet zu streichen.

 

 

Der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft,

bewahre eure Herzen und Sinne in Christo Je­su.

 

Amen