Silvesterpredigt 2014 von Prof. Dr. Dr. Johannes Schilling

Liebe Silvestergemeinde,

wir sind hier versammelt am letzten Tag des Jahres, um noch einmal innezuhalten, nachzudenken vielleicht über das was war, und uns innerlich vorzubereiten auf ein neues Jahr. Wie war das vergangene? War es ein gutes Jahr? Und wenn ja, was war daran gut? War es eine böse Zeit? Und wenn ja, was war daran böse? Wünschen wir, dass es mit unserem Leben so weiter geht wie bisher, jedenfalls im Großen und Ganzen? Oder sehnen wir uns nach einem neuen Anfang? Wie auch immer es sei - jeder Jahreswechsel hat etwas Wohltuendes, ja, vielleicht Befreiendes: Altes ist vergangen, und das neue Jahr soll sein Neues bringen und haben, auch für einen jeden und eine jede von uns. Natürlich gibt es Kontinuitäten, gute und schwierige. Aber dem Kommenden gebührt sein Platz, auch in unserem Leben.

Wir haben das Evangelium gehört und uns Erwartung und Erfüllung zugesungen. Wir haben die Epistel gehört – den Hymnus des Paulus von der Treue und Liebe Gottes, von der uns nichts und niemand scheiden kann. Dieses Wort gilt, und in dieser Gewissheit hören wir den Predigttext. Es ist die fünfte Bitte des Vaterunsers: Und führe uns nicht in Versuchung.

Ich habe gestern das gemacht, was Menschen heute häufig tun – ich bin ins Internet gegangen und habe „Versuchung“ eingegeben. Da kommt zuerst ein Wikipedia-Artikel, den wir jetzt auf sich beruhen lassen. Dann aber kommen Bilder zu Versuchung, sechs sind auf den ersten Blick zu sehen: zuerst ein Wandtatoo, in dessen Mitte man auf einem gut arrangierten Tisch eine Sektflasche stehen sieht: „Allem kann man widerstehen, nur nicht der Versuchung.“ Das soll man also beständig, in großen Lettern, an seiner Wand haben. - Außerdem ist da ein ausgestreckter Arm zu sehen, mit der Handfläche nach oben, auf der ein roter Apfel liegt. Und es gibt ein Hundebild mit einem Text von Oscar Wilde: „Der einzige Weg, eine Versuchung loszuwerden, ist, ihr nachzugeben.“ Später folgt: „Küsse sind die zarteste Versuchung, seit es Deine Lippen gibt.“ Die Milka-Werbung treibt aber noch absonderlichere Blüten: Auf einer violetten Schokoladentafel findet sich eine Kuh mit der Inschrift „Christus“ und dem Sinnspruch: „Christus – Die zarteste Erlösung, seit es die Versuchung gibt.“ Wenn man da nicht anbeißen will …

Liebe Gemeinde,

was man da sehen kann, nenne ich die Banalisierung der Versuchung. Als ob wir Gott bitten sollten oder müssten, uns vor solchen Harmlosigkeiten zu bewahren. Wenn wir die Bitte äußern, wenn wir beten, dass Gott uns nicht in Versuchung führen möge, dann meinen wir vielleicht doch, dass er uns vor existenzgefährdenden Situationen bewahren möge. Dass er uns helfen soll, wenn und weil andere Hilfe nicht zur Verfügung steht. Mir scheint, es gehe in dieser Bitte vor allem darum, dass Gott uns vor uns selbst schützen möge. Weil wir um unsere Versuchlichkeit wissen, und um die Selbstgefährdung, die mit dieser Versuchlichkeit unauflöslich verbunden ist. Die wir nicht selbst überwinden können, weil wir nicht Herren über uns selbst sind, uns nicht in allen Lebenslagen beherrschen können. Oscar Wildes Rat „Der einzige Weg, eine Versuchung loszuwerden, ist, ihr nachzugeben.“ ist also der schlechteste, den man überhaupt erteilen kann. Denn er wird unweigerlich zur Folge haben, dass die nächste Versuchung kommt und dieser abermals nachgegeben wird. Ob man ihn aber umkehren kann: Der einzige Weg, eine Versuchung los zu werden, ist, ihr nicht nachzugeben, wäre zu prüfen.

Einer ist gerade diesen Weg gegangen. Markus, Matthäus und Lukas berichten jeweils am Anfang ihrer Evangelien von der Versuchung Jesu.  Da geht es um Hunger und um Macht, und darum, Gott auf die Probe zu stellen, IHN zu versuchen – er hat doch verheißen, dass dich Engel auf den Händen tragen, wenn du dich herabstürzt. Jesus aber lässt sich auf keine der Versuchungen ein – Der Mensch lebt nicht vom Brot allein – Du sollst den Herrn, deinen Gott, nicht versuchen – Du sollst den Herrn, deinen Gott, anbeten und ihm allein dienen. Da verließ ihn der Teufel.

Man könnte und kann aus dieser Geschichte die Bereiche abstrahieren, in denen Versuchungen erfolgen. Erstens: die Leiblichkeit des Menschen. Diese Erfahrung können alle teilen: Unsere Leiblichkeit ist ein Ort, an dem Versuchungen geschehen, und zwar mit Erfolg. Ob diese Versuchungen immer böse sind, steht dahin – erst wenn wir sie nicht mehr beherrschen, zeigt sich das Böse, im Nachhinein. Es geht um Zuviel oder Zuwenig, um Missbrauch oder um Verbotenes, um Überschreitungen, um Gefährdungen, in die man sich wissentlich und willentlich begibt – weil das Leben dann spannender, aufregender, vermeintlich oder tatsächlich genussvoller und schöner ist.

Der zweite Bereich ist der menschliche Wunsch oder die stillschweigende menschliche Voraussetzung, der allmächtige Gott werde es schon richten, wo wir mutwillig gefehlt haben. Diese Vorstellung würde Gott zu einem Instrument unserer Wünsche machen, zum Generalrückversicherer, der alles regelt, was wir falsch gemacht haben. Einen solchen Gott in Anspruch, in die Pflicht, in Regress zu nehmen, ihn zu gebrauchen, hieße, keinerlei Risiko einzugehen. Am Ende wird ja ohnehin alles gut. Aus dem, auf den wir in allen Nöten unser Vertrauen und unsere Hoffnung setzen, würde ein Automat zum Ausgleich für vorsätzliches menschliches Versagen.

Im dritten Fall geht es um Macht – ein Streben, das die Welt bewegt, ohne das es menschliche Zivilisation und Kultur nicht gibt, und das zu guten und zu bösen Zwecken gebraucht werden kann. Macht ist nicht an sich böse, aber vielleicht sind die Grenzen des Missbrauchs hier besonders eng. Und das Gefühl, Macht zu haben, ist für anfällige Charaktere jedenfalls eine Versuchung, insbesondere dann, wenn sie sich als letzte Instanz begreifen, als gleichsam göttliche Instanz. Beispiele aus Geschichte und Gegenwart gibt es, leider, genug.

Bei diesem letzten Bereich möchte ich gleich noch einen Moment verweilen. Zuvor aber ist die Frage zu stellen: Versucht uns Gott? Stellt er uns auf die Probe, wie Abraham bei Isaaks Opferung? In der Vaterunser-Bitte bleibt diese Frage unbeantwortet. Im 2. Petrusbrief (2,9) heißt es: Der Herr weiß die Frommen aus der Versuchung zu erretten, und Paulus schreibt an die Korinther (1 Kor 10, 13): Bisher hat euch nur menschliche Versuchung getroffen. Aber Gott ist treu, der euch nicht versuchen läßt über eure Kraft, sondern macht, daß die Versuchung so ein Ende nimmt, daß ihr´s ertragen könnt. 

Luther hat die Bitte im kleinen Katechismus so ausgelegt: „Und führe uns nicht in Versuchung. Was ist das? Gott versucht zwar niemand, aber wir bitten in diesem Gebet, daß uns Gott behüte und erhalte, damit uns der Teufel, die Welt und unser Fleisch nicht betrüge und verführe in Mißglauben, Verzweiflung und andere große Schande und Laster; und wenn wird damit angefochten würden, daß wir doch endlich gewinnen und den Sieg behalten.“

 

Der Teufel, die Welt und unser Fleisch – das sind die Mächte der Versuchung. Unser Fleisch steht dabei an letzter Stelle. Vielleicht sollten wir daraus den Schluss ziehen, dass diese Versuchungen nicht die schlimmsten sind, die uns widerfahren können. Jesus empfiehlt den Jüngern in Gethsemane: Wacht und betet, dass ihr nicht in Versuchung fallt. Der Geist ist willig, aber das Fleisch ist schwach (Mk 14, 38). - Dann kommt die Welt – die Welt als der Bereich von Macht und Herrschaft und Besitz. Diese Versuchungen sind größer, und entsprechend sind die Empfehlungen in der Geschichte des Christentums ausgefallen, am deutlichsten in den monastischen Gelübden: Keuschheit, Armut, Gehorsam – Verzicht auf die Begierden der Leiblichkeit, Verzicht auf Besitz, das den Menschen innewohnende Habenwollen, das sich gerade auch in der Konkurrenz untereinander manifestiert, Verzicht auf die Macht zur Selbstverwirklichung. Immer wieder haben die monastischen Gemeinschaften oder ihre Repräsentanten der Welt und den Menschen Beispiele gegeben, dass es Alternativen gibt zum Ausleben der Leiblichkeit, des Besitzstrebens und des Willens zur Macht – und mit diesen Alternativen der Welt und den Menschen wohlgetan.

Ich habe, zu meiner Überraschung und Freude, zu Weihnachten ein Buch geschenkt bekommen, von einer Person, die ich im vergangenen Jahr kennengelernt habe. Irgendwie war das eine belebende Begegnung, wie sie nicht allzu häufig geschieht – und nun hat sie mir auch noch ein Geschenk gemacht. - In diesem Buch des Franzosen René Girard geht es um die Überwindung von Gewalt, darum, die Macht des Teufels zu brechen. Der ist ja nicht eine mythologische Figur, sondern die Metapher für das in der Welt vorhandene reale Böse, dessen Macht man nicht unterschätzen darf und soll. Girard erinnert zunächst an die Gebote und unter ihnen an das letzte: Du sollst nicht begehren … Nicht nur Handlungen werden verboten, sondern eben und gerade das Begehren – als die Quelle von Konflikten und Gewalt, von Eskalation und Überbietung. Das „mimetische Begehren“,  wie er es nennt, ist der Grund für Unfrieden und Gewalt, die „mimetische Rivalität“, ja, ein daraus möglicherweise entstehender „mimetischer furor“. Und diese Einstellung hat die Tendenz, sich zu einem Mechanismus zu entwickeln, Opfer zu definieren und zu verfolgen, bis zum bitteren Ende. Wer will sich einer solchen Macht der Masse dann entgegenstellen? Jesu Schicksal wird in den Passionsberichten des Neuen Testaments als Ergebnis solcher Gewalt geschildert, die Steinigung des Stephanus ist ein solcher Akt der Gewalt – und die Geschichte der Ehebrecherin „eine der seltenen Erfolgsgeschichten Jesu im Umgang mit einer gewaltbereiten Menge“ (Girard 81). – Jesus Christus, unser Herr, gibt uns in seinem Handeln und in seinem Leiden Beispiele dafür, wie Versuchung überwunden werden kann. Und da wir diese Beispiele nicht einfach nachmachen können, bitten wir Gott darum, dass er uns nicht in Versuchung führt, in Begehren, das unsere Selbstbeherrschung und Selbstkontrolle übersteigt, in Rivalität, die unseren Mitmenschen das Ihre nicht gönnt oder nicht lässt, und in Selbstüberschätzung, die Gott sein Gott-Sein nicht lässt, in der wir uns vielmehr selbst zu Göttern zu machen versucht sind.

Vielleicht trifft ein Gedicht Reinhold Schneiders das, was Girard mit der Überwindung der Gewalt durch das Christentum beschreibt, besonders gut:

Allein den Betern kann es noch gelingen, / Das Schwert ob unsern Häuptern aufzuhalten / Und diese Welt den richtenden Gewalten / Durch ein geheiligt Leben abzuringen.

Denn Täter werden nie den Himmel zwingen: / Was sie vereinen, wird sich wieder spalten, / Was sie erneuern, über Nacht veralten, / Und was sie stiften, Not und Unheil bringen.

Jetzt ist die Zeit, da sich das Heil verbirgt, / Und Menschenhochmut auf dem Markte feiert, / Indes im Dom die Beter sich verhüllen,

Bis Gott aus unsern Opfern Segen wirkt / Und in den Tiefen, die kein Aug entschleiert, / Die trocknen Brunnen sich mit Leben füllen.

Liebe Gemeinde, Und führe uns nicht Versuchung. Ohne Anfechtung wird diese Bitte nicht abgehen. Aber wenn wir in solche Irritationen fallen, dann soll sie auch nicht ohne Gewissheit gesprochen sein. Luther hat einmal einen tröstlichen Gedanken formuliert: Gottes Versuchungen sind seine Umarmungen, sui amplexus, damit wir nicht aufhören, ihn zu suchen, ihn zu hören und unser Ohr ihm zu neigen. Also ein Zeichen, dass er uns nachläuft (Ideo signum, quod nobis nachläuft (WA 40 II, 582). Wer uns nachläuft, behält uns im Auge, und wenn es gefährlich wird, wird er seine Hand nach uns ausstrecken und uns festhalten. Auch im Neuen Jahr. AMEN. - Und der Friede Gottes, der höher ist als unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.