Predigt von Prof. Dr. Andreas Müller über "Selig, die um der Gerechtigkeit willen verfolgt werden" am 3.7.2016

Liebe Universitätskirchengemeinde – Verherrlichung von Leid und Verfolgung. Das ist uns wohl vollkommen fremd. Wir leben in einer Welt, aus der das Leid möglichst ausgeklammert wird. Zumindest versuchen wir das immer wieder. Ereignisse wie jenes am vergangenen Sonntag im Istanbuler Flughafen oder letzte Nacht in Bagdad erschüttern uns umso mehr. Da werden vollkommen irrational Menschen einfach in die Luft gebombt. Menschen tun Menschen Gewalt an! Solche Entwicklungen erschrecken und irritieren einerseits, lösen andererseits weitere gewaltsame Aktionen aus. Unser Empfinden sagt uns: Da ist Menschen etwas total Unfaires passiert – sie wollten einen Stadturlaub in Istanbul machen oder kamen von einer Geschäftsreise zurück. Und nun: 42 Leben sinnlos beendet, herausgerissen aus Glück und Alltag, Opfer des Bösen, von Hass und Gewalt! Selig sind, die Leid tragen, selig sind, die verfolgt werden. Mit den Bildern vom Istanbuler Flughafen vor Augen sind solche Seligpreisungen eine Zumutung. Was für einen Sinn kann es machen, Menschen, die Leid tragen, Menschen, die verfolgt werden, selig oder auch nur glücklich zu preisen?

Liebe Universitätskirchengemeinde, nun ist zumindest unsere heute zu bedenkende Seligpreisung nicht so allgemein formuliert wie „selig sind, die Leid tragen“ oder „selig sind die geistlich arm sind“. Vielmehr wird eingeschränkt gesagt: Selig sind, die um der Gerechtigkeit willen verfolgt werden. Selig ist also nicht einfach jeder, der unter Verfolgung leidet. Jesus verherrlicht nicht alle Opfer von Hass, Verfolgung und Gewalt. Und dennoch provoziert seine Aussage ungemein. Wieso soll der, der um Gerechtigkeit willen verfolgt wird, eigentlich selig sein? Was meint das: Um Gerechtigkeit willen verfolgt werden? Was hat das mit Glück oder Seligkeit zu tun? Der kurze Text eröffnet mehr Fragen als Antworten.

Eines wird jedenfalls schon hier deutlich: Seligkeit – andere übersetzen makarios mit glücklich, hat nicht einfach etwas mit chillen, abhängen oder wohlfühlen zu tun. Seligkeit umfasst auch die dunklen Seiten des Lebens. Jesus ist hier von einem vollkommen realistischen Weltbild geprägt. Er klammert die finsteren Täler unserer menschlichen Existenz nicht aus. Er durchleuchtet sie vielmehr mit göttlichem Licht. Jesus nimmt Armut, Leid, Verfolgung und Schmähung durchaus ernst. Aber er lässt sie dabei nicht einfach stehen. Er hebt Menschen aus solchen Situationen heraus auf eine Stufe der Seligkeit. Der Mann aus Nazareth hat somit eine vollkommen realistische Weltsicht inne, betrachtet die Welt mit all ihren Abgründen und Schatten aber in einem neuen Licht. Dazu später noch mehr. Zunächst müssen wir uns die Frage stellen: Wen meint Jesus eigentlich, wenn er sagt: Selig sind, die um Gerechtigkeit willen verfolgt werden?

Nach unserem heutigen Verständnis ist derjenige, der um Gerechtigkeit willen verfolgt wird, wohl jemand, der oder die sich für eine gerechtere Ordnung in unserer Welt einsetzen. Gerecht ist, wer sich engagiert für unterdrückte Menschen, für die gleichen Rechte von Männern und Frauen, für die Rechte von ethnischen, religiösen oder sexuellen Minderheiten. Gerecht ist, wer sich um eine gerechtere Verteilung der Güter unserer Welt bemüht. Gerecht ist, wer der Natur ihre Rechte einräumt und sie vor Ausbeutung schützt. Gerechtigkeit hat in unserer Gesellschaft sehr viele Facetten. Und doch meint Jesus wohl etwas anderes, wenn er von denjenigen spricht, die um der Gerechtigkeit willen verfolgt werden: Ihm geht es um die Menschen, die rechtschaffen, die Gottes Weisungen entsprechend leben.

In der jüdischen Tradition hat sich eine solche Vorstellung von Gerechtigkeit, wie sie uns in der Weisheit Salomos in der ersten Lesung begegnet ist, bis heute erhalten. Insbesondere im chassidischen Judentum wurden die bedeutenden Charismatiker, die bedeutenden religiösen Lehrergestalten als Zaddik bezeichnet. Zaddik ist derjenige, der zwischen jenseitiger und diesseitiger Welt zu vermitteln mag, der den göttlichen Geboten entsprechend lebt. Auch in der Bergpredigt wird der Begriff an mehreren Stellen in diesem Sinn gebraucht. Dementsprechend übersetzt Luther bei der Einleitung in den Abschnitt über die Almosen Gerechtigkeit sogar mit Frömmigkeit: „Habt acht auf eure Frömmigkeit, dass ihr die nicht übt vor den Leuten.“ (Mt 6,1)

Wenn Jesus also diejenigen selig preist, die um der Gerechtigkeit willen verfolgt werden, dann sind das insbesondere die, die zu ihrem „Handeln vor und für Gott“ (Gottlob Schrenk) stehen. Ich denke dabei z.B. an die Christen im Nahen Osten, besonders in Syrien. Sie halten fest an dem, was sie für recht und billig halten, für Gerechtigkeit vor Gott und den Menschen. Und sie sind dabei oft die größten Opfer von Hass und Gewalt, aufgerieben in den Konflikten zwischen den Bürgerkriegsparteien. Selig sind, die um Gerechtigkeit willen verfolgt werden, selig, die verfolgt werden, weil sie anders denken und leben als ihre Umwelt, weil sie Liebe predigen anstatt Hass, weil sie versuchen, auch in allem Bösen noch Gutes zu tun, weil sie an ihrem Glauben und ihrer Einstellung zum Leben festhalten wollen. Die Predigt von Erzbischof Hanna Aydin vor einigen Wochen hier von dieser Kanzel hat uns etwas deutlich gemacht von der schwierigen Situation solcher Christen.

Blickt man auf die Verfolgung von Christen, aber auch Menschen anderer Religionen in den Kriegs- und Krisengebieten unserer Welt, dann ergibt sich der Eindruck, dass Verfolgung immer etwas mit unmittelbarer physischer Gewalt zu tun hat. Blicken wir in unsere eigene Gesellschaft, so legt sich nahe, dass „Gerechte“ es auch hier keineswegs immer leicht haben. Wer zu einem Leben in Verantwortung vor Gott und den Menschen steht, der kann durchaus in Frage gestellt, ja sogar angefeindet werden. In einer Zeit, in der unsere Gesellschaft immer pluraler wird, ist tatsächlich auch Toleranz gegenüber Menschen, die sich um Recht und Gerechtigkeit bemühen, dringend angesagt. Solche Toleranz ist gegenüber vielen Gruppen in unserer Gesellschaft wahrzunehmen. Ich denke in unserer Zeit besonders an Menschen mit einem anderen kulturellen oder religiösen Hintergrund. Es ist dabei beunruhigend zu sehen, dass unsere autochthone gesellschaftliche Kultur und auch unsere Traditionen immer mehr in Frage gestellt werden. Wie oft habe ich als Universitätsprediger ein Lächeln oder gar Unverständnis in unserer Alma mater geerntet, wenn ich gesagt habe, dass die christliche Tradition durchaus noch eine zentrale, wenn auch natürlich keine exklusive Bedeutung für unsere Gesellschaft hat. Ich bin fest davon überzeugt, dass Integration und Pluralität nur dann gelingen, wenn eine je eigene, individuelle kulturelle Identität vorhanden ist. Wer sich selber kennt und zu sich und seiner Tradition steht, nur der kann auch Ja zum anderen sagen. Daher: Seid aufrecht und tapfer: Selig, wer um der Gerechtigkeit willen verfolgt wird. Selig, wer auch hier und heute zu dem steht, was für ihn den Weg zum Leben ausmacht!

Gerechtigkeit ist im Matthäusevangelium auch inhaltlich gefüllt. Wer sein Leben an den göttlichen Geboten orientiert, der orientiert sich auch an der Gerechtigkeit Gottes. Diese wird auf einmalige, allerdings auch recht anstößige Weise in dem Gleichnis vorgestellt, das wir heute als Evangeliumstext gehört haben. Gottes Gerechtigkeit entspricht demnach nicht unserer menschlichen Logik. Wir denken ja in der Regel: Wer viel leistet, muss auch viel bekommen. Gott hingegen teilt jedem und jeder soviel zu, wie er oder sie zum Leben braucht. Gottes Gerechtigkeit orientiert sich nicht an strengen Rechtsvorschriften, sondern am Mitmenschen und seinen Bedürfnissen. Die letzten Arbeiter im Weinberg des Herrn bekommen also nicht genauso viel Lohn wie die ersten, weil der Besitzer ungerecht ist. Sie bekommen vielmehr genauso viel, weil es der Weinberg hergibt und sie auch ebenso viel zum Leben brauchen wie die Arbeiter der ersten Stunde. In Zeiten, in denen sich Europa gerade über die Frage der finanziellen Solidarität heftig zerstritten hat und sogar auseinanderzubrechen droht, in Zeiten in denen Parteien in unserem Land jenseits aller Mitmenschlichkeit Abschottung und Ausgrenzung predigen, gerade in solchen Zeiten ist ein Blick auf die besondere Gerechtigkeit Gottes wichtig. Auch Menschen, die anderswoher oder spät kommen, müssen im Weinberg Deutschland arbeiten können. Auch hier und jetzt sollten so viele Menschen wie möglich die Chance bekommen, das zum Leben Nötige zu erhalten. Darin besteht auch ein Einsatz für die Gerechtigkeit, der vielleicht gegen alle Vernunft zu sein scheint, aber Leben möglich macht. Wer sich hier engagiert, mag an der einen oder anderen Stelle zwar keine Verfolgung, wohl aber Ächtung oder gar Gewalt erfahren.

Selig sind, die um der Gerechtigkeit willen verfolgt werden ... Liebe Gemeinde, eine Frage steht nun noch aus: Warum sind diejenigen, die ihren Weg konsequent gehen, glücklich oder gar selig? Warum ist das Himmelreich ihrer? Ganz konkrete Verfolgung, Hass und Gewalt, aber auch Verachtung, Infragestellung und Ausgrenzung fühlen sich doch alles andere als gut an.

Jesus spricht seine Seligpreisungen wider alle Fakten aus. Er bringt die mühsamen, leidvollen Erfahrungen hier und jetzt mit einer vollkommen anderen Perspektive in Verbindung. Er macht deutlich, dass der- oder diejenige, die zu sich und ihrem Weg stehen, sich gehalten und begleitet wissen können. Gott ist bei ihnen, auch wenn sie sich alleine fühlen. Erfüllung findet man auch darin, einfach nur ja sagen zu können zu dem, was man tut, auch wenn alle Welt darüber den Kopf schüttelt, es verlacht oder gar auszuschalten sucht. Man könnte die Seligpreisung daher auch umformulieren: Selig ist, wer sein Gewissen nicht preisgibt, wer zu dem steht, was ihm wichtig ist, denn sie werden eine innere Bestätigung finden. Selig ist, wer an seinem Weg zum Leben festhält, auch wenn andere sie dafür belächeln oder gar ablehnen. Es gibt bei Gott nicht nur eine andere, tiefere Art von Gerechtigkeit. Es gibt auch ein tieferes Glück, ein Glück, dass nicht auf Anerkennung und Achtung aufbaut. All denjenigen, die sich darum bemühen, Gott und seinen Geboten entsprechend zu leben, all denjenigen, die es schwer haben, obwohl sie das Gute wollen, denen spricht die Seligpreisung zu: Selig sind, die um der Gerechtigkeit willen verfolgt werden, denn ihrer ist das Himmelreich.

Amen.