Predigt von Prof. Dr. Siegfried Oechsle über "Selig sind, die geistlich arm sind" vom 24.4.2016

 1 Als er aber das Volk sah, ging er auf einen Berg und setzte sich; und seine Jünger traten zu ihm.

2 Und er tat seinen Mund auf, lehrte sie und sprach:

3 Selig sind, die da geistlich arm sind; denn ihrer ist das Himmelreich. (Matthäus 5)

 

Liebe Universitätskirchengemeinde!

Die Bergpredigt ist ganz gewiss ein kanonischer Text der Christenheit. Jesus eröffnet damit die Verkündigung seines Evangeliums. Statt ›harter‹ programmatischer Thesen und Gebote dominieren darin jedoch Sätze, die wir wohl eher als ›weiche Aussagen‹ charakterisieren würden. Wörter wie Barmherzigkeit, Sanftmut oder Friedfertigkeit besitzen zudem einen fast schon altertümlichen Klang. Im Selbstverständnis der modernen, sich dynamisch und progressiv gebenden Gesellschaft dürften sie jedenfalls kaum ganz oben in der Werteskala rangieren. Die in Rede stehenden Eigenschaften sind zwar über alle Zweifel erhaben. Aber irgendwie verkörpern sie eine Idealität, die nur schwer im sozialen Hier und Jetzt zu finden ist. Nicht, dass diese Tugenden gar keine Rolle mehr spielten. Doch für Barmherzigkeit haben wir soziale Institutionen. Freundlichkeit wird vom jeweiligen Gegenüber erwartet und darf in vielen Bereichen wie etwa dem Straßenverkehr ruhig mal fehlen. Die Zeiten, in denen »Ausrasten« etwas fürs Bänklein am Wegesrand war, sind definitiv vorbei. Sanftmut wiederum ist in jenen klimatischen Zonen des Internets, in denen die Shitstorms wüten, gar nicht zu gebrauchen.

 

Für andere Zeitgenossen sind die genannten Eigenschaften wiederum schon soweit in unser säkulares Verständnis von Humanität eingegangen, dass es dazu nicht mehr der Auseinandersetzung mit der nun nahezu 2000 Jahre alten Bergpredigt bedarf. Allein das Wort »Bergpredigt« klingt für manche schon nach Jesuslatschen, Nazarenertum und vergilbten Andachtsbildern. Und dann noch die Aussicht aufs Himmelreich! Geäußert vom Gottessohn mitten auf einem Acker. Seit Woodstock sind Massenveranstaltungen im Matsch ein Teil der Jugendkultur. Aber da herrscht meist volle Dröhnung. In Wacken über Sanftmut zu predigen, stieße vielleicht nicht einmal auf taube Ohren (zumindest wenn es früh genug geschähe). Doch da müssten die Jünger für ihren Jesus wohl erst einmal den elektrischen Stecker ziehen. Ist das vielleicht drastische Bild so weit von unserem Alltag entfernt? Ich glaube kaum; um uns heute empfänglich zu machen für eine biblische Bergpredigt, müsste man vielleicht auch uns erst einmal eine Zeit lang genau den Stecker ziehen, der uns täglich mit dem Gegenteil der zentralen Begriffe aus der Bergpredigt versorgt: Herzensenge statt Barmherzigkeit, Gereiztheit statt Sanftmut und Friedfertigkeit, Übellaunigkeit statt Fröhlichkeit, Selbstüberforderung statt Zuversicht.

 

Dieses war, liebe Gemeinde, der erste Anlauf zu einer Predigt. Der zweite folgt sogleich.

 

Im parallelen Bericht bei Lukas wird nicht, wie bei Matthäus, von der Bergpredigt gesprochen, sondern von der »Feldrede«. Die Namen sind an sich weniger wichtig. Doch in einer Campus-Kirche, wie sie die Kieler Universität ihr Eigen nennen darf, über eine Campus-Predigt zu predigen, das sollte eine besondere Herausforderung für uns in diesem Semester sein. Am Sonntagvormittag theologisch ein wenig zu ›campieren‹, das ist kein schlechter Ausblick für dieses Sommersemester, in dem es an jedem Sonntag um einen Spruch aus der Bergpredigt gehen soll.

 

Vorsicht und Demut sind freilich angezeigt, denn die Bergpredigt ist schwer. Groß ist ihr Gewicht, ihr religiöser und ethischer Anspruch. Zugleich erscheint sie in einigen Teilen seltsam unzugänglich, um nicht zu sagen: abgehoben. Wann und wo wäre denn heutzutage ein Spruch wie »Seelig sind die Sanftmütigen, denn sie werden das Erdreich besitzen« zu bemühen? Wo in der Welt von heute fallen Worte der Bergpredigt und treffen auf offene Ohren? Wozu bilden sie eine wirkungsvolle Alternative, in welchen Kontexten stehen sie? Jesus setzt seine Worte in den Zusammenhang mit den Zehn Geboten, dem Gesetz des Alten Testaments, empfangen durch Moses am Berg Sinai: »Ihr sollt nicht meinen, dass ich gekommen bin, das Gesetz oder die Propheten aufzulösen; ich bin nicht gekommen aufzulösen, sondern zu erfüllen.« Doch die Zehn Gebote sind ein Text in Stein gemeißelt. Da gibt es wenig oder nichts zu deuteln oder einem Kontext anzupassen. »Du sollst nicht töten« – der Satz ist nicht verhandelbar. Anders bietet sich die Bergpredigt dar. Sie soll offenbar als eine Art Zusatz zu den Geboten des »Gesetzes« bilden. Während jedoch bei den Zehn Geboten das Verständnis leichter als das Befolgen fällt, sind manche Seligpreisungen nur schwer zu verstehen. Und was genau zu befolgen sein könnte, wo es doch um bloße Eigenschaften wie Armut oder Sanftmut zu gehen scheint, wird erst einmal nicht deutlich. Kurzum: Die Sprüche der Bergpredigt rufen geradezu nach Auslegung. Und man könnte fast sagen, dass diejenigen, die den von Jesus gepredigten Qualitäten bereits sehr nahekommen, dabei nicht so recht mitreden können (weil sie gewissermaßen den verheißenen Zielen schon zu nahe sind).  

Der erste Spruch ist vielleicht auch der am meisten in sich verschlossene. Mit ihm dürfen wir uns heute befassen: »Selig sind, die da geistlich arm sind; denn ihrer ist das Himmelreich.« Die Bergpredigt hat ihre Entsprechung bei Lukas in der Feldrede (Luk. 6, 20–49). Lukas gibt nur vier Seligpreisungen wieder, denen vier Wehe-Rufe folgen. Bei Lukas lautet die erste Seligpreisung anders: (Luk. 6, 20) »Selig seid ihr Armen; denn das Reich Gottes ist euer.« Dazu gehört der erste Weheruf: (Luk. 6, 24) »Aber dagegen: Weh euch Reichen! Denn ihr habt den Trost schon gehabt.«

Diese unterschiedlichen textlichen Überlieferungen haben eine reiche Forschungs- und Interpretationsgeschichte hervorgebracht. Wer hat ergänzt bzw. gekürzt? Besonders das »geistlich« in Verbindung mit Armut – hat Matthäus es hinzugefügt oder Lukas es weggelassen? Ich habe den Eindruck, dass die Theologie zwar viele Erwägungen bereithält. Sie helfen aber nur wenig weiter. Fraglos geben die Evangelientexte die Predigt in Form einer Essenz wieder, als eine Zusammenstellung von lehrhaften Verheißungen. Was in den Evangelien zu einer dichten Folge an elementaren Aussagen angeordnet worden ist, dürfte »live« umfassend ausgelegt und von verschiedenen Seiten beleuchtet worden sein. Denkbar ist dann schon, dass Jesus verschiedene Arten von Armut gegeneinander gesetzt hat und – um noch an Luthers Übersetzung festzuhalten –von einer materiellen Armut eine »geistliche« unterschieden hat.

Genau besehen heißt es im griechischen Urtext bei Matthäus aber nicht »geistlich«, sondern »geistig«. Dort begegnet das griechische Wort Pneuma für Geist, und zwar für den menschlichen Geist. Die Bedeutung »geistlich« im Sinne von religiös arm, von religiös geistlos, steht dabei sicherlich nicht im Vordergrund. Der Begriff des Geistigen zielt auf die Unterscheidung von leblosen Dingen, die kein Pneuma in sich haben, die nicht »begeistet« sind, materielle Gegenstände etwa. Zum Geistigen als einem Immateriellen gehören primär Inhalte von Kultur, Bildung und Wissenschaft. Doch liegen auch Qualitäten des Gemüts wie Lebensfreude, Optimismus oder Melancholie im weiteren Bereich des Geistigen.

»Selig sind die immateriell Armen, die im menschlichen Geist Armen, denn ihnen gehört das Himmelreich.«

Das bleibt auch so noch ein irritierender Satz. Nicht nur das Beiwort »geistig«, sondern auch das Hauptwort »Armut« wirft Fragen auf. Es ist in mancherlei Hinsicht kaum eindeutig zu fassen.

Geistige Armut verbinden wir schnell mit dem Begriff Begabung, negativ: mit einem Mangel an intellektuellen Fähigkeiten. Dann klingt der Satz bestenfalls nach Mitleid, im schlechtesten Fall nach Herablassung und falschem Trost:

»Selig sind diejenigen, deren Oberstübchen zu Lebzeiten nur spartanisch möbliert ist, dafür werden sie nach ihrem Tod im himmlischen Palast wohnen.«

Dass es jedoch nicht um geistige Fähigkeiten im Sinne von Begabung geht, lässt sich m. E. gut an anderen Seligpreisungen zeigen. Verwendet man im Zusammenhang mit Freundlichkeit, Barmherzigkeit oder Friedfertigkeit den Zusatz »von Natur aus«, also »selig sind die von Natur aus Barmherzigen, die von Natur aus Sanftmütigen« usw., dann wird deutlich, dass damit der Text seine ethische Dimension einbüßen würde. Wer chronisch barmherzig sein kann, dem braucht eigentlich auch keine Belohnung in Aussicht gestellt zu werden. Wenn es nicht um die Preisung einer von Natur aus gegebenen, durch Temperament, Veranlagung und Prägung bedingten geistigen Armut zu tun ist, dann muss es sich um einen Zustand handeln, der prinzipiell alle betrifft oder betreffen kann. Andernfalls wäre die Bergpredigt eine gigantische Zweiteilung der Menschheit in »selige« und »unselige« Individuen, jeweils gebunden an Fatalitäten, die zu ändern sie nicht imstande sind.

Was genau ist also die in Rede stehende Armut? Ist sie dauerhaft oder lässt sich daran etwas verändern? Wie intensiv darf oder muss sie sein? Die Ökonomen definieren Armutsgrenzen, deren Festlegung schwankt. Auch eine prinzipiell unabänderliche geistige Armut kann in ihrem Umfang schwanken. Das liegt offenbar auch an deren Einschätzung, was wiederum heißt, dass wir uns darüber verständigen müssen. Und ein weiteres Moment gehört zu diesem Begriff: Arm sein heißt immer auch, sich dieser Armut bewusst zu sein. Eine Armut, die man nicht merkt, ist keine. Zu Armut in dem hier gemeinten Sinne gehört deren Eingeständnis, gehört das Wissen um eine durch keine menschliche Anstrengung heilbare, elementare geistige Bedürftigkeit. Ob die Armut selbstverschuldet ist oder nicht, wird nicht thematisiert. Jedenfalls ist sie im Rahmen des Zeitlichen nicht definitiv behebbar.

»Selig sind die immateriell, die geistig Armen, die sich dieses Mangels bewusst sind und die wissen, dass diese Bedürftigkeit zu ihrem Leben gehört.«   

Wir können und müssen demnach mit geistiger Armut geistig und geistlich umgehen. Jesus preist nicht abstrakte Eigenschaften, sondern Menschen, die damit befasst, gesegnet oder geschlagen sind. Und die sich über diese Eigenschaften untereinander verständigen müssen. In diesem Sinne begründet die Bergpredigt auch den Wertediskurs der Gemeinde. Nicht nur was Armut ist, sondern auch was Barmherzigkeit, Freundlichkeit oder Hunger nach Gerechtigkeit sind, steht keinesfalls unabänderlich fest. Die Begriffe bedürfen immer wieder der Klärung und gleichsam der sozialen Kalibrierung. Das Eingeständnis einer in diesem Leben nicht behebbaren geistigen Not bedeutet denn auch keine fatalistische Diagnose, sondern fordert ein bewusstes Umgehen mit der Erkenntnis, dass dem eigenen Sein eine unstillbare geistige Bedürftigkeit innewohnt.

Vielleicht können wir dem Verständnis des Bibelspruchs noch näher kommen, wenn wir einmal das Gegenteil in den Blick nehmen. Nicht um Armut geht es dann, sondern um geistigen Wohlstand, um Reichtum an geistigen Wertsachen. Wenn wir freilich materiellen Reichtum kritisch betrachten, warum eigentlich nicht auch geistigen Reichtum? Der Soziologe Pierre Bourdieu hat von kulturellem Kapital gesprochen und die sozialen Spielregeln untersucht, die Erwerb, Umgang und Verteilung kultureller Güter regeln. Geiz, Gier, Macht, Ungerechtigkeit, Unterdrückung usw. – warum sollte geistiger Reichtum von derlei Übeln verschont bleiben? Nur weil es sich um immaterielle Besitztümer handelt, sind sie nicht schon über alle Zweifel erhaben. Elitäres Gehabe, soziale Herrschaft, selbstgerechtes, eitles Bildungsstreben, zwanghafte intellektuelle Jagd- und Sammelleidenschaft, noch dazu als Flucht vor allem Sinnlichen und Triebhaften – dieses und noch viel mehr könnte einem da einfallen. Nicht nur Bücher, CDs, DVDs, Bilder, sondern auch Opernerlebnisse, Theatervorstellungen, Museumsbesuche, Länderreisen, Hauptstadttouren und, wenn es hoch kommt, auch Sprachen können gesammelt, gehortet, geistig magaziniert und im gesellschaftlichen Umgang ohne schlechtes Gewissen zur Schau gestellt werden. Wer kennt sie nicht, die lieben Zeitgenossen, die gerade im Streben nach Wissen und Bildung gnadenlos selbstverordnete, schier endlos lange To-do-Listen abarbeiten?

Keine Sorge, hier soll nicht geistige Armut glorifiziert werden. Einer materiellen Armut kann man sich noch mit stolzer Haltung entgegenstellen. Geistige Armut hingegen ist besser sorgfältig zu verbergen, auch die dazu gehörigen Empfindungen von Wut, Neid oder Resignation. Da helfen auch nicht Trotz und Verweigerung, etwa nach dem Motto: »Lieber reichlich arm als ärmlich reich!« Mit einem Lob der geistigen Besitzlosigkeit kämen wir besonders hier auf dem Campus der Universität ohnehin auf ein ziemlich weiches Gelände. Denn eine solche Feld-Vorlesung birgt die Gefahr, Beifall von ganz falscher Seite zu erhalten…

Wenn indes die »Armut« des Matthäus-Evangeliums gar kein zählbares Defizit bedeutet, sondern ein existentielles – dann stehen Bildungsstreben und Armut im Geiste zueinander keineswegs im Widerspruch. Und dies nicht deshalb, weil wir uns in Sachen Bildung und Wissen leicht auf das Bild vom Fass ohne Boden herausreden könnten. Vielmehr geht es um das Eingeständnis einer elementaren Vergeblichkeit, die trotzdem nicht zu Aufgabe und Resignation anstiftet.  

Indem wir schier unablässig darauf gedrillt werden, Inhalte, Kompendien, Programme, Lernetappen, Module usw. zu definieren und laufend zu evaluieren, fixieren wir uns auf ständig neue Ziele. Dabei vergessen wir jedoch unseren Ausgangspunkt, unsere Null-Linie – und zwar die in allem Tun und Streben mitwandernde Null-Linie. Gerät sie aus dem Blick und verlernen wir den Rückweg zu ihr, dann verlernen wir auch die Fähigkeit, von da aus immer wieder Leere, Hunger, Durst aufzunehmen. Wir sind – auch an der Universität – oft schon froh über »das kleine Hüngerchen« und nennen es artig Interesse. Essen bedeutet Aufnahme von Energie, heißt es, doch es gibt auch eine Energie, die aus dem Hunger kommt. Und es gibt eine Armut, die nicht per se schon ein Mangel wäre.

»Selig sind diejenigen, die nach geistigem Reichtum streben und sich dennoch immer wieder geistig leer und hungrig denken können…«

Etwas weiter hinten im Matthäus-Evangelium stehen die Jesusworte »Lasset die Kinder zu mir kommen und wehret ihnen nicht; denn solchen gehört das Himmelreich.« Kinder haben Wissen und Weisheit noch nicht mit den großen Löffeln gefressen, ihr größter Besitz ist vielmehr die geistige Neugier, die Ehrlichkeit und die spielerische Kreativität im Umgang auch mit Einschränkung und Mangel. Ihre sprichwörtliche Unersättlichkeit, ihr Wissensdurst, faszinieren wohl auch deshalb, weil sie Wissen und Erfahrung nicht horten, sondern zu lebendigem Wachstum ›verstoffwechseln‹. Und das fasziniert auch, weil sie darin fähig bleiben zu ungläubigem Staunen, zu einer Empfänglichkeit, die aus der Leere kommt – eine Leere, die besonders die empfinden können, für die die Welt tagtäglich voller radikaler Neuheiten steckt.

***

»Selig sind die im Geiste Armen, denn ihnen gehört das Himmelreich.«

Wir haben uns lange mit der Rede von der »Armut im Geiste« beschäftigt. Doch es gibt noch zwei andere Wörter in dem Spruch, die es ebenfalls in sich haben: Himmelreich und Seligsein. Um mit dem Ende anzufangen: Der Satz schließt mit dem Himmelreich. Das ist der Fluchtpunkt seiner Perspektive. Das Finale findet offenbar jenseitig statt. Die gedankliche Bewegung öffnet sich hin zu einem transzendenten Ort. Der Text beginnt aber schon mit der Seligkeit. Ich habe mit Absicht nicht von einem »Zustand der Seligkeit« gesprochen. Das griechische »makarios« wird von Luther mit »selig« übersetzt. Andere Ausgaben übersetzen mit »Glücklich sind …«. Ursprünglich bedeutet das griechische Wort einen Zustand höchsten Glücks, der den Göttern vorbehalten ist. Das Glück, um das es in der Bergpredigt gehen dürfte, ist jedoch weder rein zukünftig, noch herrscht es als eine der Zeit enthobene Gegenwart. Es bewegt sich, denke ich, dazwischen, wie es etwa die Formulierung des Sich-Glücklich-Schätzens andeutet. Dabei handelt es sich mehr um eine geistige Haltung als um einen emotionalen Zustand – ein Glücklichsein, das des Schätzens und der Reflexion bedarf.

Eine ähnlich doppeldeutige Zeitlichkeit wie dem Seligsein wohnt auch dem jesuanischen Verständnis von „Himmelreich“ inne. Das Himmelreich oder das Reich Gottes steht im Mittelpunkt des Evangeliums. Es markiert keineswegs nur eine jenseitige Sphäre oder eine Utopie. »Das Reich Gottes ist mitten unter euch«, heißt es im Lukas-Evangelium (17, 21). Luther hat das ursprünglich mit »Das Gottesreich ist inwendig in euch« übersetzt. Als eine Verheißung wird es sowohl glaubend erhofft als auch im Hier und Jetzt gelebt als eine diesseitige Arbeit an seiner Verwirklichung. Genau genommen beginnt also das Himmelreich vom Satzende schon mit dessen seligem, diesseitigem Anfang. Was sich zunächst als zwei schlechthin voneinander getrennte Bereiche ausnimmt, ist auf seltsame Weise inner- und überzeitlich voneinander durchdrungen.

Lassen Sie mich abschließend einen zusammenfassenden Satz versuchen. Er ist ganz gewiss nicht sehr erbaulich, aber er hat das, worum es mir heute ging, wenigstens andeutungsweise in sich:

»Dauerhaft glücklich schätzen können sich die Menschen, die um ihren im Leben niemals behebbaren Mangel an geistiger Fülle wissen und sich in dieser Haltung glaubend öffnen für etwas, das dieses Leben übersteigt und in dem dieser Mangel geheilt sein wird.«

Das Moment des Himmlischen, des Übersteigens der Welt des Erfahrbaren bleibt indes dem Gedankengang wesentlich. Es sollte der Bergpredigt und besonders ihrem ersten Satz nichts von ihrer Radikalität genommen werden. Die Seligpreisungen leben sowohl von der bereits ins Leben hineinreichenden Existenz des Himmelreichs wie von der Überzeugung, dass erst das apokalyptische Ende der Zeiten eine totale Umkehr der Verhältnisse erbringt.[1] Die Bedeutung von »Himmelreich« kann deshalb nicht zu einer rein innerweltlichen Materie ›verdiesseitigt‹ werden. Es bleibt bei der Notwendigkeit, die Welt zu der Aussicht auf Transzendenz gedanklich zu öffnen und glaubend offenzuhalten.

Dem vor allem auf die Naturwissenschaften gegründeten Fortschrittsdenken erscheint der aufgeklärte moderne Mensch jedoch nicht mehr als geistig arm. Vielmehr lockt die Aussicht auf eine umfassende Erkenntnis der Welt. Das heute noch Verborgene liegt morgen offen am Tag. Wenn ich es recht sehe, schwindet besonders in der evangelischen Kirche der geistige Kontrapunkt zu dieser Einstellung. Die Kirche hat, so scheint es, ein immer größer werdendes Problem mit dem Himmelreich. Handelt es sich nur noch um eine »Interpretationsfigur«, um ein bloßes, noch dazu ausgetretenes Übungsfeld theologischer Reflexion, die kaum viel mehr als den Anspruch anmelden kann, einen religiösen Phantomschmerz zu behandeln? Das wäre nicht mehr als ein intellektueller Zusatz zu einem Glauben, der ganz und für immer eingeschlossen ist in seine irdischen Grenzen, der damit ausgelastet ist, sich mit den historischen Erscheinungsformen von Glauben zu beschäftigen. Wenn religiöse Substantialität zusehends verschwindet, dann bleibt wenig mehr als die Pflege eines »postmetaphysischen Stils«, wie dies noch vor wenigen Monaten ein Münchner Theologe bezeichnet hat. Vielleicht aber bringt es die EKD nach Schriften zu Gesundheit, Familie oder zum unternehmerischen Handeln doch noch zu einer theologisch fundierten Verlautbarung in der Frage, wie sie es mehrheitlich mit dem Himmelreich, mit Transzendenz, Gott, Seligkeit, Auferstehung, ewigem Leben und all diesen ›altreligiösen‹ Glaubensdingen hält. Vielleicht reicht es dann sogar zu einem Armutszeugnis im Sinne der Bergpredigt.

Selig sind die im Geiste Armen, denn ihnen gehört das Himmelreich. Amen.



[1] Siehe dazu Ulrich Luz, Das Evangelium nach Matthäus. 1. Teilband: Mt 1-7 (Evangelisch-katholischer Kommentar zum Neuen Testament, I/1), Zürich u. a. 1985, S. 204.