Das Kieler Schleiermacher-Diskursforum im Juni 2018

„Was Theologie so treibt – Schleiermachers theologisch-hermeneutische Praxis in moderner Gesellschaft“. Unter diesem Titel, der zugleich den Impetus vorgab, fand vom 01. bis 02. Juni 2018 das Schleiermacherdiskursforum an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel statt. weiterlesen

Rund 70 Gäste folgten der Einladung, um passend zum 250. Geburtstag F. D. E. Schleiermachers den planmäßig erfolgten Abschluss der III. Abteilung (Predigten) der Kritischen Gesamtausgabe seines Werkes zu feiern. Zugleich bot das Diskursforum thematisch den Anschluss für die Frage nach der Bedeutung seiner Predigten und Exegese hinsichtlich der Hermeneutik seines Gesamtwerkes und der heutigen Bedeutung für Theologie, Wissenschaft und Gesellschaft. Damit stellte die Tagung zugleich den Auftakt und Ausblick für die aktuelle Edition der exegetischen Vorlesungen.

Im Anschluss an den diesjährigen Dies Theologicus eröffnete der Nachfolger Prof. Dr. Dr. Günther Meckenstocks und aktuelle Leiter der Schleiermacher-Forschungsstelle, Prof. Dr. André Munzinger, in der Kieler Universitätskirche feierlich das Diskursforum und würdigte in seinen Worten Werk und Mitwirkende des abgeschlossenen Projekts. Besonderen Dank sprach er zudem seinem Vorgänger aus, der durch seine mehrere Jahrzehnte währende Arbeit der Forschungsstelle zu ihrem heutigen Stellenwert grundlegend verholfen hat. Mit dem Grußwort von Prof. Dr. Lutz Käppel folgten weitere dankerfüllte Worte aus dem Kreise der Herausgeberschaft der KGA. Dabei blickte er nicht nur zurück auf die bisherige Arbeit der Schleiermacher-Forschungsstelle und betrachtete die abgeschlossene Abteilung, sondern wagte auch einen zuversichtlichen und freudigen Blick in das anstehende Editionsvorhaben. Besonders sei hier auch Prof. Dr. Makoto Mizutani gedankt, der nicht nur die besten Glückwünsche der japanischen Schleiermacher-Gesellschaft überbrachte, sondern damit zugleich die internationale Bedeutung der Kieler Schleiermacher-Forschung herausstellte.

Der kulturelle Höhepunkt wurde durch das eigens für die Tagung zusammengetretene Ensemble Unverständlich markiert. Es führte das Stück „Zusammenhang“ des zeitgenössischen Komponisten und Schleiermacher-Nachfahren Steffen Schleiermachers, zum zweiten Mal überhaupt, öffentlich auf. So bot das Ensemble den anwesenden eine eindrückliche Auseinandersetzung des Komponisten mit dessen Urahnen, sowie eine einzigartige Interpretation von zentralen Logien aus Schleiermachers Werk dar.

Der folgende Samstag war ganz der thematischen Auseinandersetzung mit Schleiermachers Œuvre gewidmet, dessen Auftakt und Anschlusspunkt die von Prof. Dr. Dr. Günter Meckenstock in der Universitätskirche vorgetragene Schleiermacher-Predigt über Mt 10, 34 bildete. Auf vorzügliche Weise erweckte dieser die eigens von ihm ausgewählte Weihnachtspredigt zu neuem Leben und ermöglichte den Zuhörenden ein unmittelbares Erleben Schleiermachers homiletischen Wirkens. Gerade an jenem Predigttext wurde zugleich dessen Stil des situativen Predigens, sowie seine Fähigkeit zur Erschließung problematischer Bibeltexte deutlich. Prof. Dr. Jörg Dierken bot den Teilnehmenden daran anschließend eine systematisch-theologische Kontextualisierung der Predigt in den Gesamtzusammenhang von Schleiermachers Predigtwerk und unternahm den Versuch, dessen hermeneutischen Zugänge nachzuzeichnen. Dr. Manuel Stetter lieferte hierzu ergänzend eine praktisch-theologische Perspektive zur gehörten Predigt. Dabei erschloss er zum einen die Weihnachtspredigt explizit aus dessen Schaffenswerk heraus und kontrastierte sie zum anderen vor dem Hintergrund der Homiletik jener Zeit. Beide setzten hiermit wichtige hermeneutische Akzente, an die sich die konkrete Textarbeit an der Schleiermacherschen Predigt anschließen konnte. In insgesamt vier Gruppen wurde sich der Frage nach dem Zusammenhang von Exegese, Hermeneutik und Homiletik unter verschiedenen Gesichtspunkten gewidmet. Die Vielfalt und Verschiedenheit der gewonnenen Erkenntnisse und die rege Podiumsdiskussion wiesen auf, dass es sich bei der Klärung des Zusammenhangs zweifellos noch um ein bestehendes Desiderat der Schleiermacher-Forschung handelt.

Den letzten beiden Referierenden der Tagung gelang es jedoch, diese Crux durch ihre jeweiligen transdisziplinären Brückenschläge zu relativieren und aktuell anschlussfähige Perspektiven auszuweisen. So widmete sich Prof. Dr. Konrad Ott in seinem Beitrag etwa der Dialektik Friedrich Schleiermachers. Er, selbst der Frankfurter Schule entstammend, bediente sich dabei sowohl traditioneller wie auch zeitgenössischer Diskurstheorien und vermochte den Zuhörerinnen und Zuhörern anschaulich die Tragweite von Schleiermachers Werk über die Grenzen der Theologie hinaus aufzuzeigen. Zugleich wies er hiermit auch das Potenzial seines Werkes für eine moderne, akademisch verstandene Theologie nach. Dr. Karlies Abmeier legte schließlich den Fokus auf die Frage nach der heutigen gesellschaftlichen Bedeutung von Friedrich Schleiermachers Werk im Allgemeinen. Als Leiterin des Teams für Religions-, Integrations- und Familienpolitik der Konrad-Adenauer-Stiftung vermochte sie, die bisherigen Erträge der Tagung mit ihren eigenen Schwerpunkten zu verknüpfen und so eine umfassende gesellschaftspolitische Perspektive zu geben.

Insgesamt gestaltete sich das Diskursforum, wie erhofft, als gelungener und würdiger Wendepunkt in der Geschichte der Kieler Schleiermacher-Forschungsstelle. Nicht zuletzt war dies auch der zahlreichen Teilnahme und dem regen Engagement der Gäste zu verdanken. Durch die gesammelten Einsichten während der mannigfachen Wortbeiträge und Diskussionen, aber auch durch persönlichen Austausch am Rande des Programms, wurde deutlich, dass der Abschluss der III. Abteilung (Predigten) allseits mit großer Zufriedenheit aufgenommen wurde und mit Spannung auf die Edition der exegetischen Vorlesungen geblickt wird. Gleichzeitig vermochte das Diskursforum insgesamt Anfragen zu formulieren und auf noch bestehende Desiderate hinzuweisen, deren Beantwortung sich das aktuelle Projekt nunmehr zu widmen hat. Somit war die Tagung nicht nur die bloße gegenwärtige Bestandsaufnahme des durch langwierige Arbeit erreichten Forschungsstandes, sondern ein wegweisender Impuls für die kommenden Jahre.