Predigt von Prof. Dr. Dieter Sänger am 30.6.2013

Predigt im Universitätsgottesdienst am 30. Juni 2013

 

 

 

Liebe Gemeinde!

 

Sind auch Sie für Werbung empfänglich? Für Botschaften, die verhei­ßungsvoll klingen, sympathisch daherkommen und für sich einzunehmen versuchen? Die mal trivial, mal witzig oder gar hintergründig formuliert sind, aber stets die gleiche Absicht verfolgen, nämlich eine positive Stim­mung zu erzeugen und – vor allem – unsere Aufmerksamkeit zu erhaschen. Manchen Werbeslogans ist das gelungen. Sie haben die Jahre überdauert und sich unserem Gedächtnis eingeprägt. Es gibt Klassiker, die fast jeder kennt. Bauknecht weiß, was Frauen wünschen. Wenn’s um Geld geht – Sparkasse. Pack den Tiger in den Tank. Bei ARD und ZDF sitzen Sie in der ersten Reihe. Wohnst du noch oder lebst du schon? Dahinter steckt im­mer ein kluger Kopf. Bonduelle ist das famose Zartgemüse aus der Dose. Es ist ein ungeschriebenes Gesetz der Branche: Werbung darf alles, nur nicht langweilig sein, auf die Nerven gehen und die anvisierte Zielgruppe verfehlen. Auf Marketing spezialisierte Agenturen beschäftigen ein Heer von Kommunikationsexperten und Meinungsforschern, von Textern und Medienwissenschaftlern, von Sozial- und Verkaufspsychologen. Nie waren sie so wertvoll wie heute. Vorsprung durch zündende Ideen. Werbung – neudeutsch Promotion – erscheint im Kampf um Marktanteile, Absatzzahlen und Kundenbindung mehr denn je unverzichtbar. Sie ist allgegenwärtig und weckt Begehrlichkeiten. Sie suggeriert, oft verdrängte oder insgeheim gehegte, bisher aber unerfüllt gebliebene Wünsche befriedigen zu können. Phantasievoll gestaltet, adrett verpackt und immer auf der Höhe des Zeitgeistes gehört sie zu den maßgeblichen Faktoren, die über Erfolg oder Miß­erfolg des angepriesenen Produkts entscheiden. Aus der Wirtschaft ist Werbung nicht mehr wegzudenken. Politische Parteien haben sie längst entdeckt. Erst die richtige Werbestrategie, so ihr Credo, führt zum Ziel und mobilisiert die eigenen Anhänger.

Doch auch die Kirchen und Universitäten setzen auf den Nutzeffekt öffent­lichkeitswirksam inszenierter Werbeaktionen. Nahezu jede der unter Mit­gliederschwund leidenden evangelischen Landeskirchen und katholischen Diözesen verfügt über eine Abteilung, die vornehmlich mit der Aufgabe betraut ist, Konzepte für eine bessere Selbstdarstellung zu entwickeln. Ge­treu dem Motto „Tue Gutes und rede darüber“ werden Imagekampagnen gestartet, die über das gesellschaftliche Engagement der Kirchen informie­ren und ihre Bedeutung für ein funktionierendes Gemeinwesen hervorhe­ben. In vielfältiger Form, von der Zeitungsbeilage über Hochglanzbroschü­ren bis zum Fernsehspot, wird das breite Spektrum an sozialen und diako­nischen Einrichtungen, Bildungsangeboten und Beratungsstellen präsen­tiert.

Keine Universität, die etwas auf sich hält, kann es sich in Zeiten knapper werdender Gelder erlauben, ihr Licht unter den Scheffel zu stellen. Sie ist deshalb gezwungen, initiativ zu werden und ihre Aktivposten herausstrei­chen. Kurz, sie muß – schon um Debatten über ihre Existenzberechtigung zu vermeiden und im Wettbewerb der Hochschulen um die besten Köpfe bestehen zu können – Werbung für sich betreiben. Mit ihren herausragen­den Leistungen in Forschung und Lehre, dem jährlich steigenden Drittmit­telaufkommen, ihrer internationalen Reputation, den ausgezeichneten Stu­dienbedingungen, der intensiven Betreuung, dem attraktiven Umfeld. Auf großen Bannern können Sie es in der Olshausenstraße lesen: Universität Kiel – Wo aus Forschung Zukunft wird. Exzellenz im Norden. Seit 1665. Hieß es einstmals: Nur wer schreibt, der bleibt, lautet heute die Devise: Nur wer das Geschäft des Marketings beherrscht, hat eine Chance, wahrge­nommen zu werden und Gehör zu finden.

Gemessen daran tendiert der Werbeeffekt des Evangeliums, wie es bei Lukas im 14. Kapitel aufgezeichnet ist, gegen Null. Ich lese die Verse 25 bis 33:

25 Es ging aber eine große Menge mit ihm; und Jesus wandte sich um und sprach zu ih­nen: 26 Wenn jemand zu mir kommt und haßt nicht seinen Vater, Mutter, Frau, Kinder, Brüder, Schwestern und dazu sich selbst, der kann nicht mein Jünger sein. 27 Und wer nicht sein Kreuz trägt und mir nachfolgt, der kann nicht mein Jünger sein. 28 Denn wer ist unter euch, der einen Turm bauen will und setzt sich nicht zuvor hin und überschlägt die Kosten, ob er genug habe, um es auszuführen? 29 damit nicht, wenn er den Grund gelegt hat und kann’s nicht ausführen, alle, die es sehen, anfangen, über ihn zu spotten, 30 und sagen: Dieser Mensch hat angefangen zu bauen und kann’s nicht ausführen. 31 Oder welcher König will sich auf einen Krieg einlassen gegen einen andern König und setzt sich nicht zuvor hin und hält Rat, ob er mit Zehntausend dem begegnen kann, der über ihn kommt mit Zwanzigtausend? 32 Wenn nicht, so schickt er eine Gesandtschaft, solange jener noch fern ist, und bittet um Frieden. 33 So auch jeder unter euch, der sich nicht lossagt von allem, was er hat, der kann nicht mein Jünger sein.

Jesus ist irgendwo unterwegs in Richtung Jerusalem. Eine Gruppe von Menschen begleitet ihn. Er geht voraus. Plötzlich dreht er sich um und spricht zu ihnen. Die Worte, die er an sie richtet, sind eine Zumutung, so scheint es. Er zeigt sich reserviert und nimmt in Kauf, die an ihm und sei­ner Botschaft Interessierten zu verprellen. Eine Einladung, es doch mal mit ihm zu probieren und dann vielleicht auf den endgültigen Geschmack zu kommen, sieht anders aus. Statt sich werbend um die vielen Gutwilligen zu bemühen und sie zu ermuntern, den Schritt in die Nachfolge zu wagen, warnt Jesus vor übereilten Entschlüssen. Er stellt Forderungen, gibt keinen Einwänden Raum und konfrontiert die Menge der Leute um ihn herum mit der Frage, ob sie auch wirklich wissen, worauf sie sich womöglich einlas­sen. Statt zu sagen: Ja, ich freue mich, wenn ihr mit mir geht und die Sache, für die ich stehe, zu eurer eigenen macht, heißt es: Wer nicht seine nächsten Verwandten und sich selbst haßt, der kann nicht mein Jünger sein; wer nicht bereit ist, sein Kreuz zu tragen, sollte Abstand nehmen; wer das Wagnis scheut, sein Leben radikal zu ändern und zu neuen Ufern aufzubre­chen, der taugt ebenfalls nicht zur Jüngerschaft. Anstößige Worte, kompro­mißlose Forderungen, abschreckende Bedingungen. Hindernisse türmen sich auf. Sie zu überwinden verlangt einem alles ab. Die Lösung engster familiärer Bindungen und den Verzicht auf Hab und Gut. Der Preis ist hoch. Liebgewordenes drangeben zu sollen fördert nicht gerade die Bereit­schaft, Jesus ohne Wenn und Aber nachzufolgen. So kann man kaum je­manden für das Evangelium gewinnen, geschweige denn begeistern. Ein klassischer Fall von Anti-Werbung. Marketingstrategen wären verzweifelt, würden entsetzt den Kopf schütteln und sich mit Grauen abwenden. Wie kann Jesus bloß einen solchen Ton anschlagen? Wie von den Angespro­chenen ernsthaft erwarten, sich ihm unter diesen Voraussetzungen anzu­schließen? Da ist es nur ein schwacher Trost, daß „Hassen“ hier permissiv zu verstehen ist, also im Sinne von „wer seine Familie und dazu sich selbst mehr liebt als mich“.

Doch exegetische Erklärungen helfen nicht weiter. Denn Jesus meint, was er sagt, und er weiß, warum er so und nicht anders zu den Menschen redet. Er hält sie an, sorgfältig zu prüfen, bevor sie eine Entscheidung treffen. Bedenkt die Konsequenzen. Kalkuliert das Risiko. Die Erfahrung lehrt, daß unüberlegtes Handeln gravierende Folgen nach sich ziehen kann. Niemand beginnt zu bauen, ohne sich zuvor vergewissert zu haben, daß der aufge­stellte Kostenplan realistisch ist. Andernfalls besteht die Gefahr, auf einem halbfertigen Bauwerk sitzen zu bleiben und dadurch zum Gespött der Nachbarn zu werden. Und ohne genug Soldaten zu haben wäre es geradezu ein selbstmörderisches Unternehmen, einen Krieg gegen einen übermächtigen Gegner anzuzetteln. Daher ist man gut beraten, auf Konfrontation zu verzichten und sich schiedlich-friedlich zu arrangieren. Das ist keine ver­kappte Aufforderung zum Bauen oder Kriegführen. An diesen Beispielen wird vielmehr gezeigt, daß vorausschauendes Planen nicht nur zur Ge­schäftstüchtigkeit, sondern auch zur Glaubenstüchtigkeit gehört. Ihm nach­zufolgen, schärft Jesus den Menschen ein, ist nicht billig zu haben. Die zu veranschlagenden Kosten sind hoch. Nötig ist ungeteilter Einsatz. Alles andere hintanstellen, loslassen, sich in Bewegung setzen auf das ange­strebte Ziel hin: Daran mitzuwirken, daß Gottes Reich sich ausbreitet, vom Himmel auf die Erde kommt und sie verwandelt. Zu erkennen, daß in Jesus Gott selbst ihnen nahe ist und daß sie schon jetzt an der Wirklichkeit des anbrechenden Gottesreiches teilhaben.

Die Eingangsszene unseres Predigttextes erinnert an heutige Situationen. Etwa an die von Film- und Fernsehstars oder populären Sportlern, die über rote Teppiche schreiten, umgeben von Menschenmengen aus mitlaufenden Fans. Im Blitzlichtgewitter drehen sie sich um, lächeln in die Kameras, verteilen Autogramme. Das sind Bilder moderner Nachfolge. Und es sind nicht nur Teenager, die zu Tausenden ihren Idolen nachlaufen, stundenlang in der Kälte ausharren für einen kurzen Blick, Unsummen ausgeben für Eintrittskarten, Fanartikel und Quoting-Telefonate. Da sind horrende Kos­ten und großer persönlicher Einsatz für die erhoffte Nähe zu der Traumfrau oder dem Traummann selbstverständlich. Die Identifikation mit dem Idol und das Gemeinschaftsgefühl innerhalb der Fangemeinde kann so weit ge­hen, daß familiäre Beziehungen an Bedeutung verlieren und zweitrangig werden. Der Preis für den Eintritt in die Welt des schönen Scheins ist oft sehr hoch, manchmal zu hoch.

Jesus macht denen, die sich um ihn versammeln, auch die Rechnung auf. Er gaukelt ihnen aber keine Scheinwirklichkeit vor. Der schöne Schein, von dem die Werbung lebt, hat mit der Wirklichkeit, in die Jesus die ihm Nach­folgenden hineinstellt, nichts zu tun. Er weckt keine Illusionen, ver­schweigt nicht, wohin sein Weg führen wird und der Ihre hinführen kann. Einfaches Mitlaufen genügt nicht, wenn es ums Ganze geht. Denn es geht um nichts weniger als die Bereitschaft, sein Kreuz auf sich zu nehmen.

Der irdische Weg Jesu endete auf Golgatha. Dort, außerhalb der Mauern Jerusalems, starb er, angenagelt an ein Kreuz. Keine hoffnungsvolle Per­spektive für seine Nachfolger. Freilich nur, wenn ihr Blick am Kreuz haften bleibt und sie sich vom Gekreuzigten distanzieren. In der Epistellesung ha­ben wir es eben von Paulus gehört. Das Wort vom Kreuz, die Verkündi­gung des Evangeliums vom gekreuzigten und auferstandenen Christus, gilt den einen als Torheit, den anderen als ein Skandal. Darauf sollen, darauf müssen sich Jesu Nachfolger einstellen. Was es sie kostet, wenn sie ihm sich anschließen und sich zu ihm bekennen, steht nicht von vornherein fest, ist unkalkulierbar. Ausdrücklich weist Jesus auf die Risiken hin. Sie zu be­denken, bleibt niemandem erspart, der sich in seine Nachfolge rufen läßt.

Abbruch, Aufbruch, Abschied. Der Evangelist Lukas hat dabei die christli­che Gemeinde vor Augen. Er schreibt sie in die Menge der Leute ein, die mit Jesus gehen, genauer: hinter ihm hergehen. Seit Ostern wissen Chris­ten: Das Kreuz, das sie zu tragen haben, ist umfangen vom Licht des Os­termorgens. Diese Gewißheit hat Christen zu allen Zeiten Kraft gegeben, aufzubrechen, loszulassen, sich und ihr Leben neu auszurichten auf Chris­tus hin. So gesehen enthalten die von uns durchaus zu Recht als hart, ja als brutal empfundenen Worte Jesu eine Frage und zielen auf eine Antwort. Was ist uns entscheidend wichtig? Es geht um die Frage, worin die letzte Bindung meines Lebens besteht. Hängt der letzte und tiefste Sinn meines Lebens an Besitz und Beziehungen, am Familienglück und am Eigentum? Mache ich das, worüber ich verfüge, zum letzten Maßstab? Nach dem Bei­spiel jenes Mannes, der sich und seiner Familie ein eigenes Haus im Grü­nen verschaffen wollte? Weil die Grundstücke außerhalb der Stadt er­schwinglicher waren, baute er das Haus – größtenteils in Eigenarbeit – weit entfernt von dem Ort, an dem sie wohnten. Jeden Abend, jedes Wochen­ende widmete er diesem Vorhaben. Die Familie sah er kaum noch. Frau und Kind wurden zu Fremden. Hängen wir unser Herz ganz und gar an un­seren Besitz und unsere Nächsten, werden sie für uns zu einem Glaubens­ersatz. Dann können wir Jesus nicht nachfolgen. Dann fehlt uns die Frei­heit, uns ganz auf ihn einzulassen.

Eben darum geht es, nicht um eine Geringschätzung der Familie. Jesus hebt das vierte Gebot ja nicht auf: „Du sollt Vater und Mutter ehren, auf daß du lange lebest in dem Lande, das dir der Herr, dein Gott, geben wird“. Ebenso wenig setzt er das sechste Gebot außer Kraft, das die Ehe unter den besonderen Schutz Gottes stellt. Und wenn wir uns die heutige Situation anschauen, ist der Weg zur Nachfolge nicht dadurch versperrt, daß die Familienbindungen zu stark sind. Eher wird sie dadurch erschwert, daß wir diese Bindungen nicht ernst und wichtig genug nehmen. Aber dennoch gilt: Vom Evangelium her wird die Familie an ihren richtigen Ort gestellt. Wenn wir sie vergötzen, zerstören wir sie selbst.

Im Unterschied zu vielen Christen, die um ihres Glaubens willen verfolgt werden und bitter erfahren müssen, was es heißen kann, das Kreuz auf sich zu nehmen, können wir Nachfolge auch in unserem Alltag leben, ungehindert. Jeder Gottesdienst lädt uns dazu ein. In ihm laden wir vor Gott alles ab, was uns fesseln und in seinen Bann schlagen will. In ihm empfangen wir die Freiheit, Jesus Christus mit Worten und Taten dort zu bekennen, wo wir hingestellt sind. Darum geht es auch in Jesu anstößiger Aufforderung zum Loslassen. Er will Raum schaffen für die entscheidende Bindung unseres Lebens. Als einmal seine Familie auftaucht und mit ihm reden möchte, fragt er zurück: „Wer ist meine Mutter, und wer sind meine Brüder?“ Das klingt verletzend. Dann schaut Jesus die an, die um ihn herum sitzen und ihm zuhören. „Seht, das ist meine Mutter und das sind meine Brüder! Wer den Willen Gottes tut, der ist mein Bruder und meine Schwester und meine Mutter“. Jesus nachzufolgen bedeutet einen Zugewinn. Der Familienkreis erweitert sich. Er wird größer statt kleiner. Wir dürfen dazugehören. Wenn das keine verheißungsvolle Botschaft, keine werbende Einladung ist.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Her­zen und Sinne in Christus Jesus. Amen