Predigt von Prof. Dr. Hartmut Rosenau über "in Ewigkeit" am 1.2.2015

Liebe Gemeinde! 

 

Der Predigttext für den heutigen Sonntag besteht aus nur zwei kleinen Worten. Sie finden sich in einer Ergänzung zu Mt 6,13: „… in Ewigkeit“. Aber was für gewaltige Worte sind das! „In Ewigkeit“ - damit endet das „Vater unser“, das den Predigten dieses Semesters hier in der Universitätskirche zugrunde liegt.

Welche Bilder und Vorstellungen werden geweckt, wenn wir „Ewigkeit“ hören? Mir kommt zunächst das Weltall in den Sinn, das Universum, der Kosmos in seinen für uns schier endlosen Weiten von Zeit und Raum. Im Vergleich dazu ist hier bei uns auf unserem Planeten alles ein Krümel Belanglosigkeit. Wie schwer ist es, ein physikalisches Verständnis von Zeit und gar noch von Ewigkeit zu entwickeln! Urknall, schwarze Löcher, rote Riesen, gekrümmte Zeit - Einsteins allgemeine und spezielle Relativitätstheorie tauchen im Hintergrund auf und mir wird ganz schwindelig. Mein Verstand stößt hier an seine Grenzen und holt sich Beulen angesichts der kalten Ewigkeit des Alls. Bewundernswert, wenn Theologen auch an solche kosmologischen Theorien von Zeit und Ewigkeit anknüpfen können, um zu erläutern, was „ewiges Leben“ bedeuten mag.

Ja, das ist das Zweite, was mir einfällt, wenn ich „Ewigkeit“ höre. Ich denke an die sogenannten „letzten Dinge“: an das ewige Leben, an ein Leben nach dem Tod, auch an das Gericht und an die Möglichkeit einer ewigen Verdammnis, an eine mögliche Unsterblichkeit der Seele, an die ewige Wiederkehr von Tod und Leben, Geburt und Wiedergeburt. Ich mache mir Gedanken, ob und wie das alles zum christlichen Glauben passt und was wir darüber verbindlich sagen können, wenn wir z.B. Trauernden an einem Grabe Trost spenden wollen.

Für mich persönlich ist „Ewigkeit“ aber weniger ein kosmologisches oder eschatologisches, sondern - drittens - ein existentielles Thema, das mit unserem Menschsein, mit unserer  gegenwärtigen Lebenswelt hier auf dieser Erde zu tun hat. Kommen wir also aus den Weiten des Universums und möglichen Spekulationen über Jenseitiges wieder zurück auf unsere Erde, zurück zu unserem kleinen Leben in unserer kleinen Stadt - sagen wir mal: nach Kopenhagen in der Mitte des 19. Jahrhunderts (Sören Kierkegaard, Die Erwartung einer ewigen Seligkeit, 1844, in: Ders., Erbauliche Reden 1843/44, IV,145).

 

Da war einmal ein junges Paar: Sören und Regine. Ein junger Mann, gebildet, wohlhabend, kultiviert und mit besten Aussichten auf eine solide Zukunft als Beamter - und ein noch viel jüngeres Mädchen, voller Liebreiz, klug und aus gutem Hause. Die beiden schworen sich „ewige“ Liebe und verlobten sich. Doch ach, schon nach wenigen Monaten provozierte der junge Mann die Auflösung der Verlobung - warum bloß? - und blieb fortan allein, Regine im Herzen. Das junge Mädchen verliebte sich nach kurzer Zeit in einen anderen (auch ewig?), heiratete und gründete eine Familie. Das brachte Sören dazu, über den Sinn und die Bedeutung von „Ewigkeit“ für unser Leben, für unsere Existenz nachzudenken. Denn auch, wenn wir die Erfahrung machen, das alles vergänglich ist und nichts bleibt, so ist uns doch - wie der Prediger es gesagt hat (Koh 3,11) - die Ewigkeit „ins Herz gelegt“. Und so leben wir in einer eigentümlichen Spannung zwischen Endlichkeit und Unendlichkeit, Möglichkeit und Notwendigkeit, Zeit und Ewigkeit, die uns umtreibt und zur Verzweiflung bringen kann. So hat es der junge Mann in Kopenhagen erlebt und als „Krankheit zum Tode“ beschrieben.

 

Die Ewigkeit meldet sich in unserem Leben schmerzlich als das mal fordernde, mal melancholische Verlangen nach Bleibendem, obwohl wir die Erfahrung machen, dass alles zeitlich und vergänglich ist. Natürlich wollen wir nur, das Gutes und Schönes bleibt, nicht einfach irgend etwas („Silbermond“). Böses und Hässliches kann und soll ruhig vergehen. Und es ist schlimm, wenn Böses und Hässliches bleibt, aber das Gute und Schöne vergeht. „Weh spricht: vergeh! Doch alle Lust will Ewigkeit, will tiefe, tiefe Ewigkeit“ (Nietzsche, Zarathustra, Das trunkene Lied). Und auch das uns Gleichgültige, das für uns Unbedeutende, Neutrale, Leere kann und soll ruhig vergehen. Wenn nicht, dann empfinden wir Langeweile, die eine Ewigkeit zu dauern scheint. Eine solche Ewigkeit, die uns ganz umschließt und lähmt, aus der es gar keinen Ausweg gibt (Rilke), wollen wir nicht. In einer solchen tiefen Langeweile langweilt uns nicht nur etwas Einzelnes und Bestimmtes, z.B. ein Buch, das wir dann durch ein anderes ersetzen können, um so der Langeweile durch unterhaltsamen Zeitvertreib zu entgehen. In einer solchen tiefen Langeweile langweilen wir uns auch nicht einfach nur selbst, auch wenn wir z.B. in einer eigentlich ganz unterhaltsamen Gesellschaft sind, die wir dann verlassen, um zu uns Selbst zurück kommen zu können. Eine solche tiefe Langeweile überkommt uns, wenn ohne klare Zuordnung von Personen und Situationen „es“ uns unbestimmt langweilt und uns dabei aufgeht, dass wir bleibend in das Nichts hineingestellt sind (Heidegger). Und so machen wir auch die triste Erfahrung, dass uns das, was uns gut und schön, wichtig und groß erschienen ist, plötzlich oder allmählich nichtig und klein, gleichgültig und leer geworden ist. Diese Erfahrung machen wir nicht erst oder nur „über den Wolken“ (Reinhard May), sondern durchaus auch und vor allem hier auf der Erde. Vielleicht - wir hätten es den Beiden nicht gewünscht - hätten irgendwann Sören und Regine, die sich ewige Liebe geschworen haben, wenn sie denn zusammen geblieben wären, genau das schmerzlich erlebt: dass der geliebte Menschen allmählich oder plötzlich langweilig wird, dass sie sich selbst in der Gegenwart des anderen langweilen, dass „es“ überhaupt langweilig ist und alles im Nichts versinkt. „Alles ist eitel und ein Haschen nach Wind“, sagt der Prediger (Koh 1,14) - Geld und Gut, Ruhm und Ehre, Lust und Freude, Liebe und Hass - „alles hat seine Zeit“ (Koh 3,1).

 

Wenn das alles so ist, dann ist die Ewigkeit, die uns „ins Herz gelegt“ ist, weder unendlich lange Zeit (unendlich lange Weile) noch mystische Zeitlosigkeit als der Gegensatz von Zeit („nunc stans“ oder „nunc aeternum“) . Dann ist Ewigkeit auch kein physikalisch irgendwie - positiv oder negativ - zu bestimmendes Phänomen. Ewigkeit ist dann keine rätselhafte Quantität von Dauer, sondern eine bestimmte Qualität unseres Lebens. Ewigkeit ist dann erfüllte Zeit (kairos im Unterschied zu chronos). Und die beiden Liebenden haben dann ganz Recht und begehen keine übermütige Dummheit, wenn sie sich im Augenblick höchster Lebensfülle „ewige“ Liebe schwören - selbst wenn die Verlobung umgehend aufgelöst wird.

Aber wann und wie ist unser Leben denn erfüllt und damit „ewig“? Was immer wir uns nun ganz persönlich als Erfüllung unseres Lebens vorstellen, es ist auf jeden Fall das, was unserem zeitlich begrenzten Leben unbedingten Sinn gibt und allein geben kann, die Zentralperspektive, die Mitte und das letzte Worumwillen unseres Daseins. Daraus können wir einen schönen logischen Schluss ziehen: Ewigkeit ist die Fülle und der Sinn des Lebens (Obersatz) - unser Leben aber ist zeitlich (Untersatz) - also ist Ewigkeit die Fülle und der Sinn von Zeit (Conclusio). Die Ewigkeit hebt uns also nicht heraus aus der Zeit (in ein endloses oder zeitloses Jenseits), sondern sie führt uns gerade hinein in die diesseitige Zeit, in ihre „Tiefe“, in ihren „Grund“ (Tillich), in ihre „Wahrheit“ (Pannenberg). Und daher meint das alttestamentlich-hebräische Wort „olam“ genauso wie das neutestamentlich-griechische Wort „aionios“ - beides übersetzen wir mit „Ewigkeit“ bzw. mit „ewig“ - auch weder endlose Zeit noch Zeitlosigkeit, sondern erfüllte Zeit (die durchaus lange, aber endlich sein kann).

 

Steht es so, dann schenkt uns die Ewigkeit den gelassenen Mut, Ja zu sagen zu unserer Zeitlichkeit und Endlichkeit, ohne sie aufheben zu wollen oder fliehen zu müssen. Die Zeit muss dann nicht als Bedrohung empfunden werden, die den Sinnbestand unseres Lebens etwa angesichts von Langeweile und Hektik, Gewinn oder Verlust von Lebenschancen, Geburt und Tod prinzipiell in Frage stellen würde. Im Licht der Ewigkeit, wenn wir sie als Fülle, Sinn und Wahrheit der Zeit verstehen, wird dann auch deutlich, dass Zeit ein kostbares Gut ist, mit dem wir behutsam umgehen sollten - weder verschwenderisch noch gleichgültig, noch in der Sorge, etwas verpassen zu können oder jedes Zeitfenster effektiv nutzen zu müssen (Seneca, De brevitate vitae).

 

Woher aber kommt denn die Fülle der Zeit, ihr Sinn und ihre Wahrheit - woher kommt die Ewigkeit? In der Schulklasse meines Sohnes wurde gerade gelesen und auch als Theaterstück aufgeführt: „Nichts“ (ist von Bedeutung) von Janne Teller. Angesichts der Vergänglichkeit ist alles sinnlos. Diese düstere (existentialistische) Einsicht führt unter den Jugendlichen zu Gleichgültigkeit, Gewalt, Verstörung und Tod. Bis die Jugendlichen merken: ja - nichts hat an und für sich eine Bedeutung, aber wir können etwas eine Bedeutung für uns geben. So können wir das vergängliche Leben sinnvoll und wertvoll machen. Aber das, würde der junge Mann aus Kopenhagen sagen, klingt wie die Verzweiflung des Trotzes. Denn wir, in unserer Zeitlichkeit und Vergänglichkeit, sind gerade das Problem und nicht die Lösung. Wie könnten wir der Zeit Fülle, Sinn und Wahrheit geben, wenn sie uns als „alles bestimmende Wirklichkeit“ erscheint und einschließt? Den Sinn von Zeit, also Ewigkeit, können wir nicht machen oder verleihen, sondern nur finden oder entdecken. Aber wo und wie? 

Ewigkeit als Sinn von Zeit ist ja einerseits auf Zeit bezogen und nicht das total andere, der strikte Gegensatz zu ihr wie Zeitlosigkeit. Andererseits ist aber Ewigkeit als der Sinn von Zeit auch von Zeit verschieden und darum auch nicht unendliche Zeit. Beides können wir zusammenfassen, wenn wir sagen: Ewigkeit ist die notwendige Bedingung der Möglichkeit von Zeit, das, was die Zeit bleibend trägt und umschließt. Sofern und solange es also Zeit gibt, gibt es auch Ewigkeit als ihre notwendige Bedingung der Möglichkeit. Dann aber ist weder die alles auflösende und vergleichgültigende Zeit die alles bestimmende Wirklichkeit, noch wir, die wir zwar die Ewigkeit „im Herzen“ haben, aber in der Zeit und in der Vergänglichkeit leben. Dann ist vielmehr die Ewigkeit selbst die alles, auch die Zeit bestimmende Wirklichkeit. Und das nennen alle „Gott“ - würde Thomas von Aquin sagen. Und so schließt sich auch der Kreis, der von den letzten Worten des „Vater unsers“ seinen Anfang genommen hat: Die Ewigkeit, die Fülle der Zeit, ihr Sinn und ihre Wahrheit, die wir nicht machen, sondern nur finden und entdecken können, das ist demnach das Reich Gottes: „Denn dein ist das Reich, und die Kraft und die Herrlichkeit - in Ewigkeit!“

 

Amen