Predigt von Prof. Dr. Rudolf Meyer-Pritzl über "Wie auch wir vergeben unseren Schuldigern" am 4. Advent 2014

Liebe Gemeinde,

bei der Vorbereitung dieser Predigt musste ich immer wieder an das Schicksal meines Geschichtslehrers Wolfgang Natonek (3. Oktober 1919, Leipzig – 21. Januar 1994, Göttingen) denken. Natonek war ein großartiger Pädagoge. Noch heute, über 40 Jahre später, habe ich die erste Begegnung mit ihm genau vor Augen: Es war nur eine Vertretungsstunde; Natonek las mit uns die eigentlich nicht gerade besonders spektakuläre Geschichte vom „kleinen bebrillten Ömmes“ von Josef Reding. Ein kleiner Junge, als Brillenträger oft Zielscheibe des Spottes und daher eher schüchtern, nimmt all seinen Mut zusammen und korrigiert einen Erwachsenen, der in einer Verszeile ein Wort vertauscht hatte. Mut hatte auch Natonek in seinem Leben mehrfach bewiesen – allerdings in äußerst dramatischen Situationen, die sich nicht mit der Begebenheit in der Lesebuchgeschichte vergleichen lassen. Während der NS-Zeit wurde er als Sohn des bekannten Publizisten Hans Natonek, der jüdischer Herkunft war, in Leipzig diskriminiert und am Studium gehindert. So arbeitete er nach dem Abitur in einer Autowerkstatt. Er half mit, drei russische Kriegsgefangene, denen die Flucht gelungen war, auf dem Werksgelände zu verstecken. Als er nach dem Krieg endlich studieren konnte, engagierte er sich auch politisch. Er wurde der erste Vorsitzende des Studentenrates der wiedereröffneten Universität Leipzig – und setzte sich gegen die von der SED betriebene Gleichschaltung zur Wehr. Auf einer Versammlung formulierte er sehr plastisch: „Es gab einmal eine Zeit, in der nicht studieren konnte, wer eine nichtarische Großmutter hatte. Wir wollen nicht eine Zeit, in der der nicht studieren kann, der nicht über eine proletarische Großmutter verfügt“. Derartige Sätze hörte man in der SED nicht gerne. Der damalige Vorsitzende der FDJ, Erich Honecker, versuchte, Natonek in einem persönlichen Gespräch im April 1948 zu einem Überwechseln auf die andere Seite zu bewegen – ohne Erfolg. Natonek wurde zu einem der wichtigsten Vertreter des studentischen Widerstands in der damaligen Sowjetischen Besatzungszone. Am 11. November 1948 verschwand Natonek von einem Tag auf den anderen. Er verschwand für fast acht Jahre in den Gefängnissen in Bautzen, dem „gelben Elend“, und in Torgau. Ihm auch nur entfernt irgendeine Straftat nachzuweisen, gelang selbst dem sowjetischen Militärgericht, vor das er gestellt wurde, nicht. Schließlich wurde er wegen Nichtanzeige eines Kommilitonen, der gesagt hatte, dass es auf der Leipziger Messe viel weniger westliche Aussteller gebe, als in der Zeitung berichtet worden sei, zu 25 Jahren Haft verurteilt. Mitten aus dem Leben gerissen, acht Lebensjahre in Freiheit verloren – als sich 1956 die Tore der Haftanstalt in Torgau für ihn öffneten, wird Wolfgang Natonek kaum darüber nachgedacht haben, denen, die ihn ins Gefängnis gebracht hatten, zu vergeben.

II.

Dieses Beispiel zeigt, dass es oft gar nicht einfach ist zu vergeben. Was bedeutet überhaupt „vergeben“? Was sollen wir tun, um unseren Schuldigern ihre Schuld zu vergeben? Und wenn es heißt „wie auch wir vergeben unsern Schuldigern“ – welcher Zusammenhang besteht dann zwischen dem Vergeben zwischen uns Menschen und der Vergebung unserer eigenen Schuld durch Gott?

 

1. Kann ein Jurist diese Fragen beantworten? Kaum, aber vielleicht gelingt es mir, einige Denkanstöße zu formulieren. Schauen wir zunächst auf den Wortlaut der fünften Bitte. Im griechischen Urtext heißt es: καὶ ἄφες ἡμῖν τὰ ὀφειλήματα ἡμῶν, ὡς καὶ ἡμεῖς ἀφήκαμεν τοῖς ὀφειλέταις ἡμῶν. Das heißt wörtlich: „Vergib uns unsere Schulden, wie auch wir vergeben haben unseren Schuldnern“. Als Jurist denkt man bei den Begriffen „Schulden“ und „Schuldner“ an das „Schuldrecht“ als Teil des Zivilrechts: Darin geht es um Verpflichtungen, die man im Rahmen von Schuldverhältnissen, Verträgen, eingegangen ist. Und es gibt Texte im Neuen Testament, die zeigen, dass Jesus tatsächlich auch einen nachsichtigen Umgang mit Geldschuldnern verlangt – so vor allem im Gleichnis vom unbarmherzigen Knecht (Matth. 18, 21-35). Darin erlässt ein Herr seinem Knecht die hohen Schulden, die dieser aufgehäuft hat. Kurz danach trifft dieser Knecht auf einen anderen Knecht, der ihm nur einen geringen Betrag schuldet. Der Knecht, der gerade von der Milde seines Herrn profitiert hat, verklagt seinen Schuldner und lässt ihn in ein Gefängnis werfen. Daraufhin widerruft der Herr den Schuldenerlass für den ersten Knecht und behandelt ihn mit aller Strenge des Rechts. Jesus fordert also dazu auf, Geldschuldner nicht unbarmherzig zu verfolgen. Dies heißt nicht, dass man nicht seine Rechnungen bezahlen muss und danach darauf hoffen darf, dass der Gläubiger aus Barmherzigkeit seine Forderung nicht weiter verfolgen wird. Die Forderung, Geldschuldner milde zu behandeln, ist vor dem Hintergrund der harten Regeln des Schuldrechts in den frühen Rechtsordnungen zu sehen. Sie sahen noch Sanktionen wie die Schuldknechtschaft, den Schuldturm oder gar das Fleischpfand, wie es im „Kaufmann von Venedig“ literarisch verarbeitet worden ist, vor – und dieses strenge Recht sollte keine Anwendung finden.

Das Vergeben, der maßvolle, milde Umgang mit den Geldschulden anderer beruht auf dem Gedanken „wie du mir, so ich dir“. Wenn ich möchte, dass mich mein Gläubiger wegen meiner Schulden nicht unnachsichtig behandelt, dann muss ich auch mit meinen eigenen Schuldnern nachsichtig umgehen. Diese Vorstellung des „wie du mir, so ich dir“ liegt auch der ursprünglichen Idee der schuldrechtlichen Verpflichtung zugrunde: Als Urtyp des Schuldvertrages wird oft das in der Antike weit verbreitete Sachdarlehen bezeichnet. Anfangs wird es sich dabei um Gefälligkeitsdarlehen gehandelt haben. In den frühen Siedlungsverbänden war es notwendig, aber auch selbstverständlich, dass sich die Menschen in Notfällen, etwa nach einer schlechten Ernte, gegenseitig mit Naturalien aushalfen. Die Anfänge des Vertragsrechts wurzeln damit in der Nachbarschaftshilfe, vor allem in Mangelsituationen. Dabei basierte diese Hilfe auf dem Vertrauen, dass demjenigen, der etwas gab, um eine Notlage zu mildern, in einer vergleichbaren Lage auch durch den Empfänger geholfen würde. In der lateinischen Sprache heißt Darlehen „mutuum“ – die römischen Juristen erklärten dieses Wort mit einer Verschmelzung der Personalpronomen „me“ und „tuum“, die den Gedanken „wie du mir, so ich dir“ in einem Wort zum Ausdruck bringen sollte. Diese Idee klingt bei den heute immer noch gerne genannten Beispielen für Sachdarlehen an, Beispiele, die gut in die Vorweihnachtszeit passen: Eine Nachbarin hilft der anderen, der das Mehl zum Backen der Kekse ausgegangen ist, mit einem Päckchen Mehl aus. Basiert die Verpflichtung auf dem Gedanken „wie du mir, so ich dir“ im Rahmen der Nachbarschaftshilfe, dann verbietet sich auch das rigide Eintreiben von Schulden, das am Ende den Schuldner womöglich in die Schuldknechtschaft oder in den Schuldturm zwingt.

2. „Wie auch wir vergeben unsern Schuldigern“ –Reicht es dafür aus, maßvoll beim Einfordern von Geldschulden zu sein? Sicher nicht. In der fünften Bitte des Vater unser geht es nicht allein um materielle Schulden. Wenn wir Gott bitten: „Vergib uns unsere Schuld“, dann sind damit natürlich nicht unsere Geldschulden gemeint. Bei der Frage, um was für eine Art von Schuld es sich handelt, die vergeben werden soll, mag die Grundidee des Dar-leihens, also der unentgeltlichen Überlassung auf Zeit, weiterhelfen. Gott hat uns Menschen etwas gegeben und anvertraut: unser Leben, unseren Lebensraum, unsere Umwelt. Gott hat die Welt und uns Menschen geschaffen. Es ist unsere Verpflichtung, mit dieser Schöpfung, die uns auf Zeit, für die Dauer unseres Lebens, anvertraut worden ist, in christlicher Verantwortung umzugehen.

Jede und jeder von uns muss selbst prüfen, ob wir dieser Verpflichtung wirklich immer in der Weise nachkommen, dass wir frei von Schuld sind. Leistet unser Staat, leisten aber auch wir selbst genug Hilfe in den Not- und Mangelsituationen, von denen es gerade in der heutigen Zeit so viele gibt. Denken wir nur an die durch Kriege und Bürgerkriege ausgelösten Katastrophen oder an die Not der Flüchtlinge. Ist es nicht so, dass sich in direkter Nachbarschaft Europas, von Nordafrika bis Afghanistan ein riesiges Krisengebiet, genauer gesagt: ein Kriegsgebiet, erstreckt. Oder denken wir an das Elend der todkranken Menschen in Westafrika. Ist unser Verhalten im Hinblick auf diese Tragödien völlig frei von Schuld?

Aber auch in unserem Land, in unserem unmittelbaren Umfeld, in unserer Stadt Kiel und in unserer Christian-Albrechts-Universität geschehen immer wieder Dinge, bei denen es angezeigt sein könnte, sie beim Namen zu nennen, statt zu schweigen. Setzen wir uns – in einer Zeit, in der dies vergleichsweise ungefährlich ist – in ausreichendem Maße für die Demokratie ein? Setzen wir uns an unserer Universität in ausreichendem Maße für die Unabhängigkeit der Wissenschaft, der Forschung und auch des studentischen Lebens ein? Wir haben das Glück, mit jungen Menschen zusammenzuarbeiten. Aber stehen wir ihnen auch immer dann zur Verfügung, wenn sie unsere Rat oder unsere Hilfe benötigen? Unterstützen wir den wissenschaftlichen Nachwuchs angemessen auf dem schwierigen Weg, die akademische Laufbahn erfolgreich zu gestalten? Greifen wir entschlossen ein, wenn Streitigkeiten zwischen Kolleginnen und Kollegen auf dem Rücken und auf Kosten von Doktorandinnen und Doktoranden oder Habilitandinnen und Habilitanden ausgetragen werden? Hören wir ausreichend zu und reagieren wir angemessen auf das, was wir hören und erfahren? Gott hat den Menschen mit zwei Ohren, aber nur einem Mund geschaffen – und er wird sich dabei etwas gedacht haben. Es gibt viele Gremien in einer Universität – aber nach meiner Erfahrung wird dort viel, sehr viel gesprochen, aber wenig, viel zu wenig zugehört.

Wir sehen: Ganz ohne Schuld wird kaum jemand sein Leben gestalten können. Und daher ist es so wichtig, dass uns verheißen wird, dass Gott uns diese Schuld vergeben wird, wenn wir Menschen uns untereinander unsere Schuld gegenseitig vergeben. Die Vergebung der Schuld zwischen uns Menschen folgt dem Gedanken der Gegenseitigkeit („wie du mir, so ich dir“) – Sie ist die Voraussetzung für die von uns erhoffte Vergebung unserer Schuld gegenüber Gott.

Aber was heißt nun: „Vergeben der Schuld“? „Vergeben“ heißt nicht „vergessen“, „vergeben“ heißt auch nicht „schweigen“ oder „verschweigen“. Die Schuld ist vorhanden, aber wir geben dem mit der Schuld behafteten Menschen eine Chance, sich von ihr wieder zu lösen. Das heißt: Er wird nicht auf seine Schuld reduziert. Wenn jemand einen Fleck auf seinem Hemd hat, starren wir nicht nur auf den Fleck, wir nehmen nicht nur den Fleck war, sondern wir nehmen den ganzen Menschen in den Blick. Dabei muss auch der Schuldbeladene natürlich seinen Beitrag leisten – er muss zeigen, dass er sich auch selbst von seiner Schuld lösen möchte. Vergeben heißt, dass man dem Schuldbehafteten, nicht in der Weise seine Schuld nachträgt, dass er von ihr eingekreist wird und ihr nie mehr entkommen kann.

III.

Ich komme auf das Schicksal Wolfgang Natoneks zurück. Hat er den Menschen, die ihn ohne irgendeinen Grund verschwinden ließen, vergeben? Ich weiß es nicht. In einem Interview sagte er einmal: Aus seiner Sicht wäre es schlimm, wenn der Eindruck entstehen würde, dass die Erfahrungen, die er machen musste, ihn geprägt hätten, um Ressentiments zu bewahren und zu schüren. Und als sein Schüler kann ich bestätigen, dass er davon weit entfernt war. Selten habe ich einen Menschen erlebt, der sich mit so großem Engagement und so überzeugend dafür einsetzte, vor Ressentiments und Vorurteilen zu warnen. Verbitterung oder gar Hass waren nie seine Sache. Er hat aus dem schweren Unrecht, das ihm widerfahren war, aus der Schuld der anderen die Aufgabe abgeleitet, die, die im Licht stehen, daran zu erinnern, dass es auch Menschen gibt, die in der Dunkelheit leben. Er hat vor dem Totschweigen, vor dem Vergessen von Menschen und ihrer Schicksale gewarnt. Sein Schicksal mahnt uns, gerade auch das Unrecht, das Studierenden und anderen Universitätsangehörigen wiederfahren ist, nicht zu vergessen, sondern in unsere akademische Erinnerungskultur einzubeziehen. Dies mag für uns in Kiel gerade auch im Hinblick auf das anstehende Universitätsjubiläum ein wichtiger Auftrag sein.

IV.

Die Vergebung unserer Schuld ist, wie sich auch aus dem Zusammenhang im Vater unser ergibt, für uns so wichtig wie das tägliche Brot. Und so, wie wir aus der Nahrungsaufnahme die für den Alltag erforderliche Energie beziehen, so gibt uns auch die Vergebung der Schuld Kraft. Wer von seiner Schuld eingekreist ist, der lebt eingeschlossen wie in einer Art Schuldturm. Die Vergebung der Schuld, die Reinigung von der Schuld gibt die Freiheit zurück. Gerade die Weihnachtszeit und die Tage um den Jahreswechsel sind ein guter Zeitpunkt, eigene Schulden aufzuarbeiten – und das gilt nicht nur für die ständig aufgeschobenen Briefschulden, viel mehr ist jetzt ein guter Zeitpunkt, um sich für das eine oder andere harte Wort zu entschuldigen, Missverständnisse zu klären oder auch nach einem heftigen Disput die Hand zur Versöhnung auszustrecken. Die gegenseitige Vergebung zwischen uns Menschen ist eine Chance für einen Neuanfang. Und die damit verbundene Verheißung der Vergebung unserer Schuld durch Gott ist ein Grund zur Freude, ein echter Grund zu weihnachtlicher Freude.

Und in diesem Sinne schließe ich mit dem Wochenspruch für diesen vierten Advent zum Ausdruck: „Freuet euch in dem Herrn allewege, und abermals sage ich: Freuet euch!“

Amen.