Weihnachtspredigt 2015 von Universitätsprediger Prof. Dr. Andreas Müller

Predigt zu Tit 2,11-14, Heiligabend 2015

 

Liebe Weihnachtsgemeinde,

wir feiern Weihnachten! Ein Fest der Familie, ein Fest der Besinnung und Erinnerungen, aber auch der Hoffnungen.

In den vergangenen Tagen habe auch ich die Feste Revue passieren lassen, die ich in den vergangenen Jahrzehnten erlebt habe. Da kamen Erinnerungen auf an viele hoch gesteckte Erwartungen, die meist eher zu Stress und Streit als zu einem harmonischen Weihnachtsfest geführt haben. Da kamen aber auch Erinnerungen auf an die Feste, die wir im Familienkreis gefeiert haben. Alle waren Sie gekommen: Meine Großmutter, meine Tante und ihre Familie – zehn, zwölf Leute konnten das gut einmal werden. Dieser Kreis stellte uns vor besondere Herausforderungen. Gut erinnere ich mich noch an die Feste, zu denen auch die neue Frau meines Cousins mitgekommen war. Denn das Fest hatte nun einen ganz neuen Charakter bekommen: Unser neues, angeheiratetes Familienmitglied ist türkische Muslima. Indem wir nun mit verschiedenen Religionen das Fest begingen, stellten sich neue Fragen: Wie lässt sich das Weihnachtsfest denn feiern, wenn keineswegs alle Mitfeiernden die Botschaft von Weihnachten teilen können? Irgendwann sagte meine neue Wahlverwandte tatsächlich: Seid mir nicht böse, Weihnachten ist nicht mein Fest! Gilt die Weihnachtsbotschaft allen Menschen? Ist es ausschließlich das Fest der Familie und der Geschenke, das wir miteinander feiern können?

Liebe Weihnachtsgemeinde, heute begehen wir Weihnachten unter anderen Bedingungen als im letzten Jahr. Schätzungsweise etwa eine Millionen Flüchtlinge sind aus dem Nahen Osten, aus Afghanistan, Somalia und vielen anderen Ländern nach Europa, nach Deutschland gekommen. Ob wir es wollen oder nicht, wir leben inzwischen in einer durch die Ereignisse der vergangenen Monate veränderten Gesellschaft. In dieser Zeit hört sich dann auch der Predigttext für das heutige Fest ganz anders an als vielleicht noch vor einem Jahr: „Es ist erschienen die heilsame Gnade Gottes allen Menschen“ – hören wir auf die Worte aus dem Titusbrief im zweiten Kapitel:

 

Es ist erschienen die heilsame Gnade Gottes allen Menschen,

und bildet uns,

dass wir die Gottlosigkeit und die weltlichen Begierden ablehnen,

und besonnen, gerecht und fromm in dieser Welt leben,

und die selige Hoffnung und Erscheinung erwarten

der Herrlichkeit des großen Gottes und unseres Heilandes Jesu Christi,

der sich selbst für uns gegeben hat,

damit er uns befreit von aller Gesetzlosigkeit

und reinigt sich selbst ein Volk zum Eigentum,

einen Eiferer nach guten Werken.

 

Liebe Gemeinde, Weihnachten ist ein Fest für alle Menschen. Die gute Botschaft der Weihnacht schließt niemanden aus. Dies wird in wunderbarer Weise immer wieder in mittelalterlichen Darstellungen der Weihnachtsgeschichte deutlich. Ist Ihnen schon einmal aufgefallen, dass an der Krippe in diesen alten Bildern und Schnitzwerken oft nicht nur Menschen stehen, die wir dort erwarten? Diejenigen, die zur Krippe nach Bethlehem kommen, werden oft ganz unterschiedlich dargestellt, besonders die sogenannten drei Weisen aus dem Morgenland. Auf unserem Gottesdienstblatt sehen wir nicht nur einen weißen Menschen, sondern eben auch einen schwarzen. Auf der Schnitzerei, die sich heute im Dommuseum in Fulda befindet, fehlt noch eine dritte Gestalt, die gelegentlich sogar asiatische Züge trägt. Die drei Weisen aus dem Morgenland kommen gar nicht nur aus dem Osten. Sie verkörpern in der mittelalterlichen Kunst vielmehr die drei damals bekannten Kontinente: Afrika, Asien und Europa. Die Botschaft von dem Kind in der Krippe gilt eben allen Menschen. Oft sind die Weisen sogar auch als junger, mittelalter  und greisenhafter Mann dargestellt – das Euangelion, die gute Nachricht, gilt also auch allen Generationen. Wir würden noch ergänzen: Es gilt Menschen unabhängig von ihrem Geschlecht, ihrem Besitz und ihrem Gesundheitszustand. Es gilt eben allen Menschen.

Bedeutet das aber, dass wir heute Muslime, Menschen vieler anderer Religionen und selbst die Atheisten in unserem Land dazu nötigen sollten, mit uns nicht nur ein Fest der Familie, sondern auch die weihnachtliche Botschaft zu feiern? Missionarischer Eifer ist keineswegs angesagt. Die Situation der Flüchtlinge sollten wir nicht ausnutzen, um ihnen unsere religiösen und kulturellen Vorstellungen und Ideale aufzunötigen. Die Aussage des Titusbriefes trifft aber dennoch zu: Die gute Nachricht, das Euangelion Gottes, gilt allen Menschen, ob sie sie für sich persönlich annehmen wollen oder auch nicht. Was aber ist diese Botschaft?

Drei Kernaussagen sind für mich im Predigttext von besonderer Bedeutung: Erstens geht es bei Weihnachten um Gnade. Zweitens ermöglicht uns diese Gnade Leben in unserer Gegenwart. Und drittens leben wir von Weihnachten her in der Hoffnung auf eine noch bessere Welt. Gehen wir diesen drei Kernaussagen genauer nach:

1. Es ist erschienen die heilsame Gnade Gottes allen Menschen. Wohl kaum eine Begrifflichkeit ist unserer heutigen Welt fremder als der Begriff der Gnade. Gnädig ist man allenfalls im Gericht, wenn mal wieder Gnade vor Recht gehen soll. Solche Gnade steht dem Recht geradezu diametral gegenüber. Gnade ist die Aufhebung von dem, was recht und billig ist. Ist so eine Gnade wirklich etwas Positives? Und was hat sie mit Gott zu tun?

Ich denke, dass es heute durchaus noch Sinn macht, von Gnade zu sprechen. Menschen gehen oft sehr ungnädig oder vielleicht noch besser unbarmherzig mit ihren Mitmenschen und auch mit Gott um. Wir stellen sehr hohe, oft unmenschliche Anforderungen an andere, aber auch und gerade an uns selber. Immer stärker setzt sich nämlich ein ungnädiger, unbarmherziger Leistungsdruck unter uns durch. Dies gilt nicht nur im Blick auf  unsere Arbeit. Dies gilt auch im Blick auf unsere Freizeit, unsere Familien und Freundeskreise.  Sind wir nicht gewohnt, uns an anderen zu messen? Ich habe nicht nur ein größeres Auto, ein schöneres Haus  und eine bessere Freizeitausrüstung. Nein, ich habe auch mehr Freunde, mehr Menschen, die mich bewundern  und ein intakteres Leben. Schwächen oder gar Scheitern sind in diesem System nicht vorgesehen. Wer nicht funktioniert, fliegt raus, ist allenfalls ein Objekt von Diakonie oder Wohlfahrt. Wer alt ist, krank oder schwach, der wird höchstens aufgrund der utilitaristischen Grundeinstellung unterstützt: Unterstützerinnen oder Unterstützern könnte es ja mal ähnlich gehen. Es ist vielleicht kein Wunder, dass in einer solchen Welt von Leistung und Erfolg Wörter wie Gnade und Barmherzigkeit fehlen.

Es ist erschienen die heilsame Gnade Gottes. Das griechische Wort für heilsam lässt sich fast noch besser mit heilsbringend, rettend übersetzen. Was kann aber mit einer solchen heilsbringenden Gnade gemeint sein? Es ist das Geheimnis der Weihnacht, um das es hier geht: Gott wird Mensch. Gott gibt sich uns hin. Gott bringt das Heil in einen erbärmlichen Stall in einem kleinen, unbedeutenden Flecken in Judäa. Es gibt daher keine noch so unbedeutenden Orte mehr in der Welt, an denen Heil nicht spürbar werden könnte. Gott selbst hat in der Weihnacht diese Orte mit Licht, Leben und Liebe erfüllt. Er hat durch seine Geburt in Bethlehem deutlich gemacht: Das Heil der Welt, Zufriedenheit und Erfüllung lassen sich auch dort entdecken, wo nichts glänzt und nichts vollkommen ist. An Orten, an denen man nichts erwartet. Wenn Du zu scheitern meinst – auch dann ist Gott da. Wenn Du traurig bist und verzweifelt – auch dann ist das Heil nicht ferner. Wenn Du krank bist oder schwach – so ist er da. Auch wenn wir er es mit unserer Logik nicht verstehen: Gott ist auch bei den Familien, die durch den IS Ermordete beklagen. Gott ist mitten in den Flüchtlingsunterkünften,  ja seine Krippe würde heute wohl dort stehen.

Nun mögen Sie sagen: Legitimiert Gott dann nicht Unrecht, Not und Leid, wenn er auch an solchen Orten ist? Kann dann die Welt nicht so schlecht bleiben, wie sie ist?

Die Perspektive auf die Gnade ist eine andere: Sie ist keine Perspektive der Täter oder der außenstehenden Betrachter. Sie ist vielmehr eine Perspektive der Opfer, der Opfer fremder oder auch eigener Unbarmherzigkeit. Ihnen wird gesagt: Deine Situation ist nicht aussichtslos, ist nicht das Ende! Gott ist bei Dir, wie finster die Höhle, der Stall Deines Lebens im Augenblick auch sein zu scheinen mag. Das ist Gnade: Gott ist mit Dir bis ins äußerste – der Verfasser des Titusbriefes spricht in diesem Zusammenhang mit traditionellen religiösen Deutungsmustern von der Selbsthingabe Christi.  Heute würden wir vielleicht eher davon reden, dass Gott uns erlöst hat von allem Leistungszwang und aller erdrosselnden vermeintlichen Selbstdefinition unseres Wertes, erlöst von aller Ungerechtigkeit. Wir können hier und jetzt heilvoll leben, weil mit der Weihnacht das Heil mitten in diese Welt gekommen ist.

2. Der Titusbrief ist der optimale Brief für die Universität: Denn es geht seinem Verfasser um Bildung. Die Gnade, die da in die Welt gekommen ist, soll uns formen und bilden.  Positiv formuliert der Verfasser: zum besonnenen, gerechten und frommen Leben.

Es ist bemerkenswert, dass dieses Bildunsgideal für den antiken Hörer keineswegs spezifisch christlich klang. Die antike Philosophie der Stoa hätte es genauso formulieren können: Sei besonnen, sei gerecht und sei fromm. Und auch heute würden wir zumindest den ersten beiden Verhaltensweisen uneingeschränkt zustimmen können, auch wenn wir nicht überzeugte Christenmenschen wären.

Besonnenheit – das hat etwas mit der tiefen Gelassenheit von weisen Menschen zu tun. Sie ergibt sich konsequenterweise aus der Gnade Gottes. Wenn ich davon überzeugt bin, dass ich auch dann nicht in einer heillosen Zone bin, wenn ich einmal nicht den gewünschten Erfolg habe, wenn ich verzweifelt oder bedrängt bin, dann brauch ich nicht außer mir zu geraten, sondern kann gelassen bleiben.

Gerechtigkeit – das bedeutet vor allem, von dem anderen nicht mehr zu fordern, als er zu tun in der Lage ist. Gerechtigkeit bedeutet, den anderen nicht nach meinen Idealbildern vom Menschen zu gestalten, sondern ihn so stehen lassen zu können, wie er ist. In unserer heutigen Zeit wird es auch zur Gerechtigkeit gehören, den Fremden oder die Fremde als Menschen mit eigenem Wert zu begreifen. Auch wenn Menschen ganz anders sind als ich, können sie mir viel geben. - Gerechtigkeit bedeutet ferner, den anderen Menschen dieselben Rechte einzuräumen, die ich mir selber gewähre. Auch mein Gegenüber hat das Recht, so zu leben, wie er es gewohnt ist oder will, so lange er seine Mitmenschen dadurch nicht schädigt. Sei er Muslim, Jude, Hindu oder Buddhist, sei er spontan oder verhalten, sei er konservativ oder progressiv.

Das griechische Wort für Frömmigkeit, εὐσέβεια meint soviel wie gute, große Achtung haben. Vielleicht fällt uns postmodernen Menschen das immer schwerer: ein Gegenüber, jemand anderen zu achten. Achtung vor anderen bedeutet immer auch ein Stück weit Relativierung seiner selbst. Und Relativierung bedeutet, sich und die eigene Existenz deutlich zu jemanden in Bezug, in Relation zu setzen. Die Frömmigkeit, von der der Verfasser des Titusbriefes hier spricht, die meint nichts anderes als das ehrfurchtsvolle Wissen darum, dass ich meinen Wert eben nicht selbst bestimmen kann, dass ich Geschöpf Gottes bin. Gott hat mir Gaben Gaben mitgegeben, aus denen ich etwas machen kann und soll. Aber dass ich diese Gaben habe, das ist ein Geschenk. Genau das meint Frömmigkeit: Seine Existenz nicht in sich selbst zu begründen, sondern von jemandem anderen gegründet zu wissen.

3. Damit wären wir beim dritten und letzten Punkt: Der Hoffnung. Weihnachten ist ein Ereignis, dass Hoffnung auslöst, nämlich die Hoffnung, dass nicht alles so bleibt, wie es ist. Not, Leid, Hass, Gewalt, Ungerechtigkeit, Krankheit und Tod – all das soll nicht das letzte Wort haben. Wir erwarten einen neuen Himmel und eine neue Erde, in denen Gerechtigkeit wohnt. Wir warten auf eine Welt, in der Menschen Menschen nicht mehr um irriger Überzeugungen willen ermorden, eine Welt frei von Kriegen und Diktaturen. Wir erwarten eine Welt, in der es nicht wenigen wirtschaftlich gut und vielen schlecht geht. Wir erwarten eine Welt, in der Leid, Krankheit und Tod nicht das letzte Wort haben. Der Verfasser des Titusbriefes hat eine begründete Hoffnung, dass eine solche Welt kommen wird. Denn mit dem Erscheinen der Gnade Gottes im Stall von Bethlehem sind alle lebens- und liebestötenden Kräfte dieser Welt zum ersten Mal überwunden worden. Im Kreuzestod dessen, der da in Bethlehem geboren wurde, sind alle Wertsysteme unserer Welt schon einmal umgestoßen worden. Der neue Retter, der da gekommen ist, kam nicht als machtvoller Herrscher, der die Welt eigensinnig und eigenmächtig auf den Kopf gestellt hat. Er kam als jemand, der auch in seiner letzten Minute seinen Feinden noch mit Liebe begegnete, indem er sagte: Vater, vergib Ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun. Mit der Weihnacht, mit der Kreuzigung und Auferstehung Jesu Christi ist ein für alle mal deutlich geworden, dass die konsequente Liebe Gottes in der Welt siegt: Das ist ein guter Grund unserer Hoffnung.

Liebe Weihnachtsgemeinde, ist die Gnade Gottes nun wirklich allen Menschen erschienen? Könnte auch meine muslimische Schwippschwägerin Weihnachten feiern? Kamen die Weisen aus dem Morgenland zu Recht zur Krippe? Ich denke schon, dass die Gnade Gottes in der Weihnacht wirklich für alle Menschen erschienen ist, auch wenn sie nicht an Jesus Christus glauben. Gott ist nicht Christ, Jude, Buddhist oder Muslim geworden, sondern Mensch. Christen können aus diesem Glauben heraus sich selbst, anderen Menschen und auch Gott neu begegnen. Sie können ihr Leben besonnen, gerecht, fromm und voller Hoffnung führen. Und sie können in ihre weihnachtliche Freude alle anderen Menschen mit hineinnehmen und Lichter tragen in die Finsternis unserer Welt. Christ ist geboren: Gott ward Mensch! Amen!