Professionswissen in geisteswissenschaftlichen Lehramtsstudiengängen

Ziel des Projektes ist es, auf der Grundlage der nationalen Bildungsstandards für die Lehrerinnen- und Lehrerbildung sowie durch die gründliche Analyse der an ausgewählten Universitäten im Rahmen der Lehramtsstudiengänge der Fächer Deutsch, Ev. Theologie und Romanistik angebotenen fachwissenschaftlichen und fachdidaktischen Veranstaltungen jenes Wissen zu identifizieren und empirisch zu überprüfen, das in der universitären Ausbildung der Lehrkräfte vermittelt wird (Ist-Zustand) und werden sollte (Soll-Zustand). Für das Projekt wird vom Präsidium der CAU Kiel für drei Jahre die Stelle einer wissenschaftlichen Mitarbeiterin (50%) finanziert, die mit Kerstin Erhart besetzt ist. 

 

Professionelles Wissen von Lehrkräften, das heißt nach Baumert/Kunter(1) , ihr fachliches, fachdidaktisches und pädagogisches Wissen, stellt einen Kernbereich professioneller Kompetenz von Lehrkräften dar. In verschiedenen Studien konnte nachgewiesen werden, dass das professionelle Wissen von Lehrkräften eine entscheidende Rolle für die Qualität des Unterrichts und für den Lernerfolg von Schülerinnen und Schülern spielt. Es ist daher weitgehend Konsens, dass die Entwicklung professionellen Wissens ein zentrales Ziel der Bildung von Lehrkräften darstellt. Doch worin genau der Soll-Zustand in Bezug auf das Professionswissen vor allem in geisteswissenschaftlichen Fächern besteht, ist nicht eindeutig. Ebenso wenig hat man bisher einen Überblick über den Ist-Zustand erarbeitet, d.h. darüber,  über welches Wissen die Studierenden am Ende ihres Studiums, tatsächlich verfügen und wie bzw. durch welche Lerngelegenheiten dieses Wissen erworben wird. Ein Grund für dieses Forschungsdesiderat ist ein Mangel an geeigneten Testverfahren zur Erfassung des Professionswissens.

Messinstrumente für Lehramtsstudiengänge Germanistik, Ev. Theologie und Romanistik, die den Gütekriterien der empirischen Bildungsforschung ebenso gerecht werden wie den Besonderheiten geisteswissenschaftlichen Wissens und Könnens sowie dessen Vermittlung, sind bisher der Wissenschaft nicht zugänglich und werden momentan im Rahmen des ZeBiG-Projektes jeweils für ausgewählte Teilbereiche der genannten geisteswissenschaftlichen Fächer entwickelt.

Für das Fach Ev. Theologie ist die Erforschung von Professionswissen von Studierenden weitgehendes Neuland. Empirische Forschung in der Religionspädagogik verfolgte bisher mehrheitlich das Interesse, subjektive Überzeugungen und Glaubenszusammenhänge abzubilden. In der Matrix  von Baumert/Kunter entspricht dies am ehesten der Dimension der „beliefs“.(2)  Die religionspädagogische Zurückhaltung gegenüber der empirischen Beschäftigung mit dem Bereich des Professionswissens dürfte im Gegenstand des Faches „Religion“ wurzeln. Auch wenn seit den 1960er Jahren religionspädagogisch weitgehend Einigkeit besteht, dass im schulischen Religionsunterricht nicht Glauben vermittelt, sondern Religion reflektiert wird, sperrt sich der Gegenstand noch evidenter als in anderen geisteswissenschaftlichen Fächern gegen eine vollständige Operationalisierung.  Dies wird durch die neueren mit dem Stichwort „performativ“ beschriebenen Tendenzen, religiöse Erfahrung nicht aus dem schulischen Bereich auszuklammern, sondern im Sinne eines „Probehandelns“ als Voraussetzung der Reflexion zu eröffnen, eher noch verstärkt. Im Fach Religion spielt zudem die Person der Lehrkraft und ihre individuelle Haltung gegenüber den Gegenständen eine besonders wichtige Rolle.

Der Ansatz beim Professionswissen von Lehramtsstudierenden bildet daher eine besondere Herausforderung für das Fach. Durchgehend muss mitreflektiert werden, dass das Professionswissen nur einen Bereich der professionellen Kompetenz Lehrkraft bildet, die nicht allein für die Qualität des Unterrichts verantwortlich ist. Dies sollte jedoch nicht dazu führen, die Rolle des Professionswissens zu ignorieren oder sich der Qualitätsdiskussion mit dem Hinweis auf die nicht messbaren Dimensionen zu entziehen. Insofern erscheint dieser Zugang wiederum auch besonders reizvoll für das Fach Religion, weil auf diesem Wege die  Frage der Bedeutung des Professionswissen und die Reflexion von messbaren und nicht messbaren Faktoren der Unterrichtsqualität thematisiert und bearbeitet werden können.

Um im Rahmen des Projektes valide Ergebnisse zu erzielen, erscheint es sinnvoll, sich nicht allen Bereichen gleichermaßen oberflächlich zu widmen, sondern sich auf einen Bereich zu konzentrieren. Hierfür bietet sich der Bereich der Religionspädagogik an, der anders als die anderen Bereiche dezidiert fachwissenschaftliche und fachdidaktische Bestände vereint.  Auf der Grundlage der Wahrnehmung der Bildungsstandards der KMK, der Analyse Studienpläne und Modulhandbücher ausgewählter Fakultäten in Deutschland sowie einschlägiger religionspädagogischer Lehrbücher werden folgende Themen des Bereiches Religionspädagogik bearbeitet: Der Bildungs- u. Erziehungsauftrag des RU im Rahmen allg. Bildung, religiöse Entwicklung und Sozialisation im Kindes- u. Jugendalter, religionspädagogische Schlüsselfragen und Leitbegriffe, didaktische Prinzipien und Ansätze, der Rechtsrahmen des RU, die Situation des RU, Schulform-/Schulstufenbezogene Didaktik, konfessionelle Kooperation, Interreligiöses Lernen, Theorie religiöses Lernen im Kontext Schule/Gesellschaft/Kirche, Spuren/Ausdrucksformen Christentum in Gegenwartskultur, Spuren/Ausdrucksformen Christentum in gesellschaftlichen Traditionen/Strukturen, Didaktik des RU in der Oberstufe, religiöser Pluralismus/ Atheismus/ Agnostizismus als didaktische Herausforderungen.

 

 

 (1)  Kunter, M./Baumert, J. et al.: Professionelle Kompetenz von Lehrkräften. Ergebnisse des Forschungsprogramms COACTIV, Münster 2011.
 (2)  Baumert, J./Kunter, M., Professionelle Kompetenz von Lehrkräften, in: Zeitschrift für Erziehungswissenschaft 9 (2006), 496f.