Predigt von Prof. Dr. Dieter Sänger am 8.2.2015 über "Amen"

Liebe Gemeinde,

„Wer A sagt, muß auch B sagen“. Ein geflügeltes Wort, das uns allen ge­läufig ist. Die meisten werden ihm wohl zustimmen. Gemeint ist ja: Nie­mand darf sich den Konsequenzen verweigern, die aus dem eigenen Han­deln oder Nichthandeln resultieren. Dahinter steckt die erfahrungsgesättigte Einsicht, daß ein Entschluss, ist er einmal gefaßt und in die Tat umgesetzt, ungeachtet seiner Wirkung verpflichtenden Charakter hat. Wir haben für ihn einzustehen. Auch dann, sollte sich im Nachhinein herausstellen, daß es sich um einen Irrtum handelt. Die Versuchung liegt nahe, sich mit dem Hinweis aus der Verantwortung zu stehlen, es sei kaum möglich gewesen, alle denkbaren Folgen einzukalkulieren und ihre Tragweite realistisch ein­zuschätzen. Nun befinde man sich in einer Situation, die nicht unbedingt vorhersehbar gewesen sei. Dennoch, die Verantwortung bleibt. Wir können uns ihr nicht so ohne weiteres entziehen. An diesen Sachverhalt erinnert das Sprichwort: „Wer A sagt, muß auch B sagen“

Was zunächst wie selbstverständlich klingt, auch plausibel erscheint, hat freilich eine problematische, eine dunkle Kehrseite. Manchem wird sie erst gewahr, wenn es bereits zu spät ist und die Hoffnung schwindet, noch eini­germaßen heil aus der Patsche herauszukommen. Oft genug ist eine gehö­rige Portion Häme mit im Spiel, die sich als Besorgnis tarnt, in Wahrheit aber darauf abzielt, die Betreffenden zu beschämen, sie als unbelehrbar, bestenfalls naiv hinzustellen. Etwa wenn es vorwurfsvoll heißt: „Ich habe dich vor dieser Entscheidung gewarnt und immer wieder versucht, sie dir auszureden. Aber du warst verbohrt, hast alle gut gemeinten Ratschläge in den Wind geschlagen und ignoriert. Jammern nützt nichts. Nun bleibt dir keine Wahl. Du mußt die Suppe auslöffeln, die du dir selbst eingebrockt hast, dich ins Unvermeidliche schicken und schauen, wie du zurecht­kommst“. Vermutlich sind wir alle schon in einer ähnlichen Lage gewesen und wissen, wie fatal sie sein kann. Unerwartet, ohne auf den Eventualfall vorbereitet zu sein müssen wir mit dem fertigwerden, womit wir nun wirk­lich nicht gerechnet hatten. Solche leid­vollen Erfahrungen, die wir in un­schöner Regelmäßigkeit immer wieder machen, scheinen die Gültigkeit der Sentenz „Wer A sagt, muß auch B sagen“ zu bestätigen. Da hilft es Men­schen, denen die Konsequenzen ihres Tuns oder Unterlassens das Leben beschwert, vielleicht sogar vergält, wenig, mit Bert Brecht dagegenzuhalten „Wer A sagt, muß nicht B. sagen. Er kann auch erkennen, daß A. falsch war“. Dies mag, wie es im Juristendeutsch dann heißt, dem Grundsatz nach so sein. Nur bedeutete das nichts anderes als Absolution in eigener Sache. Zwar bin ich es, der eine Fehlentscheidung getroffen hat, aber nicht bewußt. Erkannt habe ich sie erst später. Und in diesem Wissen distanziere ich mich von ihr, erteile mir selbst Dispens und fühle mich entlastet. Damit bin ich aus dem Schneider. Verantwortlich sind die äußeren Umstände, für die niemand etwas kann. An ihnen hat es gelegen, daß so viel schief gelaufen ist.

Eine solche Haltung, die lediglich dem eigenen schlechten Gewissen ge­schuldet ist und seiner Beruhigung dienen soll, hat der Volksmund gewiß nicht im Sinn. Er schreibt uns vielmehr ins Stammbuch, daß wir einzu­stehen haben für das, was wir tun oder auch nicht tun. Muß also, wer A sagt, doch B. sagen? Eher ja als nein. Jenseits dieser Alternative ist es uns unbenommen, in evangelischer Freiheit, die zu praktizieren uns zwei Jahre vor dem Reformationsjubiläum sicher gut ansteht, dem Volk nicht nur aufs Maul zu schauen, sondern sein Spruchgut auch ins Theologische zu wen­den. Was könnte dabei herauskommen?

Machen wir einmal die Probe aufs Exempel, indem wir die Reihenfolge umkehren und die zwei Buchstaben um weitere ergänzen, so daß sich je­weils ein Begriff ergibt, der mit dem anderen untrennbar verbunden ist: B steht für Bitte(n), A für Amen. Schon sind wir mitten im Vaterunser, dem zentralen Gebet der Christenheit. Seine Inhalte sind uns im Laufe dieses Wintersemesters aus unterschiedlicher Perspektive nahegebracht worden sind – aus der einer Politikwissenschaftlerin, eines Juristen, Astrophysikers, Landespolitikers, Oberkirchenrats, römisch-katholischen Bischofs und, nicht zu vergessen, natürlich auch aus der Perspektive von Vertretern der verschiedenen theologischen Disziplinen unserer Fakultät.

Es ist so gut wie unbestritten: Das Vaterunser – sprachlich korrekt müßten wir sagen: das „unser Vater“ – stammt von Jesus selbst. Hier betet und bit­tet der, von dem es eingangs im Matthä­usevangelium heißt, er sei der Christus, der Sohn Davids und Sohn Abrahams. Damit wird ein Bogen ge­schlagen, der weit gespannt ist. Er reicht zurück bis an den Beginn der Ver­heißungsgeschichte Gottes mit seinem Volk Israel. Ihren Anfang nimmt sie bei Abraham, dem Erzvater und ersten Verheißungsträger, erstreckt sich über David, aus dessen Geschlecht nach biblischer Auffassung der endzeit­liche Messias hervorgeht, und kommt, wie der christliche Glaube bekennt, in Jesus Christus an das ihr bestimmte Ziel. Wenn das Gebet an „unseren Vater im Himmel“ gerichtet ist, ist kein anderer gemeint als der Gott Abra­hams und Davids. Von ihm sagt der Hebräerbrief, dem die Epistel für den heutigen Sonntag entnommen ist, daß er in Jesus Christus auf un­überbiet­bare Weise zu uns gesprochen hat (Hebr 1,1–4).

Das Vaterunser ist ein Bittgebet. Je nach dem, wie man zählt, enthält es sechs oder sieben Bitten. Die reformierten Kirchen kommen auf sechs, die lutherische und römisch-katholische Kirche auf sieben Bitten. Ihnen betont vorangestellt ist die Anrede „unser Vater“. Sie schließt den Beter mit der Gemeinde zusammen. Zugleich ist sie eine Zusage. Wir dürfen Gott, dessen Name heilig ist, als seine Kinder ansprechen. Im Kleinen Katechismus schreibt Martin Luther: „Wir sollen ihn mit aller Zuversicht … bitten … wie die lieben Kinder ihren lieben Vater“. Und weil er unser Vater ist, müs­sen wir uns nicht scheuen, ihn zu duzen: „Geheiligt werde dein Name! Dein Reich komme! Dein Wille geschehen, wie im Himmel so auf Erden!“.

Im Gebet Jesu, das wir uns zu eigen machen, haben wir es nicht mit einem metayphysischen Wesen zu tun, das in himmlischen Sphären thront und darin sein Genüge hat. Einer Gottheit, die sich uns entzieht und von der wir im Anschluß an Platon nur sagen könnten, sie sei die Idee oder das Prinzip des Guten, Schönen und Wahren. Im Vaterunser kommt auch nicht der Gott des Platonschülers Aristoteles oder anderer großer Philosophen der grie­chisch-römischen Antike zum Vorschein: Der unbewegte Beweger, der rei­ner Geist ist in Raum und Zeit; der in allem, was er tut, sich auf nichts an­deres als auf sich selbst richten kann.

„Unser Vater“ möchte angeredet werden. Er läßt sich gerne bitten, Tag und Nacht, in allen Lagen. Denn er weiß, was uns fehlt und wir täglich zum Le­ben brauchen. Er vergibt uns alle Schuld, die uns niederdrückt und oft die Luft zum Atmen nimmt, und erwartet, daß wir es ihm gleichtun: denen zu vergeben, die sich an uns schuldig gemacht haben. Er versucht uns nicht, stellt uns nicht auf die Probe, indem er uns dem Bösen aussetzt und zusieht, ob wir ihm vielleicht erliegen. Sondern er befreit uns von der Macht des Bösen, die darauf aus ist, unser Verhalten zu bestimmen. Es ist dieser Gott, zu dem wir voller Vertrauen beten und den wir mit Jesus „Abba, lieber Va­ter“ nennen dürfen.

Das Vaterunser endet mit „Amen“. Genauer noch: Wir sprechen das „Amen“. Es ist nicht Teil des Gebets, sondern folgt ihm nach und enthält schon die erbetene Antwort. „Amen“ bedeutet „so sei es“, „so ist es“. Mit ihm bekräftigen wir, um was wir gebeten haben, nehmen alle Bitten noch einmal in uns auf und machen sie uns zu eigen. In der gewissen Hoffnung, daß sie gehört werden. Das „Amen“, und das ist der zweite Aspekt, ver­pflichtet aber auch. Wir sind ja in das Gebet eingeschrieben. Nicht nur als Bittende, sondern als Menschen, die sich in ihrem Handeln am Willen Got­tes orientieren und es von ihm bestimmt sein lassen. Besonders deutlich wird dies in der 5. Bitte: „Und vergib uns unsere Schuld, wie wir vergeben unseren Schuldigern“. Sie korrigiert ein verbreitetes Mißverständnis, das sich hartnäckig hält und dem selbst Christen erliegen: Gebet und menschli­ches Handeln schlössen sich aus, weil beten ein rein passiver Akt sei, der auf das Innere des Menschen ziele und sich darauf beschränke. Das Ge­genteil ist der Fall. Gebet ist ein Sprechen des aktiven Menschen mit Gott. Es bleibt nicht im stillen Kämmerlein oder im Herzen verborgen, sondern drängt dazu, dem Willen Gottes Raum zu geben. Ihn öffentlich kund zu tun und ihn in Wort und Tat dort zur Geltung zu bringen, wo ihm widerspro­chen wird – bisweilen subtil, häufig in der Attitüde des vermeintlich aufge­klärten Besserwissers, in jüngerer Zeit auch verstärkt mit brachialer Gewalt, die aus der Überzeugung erwächst, über das, was Falsch und Richtig, durchzusetzen und zu bekämpfen ist, mit letzter Verbindlichkeit entschei­den zu können. Beispiele erspare ich mir. Sie werden uns tagtäglich frei Haus geliefert. Wir kennen sie aber auch aus unserem Erfahrungsbereich.

Das „Amen“ will ernst genommen werden. Weil es die Gebetsanliegen be­kräftigt, sie dick unterstreicht und die Betenden daran erinnert, welche Auf­gabe ihnen zugedacht ist: Salz der Erde, Licht der Welt zu sein. Es heißt eben nicht „vielleicht, vielleicht, vielleicht“. Wer es so versteht und andere singen läßt, hat entweder die Bibel nicht gelesen, läuft dem Zeitgeist hinter­her oder hat nichts begriffen. Wie auch immer, es läuft aufs Gleiche hinaus. Wer im Namen Jesu Christi seine Bitten vor Gott trägt, voller Zuversicht und in der Gewißheit, keine tote und stumme Gottheit anzuflehen, muß und wird auch das „Amen“ sprechen: „So soll es sein“, „so ist es“.

Noch ein Letztes. Ich verdanke die folgenden Überlegungen dem Schweizer Kollegen Ulrich Luz, der einen mehrbändigen Kommentar zum Matthäus­evangelium verfaßt hat und darin auch das Vaterunser ausführlich behandelt und auslegt. Wichtig ist zunächst: Das Vaterunser ist offen formuliert. In seinen Formulierungen können sich viele Menschen wiederfinden. Denn es schreibt dem Beter nicht vor, diese oder jene Wünsche, Hoffnungen oder Ansichten haben zu müssen. Insofern setzt es nicht nur durch seine Anrede die liebende Zuwendung des Vaters voraus, der sich in Jesus Christus als der Barmherzige und Gnädige offenbart hat, sondern es ist selbst ein Aus­druck der Gnade und der Nähe Gottes. Dadurch, daß es viele Menschen in seine Worte einschließt, ermöglicht es Gebet. Das Vaterunser ist also eine Hilfe und Ermutigung zum Beten. Es will allen, die es nachsprechen, hel­fen, die liebende Nähe des Vaters und die unbedingte Verläßlichkeit dieser Nähe zu entdecken.

Zum Schluß komme ich noch einmal auf Bert Brecht zurück. In einer Szene am Ende seines Stücks „Mutter Courage und ihre Kinder“ stellt er die stumme Kattrin einer Bauernfamilie gegenüber. Bei einem nächtlichen Überfall der Feinde auf die wehrlose Stadt Halle gehen die Bauersleute auf die Knie und beten ihre Vaterunser, während Kattrin auf das Dach steigt, um mit ihrer Trommel die Schlafenden zu wecken. Gebet wird hier von Brecht als falsche Alternative zum Handeln, als Flucht aus dem Handeln verstanden, kritisiert und abgelehnt. Für Jesus, seine damaligen Jünger und die christliche Gemeinde ist Gebet keine Flucht aus der Praxis, sondern ge­wissermaßen ihre Innenseite. Gebet wird durch das Handeln nicht überflüs­sig, sondern das Handeln bleibt auf das Gebet dauernd angewiesen. So erst wird ein Schuh aus dem sprichwörtlich gewordenen „Wer A sagt, muß auch B. sagen“. Wir verändern nur die Reihenfolge und sind so frei, beide Buch­staben um weitere zu ergänzen. Dann wird aus dem Volksmund ein richtig guter, in sich stimmiger Merksatz: „Wer B wie Bitte(n) sagt, muß auch A wie Amen sagen“. Was denn sonst?

 

 

Und der Friede Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen