3. Mitarbeit an der Beantragung des Graduiertenkolleges "Transzendenzerfahrung"

An der Christian-Albrechts-Universität Kiel soll in Kooperation mehrerer Fachgebiete ein Graduiertenzentrum eingerichtet werden, welches sich mit verschiedenen kulturellen Phänomenen beschäftigt, für die Transzendenzerfahrungen von konstitutiver Bedeutung sind (z. B. Visionen bzw. Vorstellungen von Himmelsreisen in verschiedenen Religionen, meditative Extase-Erfahrungen, sogenannte Nah-Todes-Erfahrungen etc.). In diesem Zusammenhang habe ich die Verantwortung für die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit entsprechenden gnostischen Traditionen übernommen.

Oftmals wurde bereits konstatiert, dass diejenige Phänomene der Religionsgeschichte, die unter dem Begriff Gnosis bzw. Gnostizismus subsummiert werden, als eine Weltreligion verstanden werden können. Als eine verborgene Weltreligion kann man sie verstehen, insofern nur einzelne Traditionsbildungen sich als eigenständige Größen etabliert haben, die sich terminologisch und religionssoziologisch von ihrer Umwelt unterscheiden (insbesondere der Manichäismus und der Mandäismus). Viele religiöse Strömungen, die dem Bereich der Gnosis zugerechnet werden, können hingegen auch als Untergruppen größerer Religionsgemeinschaften verstanden werden.

Während dies z. B. im Bereich des frühen Christentums für die Schulbildungen der Valentinianer bzw. Sethianer gilt, sind im Kontext der mittelalterlichen Theologiegeschichte die Bewegungen der Bogomilien, Katharer und Albingenser zu nennen. Gleiches gilt für die facettenreiche Entwicklungsgeschichte des Judentums bzw. des Islams, in denen gemeinhin die Strömungen der Kabbala bzw. der Drusen und Alawiten als gnostische bzw. gnosis-nahe Phänomene verstanden werden. Doch obwohl oft verhältnismäßig leichtfertig von einer weltreligiösen Dimension des Phänomens Gnosis g esprochen wird, lässt sich in den themenspezifisch relevanten Forschungsdiskursen ein eigentümliches Desiderat beobachten. In der modernen Gnosis-Forschung existieren nebeneinander verschiedene Projekte mit speziellen Schwerpunktsetzungen (exemplarisch sei verwiesen auf die Editionsprojekte zu den Nag-Hammadi-Kodizes, den Medinet-Madi-Kodizes, den Turfan-Funden  und  den  Texten  bzw.  Artefakten,  die  in  der  nahe  Ismant  el Kharab [dem antiken Kellis] gelegenen Dakhleh -Oase gefunden wurden).

Weniger Aufmerksamkeit wird hingegen der Frage gewidmet, in welchem religionsgeschichtlichen und literarischen Verhältnis diese Zeugnisse der gnostischen Religionsgeschichte zueinander stehen und in welcher Weise sie die Geschichte religiöser Identitätsbildungsprozesse präziser verstehen lassen. Darüber hinaus gilt es wertvolle Arbeitsfelder der Gnosisforschung neu zu erschließen, die in der bisherigen Forschung kaum bzw. überhaupt nicht thematisiert wurden (z. B. Referate muslimischer Gelehrter über gnostische Gruppierungen in arabischen bzw. türkischen Regionen, Randgruppierungen  des  Islams  bzw.  des  Judentums  wie  z.B. die  Alawiten  bzw. Nusairier,   Drusen,   die   Kabbala   etc.).  

Einen   Sonderfall   der   Gnosis - Forschung bildet demgegenüber der Mandäismus, der als einzige bereits in bder Antike existente gnostische Gruppierung bis heute existiert und deren Anhänger inzwischen um eine wissenschaftliche Aufarbeitung ihrer eigenen historischen Genese bemüht sind. Neben den erwähnten Phänomenen der gnostischen Religionsgeschichte existieren auch verschiedene neuzeitliche Revitalisierungen gnostischen Denkens in Gestalt spezieller Gruppierungen und Lehrbildungen (z. B. die Rosenkreuzer, verschiedenen Formen einer Ekklesia Gnostica, spezielle satanistische bzw. anthroposophische Strömungen, Schulstifter wie Rudolf Steiner bzw. Samael Aun Weor etc.).

Zudem avancierten gnostische Konzeptionen und Weltbilder zunehmend zu Gegenständen philosophischer bzw. soziologischer Abhandlungen (u. a. bei F. W. Schelling, G. W. Hegel, F. Baader, H. Jonas, P. Sloterdijk, P. Koslowski, Eric Vögelin etc.) und erfuhren auch literarische bzw. artifizieller Adaptionen (literarische Werke wie u. a. von T. Bernhardt, L. Hirsch, Filme wie ,Matrix‘, ,Stigmata‘ etc.).

Dass diese sehr heterogenen Bereiche gnostischer Traditionsbildungen bisher kaum in Bezug auf ihre historisch-genetischen bzw. inhaltlich-sachlichen Zusammenhänge analysiert wurden, liegt v. a. darin begründet, dass die für ihre Erforschung notwendigen Expertisen in zuweilen völlig unterschiedlichen Bereichen universitärer Forschung angesiedelt sind (z. B.  in  den  Bereichen  der  Neutestamentlichen  Exegese,  Patristik, Koptologie, Archäologie, Religionswissenschaft, Kulturwissenschaft, Asienwissenschaft, Semitistik, Sinologie, Turkologie, Philosophie, Soziologie etc.).

In dieser Hinsicht kann ein Graduiertenkolleg einen institutionellen Rahmen bieten, in welchem diese unterschiedlichen Expertisen sich inter-disziplinär der Erforschung der gnostischen Religionsgeschichte widmen können.