Predigt Weihbischof Dr. Hans-Jochen Jaschke zum 2. Advent 2015

Predigttext Jak 5,7-8

 

Geduld, Langmut, langer Atem, das sind die Stichworte, die uns der Jakobus Brief heute gibt.

  1. Ein Zitat: „Gott hat den Menschen von Anfang an geformt, um ihm seine Freigebigkeit zu zeigen… Er bildete das Volk, damit die Unbelehrbaren lernten, Gott zu folgen… In vielen Weisen hat er die Menschheit in die Symphonie des Heils einbezogen“ (Irenäus von Lyon, adversus haereses IV 14,2).

Irenäus, der Theologe der alten Christenheit, der die Gestalt des Glaubens beschrieben und gezeichnet hat, zeigt ein Bild von Gott auf: Unaussprechlich, in seiner Größe, das bleibende Geheimnis – ist er offenbar als der Schöpfer, der Erlöser, offenbar als der Sohn, der Bruder seiner Brüder und Schwestern unter den Menschen, der Geist, der keine Grenzen kennt.

 

Und uns, den Christenmenschen, geht Irenäus zu Herzen mit der Einladung: „Wie will jemand vollkommen sein, der gerade erst erschaffen ist… Zuerst musst du die Ordnung des Menschen wahren, um dann an der Herrlichkeit Gottes teilhaben zu können. Nicht du machst Gott, sondern Gott macht dich. Bist du ein Werk Gottes, so warte auf die Hand deines Künstlers, der alles zur rechten Zeit macht für dich, der du gebildet wirst. Bring ihm ein weiches und biegsames Herz entgegen… Denn das Schaffen ist das ganz Eigene der Güte Gottes, geschaffen zu werden, das Eigene der Menschennatur“ (adv. haer. IV 39,-2).

 

Ich stelle das Wort des Jakobus Briefs: „Brüder und Schwestern, haltet geduldig aus bis zur Ankunft des Herrn; auch der Bauer wartet auf die kostbare Frucht der Erde; er wartet geduldig, bis im Herbst und im Frühjahr der Regen fällt; ebenso sollt auch ihr sein; macht euer Herz stark, denn die Ankunft des Herrn steht nahe bevor“, in den großen heilsgeschichtlichen und menschheitlichen Kontext, den Irenäus zeichnet. Gott umfasst das All und uns in ihm. Seine Freigebigkeit ist offenbar. In einer Art von großer Symphonie klingt sie durch die Welt und durch die Zeiten. Gott zeigt sein menschliches Antlitz. Er tritt ein in die Dramatik des Weltgeschehens, in die Geschichte eines jeden Menschenlebens. Gott ist die unaufhaltsame Kraft des Geistes.

 

So sind wir einbezogen, eingeladen, uns ihm zu öffnen. Wir sollen in Geduld lernen, zu werden, zu wachsen und zu reifen. Lassen wir die Hand des Künstlers an uns und durch uns wirksam werden, damit wir uns weiter entwickeln. Zeigen wir ihm ein weiches, ein biegsames Herz. So wie er Geduld mit uns hat, lernen wir, in Geduld und wacher Bereitschaft zu leben.

 

  1. Geduld, Langmut, Währen lassen, der lange Atem – das ist eine menschliche Grundeinsicht, eine Grunderfahrung. Geduld bildet grundlegende Realität unseres Lebens. Im Blick auf Gott, den Ungreifbaren, Unsagbaren, in den Erfahrungen, die wir mit ihm machen dürfen, geht uns auf: Gott hat einen langen Atem. Langmut und Geduld gehen von ihm aus und umgeben ihn für immer.

 

Gott ist der Garant, der Raum unbegreiflicher Freiheit. Sie verströmt, sich, tritt aus sich heraus, lässt die Schöpfung im freien Spiel der Kräfte entstehen. Gott schafft keine Automatenwelt, gesteuert in ihren Prozessen, sondern lässt eine Schöpfung in ihrem Eigensein werden, auch mit allen Entwicklungen und Irrwegen, die wir nicht begreifen. Seine Schöpfung ist immer von seinen guten Händen gehalten, von seinem Atem begleitet.

 

Gott umfängt und trägt die Geschichte. Wir mögen sie als ein fortwährendes Auf- und Ab erfahren, voll von Irrungen und Wirrungen. Er lässt sie währen und bleibt in ihr auf seine Weise am Werk.

 

Gott tritt selber ein in das Welttheater, in die guten Geschichten der Menschen, ihre Tragödien und Komödien. Gott wird geboren in dieser Zeit, um sie einzuholen. Er geht ein in sie als Weizenkorn, das in die Erde fällt und Frucht bringen will für immer. So ist unsere Welt seine Schöpfung, er macht sie zum Ort, zum Keim der Ewigkeit.

 

Gott ruft jeden Einzelnen von uns ins Leben, er nennt uns beim Namen und schenkt uns Freiheit. Gott rührt mich an mit seinem langen Atem, weckt meinen Mut und meinen Geist.

 

  1. Der Jakobus Brief mit seiner Einladung zur Geduld kann uns all dies erspüren lassen: Gottes unendliche Langmut, in der wir leben dürfen. Auch diese „Epistel“ tut uns gut. Sie ist geprägt von christlichem Geist, der auch auf seinen jüdischen Wurzeln lebt, bestimmt von der Grundhaltung eines praktischen Christentums. Der Jakobus Brief steht im Ganzen der Schrift, die ihrerseits einen Kosmos, eine Symphonie der Zusagen und Zumutungen Gottes an uns bildet. Gott ist offenbar, Gott will uns ergreifen und hineinnehmen in sein Offenbarwerden.

 

Christen wissen: Die Bibel ist nicht vom Himmel gefallen. Sie stellt nicht ein Diktat dar, sondern ist Zeugnis des Offenbarseins Gottes, das unter den Menschen lebendig werden will. Die Christenheit bildet nicht eine Religion des Buches, des Buchstabens, sondern des immer neuen Angesprochenwerdens und Berührtseins von Gott.

 

  1. Wie lassen wir uns auf Gottes Langmut und Geduld ein? Indem wir uns einbeziehen lassen in seine Dynamik!

 

Wir dürfen immer neu glauben und vertrauen lernen in den verschiedenen Situationen des Lebens, in den Erfahrungen, die wir machen, in den neuen Entdeckungen, die auf uns zukommen, auch in den Prüfungen und Versuchungen.

 

Irenäus lädt ein zu Wachstumserfahrungen, zu einer Geduld des Reifens. Der Mensch, wir selber sind im Werden. Lassen wir Gott an uns wirken, und zwar immer so, dass wir nicht passiv bleiben, sondern einbezogen sind in sein Werk.

 

Da ist die Geduld zu unseren Mitmenschen, den Lieben, den Nahen und den Fernen. In unserer Kirche brauchen wir Geduld zu all den Lieben und weniger Lieben, mit denen wir eine Gemeinschaft bilden.

 

Schließlich braucht es die Geduld in Langmut mit uns selber. Nehmen wir uns so, wie wir nun einmal sind, fehlerhaft und begrenzt. So dürfen wir uns gernhaben, nicht in uns selber verliebt, aber mit einem guten Blick auf uns, mit Zustimmung zu dem, was wir sind, was wir tun und leisten.

 

Geduld ist umgeben von einem Kranz von anderen Haltungen, die sie ergänzen und zur Entfaltung bringen. Geduld bedeutet nicht Passivität, sondern aktives Handeln, agieren und reagieren. Sie braucht die heilsame Unruhe, die uns in Bewegung hält, Geduld kennt den Schrei in der Not, die Klage, die Sehnsucht nach Tröstung. Und Geduld braucht auch den Zorn über Unrecht und Gewalt, über das Auftrumpfen und die Frechheit der bösen Mächte, über den maßlosen Druck, den die Gewaltigen ausüben. In diesem Netzwerk von Haltungen leben wir, können wir Halt finden.

 

  1. Irenäus lädt uns ein, ein weiches, geschmeidiges, biegsames Herz zu bilden. Ja, es tut uns gut, dass wir uns vor Verhärtungen bewahren und immer unser Herz öffnen. Bitten wir um ein starkes Herz, darum, dass wir in uns Gottes Geist, den Tröster, den Anwalt, den Beistand gewinnen lassen und so unseren Weg in Geduld und Ausdauer nehmen.