Geschichte der Partnerschaft mit der Theologischen Fakultät in Tartu

Die Förderung der Theologischen Fakultät Tartu durch die Kieler Theologische Fakultät

Die Theologische Fakultät in Tartu (Dorpat) entstand im Zusammenhang mit der Tartuer Universitätsgründung. Gustav Adolf unterschrieb die Urkunde 1632 im dreißigjährigen Krieg wenige Tage vor seinem Tod auf dem Schlachtfeld. Die Fakultät wurde jedoch 1940 von den Sowjets aufgelöst. Am 1.9.1991, also rund 40 Jahre später und sehr bald nach der Wiedergewinnung der Eigenstaatlichkeit Estlands, konnte sie aufgrund des einmütigen Willens von Staat und Kirche wieder eröffnet werden. Hoffnung kam auf, in einem überschaubaren Zeitraum wieder an die letzte Blütezeit der Fakultät von der Mitte des 19. bis zum Eingang des 20. Jahrhunderts anknüpfen zu können. Allerdings sah der Neuanfang vorerst ärmlich aus: In den klassischen Fächern konnte nur das Fach Altes Testament mit einer estnischen Lehrkraft, die habilitiert war, besetzt werden. Diese, nämlich Prof. Dr. K. Kasemaa, wurde zugleich von der Universität zum Gründungsdekan bestellt. In allen anderen Fächern musste man sich anfangs mit provisorischen Lösungen behelfen oder war ganz auf ausländische Gastdozenten angewiesen. Die niedrigen Gehälter (die man zunächst noch gegen Quittung bar auf die Hand bekam) bedingten zudem, dass ein hoher Prozentsatz des Lehrkörpers vorerst einem zweiten Beruf nachgehen musste, um eine Familie ernähren zu können (etwa: eine halbe Stelle als Pfarrer oder Lehrer). Das zerrissene Netz internationaler Kontakte, ohne das kein wissenschaftlicher Diskurs gedeihen kann, musste überhaupt erst neu geknüpft werden. Die Bibliotheksverhältnisse waren zwar für die Zeit vor 1940 zum Teil erstaunlich gut, aber estnische Literatur gab es von da ab gar nicht mehr und internationale war selbstredend gar nicht gekauft worden. Das Kollegium musste sich also den Anschluss an die internationale theologische Diskussion der Gegenwart im Wesentlichen neu erarbeiten. Außerdem musste die Fakultät ihr Innenleben in gerade einmal zwei kleinen Räumen organisieren. Natürlich war auch der Sachetat (Bürobedarf) im Vergleich zu westeuropäischen Verhältnissen überaus kümmerlich. Trotz allem begann der Lehrbetrieb mit rund 30 Studierenden und stieg dann gegen Ende des Förderzeitraums auf bis zu 200 an, wenn man die im gestreckten Verfahren eingerichteten Studiengänge Baccalaureus, Magister, Promotion und das Aufbaustudium Religionspädagogik zusammenzählt.

Es ist der konzeptionellen Weitsicht und dem nimmer ermüdenden Einsatz des Dekans in Tartu zu verdanken, dass dieses dicke Problembündel Schritt für Schritt immer etwas weiter aufgeschnürt werden konnte. So halfen sehr schnell die Nordelbische Kirche, Schweden und Finnland etwa einige Monate oder über mehrere Semester mit akademischen Lehrern aus und spendeten in Einzelfällen  finanzielle Hilfen. Auch konnten z.B. Lehrbücher in sehr begrenzter Zahl angeschafft werden. Der Dekan erhielt hier und da Reisekosten für  Kontaktaufnahmen im Ausland. Auf diese Weise lernte ich selbst 1992 auf der Baltischen Theologenkonferenz in Kopenhagen Herrn Kollegen Kasemaa kennen. Er bat mich eindringlich, ihm im Fach Neues Testament auszuhelfen oder zumindest einen anderen Kollegen dazu zu motivieren. Ich entsprach dieser Bitte, indem ich im SS 1993 in Tartu die Lehre in meinem Fach übernahm. In dieser Zeit machte ich mir nicht nur ein Bild von den Tartuer Verhältnissen, sondern konnte ebenso vor Ort diskutieren, wie der Fakultät nicht nur sporadisch, sondern nachhaltiger und planungssicherer geholfen werden konnte. Daraus entstand letztendlich ein Antrag an die Volkswagen-Stiftung, dessen inhaltliche Fassung bei einem Besuch des Kollegen Kasemaa in Kiel 1994 in seiner endgültigen Substanz festgelegt wurde. Die Volkswagen-Stiftung bewilligte den von mir gestellten Antrag zur Freude aller auf Heller und Pfennig im Frühjahr 1995 für einen Zeitraum von vier Jahren. Auch ein später eingereichter einjähriger Verlängerungsantrag fand offene Ohren, so dass insgesamt für die Zeit von 1995 bis Frühjahr 2000 knapp 400.000 DM mit entsprechenden Zweckbindungen zur Verfügung standen. Das war für die Esten eine enorme Summe, wenn man an den damaligen Umrechnungskurs von 1:8 und das zunächst niedrige Preisniveau in Estland denkt. Gewiss, die Fachliteratur und die Reisekosten aus Deutschland (Esten bekamen bei der Estonian Airline ermäßigte Preise) mussten in DM bezahlt werden. Aber bei den damals noch niedrigen estnischen Gehältern konnte man mit dem Geld viel anfangen.

Überschaut man Durchführung und Ertrag der Förderung nach diesen fünf Jahren, kann man, auf wenige Aspekte beschränkt, festhalten:

Der Lehrkörper hat durch geförderte Auslandsaufenthalte und den Erwerb akademischer Grade mit großer Dynamik seine Qualifikationen zügig verbessern können. Neben längeren Aufenthalten einzelner Personen aus dem Lehrkörper u.a. in Amsterdam, Göttingen, Münster und Freiburg und verschiedenen Kongressbesuchen hat sich speziell in Kiel während des Förderzeitraums fast jedes Semester ein Mitglied des Lehrkörpers eingefunden. Das gelang, weil der Zuschnitt der Semester in Deutschland und Estland asynchron verläuft. Man nutzte die estnische vorlesungsfreie Zeit und wenige Wochen des estnischen Semesters für eine solche Reise und holte die ausgefallenen Wochenstunden nach Rückkehr durch ein erhöhtes Lehrangebot nach. Auch das Gastdozentenprogramm der Volkswagen-Stiftung konnte in solchen Fällen koordinierte Aushilfe bieten. Ohne solche Kompensationen wurde kein Reiseantrag bewilligt, denn die Lehre in Tartu sollte in keinem Fall ausgedünnt werden. Ziel war es umgekehrt, sie stärker auszubauen.

Von den Geldern für Magisterstudierende und Doktoranden wurde konzentriert vor allem in der zweiten Hälfte der Förderungszeit Gebrauch gemacht. Vergeben wurden jeweils zwei Stipendien parallel. Dabei wurden (wiederum bei freier Auswahl der Universität) insgesamt drei Personen in Kiel betreut. Da diese Personen schon fast alle mit kleinem Deputat im Lehrbetrieb eingesetzt waren, mussten auch in diesen Fällen die durch Abwesenheit ausfallenden Lehrstunden durch Vertretung kompensiert werden. Dies konnte in der Regel innerestnisch erfolgen.

Außerdem hat unser Kieler Bibliothekar, Herr R. Langfeldt, eine Sekretärin aus Tartu in die elektronische Katalogisierung einer Bibliothek eingearbeitet -  mit großem Erfolg. Sie hat danach in Tartu die Katalogisierung der Bibliothek übernommen, so dass die Theologische Fakultät am Ende des Förderzeitraums (auch mit Hilfe der Tartuer Universitätsbibliothek und studentischen Hilfskräften aus der Fakultät) eine gut organisierte und über EDV benutzbare Bibliothek besaß. Um diesen Stand der Organisation wurde die Theologische Fakultät innerhalb der Tartuer Universität damals von manchen Instituten sogar beneidet.

Schon bevor ich nach Tartu kam, hatte die Theologische Fakultät sich aufgrund ihrer traditionsreichen Verbindung nach Deutschland und der einst allgemeinen Verbreitung der deutschen Sprache im Baltikum entschieden, für alle Studienanfänger einen zweisemestrigen Deutschkursus verbindlich zu machen, denn mit der russischen Okkupation war das Fach Deutsch an Gymnasien durch Russisch ersetzt worden. Die neu Immatrikulierten besaßen also  selten und nur aufgrund ihrer familiären Sozialisation Deutschkenntnisse. Wenige Jahre später hat die Fakultät diesen Beschluss dahingehend modifiziert, dass man zwischen Deutsch- oder Englischkursen wählen konnte. Die Pflege der deutschen Sprache an der Fakultät lag in der Hand der examinierten Germanistin S. Rutiku, die in ihrem Fach promovieren wollte, was ihr im Förderzeitraum mit großem Erfolg auch gelang. Sie war nicht nur in der deutschen Sprache wie in einer zweiten Muttersprache zuhause, sondern erwies sich auch als ungemein einsatzfreudig. So erstellte sie z.B., gefördert durch die Volkwagen-Stiftung, ein deutsch-estnisches Glossar für theologische Fachausdrücke, was allen Studierenden half, einen leichteren Zugang zu deutschsprachiger Literatur zu finden. Sie war außerdem bereit, soweit es ihre Zeit zuließ, bei Gastvorlesungen in Deutsch gegen ein eher bescheidenes Entgelt zu dolmetschen, dann nach mehrwöchiger Eingewöhnung der Zuhörer an die Sprache des Dozenten nur noch Zusammenfassungen zu geben und etwa bei Nachfragen zu intervenieren. Sie ermutigte auch  Studierende, die ihre Deutschprüfung mit gutem Prädikat bestanden hatten, ihr beim Übersetzen zu helfen. Endlich war sie meine zuverlässige Vertrauensperson in Tartu für die Verwaltung der Mittel der Volkswagen-Stiftung. Da ich selbst nur ein- bis zweimal im Jahr nach Tartu flog, hat sie einen hohen Anteil am Gelingen der Förderung vor Ort.

Die Einwerbung und Auswahl der Gastdozenten für Tartu konnte ich gut von Kiel aus in die Hand nehmen. So gelang es, im Förderzeitraum und im Rahmen des Förderprogramms vierzehn Kollegen, davon zwei zweimal, für ein halbes oder ein ganzes Semester zur Lehrunterstützung nach Tartu zu schicken. In der Mehrzahl waren es Kollegen im Ruhestand. Auch die Anschaffungen für die theologische Bibliothek besorgte ich von Kiel aus: Fünfmal gingen zwischen 10 und 20 Speditionskisten mit Fachliteratur als Containerbeifracht nach Tallinn und von dort per Laster nach Tartu. Viele Verlage, die ich kontaktierte, haben einen Teil der erbetenen Bücher gespendet. Da mir auch aus Nachlässen von Pastoren Bücher umsonst angeboten wurden, erhielt Tartu dem Wert nach nahezu doppelt so viel Literatur, wie ich einkaufte.

Ein besonderer Höhepunkt im Förderungszeitraum war das Symposium vom 13.9–19.9.1997 in Tartu. Es war fachlich von meinem Kieler Kollegen R. Staats vorbereitet worden und stand unter dem Thema: „Estland, Livland und westeuropäisches Christentum“. Elf Kieler Professoren und Studenten, ergänzt durch einen englischen Kollegen und einen deutschen Estlandfachmann, fuhren nach Tartu. Die finanziellen Mittel kamen von der Volkswagen-Stiftung und zum Teil vom Kieler Akademischen Auslandsamt. Die Veranstaltung hatte zwei Teile: Zum wissenschaftlichen Austausch steuerten jeweils vier Vorträge die Kieler Delegation und die Esten bei, und alle diskutierten dann über das Thema ausführlich. Anschließend gab es eine gemeinsame Rundfahrt durchs Land, um die gegenwärtigen kirchlichen Verhältnisse kennen zu lernen. Die auf diesem Symposium geknüpften Bekanntschaften überdauerten die Tagung noch lange. Die Vorträge wurden in einem Symposiumsband veröffentlicht.

Jürgen Becker

(Kiel, Prof. em. Dr. theol. Dr. theol. h.c.)